Zwanzig Minuten vor Homs war der Verkehr erstaunlich schwach. Farid und Hanna spekulierten, dass die Soldaten anderswo dringender gebraucht wurden und die Kontrollpunkte daher gerade nicht besetzt waren. Aber wer wusste, welche anderen Gefahren dafür vor ihnen lagen?
„Farid, kannst du beten, während ich fahre? Es ist jetzt nicht mehr weit zu dem Abzweig nach Latakia. So weit ist alles glattgelaufen, aber ich hab so ein dummes Gefühl in der Magengegend.“
Farid betete stumm um Gottes Schutz und Leitung, während seine Augen wachsam die Straße vor ihnen fixierten. Hanna betete ebenfalls und mehrere Minuten lang sagte keiner der beiden etwas.
Jetzt fuhr Hanna auf die Ringautobahn; hier begann die Strecke, die nach Westen zur Küste führte. Der Wagen verließ die Einfädelspur; vor ihnen lag ein längeres gerades Stück. Plötzlich zeigte Farid nach vorne. Ein paar Hundert Meter weiter vorne kam von rechts, über eine Wiese, vielleicht ein Dutzend Männer mit Gewehren gerannt. Jetzt leuchteten die Bremslichter mehrerer Autos vor ihnen auf. Gleichzeitig hörte man Schüsse. Farid, der sich mit den Waffen der verschiedenen Milizen etwas auskannte, erkannte die Gewehre: AS 50-Scharfschützengewehre aus britischer Herstellung. Die Männer auf der Wiese hatten angehalten und das Feuer auf die Fahrzeuge auf der Autobahn eröffnet.
Sie sahen, wie drei der Wagen vor ihnen ins Schlingern kamen und einander streiften. Ein roter Kia Rio flog nach rechts von der Straße und landete im Graben. Ein zweiter Kia rutschte seitwärts die linke Fahrspur entlang, und der dritte Wagen, ein Hyundai, schoss nach links und riss ein dort fahrendes Motorrad mit auf den Mittelstreifen.
Hanna war sofort klar: Jetzt anhalten wäre der sichere Tod. Er drückte das Gaspedal durch. Zwei weitere Autos vor ihnen wurden von den Kugeln getroffen; das eine schleuderte nach links, das andere nach rechts.
Farid ließ sich auf den Boden des Elantra fallen, während Hanna, halb auf der rechten, halb auf der linken Fahrspur, durch die Lücke schoss. Das Rattern der Schüsse wurde leiser. Die beiden Freunde sahen einander an, die Augen weit aufgerissen.
Neunzig Minuten später gingen die beiden auf Zehenspitzen die Treppe zur Wohnung von Farids Eltern hoch. Oben gebot Farid Hanna mit einem Handsignal zu warten, dann legte er sein linkes Ohr an die Tür. Er hörte nichts. Er drehte vorsichtig den Türknopf. Die Tür war unverschlossen.
„Mutter? Vater?“ Farid ging hinein, sein Blick fuhr durch die Wohnung. Haytham und Suhad Assad saßen am Küchentisch. Als ihr Sohn hereintrat, schauten sie von ihrem Tee hoch und lächelten. Mehrere Sekunden stand Farid da und schaute seine Eltern an, die gesund und munter waren.
Haytham erzählte ihm das, was er vor fünf Stunden, bei dem Telefongespräch, nicht über die Lippen gebracht hatte. „Die beiden Männer, von denen ich dir vorhin erzählt habe, haben gesagt, dass sie morgen wiederkommen, um entweder meine Bekehrung anzunehmen oder das Lösegeld für mein Leben.“ Sein Lächeln verflog. „Sie wollen 10.000 Dollar. Ha! Die wissen genau, dass ich nicht so viel Geld habe; ich hab ihnen doch gesagt, dass ich Pastor bin!“
Sein Sohn blinzelte, nickte, trat in die Küche und umarmte seine Eltern.
Farid tätigte noch einen Anruf, um zu sehen, ob das sichere Haus, das er für seine Eltern im Auge hatte, zur Verfügung stand. Am Abend, zur Essenszeit, saßen Haytham und Suhad auf einem Sofa im Wohnzimmer einer Wohnung, die eine Autostunde südlich von Latakia lag, ebenfalls an der Mittelmeerküste. Unterwegs hatte Farids Vater darauf bestanden anzuhalten, damit er eine muslimische Familie besuchen konnte.
„Farid, ich weiß, du hältst mich für verrückt“, sagte er anschließend, „aber sie hatten mich erst gestern angerufen. Der Vater hat diesen Monat acht Träume von Jesus gehabt. Er hatte Fragen.“
Farid schüttelte aufseufzend den Kopf. „Vater, bei dir kann ich mir eine Flucht gar nicht anders vorstellen. Ich weiß doch, dass du keine Gelegenheit auslässt, mit den Leuten über Jesus zu reden, und wenn der Himmel einstürzen würde.“
Der Ort, in dem die Wohnung lag, war bisher von den „Säuberungsaktionen“ der Islamisten verschont geblieben, die in den größeren Städten wüteten. Hanna, Farid und Farids Eltern würden in dieser Nacht gut schlafen, und am Morgen würden Hanna und Farid nach Damaskus zurückfahren. Dort sollte in der folgenden Nacht das nächste Treffen der Christen stattfinden.
Am Morgen kamen alle überein, dass Haytham und Suhad so lange in dem sicheren Haus bleiben würden, wie es nötig war. Latakia war zurzeit einfach zu gefährlich und Farid fand, dass es auch keine Alternative war, seine Eltern zu sich nach Damaskus zu holen. Und so traten Farid und Hanna am Nachmittag die Rückfahrt nach Damaskus an, in dem Wissen, dass Haytham und Suhad fürs Erste in Sicherheit waren.
Die Fahrt verlief bemerkenswert glatt. Als sie Damaskus erreichten, bogen sie ein Stück nach Osten ab, um den schlimmsten Vierteln auszuweichen. Als sie in Hannas Viertel ankamen, war alles ruhig. Die beiden Männer sprachen leise ein Dankgebet, auch wenn dies nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm war.
In der folgenden Nacht, pünktlich um zwei Uhr, trafen sich zehn führende Männer aus der christlichen Gemeinde vor Ort im Keller eines Hauses. Die Männer begrüßten sich wortlos und schoben sich in den Versammlungsraum. Als alle saßen, stand Farid auf und begann, so leise, dass es fast nur ein Flüstern war:
„Wenn wir und unsere Familien die Stadt nicht bald verlassen, weiß ich nicht, ob wir später noch lebendig herauskommen werden. Erst vorgestern haben sie in Latakia meinem Vater eine Pistole an die Schläfe gehalten und ihn bedroht, und Hanna und ich wären auf unserer Fahrt durch Homs fast ums Leben gekommen. Es scheint, dass das Chaos in Syrien inzwischen der Normalzustand ist.“ Farid unterbrach sich und musterte die Gesichter vor ihm. „Ich frage mich wirklich, ob dies noch das richtige Land für unsere Kinder ist. Wir müssen im Gebet Gottes Führung suchen. Ich möchte uns zu einer Woche des Gebets und Fastens aufrufen.
In der Bibel befand sich König Hiskia in Jerusalem einmal in einer ähnlich verzweifelten Lage wie wir heute. Der Assyrerkönig Sanherib drohte öffentlich mit der Zerstörung der Stadt, und er hatte die Mittel, diese Drohung wahr zu machen. Hiskia konnte der assyrischen Dampfwalze aus eigener Kraft nichts entgegensetzen. Die Assyrer hatten auf ihrem Marsch nach Israel bereits eine blutige Spur der Verwüstung durch das gezogen, was heute unser Land ist, wie auch durch den Libanon.“
Farid hob die rechte Hand und zeigte zur Decke. „Aber Hiskia war so unserem himmlischen Herrn ergeben, dass er der Versuchung widerstand, auf eigene Faust zu handeln. Er nahm den Drohbrief des assyrischen Königs und breitete ihn auf den Stufen des Tempels vor Gott aus.
Hiskia suchte den Herrn. Er betete. Und er wartete – aber nicht lange.“ Farid lächelte. „Schon am folgenden Tag hat Gott ihm geantwortet. Er schickte einen Engel in das Heerlager der Assyrer, der ihre Armee vernichtete.“
Farid hielt erneut inne und faltete seine Hände auf der Brust. „Heute stehen wir in einer ähnlichen Situation. Gott allein hat die Antwort. Lasst uns ab heute, jeder für sich, sieben Tage lang diese Frage ihm vorlegen: Sollen wir in Syrien bleiben oder gehen? Lasst uns eine Woche lang alles andere ruhen lassen, bis auf das Wichtigste – das Gebet.
Wenn ihr in dieser Woche den Eindruck bekommt, Gott will, dass ihr und eure Familien das Land verlasst, dann brecht so bald auf, wie ihr könnt. Ruft er euch dagegen auf zu bleiben, dann kommt wieder hierher, zu unserer nächsten Versammlung, in genau einer Woche zur gleichen Uhrzeit.“
Farid breitete die Hände aus. „Es kann sein, dass der Herr für euch etwas anderes vorhat als für mich. Das ist völlig in Ordnung und niemand muss sich gedrängt fühlen, sich so oder so zu entscheiden. Wir wollen keine Helden sein, wir wollen Gottes Willen für uns und unsere Familien. Egal, ob wir bleiben oder gehen, wir nehmen von Jesus die Botschaft der Liebe und Vergebung mit.“
Alle nickten. Farid schloss die Augen und hob seine Hände über den Kopf. „Und jetzt lasst uns beten, bevor wir gehen.“
Sieben