Augenschön Das Herz der Zeit (Band 3). Judith Kilnar. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Judith Kilnar
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Год издания: 0
isbn: 9783964640079
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des unhandlichen Gepäckstücks. Ich hörte Stimmen vom schmalen Emporengang. Jemand unterhielt sich dort in gedämpfter Lautstärke. Ein Mädchen lachte glockenhell auf. Ich beachtete es erst gar nicht richtig, bis ich eine der Stimmen erkannte und mitten in der Bewegung erstarrte.

      Atlas.

      Der Name brannte eine heiße Schneise in mein Herz.

      Ich spürte förmlich, wie mir das Blut aus den Wangen wich, und sah, wie die Knöchel an meiner Hand weiß hervortraten, als ich mich auf das Geländer stützte. Wenn ich ganz leise und unauffällig weiterging, würden sie mich womöglich kaum oder gar nicht bemerken. Vorsichtig stieg ich weiter hinauf, den Blick auf den Boden geheftet, die Stimmen, so gut es ging, ausblendend.

      Zwei Stufen und zehn Schritte lagen noch zwischen mir und meiner Zimmertür, als ich meinen Entschluss in den Wind schlug und aufsah. Ein großer Fehler.

      Atlas und das Mädchen, das seine blonden Haare durch eine Flechtfrisur aufgetürmt hatte, standen an Atlas’ Zimmertür gelehnt da. Das Mädchen hatte die Hand freundschaftlich auf Atlas’ Arm gelegt und blickte ihn aus seinen großen orangefarbenen Augen bewundernd an. Ich hatte die Blonde bisher noch nie gesehen, doch bei ihrem offensichtlich vertrauten Umgang schoss eine riesige Welle der Eifersucht durch mich hindurch.

      Gerade warf sie ihren Kopf erneut lachend in den Nacken, als aus heiterem Himmel ein goldener Blitz aus meinen Augen schoss, ein lautes Krachen zu hören war, gefolgt von einer braunen Staubwolke.

      Erschrocken verharrte ich auf der Stelle und versuchte zu begreifen, was da eben passiert war. Hatte ich die Kontrolle über meine Gefühle verloren? War meine Eifersucht so stark gewesen, dass sie aus mir herausgebrochen war?

      Ich zuckte zusammen, als neben mir jemand auftauchte. Doch es war nur Caitlin, die die Treppe hinaufgehastet gekommen war und nun mit großen Augen den Riss, der sich durch die weiße Wand neben Atlas’ blauer Wohnungstür zog, musterte. Die Staubwolke hatte sich verzogen, und das Mädchen und Atlas sahen erst den Riss und dann mich an. Wenn ich die Blonde genau betrachtete, dann konnte man die Art und Weise, wie sie die Augen wütend zusammengekniffen hatte und die Lippen zornig aufeinanderpresste, nicht mehr als normales Mich-Ansehen bezeichnen. Aus jedem Zentimeter ihres Gesichtes schrie mir die Verachtung entgegen.

      Ich fühlte, wie meine Wangen ganz heiß wurden. »E-Entschuldigung. Das wollte ich nicht.« Meine Stimme klang brüchig, und auf meine Worte hin verengten sich die Augen des Mädchens nur noch mehr zu schmalen, abfällig blitzenden Schlitzen.

      »Ach ja? Du wolltest das nicht? Dann pass mal besser auf deine Magie auf, Neuling!« Sie trat einige Schritte näher. »Ich weiß genau, was du damit bezwecken wolltest. Und auch, wenn dein Plan aufgegangen ist, wird der Triumph nicht lange anhalten.«

      Ich blinzelte, verwirrt von den Worten. »Ich glaube, da liegt ein Missverständnis vor«, versuchte ich zaghaft, sie zu beruhigen.

      Das Mädchen öffnete den Mund, doch Caitlin kam ihm zuvor. »Hey, Lexi, ich denke auch, dass du das falsch verstanden hast. Lulu hatte bestimmt nicht vor, das Wohnhaus dem Erdboden gleich zu machen. Warum kommst du nicht kurz mit? Ich könnte gerade deine Hilfe gebrauchen.«

      Während das Mädchen, Lexi, noch zögerte, beugte ich mich zu Caitlin. »Wie hast du mich gerade genannt?«, fragte ich sie leise.

      Ein Grinsen huschte über ihr Gesicht. »Lulu. Ist doch schön.«

      Ich rollte mit den Augen, rückte dann allerdings schnell zur Seite, als Lexi Caitlins Bitte nachkam und die Stufen zu uns herunterstieg. Als sie an mir vorbeikam, durchbohrte sie mich mit einem kalten Blick.

      »Atlas gehört mir. Und auch, wenn du mit ihm auf Reisen warst, heißt das nicht, dass du Vorrang hast. Lass deine dreckigen Finger von ihm!«, zischte sie mir so leise zu, dass nur ich es verstehen konnte.

      Ich tat, als hätte ich sie nicht gehört, und wandte mich ab. Während ich auf das Zuschlagen der Eingangstür wartete, stieg ich langsam die restlichen Stufen hinauf, den Koffer hinter mir her wuchtend.

      Atlas stand immer noch an derselben Stelle und sah mir dabei zu.

      »Hör mal … Izzy, es tut mir leid, dass …«

      »Nein, nein«, unterbrach ich ihn schnell. Dass mir auffiel, dass er beim Nennen meines Namens gestockt hatte, ließ ich mir nicht anmerken, ebenso wenig, dass ich mich fragte, warum er sich entschuldigte. An seinem Ton hatte ich gehört, dass er genau wusste, dass Eifersucht der Auslöser für meinen Gefühlsausbruch gewesen war.

      Verlegen betrachtete ich meine Stiefelspitzen, während ich fortfuhr. »Du solltest zusammen sein können, mit wem du willst, ohne dass es mir etwas ausmacht. Schließlich hast du … « Ich brachte es nicht über mich, die Worte auszusprechen, und räusperte mich stattdessen. »Jedenfalls … ich sollte mich entschuldigen. Dafür, dass ich mich nicht besser im Griff habe. Aber … i-ich kann meine Gefühle für dich nicht einfach abstellen.« Ich knetete meine Finger und schaute überallhin, nur nicht zu ihm. Letztendlich landete mein Blick doch noch auf ihm.

      Er strich mit verschlossenem Gesicht über den Riss, an dessen Seiten der Wandputz abbröckelte, doch ich kannte ihn inzwischen gut genug, dass ich wusste, dass hinter seiner Teilnahmslosigkeit die Gefühle nur so brodelten. Allerdings konnte ich nicht sagen, was genau in ihm vorging.

      Aus Angst, dass alles, was er jetzt noch sagen würde, bloß wehtat, hauchte ich ein »Also, bis dann« und huschte an ihm vorbei in mein Zimmer. Die kurze Zeit mit ihm, es waren gerade einmal zwei, drei Minuten gewesen, hatte das Messer so tief in mein Herz gerammt, dass ich mich wunderte, dass ich vor Schmerzen nicht laut schrie. Doch mir fehlte die Kraft dazu, die wie Blut aus der Wunde zu fließen schien.

      Unschlüssig, was ich einpacken sollte, verharrte ich vor meinem Kleiderschrank. Letztendlich warf ich von allem etwas in den Koffer. Falls ich etwas vergaß, war es ja nicht weit, um es zu holen. Schließlich stand ich nachdenklich neben der Schublade, in der ich meine Socken aufbewahrte, und hielt ein weißes Paar in der Hand. Zögerlich betrachtete ich es eine Weile, bis ich entschlossen die unscheinbare Kette daraus hervorholte. Das Herz der Zeit.

      Atlas hatte recht gehabt. Hier in der vierten Schleife spürte und sah ich nichts von der magischen Atmosphäre, die das Herz der Zeit umgab. Ich hatte nicht gewusst, wo ich ein geeignetes Versteck finden sollte, und meine Sockenschublade war mir als eine gute Lösung erschienen. Jetzt war ich jedoch erneut mit dem Problem konfrontiert, wo ich die Kette während meiner Abwesenheit unterbringen sollte. Ob ich sie überhaupt unbeaufsichtigt zurücklassen konnte oder stattdessen mitnehmen sollte. Einer plötzlichen Eingebung folgend, legte ich sie mir kurzerhand um den Hals und versteckte sie unter meinem Shirt und dem Rollkragenpulli, den ich darüber trug. Es würde sich wohl niemand über das Tragen eines Glücksamuletts wundern.

      »Lexi ist eine hochmütige kleine Zicke, da gebe ich dir schon recht. Manchmal kann sie allerdings echt nett sein, das solltest du nicht unterschätzen. Sie hat mir zum Beispiel, ohne sich zu beschweren, geholfen, dein Bett zu beziehen und es umzustellen.«

      Caitlin führte mich in einen großen Raum mit hoher Decke und weiß gestrichenen Wänden. Auf der rechten Seite drängte sich ein Bett neben dem anderen, ein ziemlich vollgestelltes Krankenzimmer. Auf der linken Seite stand ein einzelnes breites Bett, das im Gegensatz zu den anderen bezogen und mit einer dicken Daunendecke bestückt war. Daneben befanden sich ein kleiner Nachttisch und ein breiter Schrank aus dunklem Holz. Caitlin stellte meinen Koffer davor ab, den wir nur hatten schließen können, weil wir uns gemeinsam draufgesetzt hatten.

      Währenddessen sah ich mich weiter in dem riesigen Raum um. Zwei Meter neben dem bezogenen Bett war ein riesiges Fenster in die Wand eingelassen, durch das man einen guten Blick auf Teile der Ost- und Westwiese sowie den Nordwald hatte.

      Caitlin stellte sich neben mich und sah ebenfalls hinaus. »Später kommt Tatjana mit einer der Dromeden, um dich zu untersuchen. Bis dahin sollst du dich schonen und darauf achten, dich nicht erneut zu überlasten so wie heute Morgen. Das soll ich dir von ihr ausrichten. Und das auch: Essen wirst du ab sofort hier einnehmen, bis sich dein Zustand so weit gebessert hat, dass du für den Weg zum Speisesaal keine