Und Findra hatte sich an das beinahe schluchzende Keuchen des Fremden erinnert. Und daran, wie er sie umgestoßen hatte. Ihre Hand hatte sein Gesicht gestreift – kühle, regennasse Haut.
Und er war geflohen, statt sie anzugreifen. Sie hatte also Grund, in dem unheimlichen Zwerg, der wabernde Schatten um sich herum hatte aufsteigen lassen, mehr als einen der skrupellosen Magier aus den Geschichten ihrer Eltern zu vermuten. Deshalb wagte sie die Suche nach ihm. Aber wollte sie ihn tatsächlich finden? Die Vorstellung, ihm von Neuem gegenüberzustehen, rührte an ein tief verwurzeltes Unbehagen … Unbehagen? Nein, mehr als das. Was sie spürte, war Angst. Angst vor dem, was er tun konnte, aber auch davor, was seine bloße Existenz für ihr Weltbild bedeutete.
Doch sie beabsichtigte keineswegs, ihrer Furcht nachzugeben. Wenn dieser Fremde beabsichtigte, sich ihr bei ihrer Suche nach der Wahrheit über Fragars Tod in den Weg zu stellen, würde er feststellen, dass Findras geballte Entschlossenheit seiner Magie mindestens ebenbürtig war. Zumindest redete sie sich das ein.
Die wohlklingende Stimme des Zeremonienmeisters verstummte beinahe, ohne dass sie es bemerkte – so fixiert war sie auf das Gesicht des jungen Zwerges. Bist du es?, fragte sie ihn in Gedanken und kam sich dabei ein wenig lächerlich vor.
Ein großes Scharren und Rascheln setzte ein und Findra beeilte sich, es den anderen Trauernden nachzutun und sich zu erheben, als Fragars Sarg unter den Klängen eines weiteren langsamen Liedes aus dem Raum getragen wurde. Für einen Moment überlagerte der schwermütige Zauber dieser alten, einfachen Melodie Findras ruhelose Gedanken. Sie stellte sich vor, dem gewaltigen Chor all derer zu lauschen, die dieses Lied in den letzten Jahrhunderten gesungen hatten.
Dann richtete sie ihren Blick wieder auf den dunkelhaarigen Zwerg. Kaum hatte das Lied geendet und die Trauergesellschaft sich in kleinen, gedämpft miteinander sprechende Grüppchen zum Gehen gewandt, strebte er – mit einem kleinen Umweg über die Garderobenhaken, von denen er einen kurzen, dunklen Wollmantel fischte – in Richtung Ausgang.
Findra eilte ihm in unziemlicher Hast hinterher. Sie kurvte um Trauernde herum, eilte den kurzen Gang entlang und die Treppe hinauf, die in die Vorhalle des säkularisierten Tempels führte. Dort erhaschte sie einen Blick auf ihn, wie er die schwere Tür aufstemmte. Er hielt dabei jedoch instinktiv kurz inne, um die kürzlich polierten Messingbuchstaben auf der Innenseite zu lesen, die im Licht der Gaslampen an der Decke schimmerten:
„MEMENTO MORI“
Sein bitteres, schmerzerfülltes Lachen war leise, aber der Schall in dem weitläufigen Vorraum trug es bis zu Findra hinüber und jäh wusste sie, dass sie ihren Magier gefunden hatte.
Sie hechtete durch die zufallende Tür in die kühle, von Fabrikqualm und Feuchtigkeit gesättigte Luft hinaus und eilte ihm mit klackenden Absätzen nach.
„Drúdir Skadirson!“, rief sie gebieterisch.
Instinktiv reagierte er auf seinen Namen – sie hatte wohl richtig geraten - und ihre Schritte dicht hinter sich. Allein schon in der Bewegung, in der er sich jäh zu ihr umdrehte, lag Ablehnung, aber in seinem starren Gesicht spiegelte sich diese um ein Vielfaches heftiger.
Findra schob das Revers ihrer Jacke zur Seite, damit er das schimmernde Abzeichen sehen konnte, das an ihre streng geschnittene, schwarze Bluse geheftet war. „Mein Name ist Findra Ramnasdottir. Ich arbeite für die Stadtwache.“
Jetzt erst wurde ihr wieder bewusst, dass sie ihn durch ein dünnes Netz verschwommener, schwarzer Blüten betrachtete. Sie zog die lange Nadel aus ihrem Hut, die den Schleier fixierte. Mit Händen, die, wie sie hoffte, nicht zitterten, nahm sie ihn ab und sah Drúdir unverwandt in die Augen. „Ich bitte Sie um ihre Hilfe bei der Aufklärung des Mordes an Fragar Brarison.“
Der wachsame, abweisende Ausdruck auf seinem Gesicht vertiefte sich noch, aber er nickte ruckartig. „Na schön. Was wollen Sie wissen?“
Kapitel 5
Drúdir
Jede Bewegung war ein Kampf gegen seine vor Panik verkrampften Muskeln. Immer wieder spähte Drúdir zu der Zwergin hinüber. Bereits ihre Aura hatte ihn vermuten lassen, wer ihm da im Gewölbe gegenübersaß – und nun, da er ihr Gesicht gesehen hatte, gab er jede Hoffnung auf, unerkannt geblieben zu sein. Zwar war in der Nacht wenig vom Gesicht des Eindringlings zu erkennen gewesen, aber was er gesehen hatte, deckte sich mit Findras Zügen.
Wäre Drúdir nicht so entsetzt darüber gewesen, dass sie sein Geheimnis kannte, hätte er sie wahrscheinlich sogar attraktiv gefunden. Ihr honigblondes Haar war streng hochgesteckt und verschwand zum Teil unter ihrem schwarzen Hut, aber die Dicke der Flechten ließ vermuten, dass es ihr offen bis zur Taille fallen würde. Ein paar Strähnen hatten sich gelöst und umrahmten in sanften Wellen ein rundes Gesicht. Die weichen Linien der leichten Stupsnase, des Kiefers und der schön geschwungenen Lippen standen im Kontrast zu den markanten Wangenknochen und ihren auffallend dunklen Augenbrauen, unter denen eindringliche, braun-grüne Augen schimmerten. Ihr leicht gebräunter Teint war makellos, und wären die Umstände anders und ihr Blick weniger hart gewesen, hätte Drúdir den weichen Kurven, die sich deutlich unter ihrer Trauerkleidung abzeichneten, wahrscheinlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet.
Im Augenblick jedoch fragte er sich lediglich, was diese hübsche, junge Zwergin mit ihrem verhängnisvollen Wissen anfangen würde. Natürlich … im Grunde genommen hatte sie ihm nichts vorzuwerfen. Aber wenn er noch immer in Fragars Testament erwähnt wurde – was, wie ihm jetzt bewusst wurde, gar nicht so unwahrscheinlich war – machte ihn das zum Verdächtigen. Und da würde das Misstrauen, das seine Gabe weckte, wohl kaum dazu beitragen, seine Situation zu verbessern. Und selbst wenn sich herausstellte, dass er über jeden Verdacht erhaben war: Wenn erst durchsickerte, dass er Magie praktizierte, war nicht nur ein saftiges Bußgeld fällig. Heutzutage nahm niemand das Magieverbot besonders ernst, aber das hieß noch lange nicht, dass diese Kunst in hohem Ansehen stand; im Gegenteil. Sein Ruf wäre ruiniert und das bedeutete viel unter Zwergen. Die Isolation, in der er seit der Entdeckung seiner Andersartigkeit gelebt hatte, wäre zementiert. Ganz zu schweigen davon, dass kaum ein Uhrmachermeister einen Zwerg wie ihn als Partner akzeptieren würde.
„Machen Sie sich keine Sorgen.“ Findra schien seine Gedanken erraten zu haben. „Ihr Geheimnis ist bei mir vorerst sicher. Sie haben mich wahrscheinlich ebenfalls in der Hand.“
„Wie das?“
Statt einer Antwort zog sie nur eine nervöse Grimasse, die wohl ein Lächeln sein sollte, und beschleunigte ihren Schritt. Er folgte ihr und staunte, dass sie sich nicht der nächsten Straßenbahnstation näherten. „Ist der Weg zum Präsidium nicht etwas zu weit zum Laufen?“
„Wir gehen nicht dorthin.“
„Wohin dann?“
„Dahin zum Beispiel.“ Sie deutete auf eine kleine Garküche. „Ich lade Sie ein.“
Drúdir hatte keine Ahnung, wie Zeugenbefragungen normalerweise abliefen, aber er ahnte, dass solche Einladungen nicht zum üblichen Prozedere gehörten.
Wenn es Findras Absicht gewesen war, ihnen eine Gelegenheit zu verschaffen, sich unbelauscht zu unterhalten, hatte sie eine gute Wahl getroffen. Die Preise waren niedrig genug, um zahlreiche Arbeiter aus den nahen Fabriken anzuziehen. Offenbar war gerade eine Schicht zu Ende gegangen und nun beugten sich zahlreiche schäbig gekleidete Zwerge über Schalen mit Eintopf und Spieße mit Fleisch zweifelhafter Herkunft.
In dem vom weichen, gelben Licht weniger Gaslampen erhellten Raum vermengten sich die Gerüche von Bier, deftigem Essen und verschwitzter Körper mit dem Rauch unzähliger Pfeifen zu einem so intensiven Dunst, dass Drúdir staunte, wie wenig Zeit er dennoch brauchte, um sich daran zu gewöhnen.
Mit der sonderbaren Klarheit, die extreme Anspannung