Der neue Landdoktor Paket 1 – Arztroman. Tessa Hofreiter. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Tessa Hofreiter
Издательство: Bookwire
Серия: Der neue Landdoktor
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9783740980672
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ließ sofort nach, als Kerstin die Kälte spürte. »Es wird schon besser«, stellte sie erleichtert fest.

      »Der Fuß muss aber trotzdem genauer untersucht werden, um eine sichere Diagnose zu bekommen.«

      »Sie meinen, ich soll in ein Krankenhaus?« Das konnte er ihr nicht antun. Sie wollte nicht in ein Krankenhaus, nicht heute.

      »Es wäre das Beste.« Ich weiß, du hast Angst, dachte Sebastian, als Kerstin ihn mit ihren großen dunklen Augen entsetzt ansah, aber gerade in ihrem Zustand musste jede Verletzung sofort abgeklärt werden. Experimente konnte sie sich nicht leisten.

      »Ich fahre dich, Kerstin«, erklärte Matthias, der sie noch immer festhielt.

      »Aber du musst dich um die Mädchen kümmern.«

      »Keine Sorge, das übernehme ich«, versicherte ihr Anna.

      »Ich bin doch auch da«, schloss sich Heinz an.

      »Wir werden dir ganz bestimmt keinen Ärger machen, wir sind doch schon groß.« Lizzy betrachtete ihre Trainerin voller Mitgefühl und spielte mit den Spitzen ihres blonden Haars, das sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte.

      »Du hast es gehört, du musst dir keine Gedanken machen.« Matthias zögerte nicht länger. Er nahm Kerstin einfach auf seine Arme, trug sie durch das Vereinshaus zu seinem Wagen, der vor der Tür zur Straße parkte, und half ihr auf den Beifahrersitz.

      »Würdest du mir bitte noch meine Handtasche aus der Kabine holen?«, bat Kerstin ihn.

      »Sicher, ich bin gleich wieder da.« Matthias warf das leichte Jackett, das er zu Jeans und dunkelrotem T-Shirt trug, auf den Rücksitz des Volvos und eilte ins Vereinshaus.

      »Ich schreibe Ihnen eine Überweisung und bitte auch um ein großes Blutbild mit dem Hinweis auf unseren Verdacht«, sagte Sebastian, der Kerstin und Matthias zum Auto begleitet hatte.

      »Sie werden mich dann nicht mehr gehen lassen«, entgegnete Kerstin und kämpfte mit den Tränen.

      »Niemand wird Sie gegen Ihren Willen festhalten, aber Sie sollten mit Doktor Sander sprechen. Er hat eine Zeit lang in den USA gearbeitet und hat viel Erfahrung.«

      »In was? Wie man einen Fuß röntgt? Warum sprichst du nicht weiter?«, fragte Matthias, der in diesem Moment zurückkam und Kerstin ihre cognacfarbene Umhängetasche in den Schoss legte. »Um was geht es hier wirklich?« Er konnte sich vorstellen, dass Kerstin Schmerzen hatte, aber diese Tränen, die ihr über die Wangen liefen, hatten nichts mit ihrem Unfall auf dem Spielfeld zu tun, da war er absolut sicher. Kerstin kannte diese typischen Sportverletzungen, sie würde darauf nicht derart verzweifelt reagieren.

      »Es ist Ihre Entscheidung«, sagte Sebastian, als Kerstin ihn verunsichert anschaute.

      »Kerstin, bitte, was ist los?«, fragte Matthias.

      »Matthias, ich habe Leukämie«, sagte sie und senkte den Blick. Es war Zeit, dass er die Wahrheit erfuhr.

      »Du wirst dagegen kämpfen, hörst du.« Matthias ging neben ihr in die Hocke, umfasste ihre Hände, zog sie an seinen Mund und küsste sie zärtlich. »Du wirst dich nicht ergeben.«

      »Vielleicht muss ich es dieses Mal aber tun.«

      »Was heißt dieses Mal?«

      »Fahren wir, ich erzähle es dir unterwegs«, sagte sie, als Sebastian ihr die Überweisung für das Krankenhaus reichte.

      »Ich werde Doktor Sander anrufen, einverstanden?«

      »Ich kann ja mal mit ihm reden«, willigte Kerstin in Sebastians Vorschlag ein. »Sagen Sie den Mädchen aber bitte erst einmal nichts davon. Ich möchte ihnen die Abschiedsparty nicht verderben.«

      »In Ordnung, wir bleiben in Verbindung«, sagte Sebastian.

      »Weiß er es?«, fragte Anna, die die Mädchen in die Umkleidekabinen geschickt hatte und aus dem Vereinshaus kam, als der Volvo mit Matthias am Steuer losfuhr.

      »Sie hat es ihm gesagt. Ich werde jetzt nach Hause fahren und mit Moritz telefonieren. Soweit ich weiß, hat er heute Dienst, und ich möchte, dass er sich persönlich um Kerstin kümmert.«

      »Danke, Sebastian.« Moritz Sander gehörte zu Sebastians Freundeskreis, und Anna war ihm schon einige Male bei den Seefelds begegnet. Wenn Sebastian ihm vertraute, dann sollte Kerstin das auch tun.

      »Ich komme danach zur Jugendherberge«, sagte Sebastian und streifte die schöne junge Frau in dem dunkelroten Kleid mit seinem Blick, bevor er zu seinem Wagen ging, der auf dem Parkstreifen vor dem Vereinshaus stand.

      *

      Matthias ließ sich von Kerstin nicht nach Hause schicken. Sooft sie ihm auch in den letzten Stunden erklärt hatte, dass er ruhig gehen könnte, er war geblieben, und er würde nicht von ihrer Seite weichen, bis sie mit Doktor Sander gesprochen hatte. Sie saßen nun schon eine ganze Weile auf dem Sofa im Vorzimmer von Doktor Sander, einem gemütlichen hellen Raum im obersten Stockwerk der Klinik. Eine Krankenschwester hatte ihnen Kaffee gebracht und sie um ein wenig Geduld gebeten, da Doktor Sander noch im Haus unterwegs sei. Nachdem sie zuvor zwei Stunden in dem überfüllten Wartesaal der Notaufnahme verbracht hatten, war dieses Vorzimmer eine Oase der Erholung.

      Inzwischen konnte Kerstin auch schon wieder vorsichtig mit ihrem Fuß auftreten. Das Röntgenbild hatte Sebastians Verdacht bestätigt. Sie hatte sich eine leichte Bänderdehnung zugezogen und sollte den Fuß eine Zeit lang schonen.

      »Ich würde am liebsten weglaufen, Matthias.« Sie schaute aus dem Fenster und betrachtete die Berge, die in den makellos blauen Himmel ragten. »Aber weit würde ich ohnehin nicht mehr kommen. Es ist vorbei, es ist sinnlos, noch irgendetwas zu planen«, flüsterte sie, und wieder liefen ihr die Tränen über das Gesicht.

      »Gar nichts ist vorbei.« Matthias legte den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. »Wir schaffen das«, sagte er.

      Nein, nicht wir, dachte sie, das will ich doch gerade nicht. Sie würde seine Träume nicht zerstören, sie musste ihn dazu bringen, dass er sie allein ließ. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sich die Tür des Arztzimmers öffnete. Für einen kurzen Moment keimte wieder Hoffnung in ihr auf, vielleicht stand es gar nicht so schlimm um sie, vielleicht war es nur ein kleiner Rückfall, nichts Bedeutendes, etwas, was sich mit Medikamenten leicht wieder in Ordnung bringen ließ.

      »Frau Richter?«, fragte der junge Mann in der weißen Hose und dem weißen Poloshirt, der gleich darauf das Vorzimmer betrat.

      »Ja, ich bin Kerstin Richter«, antwortete sie.

      »Moritz Sander«, stellte er sich vor und reichte ihr die Hand.

      Moritz war eine attraktive Erscheinung, groß, schlank, blondes Haar, dunkelblaue Augen, und er besaß die gleiche Gabe wie Sebastian Seefeld – er konnte mit einem einzigen Lächeln sein Gegenüber für sich gewinnen. Noch ehe Kerstin mit ihm gesprochen hatte, fasste sie schon Vertrauen zu ihm.

      »Matthias Bremer«, stellte Matthias sich dem jungen Arzt vor, der auch ihm die Hand reichte.

      »Ich habe schon von Ihnen gehört, Herr Bremer. Emilia meinte neulich, dass Sie sich mit Ihrem ehemaligen Trainer in Toronto durchaus messen können.«

      »Ich nehme das als Kompliment.«

      »So war es gedacht«, entgegnete Moritz Sander freundlich.

      »Haben Sie schon das Ergebnis meiner Blutentnahme?« Kerstin hatte ihren ganzen Mut zusammengenommen. Sie wollte jetzt die Wahrheit wissen.

      »Gehen wir in mein Sprechzimmer«, sagte Moritz.

      »Nicht nötig, sagen Sie mir einfach, wie es aussieht.« Matthias sollte hören, was Doktor Sander ihr zu sagen hatte.

      »Also gut.« Moritz setzte sich auf den Sessel gegenüber dem Sofa, schob den runden Buchenholztisch ein wenig zur Seite und schlug die Beine übereinander. »Es tut mir leid, Frau Richter, aber Ihre Vermutung hat sich bestätigt, Sie sind an Leukämie erkrankt«, antwortete er geradeheraus und sah Kerstin dabei