Was ging derweil in Japan vor? Das erste Parlament trat 1891 zusammen. 1894–1895 war Krieg mit China, Formosa wurde 1895 abgetreten. Außerdem: Warren Hastings. Generalgouverneur von Indien, war längst vor Gericht gestanden. Papst Sixtus V, war gekommen und gegangen, Dalmatien war von Tiberius unterjocht, Belisar war von Justinian geblendet. Die Hochzeits- und die Begräbniszeremonien der Wilhelmine Charlotte Karoline von Brandenburg-Ansbach und Georgs II. von England waren feierlich begangen, während jener der Berengeria von Navarra und Richards I. nur noch ungenau gedacht wurde. Diokletian, Karl V. und Victor Amadeus von Sardinien hatten auf ihre Throne verzichtet. Henry James Pye, Poeta Laureatus von England, war daheim bei seinen Vätern. Cassiodor, Quintilian, Juvenal, Lucretius, Martial und Albrecht der Bär hatten das Zeitliche gesegnet. Die Schlachten von Antietam, Smolensk, Drumclog, Inkerman, Marengo. Cawnpore. Killiecrankie, Sluys, Actium, Hohenlinden, Salamis, Lepanto, Tewsbury und Brandywine waren zu Wasser und zu Land geschlagen. Alkämoniden und Lakonier hatten Hippias aus Sparta vertrieben. Simonides, Mänander, Strabo, Moschus und Pindar hatten ihre Rechnung auf Erden abgeschlossen. Die Heiligen Eusebius, Athanasius, Chrysostemus hatten in ihren Himmelsnischen Platz genommen. Menkaura hatte die dritte Pyramide gebaut. Aspalta hatte siegreiche Heere geführt. Die Bermudas, Malta und die Windward Isles waren kolonisiert. Ferner: die spanische Armada war geschlagen. Präsident Abraham Lincoln war ermordet. Die Halifax Fisheries Award hatten für Fischrechte auf zwölf Jahre 5 ½ Millionen Dollar gezahlt. Schließlich waren vor vierzig oder fünfzig Millionen Jahren unsre ältesten Ahnen aus dem Urschleim gekrochen, und da sie zweifelsohne den Wechsel unangenehm empfanden, waren sie wieder in ihn zurückgekehrt.
So war der Stand der Weltgeschichte, als Eugen im Jahre 1900 die Lebensbühne betrat. Gern würden wir einen ausführlichen Bericht geben davon, wie er die Welt in seinen ersten Jahren, sozusagen aus der Perspektive der Wiege und des Fußbodens, erfuhr. Aber diese Eindrücke sind, soweit sie sich überhaupt in Worte fassen lassen, gewissermaßen unterdrückt, weil dem Wesen die Kraft zur Artikulation fehlt, weil Einsamkeit, Kummer, Abschweifung und vollkommene Leere dauernd das Ordnungsbewußtsein überfluten und verschwemmen.
Gewaschen, gepudert und gesättigt, lag er in der Wiege und dachte dunkel über vieles nach, ehe er im Schlaf völliges Vergessen fand. Er erschrak bei der Vorstellung der öden Weite aus Unbehagen, Schwäche, Dumpfheit und tiefstem Mißverständnis, die er überwinden müsse, um zur Freiheit des Körpers zu gelangen. Es wurde ihm peinlich übel, wenn er an den Mangel an Koordination in den Kontrollzentren des Gehirns dachte, an die undisziplinierte Blase, an die Schaustellung der eignen Hilflosigkeit vor den naserümpfenden Geschwistern, wenn seine Windeln gewechselt wurden.
Er lag in Agonie, denn er war sterbensarm an Ausdruckssymbolen. Seine Vernunft war in Netze verstrickt, weil sie nicht mit Worten zu arbeiten verstand. Er hatte nicht einmal Namen für die Sachen, die ihn umgaben. Vermutlich bezeichnete er sie für sich selber in einem Jargon, worin er durch das ihn umdröhnende Sprechen, dem er angestrengt lauschte, bestärkt wurde. Er merkte wohl, daß die erste Flucht ins Gesprochne geht. So schnell er nur konnte, bezeigte er seinen gierigen Hunger für Bild und Schrift. Manchmal brachten sie ihm große Bilderbücher; er gebärdete sich entzückt und jauchzte, um ihnen verständlich zu machen, daß sie das wiederholen möchten.
In wilder Verwunderung fragte er sich, wie sie sich wohl benehmen würden, wenn sie wüßten, was er wirklich von ihnen hielt. Er mußte über sie, über die ganze verrückte Komödie der Irrungen lachen, wenn sie zu seiner Belustigung Tänze aufführten, mit den Köpfen wackelten, ihn kitzelten, um ihn zum Quietschen zu bringen. Es kam ihm blödsinnig und närrisch vor, wenn er da auf dem Boden sitzend merkte, wie ihre Mienen albern, ihre Stimmen kitschig wurden.
Wenn er allein im verdunkelten Zimmer lag und das Sonnenlicht in Bohlen durch die Spaltluken der Fensterläden fiel, überkam ihn klaftertief das Gefühl der Einsamkeit und der Trauer. Er sah sein Leben vor sich wie einen Weg durch düsteren Wald; er wußte, daß er immer einsam sein würde. In diesem kleinen Rundschädel gefangen, in dieses geheimnishafte, pochende Herz gesperrt, würde sein Leben immer einsame Wege gehn. Verloren! Er verstand, daß die Menschen einander fremd sind; daß keiner je um den andern weiß; daß wir aus der Haft der mütterlichen Wamme entlassen werden, ohne der Mutter Angesicht zu kennen; daß wir als Fremdlinge an ihre Brust gelegt werden … daß wir nie aus dem Gefängnis des Wesens ausbrechen können, gleichviel, wessen Arm uns umfängt, wessen Mund uns küßt, wessen Herz uns erwärmt.. Nie, nie, nie, nie, nie.
Er merkte, daß die großen Gestalten, die sich furchterweckend über seine Wiege beugten, die mit lauten Stimmen über ihn hinwegdröhnten, kein besseres Verständnis untereinander aufbrachten, als sie es für ihn bezeigten. Er merkte, daß selbst ihr Sprechen, selbst die fließende Leichtigkeit ihrer Bewegungen nur ärmliche Mittler ihrer Gefühle und Gedanken seien und oft, anstatt Verständnis zu stiften, dazu dienten, Streit, Bitterkeit und Vorurteil zu erzeugen.
Sein Gemüt verdunkelte sich vor Entsetzen. Er merkte, daß er ein hilfloser Fremdling sei, ein amüsanter kleiner Clown, den unheimliche, verständnislose Wesen hätschelten und tätschelten. Er war aus einem Mysterium in ein anderes geraten. Irgendwo, innerhalb oder außerhalb seines Bewußtseins, leise, als wäre sie ins Meer versunken, hörte er eine große Glocke klingen. Und wenn er lauschte, ging das Gespenst der Erinnerung in ihm um, ein paar Augenblicke lang war ihm, als hätte er das Verlorne fast wiedergewonnen.
Manchmal stemmte er sich an den steilen Wänden seiner Wiege hoch und sah schwindligen Blicks auf das Muster des Teppichs hinunter. Die Welt schwamm aus und ein in seinem Bewußtsein wie die Gezeiten des Meers. Kaum hatte er ein scharfes Bild des Ganzen, dann verebbte alles wieder ins Trübe und Schläfrige. Zuweilen versuchte er, das Wahrgenommene wie Stöcke eines Rätsels zusammenzustellen: den tanzenden Feuerschein auf den Messinggriffen, den Schürhaken und das Kakeln und Glucken der Hennen draußen in der fernen verzauberten Welt. Manchmal hörte er morgens den Weckruf der Hähne und war ganz wie ein starker, wacher Erdenbürger. In Wechselwogen von Phantasmen und Fakten vernahm er einen lauten Zauberdonner in Daisys Klavierspiel im Wohnzimmer. Viele Jahre später hörte er dieselbe Musik wieder. Er fragte. Sie sagte ihm, es sei Paderewskis Menuett.
Seine Wiege war ein großer Weidenkorb, mit Matratzen und Kissen gut gepolstert. Als er an Kraft zunahm, konnte er wahre Akrobatenstücke in ihr ausführen: sich fallen lassen, einen Reifen aus seinem Körper machen, sich kerzengrad ausstrecken. Mit Geduld und Anstrengung gelang es ihm, aus der Wiege herauszuklettern. Dann kroch er auf dem gemusterten Teppich herum, angezogen von großen, fröhlichen-bunten Holzklötzen, die durcheinander geworfen auf dem Fußboden herumlagen. Diese Klötze gehörten seinem Bruder Lukas; die Buchstaben des ABC waren darauf ausgeschnitzt.
Er hielt sie mühsam in seinen winzigen Händen und studierte die Sinnzeichen der Rede. Er wußte, daß er hier die Bausteine zum Tempel der Sprache habe. Er gab sich verzweifelt Müh, den Schlüssel zu finden, der Sinn und Ordnung in diese Anarchie brächte. Große Stimmen dröhnten über ihm; mächtige Gestalten hoben ihn in schwindelnde Höhe und setzten ihn wieder ab. Die ins Meer versunkne Glocke erklang.
Der Frühling der Südstaaten hatte sich üppig entfaltet. Die gelockerte schwarze Gartenerde sproß mit zartem Gras, war mit taufeuchten Blumen bedeckt. Die Rinde des Kirschbaums schwitzte Saft in dicken Bernsteinklumpen. Reifende Kirschen hingen dicht im Laub. Da hob Gant ihn eines Tags aus der Wiege, nahm ihn auf die sonnige Veranda mit, trug ihn an den Lilienbeeten vorbei ums Haus zum äußersten Ende des Hintergartens, wo die Erde in trocknen, vom Pflug gefurchten Schollen in der Sonne lag.
Eugen merkte an der Stille, daß es Sonntag war. Vom Drahtzaun her kam der beizende Geruch eines Unkrauts. Jenseits des Zauns malmte Swains Kuh das kühle harte Gras. Von Zeit zu Zeit hob sie den Kopf und sang vor sonntäglichem