Er hörte die Stimmen der beiden Männer, bevor er sah, wie sie um die Ecke der am nächsten gelegenen Hütte kamen. Es klang, als ob sie sich stritten; warum, konnte er nicht verstehen. Er sog ein letztes Mal die frische Luft ein, schloss den Deckel und streckte sich wieder in der Finsternis seines selbst gewählten Gefängnisses aus. Bis jetzt verstand er immer noch nicht ganz, wie sein Leben diese Wendung hatte nehmen können.
Ein paar Monate zuvor hatte Azzam geistlichen Rat gebraucht.
„Der Mann, den du in deinen Träumen siehst, ist der Teufel! Höre nicht auf ihn!“
Azzam stand schweigend da, während Imam Hussein Mohammad ihn abkanzelte. Mehrere Minuten lang machte das geistliche Oberhaupt des Dorfes es Azzam klar, was er von seiner Geschichte hielt. „Diese ‚Visionen‘, oder wie du das nennst, sind falsch! Alle! Wie oft muss ich mir diesen Dreck noch anhören von den Leuten? Lass dich nicht in die Irre führen! Komm wieder, wenn du einen Traum vom Großen Propheten hast!“
„Aber ich hab jetzt schon sieben Visionen von diesem Mann gehabt, der sich Jesus nennt! Warum kommen die immer wieder? Was will er mir sagen?“
Die Antwort war ein Fausthieb in Azzams Gesicht, dass er rücklings auf die Schuhe fiel, die die Gläubigen am Eingang der Moschee abgestellt hatten. Die Augen des Geistlichen schossen Blitze auf den unglücklichen Fragesteller. Die Menschen im Inneren der Moschee waren mit dem Freitagsgebet beschäftigt, und niemand bemerkte den halb Bewusstlosen, der da plötzlich mitten zwischen den Schuhen lag.
Wie durch einen dicken Vorhang hörte Azzam die Gebete im Inneren der Moschee. Reglos und mit geschlossenen Augen lag er da, bis der Imam sich umdrehte und zu den Gläubigen ging. Noch halb benommen, rappelte Azzam sich hoch und kroch buchstäblich zur Tür. Was wäre passiert, wenn ich ihm auch noch gesagt hätte, dass ich die letzte Vision hier in der Moschee hatte? Er zwang sich auf die Füße und trat ins helle Sonnenlicht hinaus, um langsam nach Hause zu gehen. Dann wäre ich jetzt wahrscheinlich ein toter Mann.
Er stakste in sein Zimmer. Was er jetzt brauchte, war sein Bett. Aber halt – was war das? Er blieb in der Tür stehen, eine Schulter an den Rahmen gelehnt, und starrte auf sein Bett. „Das gibt’s doch nicht …“, flüsterte er. Auf dem Bett lag ein vielleicht neunzig Zentimeter langes hölzernes Kreuz. Es war blutverschmiert.
„Wer hat das da hingetan? Das ist bestimmt eine Falle! Wenn mein Vater das sieht … Wenn irgendjemand das sieht …“
„Mein Blut ist noch frisch genug für dich, Azzam.“ Azzam fuhr zusammen, sein Blick eilte hastig nach oben und durch das Zimmer. Er kannte diese Stimme gut, er hatte sie oft genug gehört. Jesus. Er sprach so laut, dass jeder im Haus es hören konnte. Azzam schaute wieder auf sein Bett, das jetzt ganz von Blut bedeckt war.
Seine Schockstarre löste sich abrupt. Er drehte sich um und rannte zu seiner Mutter, die in der Küche stand und nichts bemerkt zu haben schien. Er packte ihren Arm und zog sie in sein Zimmer. Sein jüngerer Bruder, Hadsch, folgte dicht hinterher.
„Mutter! Wer hat dieses Kreuz auf mein Bett getan?“
„Was für ein Kreuz? Azzam, hast du den Verstand verloren? Da ist nichts auf deinem Bett.“ Sie zeigte auf die Matratze. „Aber wo kommt dieser Blutgeruch her? Hast du dich schon wieder geprügelt? Hast du jemanden umgebracht?“
Obwohl Hadsch zwei Jahre jünger war als Azzam, war er bereits ein kräftiger junger Mann. Er packte Azzam am Hemd, warf ihn zu Boden und trat seinem abtrünnigen Bruder ins Gesicht. „Warte, das sag ich Vater, dann werden wir mal sehen …“ Er drehte sich um und stürmte aus dem Zimmer.
Azzam sah seine Mutter an. „Mutter, Jesus war wieder hier! Du glaubst mir doch, oder? Du musst mir glauben. Warum sollte ich so was erfinden? Hast du ihn nicht gehört?“
Rawia Mubarak schaute ihrem Ältesten fest in die Augen. „Geh, Sohn, und komm nicht wieder.“
Azzam war auf der Stelle losgegangen und fast ohne Pause die vierzig Kilometer zu einem Dorf gelaufen, wo es Freunde gab, die ihn beschützen würden. Es war schon einiges nach Mitternacht, als er dort ankam. Jetzt, drei Wochen später, wusste sein Vater sicher ungefähr, wo er war. Doch da lag Azzam falsch; sein Vater wusste nicht ungefähr, wo er war, er wusste es genau. Vor einem so erfahrenen und geschickten Warlord und Piraten wie Mubarak Senior konnte sich niemand lange verstecken, der in seinem Machtbereich lebte und den er suchte.
„Paket für Azzam Mubarak!“ Die Stimme kam von draußen.
Azzam öffnete die Tür des sicheren Hauses, wo er lebte.
Der Mann draußen senkte die Stimme und sagte ernst: „Von Ihrem Vater.“
Azzam starrte den Fremden an, dann das große Paket, das er auf den Boden gestellt hatte. Der Paketkurier trat einen Schritt zurück.
Azzam sagte, halb zu ihm, halb zu sich selbst: „Von meinem Vater? Warum?“ Sein Blick ging an den Häusern gegenüber entlang. Das Dorf war ungewöhnlich still, niemand war auf der Straße. War das hier eine Falle? Vielleicht eine Paketbombe? Oder würden, sobald er das Paket hochhob, Piraten um die Ecke stürmen und ihm ihre Messer in den Bauch stoßen?
Azzam blinzelte, zweimal, dreimal, wog die Möglichkeiten ab. Oder hat mein Vater eingelenkt und das hier ist ein Friedensangebot? Er hat ja mal gesagt, dass ich sein Nachfolger werden sollte. Vielleicht will er mir eine zweite Chance geben. Azzam hatte bereits bewiesen, dass er zum Piraten taugte. Vielleicht wollte ihn sein Vater als Junior-Warlord willkommen heißen.
Er trat zu dem Paket. Der Kurier trat noch einen Schritt zurück. Azzam kniete sich hin, legte die Hände an beide Seiten des Pakets und schüttelte es vorsichtig. Es fühlte sich schwer an, aber es klapperte nichts. Was da drinnen war, schien eher etwas Weiches zu sein und keine Bombe. Er öffnete den Karton.
Der Anblick des Inhalts traf ihn wie ein Blitzschlag. Sein Kopf zuckte unwillkürlich zurück. In einer durchsichtigen Plastiktüte lagen menschliche Körperteile, eine schmierige Masse aus Blut und braunem Fleisch. Azzams Mutter.
Vergeltung und Rache waren unter somalischen Warlords das Normalste der Welt, aber dass sein eigener Vater seine Mutter zerstückelte, weil sie Azzam geholfen hatte zu entkommen, war selbst für einen abgehärteten jungen Nachwuchspiraten undenkbar gewesen. Und wie um die grausame Hinrichtung noch zu betonen, lag auf dem Beutel mit den menschlichen Überresten ein Foto, das Azzams Mutter zeigte, wie sie weinend vor zwei Männern kniete, die bereits ihre Messer erhoben hatten. Azzam kannte die Männer. Mahdi und Jasin hatten also die Exekution übernommen. Sie hatten ihren Job gut gemacht.
Am unteren Rand des Fotos stand in der Handschrift von Azzams Vater geschrieben: „Wenn du versuchst, deine Mutter in Somalia zu beerdigen, werden wir sie ausgraben und Hunde mit ihr füttern.“
Am folgenden Tag schaffte Azzam die Leiche seiner Mutter an die Küste und versenkte sie im Meer.
Kreis. Drei. Rechts. Strich.
An dem Tag, an dem er das Paket seines Vaters öffnete, endete Azzam Mubaraks Leben als Pirat. Kurz darauf begann sein Leben als mutiger Jünger dessen, der – wie er nun wusste – mehr war als nur ein großer Prophet. Der mutige Sohn eines Warlords ging mit festen Schritten die staubige Dorfstraße entlang. Ein Dutzend Augen lasen seine Handsignale, ohne sich etwas anmerken zu lassen.
Eine Viertelstunde danach versammelten sich zwölf Personen in einem der Häuser des Dorfes. Drei klopften nacheinander an der Hintertür an. Mehrere andere kletterten durch ein Fenster in der Nordwand des Hauses, die übrigen durch das Fenster in der Südwand. Keiner benutzte die Haustür. Dies war das zweite Treffen somalischer Christen in diesem Dorf sechzehn Kilometer südlich von Mogadischu, das bis vor zwei Monaten zu hundert Prozent muslimisch gewesen war.
Jetzt verbrachte Azzam, der Leiter der Gruppe, viele Nächte damit, die Fragen der anderen zu beantworten und ihnen die Geschichte des mysteriösen Blutkreuzes auf seinem Bett zu erzählen. Schon nach der ersten dieser Zusammenkünfte hatten die frisch gebackenen Christen einen horrenden