Gesammelte Werke: Romane, Erzählungen & Aufsätze. Thomas Wolfe. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Thomas Wolfe
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9788075830562
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trommelte mit seinen großen Fäusten an die Tür. »Miss Eliza! Sind Sie drinnen?« heulte er. Er hatte die Angewohnheit, sie in solchen Augenblicken ironisch als »Miss« anzusprechen.

      »Das hätte ich nicht gedacht …«, fing er mit hochstaplerischer Rhetorik an, »… das hätte ich nicht gedacht, als ich Sie vor achtzehn bittern Jahren das erstemal sah, als Sie mir wie eine Schlange auf dem Bauche kriechend entgegenkamen …« und endete lahm, »… das hätte ich nicht gedacht, daß es dazu käme.« Er wartete auf eine Antwort. Er wußte, daß sie still mit weißem Gesicht hinter der Tür lag. Er barst fast vor Wut, denn er wußte genau, daß sie ihm nicht antworten würde.

      »Bist du da?« brüllte er. »Ich frage, ob Du da bist, Weib?« Er bombardierte die Tür mit Fausthieben.

      Da war nichts als weiße, lebendige Stille.

      »Weh mir! Weh! Weh!« stöhnte er selbstmitleidig auf. Er brach in erzwungenes, dumpfes Seufzen aus. »Gnädiger Gott«, weinte er. »Es ist furchtbar. Es ist entsetzlich. Es ist grausam. Was habe ich getan, daß Gott mich so heimsucht?«

      Keine Antwort kam.

      »Cynthia! Cynthia!« heulte er plötzlich auf. Er meinte seine erste Frau, jene dürre, tuberkulöse alte Jungfer, deren Leben seine Aufführung angeblich nicht verlängert hatte, deren Gedächtnis er aber nun, um Eliza zu kränken, gerne anzurufen pflegte. »Cynthia! o Cynthia! Blicke herab auf mich in dieser Stunde der Not! Sende mir Kräfte! Leihe mir Beistand! Schütze mich vor dieser Teufelin! Steige hernieder und rette mich! Ich verderbe!! Ich flehe Dich an, ich bitte Dich, ich beschwör Dich um Hilfe!«

      Es blieb still.

      Er nahm seine Klage wieder auf. Er variierte das Thema. »Undankbar seid ihr! Undankbarer als die wilden Tiere des Walds. Gott im Himmel wird Euch strafen. Tretet den alten Mann! Schlagt ihn! Werft ihn auf die Straße! Schleift seine müden Knochen über das Pflaster! Schickt ihn ins Armenhaus! Zum Geldverdienen taugt er nichts mehr. Ah, ah! Du sollst Deinen Vater ehren, auf daß Du lange lebest in dem Land, das Dir der Herr, Dein Gott, gibt.« Dann zitierte er pathetisch unter schnupfendumpfen, burlesken Seufzern Mark Antons Anklagerede aus Shakespeares Julius Cäsar.

      In diesem Augenblick sagte die Nachbarin, Mistress Duncan, zu ihrem Gatten: »Jimmy, Du mußt rübergehen. Er rast wieder, und sie steht vor der Entbindung.«

      Der Schotte Duncan schob seinen Stuhl zurück und verließ festen Schritts das warme Behagen des wohlgeordneten Familienlebens samt dem Geruch von frischgebacknem Brot. Am Gittertor vor Gants Hause traf er den geduldigen Jannadeau, den Ben geholt hatte. Sie tauschten ein paar sachliche Bemerkungen aus. Als sie im Haus ein lautes Krachen und den entsetzten Aufschrei einer Frau hörten, stürmten sie die Verandatreppe hinauf. Eliza öffnete ihnen die Haustür. Sie war im Nachthemd.

      »Schnell! Schnell!« flüsterte sie.

      Gant stürzte die Treppe herunter und fiel. »Bei Gott! Ich bring sie um!« schrie er. »Ich bring sie um. Ich mache Schluß mit meiner Misere.«

      Er hatte einen schweren Schürhaken in der Hand. Duncan und Jannadeau packten ihn und hielten ihn fest. Der stämmige Schweizer entwand ihm den Schürhaken mit festem Griff.

      Steve kam gerade die Treppe herunter. »Mutter!« rief er, »er hat sich den Kopf an der Bettstelle aufgeschlagen.« Es stimmte. Gant blutete am Kopf.

      »Geh und hol Deinen Onkel Will, Steve!« befahl Eliza. Steve sauste ab wie ein Jagdhund.

      »Es war ihm Ernst mit dem Umbringen diesmal«, flüsterte Eliza.

      Duncan machte die Haustür zu, um die Gaffer, die sich vor dem Tor versammelt hatten, auszuschließen. »Sie werden sich erkälten, Mistress Gant«, bemerkte er.

      »Lassen Sie ihn nicht an mich!« wimmerte Eliza verzweifelt.

      »Sie können sich auf mich verlassen«, sagte der Schotte fest.

      Schwerfällig stieg sie die Treppe hinauf. Auf der zweiten Stufe brach sie in die Knie. Die Hebamme, die sich im Badezimmer eingesperrt hatte, kam heraus und war ihr behilflich. Auf sie und Grover gestützt schleppte Eliza sich in ihr Zimmer zurück. Draußen ließ sich Ben von dem niederen Verandadach auf das Lilienbeet herunterfallen. Seth Tarkinton, der auf dem Drahtzaun saß, rief ihm vergnügt »Hallo« zu.

      Gant, ein wenig verdutzt, ließ sich von den beiden Männern zu einem Schaukelstuhl führen. Er streckte alle Glieder von sich; sie zogen ihm die Kleider aus. Helene war bereits in der Küche; nun erschien sie mit kochend heißer Suppe. Ein Leuchten kam in Gants Augen, als er sie erblickte.

      »Mein Lenchen«, dröhnte er und machte eine leere Armbewegung in der Luft. »Wie geht's Dir, mein Kind?« Sie stellte die Suppe nieder. Er umarmte sie. Er drückte ihren schmächtigen Körper an sich, rieb seinen borstigen Schnurrbart an ihren Wangen, blies ihr seinen faulen, widerlichen Whiskyatem ins Gesicht.

      »Ach! Er hat sich geschnitten!« Die Kleine weinte fast.

      »Ja, schau nur, wie sie mit mir umgegangen sind«, greinte Gant und betastete die Wunde.

      Will Pentland, echtgeborner Sohn jener Sippe, die immer zusammenhält und einander nur in Zeiten von Tod, Pestilenz und Terror besucht, kam herein.

      »Guten Abend, Mister Pentland«, sagte Duncan.

      Will grüßte die beiden Nachbarn gutmütig. »Na, es geht zum Aushalten«, bemerkte er. Er stellte sich vors Kaminfeuer und schnipselte nachdenklich mit einem scharfen Messer an seinen stumpfen Nägeln herum. Sein Grundsatz war, daß niemand die Gedanken eines Mannes, der an seinen Fingernägeln herumschnipselt, erraten könne. Er pflegte es stets in Gesellschaft zu tun.

      Wills Anblick hatte Gant sofort aus seiner Lethargie hochgerissen. Er haßte die Pentlandsippe. Er haßte ihre schnippische Gefaßtheit, ihre unaufhörliche Witzelei, ihre Geschäftstüchtigkeit.

      »Bankerte aus dem Gebirg! Elendes Geschmeiß! Gemeinstes Gezücht!« brüllte er.

      »Aber Mister Gant!« beschwichtigte Jannadeau flehentlich.

      »Was ist los mit Dir, Schwager?« fragte Will und sah unschuldig von seinen Fingernägeln auf. »Hast Du vielleicht was Unverträgliches gegessen?« Er zwinkerte keck zu Duncan hinüber und machte sich wieder an seine Fingernägel.

      »Dein elender alter Vater«, heulte Gant, »ist auf dem Stadtplatz öffentlich ausgepeitscht worden, weil er seine Schulden nicht bezahlt hat.« Dies war eine völlig aus der Luft gegriffne Behauptung, die sich irgendwie in Gants Kopf als Wahrheit festgesetzt hatte. Er brachte sie bei allen möglichen Gelegenheiten vor, vermutlich weil die Vorstellung ihm eine wahre Herzensbefriedigung war.

      Will konnte es sich nicht versagen, auf diese Eröffnung einzugehn. »So? Ausgepeitscht worden ist er? Hier auf dem Stadtplatz? Ei, ei! Das müssen sie aber streng geheim gehalten haben, nicht?« Er verzog die Mundwinkel und fuhr fort, an seinen Fingernägeln zu schaben.

      »Aber etwas will ich Dir von ihm sagen«, bemerkte er nach einer Weile. »Er hat seine Frau eines natürlichen Todes im Bett sterben lassen. Er hat nie auch nur den Versuch gemacht, sie umzubringen.«

      »Nein! Bei Gott nein!« brüllte Gant dagegen. »Er hat sie verhungern lassen. Wenn die alte Frau je eine anständige Mahlzeit bekam, dann war es sicher hier an meinem Tisch. Sie hätte zweimal zur Hölle und zurück laufen müssen, ehe sie eine vom alten Tom Pentland oder einem seiner Söhne bekam.«

      Will klappte sein Taschenmesser zusammen und steckte es ein.

      »Der alte Pentland hat in seinem ganzen Leben nicht einen Tag ehrlich gearbeitet!« schrie Gant gellend.

      »Ruhig, seien Sie doch ruhig! Mister Gant!« mahnte Duncan vorwurfsvoll.

      »Still, still!« zischte Helene energisch. Sie trat mit der Suppe vor ihn hin und hielt ihm einen Löffelvoll an die Lippen. Gant wandte sich weg. Er wollte eine neue Beleidigung hervorstoßen und verschüttete den Löffelvoll. Sie schlug ihm fest auf den Mund.

      »Hier wird Suppe gegessen! Vorwärts! Geschluckt!«

      Er grinste demütig. Sein Blick ruhte lange auf ihr, während er sich die Suppe einlöffeln ließ.

      Will Pentland sah