Die seltsame Gestalt Oliver Gants warf ihren Schatten durch die Stadt. Die Leute hörten, wie er früh und spät Eliza pathetisch verfluchte, sahen ihn, wie er vom Haus zur Werkstatt rannte, wie er sich über seinen Marmorblöcken beschäftigte, wie er fluchend und heulend mit leidenschaftlichem Eifer an seinem Heim baute. Sie lachten über die Großspurigkeit seiner Redensarten, seiner Fühlweise, seiner Gebärden. Sie verstummten vor der manisch-trunksüchtigen Wut, die ihn fast pünktlich alle zwei Monate befiel und zwei bis drei Tage dauerte. Stinkend und bewußtlos fanden sie ihn in der Gosse und schleppten ihn heim … der Bankier, der Schutzmann, ein ihm ergebner, schäbiger Juwelier namens Jannadeau, ein stämmiger Schweizer, der eine kleine, ausgezäunte Ecke von Gants Grabmalschuppen gemietet hatte. Sie behandelten ihn zart und sorgfältig, sie empfanden das Seltsame, Stolze und Glorreiche in ihm. Er blieb ihnen fremd. Niemand – nicht einmal Eliza – nannte ihn je beim Vornamen. Er war und blieb für immer »Mister« Gant.
Was Eliza an Schmerz, Angst und Herrlichkeit ausstand, weiß kein Mensch. Über alles atmete Gant seine Gier, seine Wut. Wenn er betrunken war, trieb ihn ihr weißes, zusammengezogenes Gesicht mit den kleinen, langsamen Anzeichen des Mißmuts zum hellen Wahnsinn. Sie war dann tatsächlich in Lebensgefahr und mußte ihr Zimmer vor ihm absperren. Von allem Anfang an führten die beiden einen dunklen, unheimlichen Krieg miteinander. Wenn er fluchte, flennte Eliza oder blieb stumm. Auf seine hochtrabenden Reden antwortete sie mit trocknem Genörgel. Sie war nachgiebig wie eine Weide im Sturm … und langsam, unwiderstehlich setzte sie ihren Willen gegen ihn durch. Jahr um Jahr, trotz seines brüllenden Protests, erwarben sie – er wußte nicht wie – kleine Stücke Land, zahlten die verhaßten Grundsteuern und kauften von dem übrigen Geld neuen Boden hinzu. Über die Ehefrau hinweg, über die Mutter hinaus, entwickelte sich in Eliza eine Person männischen Wesens: die Grundstücksspekulantin.
In elf Jahren gebar sie ihm neun Kinder, von denen sechs am Leben blieben. Das erste, ein Mädchen, starb im zwanzigsten Monat an Kindercholera. Zwei andre starben bei der Geburt. Die übrigen überstanden die grimmen Anfälligkeiten der ersten Lebenszeit. Das älteste, ein Junge, war 1885 geboren und wurde Steve getauft. Das zweite, fünfzehn Monate später geboren, war ein Mädchen: Daisy. Das nächste, gleichfalls ein Mädchen, kam drei Jahre später. Dann, 1892, kamen Zwillingsbuben, denen Gant, der stets Geschmack an der Politik fand, die Namen der Präsidenten Grover Cleveland und Benjamin Harrison gab. Der letzte, Luke, war zwei Jahre später, 1894, geboren.
Zweimal in dieser Zeitspanne – in fünfjährigen Intervallen – artete Gants periodische Trunksucht in wochenlang ununterbrochene Sauferei aus. Er verkam. Beide Male schickte ihn Eliza zur Kur in eine Trinkerheilstätte in Richmond. Einmal erkrankten sie und vier ihrer Kinder zu gleicher Zeit an Typhus. Während einer langwierigen Rekonvaleszenz schürzte sie die Lippe und fuhr mit den Kranken zur Erholung nach Florida.
Schwerfällig rang sich Eliza in diesen Jahren der Liebe, der Widerwärtigkeiten und des Verlusts zum Sieg durch. Sie ertrug das wilde Flackern von Gants fremdem, leidenschaftlichem Sein. Stumpf und grausam war er oft, aber sie erinnerte sich immer an das Herrliche, die ungeheure Leuchtkraft des Lebens in ihm, sie dachte stets an das Verlorne, Verschüttete in ihm, das er nicht finden konnte. Furcht und wortloses Mitleid packten sie, wenn sie manchmal beobachtete, daß seine kleinen unruhigen Augen still und dunkel wurden vom sinnlos-gierigen Hunger, der alten Qual. O verloren!
III
In der Prozession der Jahre, in denen die Geschichte der Familie Gant sich vollzog, sind nur wenige mit Schmerz, Schrecknis und Elend so beladen gewesen wie das, mit dem das 20. Jahrhundert begann. 1900 wurde Gant fünfzig. Er wußte, daß er halb so alt war wie das ausgegangne Jahrhundert, daß Menschen nur selten ein Jahrhundert alt werden. Eliza, die mit dem letzten Kind, das sie gebären sollte, schwanger ging, überstand ihre letzte verzweifelte Angst. In der üppigen Dunkelheit von Sommernächten, als sie ausgestreckt, die Hände auf dem verschwollenen Leib, im Bett lag, begann sie, ihr Leben für die Jahre, in denen sie nicht mehr Mutter werden würde, zu planen. Der Golf, an dessen gegenüberliegenden Küsten ihr und Olivers Leben gegründet waren, lag weit offen vor ihr. Mit unendlicher Geduld und instinktiv prophetischer Gefaßtheit spähte sie aus.
Die fast buddhistische Stille ihres Wesens, die sie weder unterdrücken noch verleugnen konnte, brachte Gant, da er sie am wenigsten verstehen konnte, am meisten in Wut. Er war fünfzig, war sich seines Alters tragisch bewußt. Er sah, daß die leidenschaftliche Fülle der Lebenskraft für ihn entschwand, und benahm sich sinnlos wie ein gereiztes Biest. Eliza hatte vielleicht mehr Grund zur Stille als er. Sie hatte von Kind auf Schweres durchgemacht, hatte in der Ehe Tod und Elend, Kinderkriegen und Krankheit überstanden. Nun war sie zweiundvierzig. Das letzte Kind regte sich in ihrem Leib. Sie war abergläubisch davon überzeugt – und die blinde Eitelkeit der Pentlands, die aller Welt Ende, nur nicht das ihrer Sippe, voraussahen, bestätigte sie hierin –, daß sie zu etwas Besonderem bestimmt sei.
Da lag sie in ihrem Bett und sah durchs Fenster einen großen Stern am Westhimmel brennen. Sie bildete sich ein, daß der Stern langsam steige. Und obschon sie unmöglich zu sagen vermocht hatte, zu welchem Gipfel ihr Leben nun führte, so sah sie doch in der ungekannten zukünftigen Freiheit die Fülle von Besitz und Wohlstand für sich. Die Lust danach brannte ihr unauslöschlich im Blut. Sie erging sich in der Vorstellung, sie schürzte die Lippe im Dunkeln, sie schaute sich selber im Geiste, wie sie im Karneval des Lebens aus den Händen der Narrheit leichthin das Gut nahm, das noch nie ein Mensch zu halten wußte.
»Ich werd' es kriegen, ich werd' es kriegen!« dachte sie. »Will hat es. Jim hat es. Und ich bin gescheiter als sie.« Mit bitterem, peinigendem Bedauern dachte sie an Gant. »Schauderhaft! Nicht einen Nickel hätte er, wenn ich mich nicht um ihn gekümmert hätte. Um jede Kleinigkeit habe ich kämpfen müssen. Sonst hätten wir nicht einmal ein eignes Dach überm Kopf und müßten auf unsre alten Tage in Miete wohnen.« In Miete wohnen müssen aber war für sie die endgültige Schande, die Verschwender und unfürsorgliche Menschen befällt.
»Für das Geld allein, das er jährlich für Whisky ausgibt«, dachte sie weiter, »könnte man einen schönen Bauplatz kaufen. Ach, wir könnten es zu wahrem Wohlstand gebracht haben, wenn wir gleich angefangen hätten. Aber er hat immer schon den bloßen Gedanken an Besitz gehaßt. Er sagte mir einmal, er könne ihn nicht ertragen, seit er bei dem Handel in Sidney all sein Geld verlor. Wenn ich nur damals schon bei ihm gewesen wäre! Meinen letzten Dollar will ich wetten, daß die andern statt seiner verloren hätten«, fügte sie trotzig hinzu.
Da lag sie, die Frühherbstwinde fegten mit dem Rauschen ferner großer Bäume und welkem Laub ins nächtige Tal. Sie dachte an den Fremdling, der in ihrem Leib zu leben begonnen hatte, und an den anderen Fremdling, den Urheber von so viel Leid, der nun fast zwanzig Jahre mit ihr gelebt hatte. So oft ihre Gedanken auf Gant kamen, spürte sie ein schmerzlich-elementares Wundern über die wüste offne Fehde und den großen heimlichen Kampf, den ihre Habgier gegen seinen unverständlichen Haß auf Besitz führte. »Ich schwör' es«, flüsterte sie, »einen solchen Menschen gibt es nicht zweimal.« An ihrem Endsieg zweifelte sie nicht.
Gant stand dem Abklingen seiner sinnlichen Genußfähigkeit gegenüber. Er merkte, daß dem Unmaß im Essen, Trinken und Lieben nun Dämme gesetzt waren, und wußte um keinen Gewinn, der diese Einbuße aufwiegen könne. Audi er spürte den Stachel der Reue. Er hatte Kraft vergeudet. Er hatte gute Gelegenheiten – zum Beispiel die Partnerschaft mit Will Pentland, die ihm Ansehen und Reichtum gebracht hätte – verpaßt. Die besten Jahre seines Lebens waren vertan. Mehr denn je empfand er die Fremdheit und Einsamkeit unsres kleinen Abenteuers auf Erden. Er dachte zurück an seine Kindheit auf der Farm bei den Pennsylvania-Deutschen, an seine Lehrzeit in Baltimore, an seine ziellosen Wanderjahre über den Kontinent, an die auffallende Verknüpfung seines Daseins mit einer Kette von Zufällen. Die riesenhafte Tragödie des Zufalls hing wie eine graue Wolke über ihm. Klarer denn je sah er ein, daß er fremd unter Fremden in der Fremde lebte. Am fremdesten aber kam ihm seine Ehe vor, in