Auf das Singen folgte eine bewegende Fußwaschungszeremonie. Neubekehrte Christen alawitischer Herkunft stellten Wasserschüsseln auf den Boden und wuschen die Füße ihrer vormals sunnitischen Brüder und Schwestern. Farid, Joseph und mehr als einem Dutzend anderer kamen die Tränen. Dann waren die Christen sunnitischer Herkunft an der Reihe. Mehr Tränen. Ein ehemaliger Alawit küsste vor Freude aufschluchzend den Kopf des ehemaligen Sunniten, der ihm die Füße wusch. Als sie fertig waren, umarmten die beiden Männer sich weinend, sodass ihre Schultern von den Tränen nass wurden.
Farid hörte, wie ein anderer ehemaliger Sunnit die Füße eines Alawiten abtrocknete und ihm sagte: „Bitte vergib mir, wie meine Leute deine Leute behandelt haben. Jesus wusch die Füße seiner Jünger aus Liebe und Demut. Ich wasche deine in demselben Geist.“
Zwei Stunden lang ging der Anbetungsgottesdienst weiter. Als das Singen, Beten und Fußwaschen zum Ende kam, bedeutete Majeed Husain − der Bruder eines alawitischen Scheichs − der Versammlung, auf dem Fußboden Platz zu nehmen. Er selbst blieb stehen und begann: „Unser Herr hat uns heute hier zusammengebracht. Ich hatte monatelang diese Träume, die ich mir nicht erklären konnte. Ich konnte sie nicht abschütteln. Schließlich begann ich, im Neuen Testament zu lesen. Als ich zu der Stelle im Matthäusevangelium kam, wo Jesus sagt: ‚Folge mir‘, war ich sprachlos. Genau das hatte er mir in jedem meiner Träume gesagt!
Als ich Jesus in mein Herz aufnahm, füllte er es so mit Liebe, dass ich nicht mehr hassen konnte. Dann kam der Tag, wo Kamal mich zu einer Tasse Tee einlud.“ Er nickte zu einem Mann hin, der zu seiner Rechten auf dem Boden saß. „Die Einladung war ein großes Risiko für ihn.
Voller Freude entdeckte ich, dass ich nicht allein war. Auch anderen Menschen war Jesus begegnet. Viele hatten ganz ähnliche Träume gehabt wie ich.
Stellt euch das vor: Kamal aus einer sunnitischen Familie hat mich, der ich aus einer alawitischen Familie komme, zu Jesus geführt, der aus einer jüdischen Familie kam. So wurde ich ein Glied der christlichen Familie!“ Mehrere Anwesende lachten. „Was für ein großartiger Friedensplan!“
Kamal erhob sich und stellte sich neben Majeed. Der nickte und nahm Platz.
Kamal fuhr fort, wo Majeed aufgehört hatte. „Viele Jahre haben Sunniten und Alawiten Seite an Seite gelebt. Gut, wir hatten unsere Differenzen. Aber dieser Krieg hat unsere Nation auseinandergerissen. In den letzten vier Jahren habe ich mehr Tod und Zerstörung erlebt als in den vierzig Jahren meines Lebens davor. Aber Jesus liebt Syrien.“ Er schaute zu Majeed hinunter. „Majeed, mein Bruder, im vierten Kapitel des Matthäusevangeliums steht auch: ‚Und die Kunde von Jesus erscholl durch ganz Syrien.‘
Und das ist der Grund, warum wir heute hier sind. Jesus hat uns aus der Welt, aus diesem Krieg und aus unseren Familien herausgerufen, um seine Zeugen in Syrien zu sein!“ Kamal hielt inne und ließ seinen Blick langsam über die Versammlung gleiten, wobei er jedem Einzelnen in die Augen schaute. Dann fuhr er fort: „Dies wird uns das Leben kosten. Wir werden sterben müssen für die Sache Jesu. Die Jesusbotschaft ist das genaue Gegenteil von dem ethnischen und religiösen Hass, der unser Land kaputt macht.
Der Feind ist gekommen, um zu trennen und zu spalten. Wir werden ihn besiegen, indem wir zusammenstehen. Der Satan jubiliert über all den Tod um uns herum.“ Kamal lächelte. „Er glaubt, dass er gewonnen hat, aber bald wird Jesus ihn vernichten. Und Jesus wird das tun, was nur Er tun kann. Allein Jesus kann alle Stämme, Sprachen und Völker zusammenbringen. Allein Jesus kann ein Herz, das vom Hass beherrscht wird, rein machen.“
Als Kamal und Majeed fertig waren, löste sich die kleine Versammlung auf. Nacheinander, einzeln oder zu zweit, gingen die Teilnehmer still die Treppe hoch in die Dunkelheit. Es war fast drei Uhr morgens, als Hanna Farid und Joseph in ein leeres Zimmer irgendwo oben führte, wo sie die Nacht verbringen konnten. Mit tiefem Frieden im Herzen schlief Farid auf dem mit Teppichen belegten Boden ein.
Das Klingeln seines Handys weckte Farid. Er schielte zu dem fahlen Licht hin, das durch die geschlossenen Vorhänge kam. Die Sonne war noch nicht richtig aufgegangen. Er drückte die Taste, um das Gespräch entgegenzunehmen, vor dem er solche Angst hatte; gleich würde er hören, was die Terroristen in Latakia mit seinen Eltern gemacht hatten.
Die Stimme seines Vaters. Erleichterung. Im Hintergrund das Weinen seiner Mutter, während Haytham Assad ihm über die traumatische nächtliche Begegnung mit den beiden Terroristen berichtete. Der eine von ihnen hatte ihm angedroht, ihn zu töten, und direkt an seinem Kopf den Abzug einer ungeladenen Pistole gedrückt.
Terroristen der al-Nusra-Front (ein Ableger von Al Kaida) kämmten die Häuser systematisch nach „Abtrünnigen“ durch. Wer nicht bereit war, zum Islam überzutreten, indem er die Schahada2 nachsprach, musste ein hohes Kopfgeld zahlen. Konnte oder wollte er dies nicht, bekam er prompt eine Kugel in den Kopf. Die Terroristen hatten bereits eine lange Blutspur hinter sich gezogen, als sie in dem Viertel ankamen, wo Farids Eltern wohnten.
Haytham Assad erging sich nicht in Einzelheiten, aber Farid wusste auch so, wie ernst die Lage seiner Eltern war. In der Nacht, in dem wunderbaren Gottesdienst, hatte er Freudentränen geweint; jetzt, als das Gespräch beendet war, weinte er aus Angst um seinen Vater und seine Mutter.
Haytham hatte versucht, die Sache herunterzuspielen, aber Farid wusste, dass sein Vater keine Kompromisse mit den Terroristen eingehen würde. Niemals würde er seinen Glauben verraten und zum Islam übertreten. Wie oft hatte er schon davon gesprochen, für Jesus zu sterben, als ob er spürte, dass das sein Schicksal war.
Farid wischte sich die Tränen von den Wangen und holte tief Luft. Er hatte einen Entschluss gefasst. Er würde zu seinen Eltern fahren und sie in ein sicheres Haus bringen. Er würde ihnen klarmachen, dass es keine andere Wahl gab. Er schloss die Augen und betete still, dass er nicht zu spät käme. Dann drehte er sich zu Hanna und tippte ihm auf die Schulter. Hanna bewegte sich und schlug die Augen auf.
„Hanna, wir müssen fahren.“
Joseph fuhr nicht mit. Er würde schon irgendwie anders nach Hause kommen. So saßen nur Farid und Hanna in dem Auto, als es von Damaskus Richtung Norden brauste. Selbst im günstigsten Falle würde die Fahrt dreieinhalb Stunden dauern, aber zwischen Damaskus und Latakia lag Homs. Die Kontrollpunkte dort würden fast mit Sicherheit Probleme bereiten. Und dann natürlich die Kämpfe. Farid berichtete Hanna, was er über die aktuelle Lage in Homs wusste.
„Homs wird gerade belagert, aber unser Weg führt mitten durch die Stadt. Wenn wir es bis nach Homs schaffen und dann anschließend in Richtung Westen abgebogen sind, wird es wahrscheinlich kein Zurück mehr geben.“ Farid hielt inne und dachte nach. „Ich hab einen Freund in der Gegend, der bestimmt weiß, wie der neueste Stand ist. Ich ruf ihn eben mal an.“
Er holte das Telefon aus seiner Jackentasche, ging die Kurzwahlliste durch und wählte die Nummer des Freundes.
„Mosab! … Ja, mir geht’s gut. Ich bin auf dem Weg nach Latakia. Wie sieht’s gerade in Homs aus? Weißt du was?“ Hanna sah aus dem Augenwinkel, wie Farid immer blasser wurde, während er der Stimme am anderen Ende der Leitung zuhörte. Jetzt keuchte er auf.
„Nein! Das ist ja furchtbar! Wie viele? Wann?“ Farid hörte weiter zu. „Ja, Mosab. Wir werden vorsichtig sein.“
Er beendete das Gespräch und starrte sein Handy an. Schweigen; Hanna kam es wie eine halbe Ewigkeit vor. Er schaute mehrfach kurz zu seinem Freund hin. Einerseits konnte er es nicht erwarten, zu hören, was Farid gerade erfahren hatte, andererseits hatte er Angst davor.
Mehrere Minuten der Stille vergingen, in denen Farid den Blick weiter wehmütig auf das Telefon in seiner Hand gerichtet hielt, als könne es die Worte zurücknehmen, die da gerade aus ihm gedrungen waren. Dann sagte er leise: „Heute Morgen haben sie am Stadtrand von Homs sieben Männer enthauptet. Es waren alles junge Christen. Vorher haben sie sie noch gefoltert, hat Mosab gesagt.“
Er wandte den Kopf ruckartig zu Hanna. „Mosab hat auch gesagt, dass wir besser umkehren sollten.“ Er musterte das Gesicht