Das Zimmer roch stark nach morschen Birnen. Ein Feuer aus Tannenknüppeln brannte ausnahmsweise im Kamin. Will stellte sich davor und arbeitete an seinen Fingernägeln.
Eliza brach unvermittelt in Tränen aus. »Kein Mensch ahnt auch nur, was ich durchgemacht habe.« Sie trocknete sich die Augen mit einem Zipfel der Bettdecke. Ihre breitangesetzte Nase ragte feuerrot aus dem bleichen Gesicht.
»Hast Du was Gutes zu futtern?« fragte Will gierig und zwinkerte wie ein Clown.
»Nebenan in der Kammer liegen Birnen auf dem Gestell. Vorige Woche gebrochen. Ich hob sie auf, daß sie mürbe werden.«
Er ging hinaus, kam gleich mit einer großen gelben Birne zurück, trat vors Feuer, klappte die kleine Klinge seines Taschenmessers auf.
»Das ist mehr als ich aushalten kann. Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist. Du kannst getrost Deinen letzten Dollar wetten, daß ich das nicht mehr lang mitmach'«, sagte Eliza ruhig nach einer Weile.
Will schwieg. »Ich kann mich selbst durchschlagen«, setzte sie trocken hinzu in jenem Ton, den Will gut an ihr kannte.
Er stand im Begriff, ihr ein großzügiges Angebot zu machen. »Schau her, Eliza«, begann er, »wenn Du an Bauen denkst, da könnte ich Dir …« – hier bremste er noch rechtzeitig und schloß: »ja, da könnte ich Dir das Baumaterial zum billigsten Preis geben.« Er schob schnell einen Birnenschnitz in den Mund.
Sie schürzte mehrmals rasch hintereinander die Lippen.
»Nein«, entschied sie, »es ist noch nicht so weit, Will. Wenn es dazu kommt, kriegst Du Bescheid.«
Das Holzfeuer im Kamin rutschte leise zusammen.
»Ja, dann kriegst Du Bescheid«, versicherte sie nochmals.
Will klappte sein Taschenmesser zu und steckte es in die Hosentasche.
»Gutnacht also, Eliza«, sagte er. »Pett wird morgen mal nach Dir gucken. Ich werde ihr ausrichten, daß es gut um Dich steht.«
Will verließ leise das Haus. Im Vorgarten traf er Duncan und Jannadeau.
»Wie geht's ihm?« erkundigte er sich.
»Tadellos jetzt«, versicherte Duncan vergnügt. »Er schläft tief und fest.«
»Den Schlaf des Gerechten?« fragte Will zwinkernd.
Der Schweizer fühlte sich durch den Spott auf seinen Titanen verletzt. »Jammerjammerschade«, gurgelte er, »daß Mister Gant trinkt. Er hätte es weit gebracht mit seinem Verstand. Wenn er nüchtern ist, dann gibt's keinen feineren Kerl als ihn.«
»So? Wenn er nüchtern ist?« Will zwinkerte im Dunkeln. »Na, und wenn er schläft?«
»Es ist alles sofort in Ordnung, sobald ihn Helene in die Hand bekommt«, sagte Duncans tiefe volle Stimme. »Erstaunlich, was das Mädel mit ihm vermag.«
»Ja, ja«, kicherte Jannadeau, »das Kind kennt sich am besten mit ihm aus.«
Helene saß im Lehnstuhl und las, bis das Feuer heruntergebrannt war. Dann schaufelte sie leise Asche auf die Glut. Gant lag auf dem Sofa in klaftertiefem Schlaf. Sie hatte ihn in einen Wollkolter eingewickelt. Nun legte sie ein Kissen auf einen Stuhl, schob den Stuhl ans Fußende des Sofas und legte seine Füße darauf. Er stank übel, nach Whisky. Er schnarchte, daß die Fenster schepperten.
So, in Vergessenheit versunken, verging ihm die Nacht. Er verschlief die kreißenden Wehen, die Eliza um zwei Uhr befielen. Er verschlief all die Mühe, die Geduld, die Qual des Arztes, der Hebamme, der Wöchnerin.
IV
Die Geburt dauerte unendlich lange.
Als Gant am nächsten Morgen kurz nach zehn aufwachte und verkatert und beschämt den heißen Kaffee schlürfte, den ihm Helene brachte, hörte er aus dem Obergeschoß ein lautes, langes, lüngiges Schreien.
»Mein Gott!« stöhnte er entsetzt und deutete nach oben. »Ist's ein Mädchen oder ein Bub, Lenchen?«
»Ich hab's noch nicht gesehn, Papa«, antwortete Helene. »Wir dürfen nicht rein. Aber Doktor Cardiac ist vorhin herausgekommen und hat gesagt, wenn wir brav wären, würde er uns ein Brüderchen zeigen.«
Auf dem Verandadach war Radau. Steve, der von dort ins Zimmer der Wöchnerin gespäht hatte, sprang wie eine Katze aufs Lilienbeet herunter. Die Hebamme schalt.
Der Hausherr brüllte: »Steve, verdammter Bengel, was hast Du dort oben zu suchen?!«
Steve kletterte über den Zaun.
»Ich hab's gesehen!« gellte er zurück.
»Ich auch! Ich auch!« jauchzte Grover, kam ins Zimmer gerannt und lief wieder hinaus.
»Wenn ich Euch Lausbuben nochmal auf dem Dach hier erwische«, keifte die Hebamme, »dann versohle ich Euch das Fell.«
Die Kunde, daß sein jüngster Erbe ein Junge sei, hatte Gant einen Augenblick lang gefreut. Nun aber schritt, er wehleidig im Zimmer auf und ab und klagte in einem fort:
»Mein Gott! Mein Gott! Muß auch das noch mich auf meine alten Tage treffen? Wieder ein Maul mehr zu stopfen! Es ist furchtbar, es ist entsetzlich, es ist grausam!« Er flennte. Plötzlich wurde er gewahr, daß niemand da war, den er mit seiner Klage rühren könne. Er ging über die Diele und blökte kläglich die Treppe hinauf:
»Eliza! Mein Weib! Verzeih mir! Verzeih!«
Unter lautem Seufzen stapfte er treppauf.
Eliza nahm ihre Kraft zusammen. »Nicht reinlassen!« stieß sie hervor.
»Sagen Sie ihm, daß er jetzt nicht ins Zimmer kann«, befahl Doktor Cardiac der Hebamme und starrte auf die Waage. »Hier gibt's ohnedies nur Milch zu trinken«, setzte er trocken hinzu.
Gant stand vor der Tür.
»Eliza, mein Weib, hab Mitleid mit mir, ich bitte Dich! Wenn ich gewußt hätte …«
Die Hebamme riß die Tür auf und raunzte: »Ja, wenn der Hund nicht das Bein gehoben hätt', dann hätt' er den Has' gefang'n.« Sie schmiß ihm die Tür vor der Nase zu. Belämmert stieg Gant die Treppe hinunter. Er ließ den Kopf hängen, aber die Antwort der Hebamme lockte ein flüchtiges Schmunzeln auf seine Miene. Schnell leckte er den Daumen mit der Zunge.
»Barmherziger Gott!« sagte er grinsend und brach wieder in Klagen aus.
»Das genügt jetzt«, bemerkte Cardiac. Er hielt ein rotleuchtendes Körperchen hoch, reckte es an den Fersen und gab ihm einen kleinen Klaps auf den Popo.
Der Säugling hatte sein Debüt gemacht, ausgestattet mit allem Getriebe und Zubehör, mit den Einsätzen und Auswüchsen, den Bindungen und Zargen, den Wasserhähnchen, Augen und Nägeln, die man zur vollkommenen Erscheinung, der Harmonie der Teile und der Einheit der Wirkung auf dieser tathaft regsamen und kampferfüllten Welt für nötig hält. Er war ein ausgemachtes Männchen im kleinen, die winzige Eichel, aus der die mächtige Eiche werden soll, der Enkel aller Zeitalter, der Erbe des uneingelösten Ruhms, das Kind des Fortschritts, der Liebling der knospenden goldnen Aera. Was mehr ist: Fortuna und ihre Feen hatten ihn für den Zeitpunkt aufgespart, in der der Fortschritt vor lauter Ruhm und Reife schon am Verfaulen war.
»Na, und wie wird der Bengel heißen?« fragte Cardiac mit der ruppigen Sachlichkeit des Mediziners.
Eliza war auf kosmische Schwingungen eingestellt. Mit einer vollen, wenn auch ungenauen Vorahnung dessen, was dem Glückskind verhängt war, nannte sie es »Eugen«. Dieser schöne Name bedeutet »Wohlgeboren«, »Gut zur Welt gekommen«, was freilich nicht ganz mit »Hochgezüchtet«, »Wohlgezogen« oder »Aus gutem Blut stammend« identisch ist.
Das erlauchte Wesen, das schon einen Namen trug, und von dem aus die Ereignisse dieser Chronik betrachtet werden sollen, war, wie schon gesagt, auf dem äußerst zugespitzten Endpunkt der Weltgeschichte geboren. Vielleicht hat der Leser das schon bemerkt. Nicht? Nun, dann frischen wir sein historisches Gedächtnis auf.
Um 1900 hatten Oscar