„Gar nicht. Hab euch von der übernächsten Ecke aus gesehen. Konnte nicht glauben, wie ihr hier auf dem Präsentierteller steht – ihr müsst vorsichtiger sein! Diese Gegend ist nicht gerade der richtige Ort für Abendspaziergänge.“
„Na, da ist es ja gut, dass du uns gesehen hast.“ Joseph legte den linken Arm auf die Lehne des Fahrersitzes, sodass die Hand fast Hannas Schulter berührte. „Die Taxifahrer scheinen jedenfalls Bescheid gewusst zu haben.“
Hanna schien es nicht zu hören. Er schaute kurz in den Rückspiegel, dann drehte er den Kopf so, dass er aus dem Augenwinkel seine beiden Fahrgäste auf einmal sehen konnte. „Sie haben wieder chemische Waffen dabei.“ Er verzog den Mund. „Beide Seiten! Und eingesetzt haben sollen sie sie auch schon. Die Sunniten beglücken ihre eigenen Leute damit. Was ist schon das Leben von ein paar Hundert Menschen, wenn man die Sache anschließend Baschar al-Assad in die Schuhe schieben kann? Es ist zum Kotzen, dieser Krieg!“
„Hanna, wie schaffst du es, dass du noch am Leben bist?“ Joseph sah seinen Freund an. „Du wohnst doch sozusagen im Auge des Sturms.“
„Einfach ist’s nicht, das kannst du mir glauben. Habt ihr die neuen Zierleisten an meinem Auto gesehen? Bin voll in eine Schießerei reingefahren, hab’s von beiden Seiten abgekriegt. Musste vor einer Ampel anhalten, und schon ging’s los, so plötzlich, dass ich mich nur noch ducken und beten konnte. Die Löcher rechts sind von den Alawiten, die linken von Al Kaida.“ Er schaute zurück auf die Straße.
„Allmählich frage ich mich, ob meine Familie nicht von hier verschwinden sollte.“ Hanna gestikulierte mit einer Hand in der Luft. „Die große Frage ist nur: wohin?“ Er beendete seinen Monolog und schaute kurz zu seinen Mitfahrern hin. „Wo übernachtet ihr heute Abend?“
„Ich hatte eigentlich vor, bei Joseph zu übernachten und dann morgen mit ihm nach Norden zu fahren.“ Farid beugte sich vor, zur Rückenlehne von Josephs Sitz. „Aber er wohnt im selben Viertel wie du, und es wird eine lange Nacht werden, mit dem ganzen Feuerwerk. Nicht ganz das Richtige, um auszuschlafen. Ich finde, wir sollten heute Abend noch losfahren.“
„Das ist ein Wort!“
Farid sah Hanna verdutzt an.
Der fuhr fort: „Ich fahre euch. Wird nicht einfach sein, durch die ganzen Kontrollpunkte zu kommen. Ich weiß gar nicht, ob sie überhaupt offen sind. Sieht aus, als stünden wir mal wieder an einem Scheidepunkt, wie?“ Er schaute angestrengt nach vorne auf die Straße und fügte leise hinzu: „Unser Land geht vor die Hunde.“
Mehrere Minuten lang schwiegen die drei Männer, dann fing Hanna wieder an. „Wir sollten nicht vergessen, uns auszutauschen, was es Neues gibt bei unseren neuen Freunden. Mein Wohnzimmer hat in der letzten Zeit viele fröhliche Besucher gesehen. Am schönsten sind die Gottesdienste, wenn es schon mitten in der Nacht ist.“ Er sah lächelnd zu Pastor Joseph hin. „Jesus hat unser Land nicht aufgegeben!“
Drei Stunden später rollte der Hyundai immer noch durch die Straßen von Damaskus. Es war ein komplizierter Zickzackkurs; zerbombte Straßen, riskante Kontrollpunkte und vorrückende Gruppen von Terroristen und Milizionären zwangen sie zu einigen Umwegen, um aus der Stadt hinauszukommen.
Die drei Männer hatten eine ganze Stunde in angespanntem Schweigen dagesessen, als das Piepsen von Hannas Handy sie zusammenfahren ließ.
„Habibi! Wo trefft ihr euch?“ Hanna wartete auf die Antwort. „Um Mitternacht, gleich nördlich von Damaskus? … Ja. … Ja, ich glaube, wir schaffen das!“
Er drückte mit dem Daumen die Taste, die das Gespräch beendete, und grinste seine Fahrgäste an. „Tja, Freunde, sieht so aus, als ob wir heute Abend doch in der Nähe von Damaskus bleiben. Man hat uns gerade zu einem Treffen eingeladen. Mehr kann ich euch im Augenblick nicht sagen, außer dass der Norden heute Abend ruhig zu sein scheint. Also keine Bange.“
Eine Viertelstunde nach Mitternacht hielt der Wagen vor einem verdunkelten Haus in einem nördlichen Vorort der syrischen Hauptstadt. Hanna drehte sich zu seinen Fahrgästen hin und bedeutete ihnen, leise zu sein. Sie schlossen vorsichtig die Türen des Wagens und glitten zu dem unbeleuchteten Eingang des Hauses. Hanna winkte seinen Freunden, ihm zu folgen, dann drehte er den Knauf der Tür und öffnete sie.
Drinnen war es pechschwarz. Die zugezogenen Vorhänge ließen keinen Lichtstrahl von außen in das Gebäude. Farid und Joseph blieben stehen und lauschten Hannas gedämpftem Schritt, wie er durch die Dunkelheit weiterging. Als ihre Augen sich an die Umgebung gewöhnt hatten, merkten sie, dass der Raum, in dem sie sich befanden, nicht völlig ohne Licht war. Weiter vorne leuchtete unter einer Tür ein dünner Lichtstreifen, der die Silhouette von Hannas Beinen sichtbar machte. Jetzt hörten sie, wie er einen zweiten Türknopf drehte. Ein plötzlicher goldener Schein fiel in den Flur und zeigte eine Treppe, die nach unten führte.
Die drei Männer gingen langsam die Treppe hinunter, die offenbar ins Kellergeschoss führte. Das Licht wurde heller. Am unteren Ende der Treppe öffnete Hanna die nächste Tür. Plötzlich helles Licht. Und Singen. Farid und Joseph standen wie angewurzelt da. In dem Raum hinter der Tür standen mindestens dreißig Personen Schulter an Schulter; viele hatten die Hände anbetend erhoben. Sie sangen voller Begeisterung. Farid fragte sich, was für eine Schallisolierung es war, die dafür sorgte, dass man von draußen diese wunderbare Musik nicht hören konnte.
Sie traten in den Raum. Joseph drückte Farid auf die Schulter und zeigte auf mehrere der Anwesenden. Farids Augen wurden groß, er nickte langsam. Das hier – das gab es doch nicht! Sunniten und Alawiten – ehemalige Erzfeinde – einträchtig vereint. Einige hatten einander die Hände auf die Schultern gelegt. Die meisten nickten im Takt der Musik. Und alle Gesichter strahlten.
Ein paar Straßen weiter, Richtung Süden, verbrachten Sunniten und Alawiten die Nacht damit, aufeinander zu schießen; hier waren sie einträchtig zusammen, um ihren gemeinsamen Erlöser anzubeten.
Joseph flüsterte Farid ins Ohr: „Ich fühle mich geehrt, dass ich hier sein darf.“
Farid nickte. Die beiden Männer spürten die ganze Heiligkeit dieses Augenblicks. In den Nachbarvierteln war buchstäblich die Hölle los – hier in diesem Raum war es der Himmel.
Gute dreihundert Kilometer nördlich drückte ein sunnitischer Mann, der etwas über zwanzig sein mochte, den Lauf einer halb automatischen Pistole an die Schläfe von Haytham Assad. Farids Vater war überrascht, dass die beiden Terroristen so früh bei ihm angeklopft hatten. Sie waren die Vorhut einer größeren Gruppe. Die wollen sich wohl ihre Lorbeeren sichern, bevor die erfahreneren Dschihadisten sie ihnen wegnehmen können. Der ältere Mann saß wie erstarrt. Ihm schwante das Schlimmste.
„Ich habe kein Geld, und wenn ich welches hätte, würde ich es euch nicht geben. Ich bin ein Pastor.“
„Dein Jesus ist ein Schwächling.“ Der Schweiß lief dem Eindringling über die rechte Wange. „Ihr braucht eine Lektion, du und deine christlichen Freunde.“
In einer Ecke des Wohnzimmers saß Suhad, Haythams Frau, und weinte leise vor sich hin. Sie wusste, dass in dem Mietshaus am Vormittag schon fünf Nachbarn getötet worden waren. Nur nichts tun, was diese schießfreudigen Leute provozieren konnte …
„Jesus ist alles andere als ein Schwächling.“ Haytham drehte den Kopf halb vom Lauf der Pistole weg und schielte zu dem Mann neben ihm hin.
Der Komplize, der in der Wohnungstür gestanden hatte, machte Anstalten, zu Haytham in die Mitte des Zimmers zu treten. Der Mann mit der Pistole winkte ihn mit dieser weg, dann zeigte er mit ihr zur Decke hoch. „Wenn er so mächtig war, warum ist er dann nicht vom Kreuz runtergestiegen? Sagen Sie mir das, Mr Christ!“ Er spuckte dicht an Haythams Wange vorbei.
Der Pastor sah die beiden Männer in seinem Wohnzimmer an. „Er wollte nicht vom Kreuz herabsteigen! Er kam ja in die Welt, um ans Kreuz zu gehen – um dort für meine Sünden zu bezahlen. Und für eure.“
„Meine Sünden