»Dein Freund? Ernste Geschichte?«, fragt er mit einem Ausdruck im Gesicht, als würde er in eine Zitrone beißen. Ich zögere nur eine Sekunde, ehe ich antworte. Er gefällt mir, leider. Doch in meinem Umfeld ist kein Platz für andere, erst recht nicht für Polizisten. Egal wie attraktiv und lustig er ist oder was für breite Schultern er hat – und mal vollkommen davon abgesehen, dass diese mich quasi einladen, mich in seine muskulösen Arme zu werfen, um mich vor der Welt zu verstecken. Ich bin einfach schon zu lange alleine, das hat mich einen Moment weich werden lassen.
»Findest du deine Frage nicht sehr dreist? Aber ja. Wir sind seit Ewigkeiten zusammen.« Ich versuche, entschuldigend zu lächeln, zucke dabei mit den Achseln. Los, nun hör auf, zu bohren, bitte ich still! Geh einfach!
Er fährt sich durch das dunkelbraune Haar, es bleibt in allen Richtungen stehen, was ihm etwas Jungenhaftes verleiht. Zu gern würde ich die Distanz überwinden und … Stopp! Jetzt gehen meine Gedanken zu weit. Er hat Charisma und eine so charmante Art an sich, dass es mich noch trauriger macht, ihn verletzen zu müssen. Und sein Körper ist wahrhaftig … Wow! Ich muss ihn einfach nochmal mustern. Er ist groß und schlank, nicht mager, eher außerordentlich gut gebaut. Unter seinem engen Laufshirt zeichnen sich stattliche Muskeln ab, die mich weich werden lassen … Und sein Bizeps … Oh ja. Sein Haar reicht ihm knapp über die Ohren, ist vollkommen verwuschelt. Die leicht gebräunte Haut verrät mir, dass er viel Zeit in der freien Natur verbringt. Aber was meinem Herz einen Hüpfer versetzt, sind seine Augen. Dieses tiefe Grün, wunderschön. Es erinnert mich an die Wälder in meiner Heimat. Dazu sein schiefes Lächeln. Selbst die kleine Narbe an der linken Augenbraue passt perfekt zu ihm. Was sie wohl für eine Geschichte erzählen würde? Er wirkt eher wie ein Badboy und nicht wie ein Gesetzeshüter. So kann man sich täuschen und für jemanden wie mich, der solange keinen Kontakt zu männlichen Wesen gehabt hat, ist er ein wahrer Leckerbissen.
»Das heißt, dass du nichts mit mir trinken willst?« Hoffnung blitzt in seinen Augen auf.
»Genau, das heißt es. Mein Freund findet so etwas nicht witzig.« Eigentlich ist seine Frage ziemlich unverschämt, wäre ich wirklich vergeben, aber das verzeihe ich ihm. Immerhin bin ich auf den Flirt zuvor eingegangen. Hätte ich tatsächlich einen Freund, würde das kein gutes Licht auf mich werfen.
»Wieso lässt er dich so ganz alleine an den Strand gehen? Ich würde jede Minute mit meiner Freundin nutzen, wenn ich mit ihr im Urlaub bin.«
»Wir wohnen hier«, rutscht es mir heraus und ich trete von ihm weg.
Sein Gesicht entgleist. »Du lebst hier? Seit wann? Wo?«
Ich Idiotin. Jetzt habe ich seine Neugierde erneut geweckt. Wie blöd kann man denn sein? »Ähm, ich muss los.« Mir fällt nichts Besseres ein, als mich umzudrehen und den Strand entlang zu joggen. Nur weit weg von diesen grünen Augen und seinem intensiven Blick.
»Hey, ich weiß nicht mal deinen Namen«, ruft er, doch ich werde gerettet, denn zwei Mädchen kommen auf mich zu und winken ihm.
»Nick. Hey«, grüßt eine von ihnen – eine kurvige Brünette. Sie strahlt ihn mit einem Hundert-Watt-Lächeln an, streckt die Brust raus, marschiert dann entschlossen über den Sand, ihrem Opfer entgegen. Es ist mehr als deutlich, was sie von ihm will. Ich beiße mir auf die Lippe, schaue nicht zurück. Es ist besser so. Vermutlich ist er ohnehin der letzte Schürzenjäger, so wie er sich gibt. Ein Hauch von Eifersucht wallt in mir auf, ob ich will oder nicht.
Den restlichen Tag verkrieche ich mich im Garten, lege ein Hochbeet für Gemüse an, um etwas zu tun zu haben und mich irgendwann selbst versorgen zu können. Umso seltener muss ich unter Menschen und hinunter in den kleinen Laden gehen. Außerdem ist es befriedigend, sein eigenes Gemüse anzubauen und zu ernten. Leider muss ich dabei immer wieder an die grünen Augen denken, was mich schrecklich nervt. Bin ich wirklich so leicht zu beeindrucken? Als hätte ich keine anderen Sorgen als einen Typen. Polizist, erinnere ich mich sicherheitshalber noch einmal. Ich bin eine Idiotin. Vor allem, da dieser Typ zu einhundert Prozent jedem weiblichen Wesen auf der Insel nachjagt. Typen, die so aussehen wie er und sich so benehmen, sind Frauenhelden, das kenne ich noch aus meiner Schulzeit. Und dazu ist er ein Cop, das ist der wichtigste Punkt. Tabu, tabu und tabu. Dreimal tabu. »Hör auf, überhaupt an ihn zu denken«, knurre ich mich selbst an. Storm hebt den Kopf und schaut mich verwundert an. Vermutlich glaubt er, dass ich den Verstand verliere. Vielleicht hat er auch recht damit, wenn ich Selbstgespräche führe. Aber mit wem soll ich denn sonst reden? Ich kann ja wohl kaum jemanden anrufen.
Ich putze mir die Hände an der Hose ab, stecke mir die Stöpsel meines MP3 Players in die Ohren, um mich mit Musik abzulenken. Das beruhigt mich. Es lenkt mich ab und sorgt dafür, dass meine Stimmung sich hebt. Weiß Gott, das habe ich heute nötig. Ich muss diesen Typen aus meinem Kopf verbannen. All diese Sehnsucht liegt nur an meiner Einsamkeit, ganz sicher, nicht an diesen grünen Augen. Dadurch, dass ich jetzt hier ein Zuhause habe, weckt dies andere Wünsche in mir. Früher bin ich ein geselliger Familienmensch gewesen. Früher … Heute bevorzuge ich das Alleinsein. Wann habe ich das letzte Mal mit einem anderen Menschen so richtig herzhaft gelacht? Ich kann mich nicht erinnern. Dieses Wissen schmerzt mich und ich drehe die Musik lauter.
Leise summe ich eines meiner Lieblingslieder mit, verliere mich in der Musik, wie ich es geplant habe. Es tut so gut. Die grünen Augen wandern tiefer in meine Gedanken, bereit, mich später erneut zu triezen, während ich mich im Augenblick vollkommen der Arbeit hingebe. Es ist ein wunderbares Gefühl, etwas Sinnvolles zustande zu bringen. Und es fühlt sich gut an, mir etwas Eigenes aufzubauen, etwas, von dem ich lange zerren kann. Ich erschaffe etwas. Es sorgt noch mehr dafür, dass ich mich heimisch fühle, auch wenn unter meinem Bett eine Notfalltasche mit meinem Geld und dem gefälschten Pass liegt. Startklar, direkt aufzubrechen. Nur so habe ich lange überleben können. Einmal ist es knapp gewesen, da bin ich mir sicher, dass er mich anfangs beinahe erwischt hätte, als ich unvorsichtigerweise zu nahe an meinem Zuhause geblieben bin.
Ja, hier ist mein neues Zuhause, doch ich bleibe vorsichtig. Denn ich darf nicht vergessen, dies ist nur eine vorübergehende Station auf meinem Weg, der niemals enden wird. Für immer werde ich hier nicht sicher sein. So naiv, das zu denken, bin ich nicht. Nein, ich bin realistisch, aber eine Weile kann es klappen. Deswegen darf und will ich niemanden kennenlernen oder mich gar mit Menschen von hier anfreunden. So kann ich meine Zeit auf ein Maximum ausdehnen. Wenig Kontakte bedeutet immerhin weniger Menschen, die Fragen stellen.
Die Sonne brennt auf meinen Kopf, Schweiß rinnt mir den Rücken