Drúdir. Swantje Niemann. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Swantje Niemann
Издательство: Автор
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Жанр произведения:
Год издания: 0
isbn: 9783944180847
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Messingschild wies jeden, der nahe genug kam, um die winzigen Buchstaben zu entziffern, darauf hin, dass dieses Gebäude die „Sprakar-Godwis-Historig-Rúnhalar“ beherbergte – die Bibliothek für Sprachen, Theologie und Geschichte. Ein etwas später angebrachtes Schild bat um Spenden, um die Bewahrung unschätzbar wertvollen Wissens für spätere Generationen zu gewährleisten. Es hatte bereits hier gehangen, als Drúdir die Bibliothek zum ersten Mal betreten hatte und er konnte sich gut vorstellen, dass es heute ebenso wenig Wirkung erzielte wie damals.

      Die Tür schwang auf und Drúdir fand sich Auge in Auge mit Wisdrin Halison. Der letzte Bibliothekar, wie er sich gelegentlich selbstironisch nannte, sah müde aus. Unter seinen Augen lagen dunkle Ringe und sein Haar war mittlerweile vollkommen weiß. Den Gehstock mit dem silbernen Knauf hatte er bereits vor zehn Jahren immer bei sich gehabt, aber nun schien er tatsächlich Gewicht darauf zu verlagern. Trotzdem hielt er sich kerzengerade und duldete Nachlässigkeit in seiner Erscheinung ebenso wenig wie früher. Drúdir ließ seinen Blick über Wisdrins perfekt gebügeltes Hausjackett, das blütenweiße Hemd und die polierten Schuhe gleiten und schüttelte innerlich den Kopf. Trotzdem vermied er es, an sich selbst herabzublicken. Etwas an Wisdrin vermittelte einem das plötzliche, unerklärliche Bedürfnis, korrekt auszusehen.

      „Drúdir …“

      Es war eines der wenigen Male, dass er Wisdrin überrascht erlebte. Was sich jedoch nicht verändert hatte, war der leichte Akzent des älteren Zwerges, den Drúdir immer mit einer gewissen, altmodischen Kultiviertheit assoziierte.

      „Hallo, Wisdrin.“

      Wisdrin zögerte für einen Moment und vollführte ein paar seltsame, unvollendete Bewegungen, als erwöge er, Drúdir zu umarmen, beschied sich dann jedoch mit einem verblüffend kräftigen Händedruck und dem kurzen Aufflackern eines warmen Lächelns.

      „Ich habe deinen Abschied bedauert.“

      „Natürlich“, bemerkte Drúdir mit einem halben Lächeln. „Unbezahlte Gehilfen sind nicht allzu leicht zu finden, nehme ich an.“

      „Du hast keine Vorstellung.“ Wisdrins Gesicht wurde ernst. „Es tut mir leid um Fragar. Er war einzigartig. Sein Tod … das hätte nicht geschehen dürfen.“

      Drúdir nickte ernst. Unwillkürlich kniff er die Augen zusammen, als die Bilder der letzten Nacht jäh auf ihn einhämmerten. Es kostete ihn mehr Beherrschung, als er sich selbst zugetraut hätte, sich nicht mit beiden Händen an die Kehle zu fahren und im Anschluss dem unbekannten Mörder noch einmal leidenschaftlich Rache zu schwören.

      Mit einiger Mühe brachte er sein Gesicht unter Kontrolle und konzentrierte sich ganz auf Wisdrins Miene. Die hellblauen Augen des alten Zwerges begegneten den seinen. Er las Melancholie darin, Mitgefühl, aber auch eine scharfe Intelligenz, die hinterfragte und kalkulierte … und sich angesichts von so viel unverhüllter Emotion vor Verlegenheit wand. Nach einem langen, sezierenden Blick wandte sich Wisdrin von Drúdirs Schmerz ab wie ein pietätvoll Trauernder von einem offenen Grab.

      „Am besten, du kommst herein. Darf ich dir eine Tasse Tee anbieten? Ich schätze viele Aspekte dieser neuen Zeit nicht besonders, aber die neuen Teeklipper wiegen einiges davon auf. Man könnte ein paar Lieferungen tatsächlich als frisch bezeichnen.“

      Drúdir folgte Wisdrin nach drinnen. Das Foyer der Bibliothek war ebenso makellos gepflegt wie Wisdrins Kleidung, aber die allgegenwärtige Sauberkeit hob eher noch hervor, dass es, ebenso wie die Bibliothek selbst, nur ein Schatten seiner selbst war. Die kunstvollen Wandteppiche, die in dramatischen Bildern Begebenheiten der zwergischen Geschichte und Mythologie festhielten, waren bereits vor Jahren verkauft worden. Nur noch ein paar Zeichnungen und Landkarten hingen an den Wänden. Noch immer verlief ein Teppich über die Stufen, die zum Hauptsaal hinaufführten, aber man erahnte sein einstiges Grün eher, als dass man es tatsächlich sah, so ausgeblichen war er mittlerweile.

      Wisdrin schob einen der langen, ebenso verblichenen Vorhänge zur Seite, die an jeder Seite der Treppe bis zum Boden hingen. Es knarrte leise und Drúdir wusste, dass Wisdrin die Tür eines der Zimmer aufschob, die einst als Lagerräume für Werkzeug und Putzutensilien gedient hatten und von denen der Bibliothekar nun eines zum Kochen und eines zum Schlafen nutzte.

      „Geh doch nach oben, während ich Tee koche“, rief Wisdrin. Er war vielleicht nicht der einzige Zwerg, der sich nichts aus starkem, dunklem Bier machte, aber womöglich der einzige, der es offen zugab.

      Drúdir stieg die Stufen hoch und fragte sich, ob seinem Gastgeber jetzt Staub auf den Kopf rieselte. In Wisdrins Jugend hätte wohl niemand gedacht, dass er eines Tages so leben würde. Bevor Grüntal mit seiner Hauptstadt Nordkrone ein Bundesstaat der Union wurde, war es, obwohl nominell eine direktdemokratische Republik, dennoch von einer Handvoll aristokratischer Familien und der Priesterschaft des Lohi regiert worden. Als Nachkomme einer der reichsten Adelsfamilien und geweihter Priester des größten Lohi-Tempels hatte der auffallend intelligente Wisdrin mit einer rosigen Zukunft rechnen können – bis die Magierkriege und das darauffolgende Verbot der Magie und der Abschaffung des institutionalisierten Glaubens alles verändert hatten. Wisdrin war neutral geblieben, während seine Familie sich auf die falsche Seite geschlagen hatte. Dadurch wurde er der Alleinerbe eines bemerkenswerten Vermögens, welches er bis zum letzten Gulder in die Erhaltung der Tempelbibliothek steckte.

      Drúdir schob eine schwere Eichentür auf. Die filigranen Verzierungen an der Messingklinke und die eckigen Knotenmuster, die in das Holz geschnitten waren, kündeten von vergangener Pracht, aber die offensichtliche Kunstfertigkeit ihres Schöpfers hatte Drúdir nie so beeindruckt wie das, was dahinter lag.

      Kaum hatte er die Bibliothek betreten, umfingen ihn samtige Stille und der Geruch unzähliger Bücher. Zu beiden Seiten des langgestreckten Raumes erhoben sich deckenhohe Regale, auf denen sich ein ledergebundener Buchrücken an den anderen reihte. Eine verschnörkelte Wendeltreppe führte auf den Dachboden, wo sich die Regalreihen, wie er wusste, fortsetzten, auch wenn viele von ihnen mittlerweile leer waren. Zwischen den Regalen standen mit Schnitzereien verzierte Lesepulte. Zwei von ihnen wurden von Käfigen aus kunstvoll ineinander verschlungenen Eisenstangen vom Rest der Bibliothek abgeschnitten – hier hatten sich jene einschließen müssen, die die wertvollsten und gefährlichsten Werke studiert hatten. Bücher, die im allgemeinen Chaos nach den Magierkriegen gestohlen worden waren. Wisdrin hatte diesen Verlust nie so ganz verwunden.

      Drúdir stellte sich vor, wie es hier einst zugegangen sein musste: Gelehrte aus allen Ecken der heutigen Union, die sich gedämpften Schrittes durch den Lesesaal bewegten und mit gesenkten Stimmen diskutierten. Studenten und Novizen des Tempels, die ehrfürchtig an den Regalen aufblickten oder sich an den Lesepulten Notizen machten, Bibliothekare, die mit Argusaugen über die Schätze der Bibliothek wachten, Zwerge, die von langen Reisen zurückkehrten, um der Sammlung weitere, wertvolle Bände hinzuzufügen, die gelesen und diskutiert werden wollten …

      Fast schon glaubte er, die Dielen unter behutsamen Schritten knarren und vielstimmiges Wispern erklingen zu hören. Goldener Glanz schimmerte am Rand seines Sichtfelds und beinahe instinktiv wechselte er in seine magische Sicht.

      Was er sah, raubte ihm den Atem. Es war nicht das schreckliche Versprechen der Totenscherben, nicht der beinahe unerträgliche Glanz und das unstete Flackern der Magieströme der Stadt. Die Magie, die der Bibliothek innewohnte, war wunderschön in ihrer Subtilität. Kaum sichtbare Bänder verbanden Bücher, die einander beeinflusst hatten, zu einem feinen, schimmernden Netzwerk. Wieder andere Bände pulsierten in dem Rhythmus, in dem wissbegierige Finger einst ihre Seiten umgeblättert hatten. Natürlich. All der Aufwand, der in jedes einzelne Buch geflossen war, hatte Magie darin konzentriert, die wiederum mit den Mustern interagierte, die die Gedanken und Gefühle der Leser woben. Drúdir wäre der Letzte gewesen, der Büchern ihre ganz eigene Magie absprach, aber obwohl es ihm im Nachhinein betrachtet als vollkommen logisch erschien, hätte er nie gedacht, dass dies so wörtlich zu verstehen war.

      „Ich hatte mich schon gefragt, wann du es auch sehen wirst“, sagte Wisdrin hinter ihm. Drúdir wirbelte herum – und fragte sich, was ihn mehr überraschte: Das Geschick, mit dem der ältere Zwerg knarrende Dielen vermieden hatte (ein Kunststück auf diesem Boden), die Offenbarung, die sich in seinen Worten verbarg oder