Seewölfe Paket 12. Roy Palmer. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Roy Palmer
Издательство: Bookwire
Серия: Seewölfe - Piraten der Weltmeere
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9783954395019
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hat es uns doch erklärt: Weil es hier so viele Vulkanausbrüche gibt, haben auch die Spanier und Portugiesen davon abgesehen, die Insel zu besiedeln und hier nach Gold und Silber zu suchen.“

      Old O’Flynn warf ihm einen schiefen Blick zu. „Wenn dieser verfluchte Flekken Erde wirklich unbewohnt ist, will ich den ganzen Sand fressen, der auf dem Strand hier rumliegt.“

      Shane grinste. „Darauf komme ich noch zurück, mein guter, verlaß dich drauf.“

      „Wir können nicht die ganze Insel auskundschaften“, sagte Hasard. „Deshalb wird aller Wahrscheinlichkeit nach die Frage ungeklärt bleiben, ob hier Eingeborene leben oder nicht. Uns soll es egal sein, solange sie uns nicht behelligen. Wir suchen eine Süßwasserquelle, weil ein Wasserfaß mal wieder faulig geworden ist und der Kutscher ein zweites entdeckt hat, das leider ausgelaufen ist – und wir schießen ein wenig Wild, falls sich die Möglichkeit dazu bietet. Dann verschwinden wir wieder, und zwar spätestens morgen früh.“

      „Aye, Sir“, sagte Carberry. „Übrigens scheint es mit dem einen Punkt, den du an Bord erwähntest, seine Richtigkeit zu haben: Die Westseite aller Inseln über dem Winde ist die beste zum Landen, denn im Osten lauern die tückischen Korallenriffe, und dort ist auch die Küste steiler und zerklüfteter. Das dürfte hier ja wohl nicht anders sein als weiter im Norden und weiter im Süden.“

      Der Seewolf blieb neben dem mannsdicken Stamm einer Kokospalme stehen. „Genau, und aus diesem Grund habe ich ja auch gegen den Wind kreuzen wollen, um von dieser Seite her die Insel anzugehen. Im übrigen ist hier die Vegetation weniger üppig, es gibt keinen richtigen Dschungel wie im Osten, wo mit dem Nordost-Passat der meiste Niederschlag fällt.“

      „Na, dem Himmel sei Dank“, sagte Old O’Flynn. „Wenigstens ein Lichtblick. Wir brauchen uns nicht durch Lianen und Mangroven zu hauen. Das haben wir ja auch wirklich oft genug geübt.“

      „Luke“, sagte Sam Roskill. „Wenn du hier eine Festung bauen solltest, wo würdest du sie errichten?“

      „Dämliche Frage“, brummte Luke Morgan. „Aber, na ja, mal sehen.“ Er hob den Kopf und rieb sich das Kinn. Nach einigem Überlegen wies er zu den Bergen, die sich hinter dem nördlichen Ufer der Bucht erhoben. „Da oben würde ich sie errichten. Von dort aus hat man bestimmt einen großartigen Überblick über die ganze Insel.“

      „Ja, das glaube ich auch“, pflichtete der Seewolf ihm bei. „Aber ich schätze, dort wird nie etwas Derartiges entstehen. Seit Kolumbus die Insel im Jahre 1502 entdeckt hat, haben Seefahrer nur selten und höchst unwillig ihren Fuß auf diese Strände gesetzt. Um jetzt jedoch auf meine Unterlagen zurückzukommen: Sicher scheint zu sein, daß es hier ausgezeichnete Quellen gibt, Wasser in Hülle und Fülle.“

      Der Profos grinste. „Also los, auf was warten wir noch? Bringen wir’s hinter uns. Ich glaube, ich höre die Quellen schon gluckern, Sir.“

      „Ich höre was anderes“, sagte jetzt Bill. „Sir, ich bitte um Entschuldigung, aber – aber ich bin mir nicht sicher. Ich glaube, da war so etwas wie – menschliche Schreie.“

      „Bin mir nicht sicher, ich glaube“, äffte Carberry ihn nach. „Bill, du triefäugige Seegurke, wie oft soll ich dir noch sagen – drück dich gefälligst klar und deutlich aus!“

      Hasard ging nicht auf die Worte seines Profos’ ein, er sah vielmehr Bill eindringlich an. Bill verfügte über ein wirklich ausgezeichnetes Gehör, das war jedem Mann an Bord der „Isabella“ bekannt.

      „Aus welcher Richtung hörtest du die Schreie?“ fragte Hasard.

      Bill deutete zum Inneren der Insel. „Aus Osten – nein, aus Nordosten, glaube ich.“

      Carberry blickte immer grimmiger drein. „Glaube ich! Nun hör sich das einer an!“

      „Der Wind trägt die Laute zu uns herüber“, sagte der Seewolf. Er lauschte selbst danach, vermochte jedoch außer einigen Geräuschen, die aus dem Dschungel im Zentrum der Insel herüberwehten und bestimmt von Tieren stammten, nichts herauszuhören.

      „Suchen wir zuerst die Quelle“, sagte er deshalb. „Anschließend steigen wir auf einen der Berge und halten Umschau. Vielleicht sehen wir dann ja, was die Ursache für die Schreie war. Können das keine Affen oder Vögel gewesen sein, Bill?“

      „Durchaus. Ich bin wirklich nicht sicher. Tut mir leid, Sir.“

      „Schon gut, Bill.“

      „Das nächste Mal hältst du am besten gleich deine Luke, du Dorsch“, sagte der Profos.

      Old O’Flynn warf Big Old Shane einen Seitenblick zu und sagte leise: „Ich ahne es nicht nur, ich weiß jetzt, daß ich den Sand nicht fressen werde.“

      Hasard drang als erster in das Gebüsch unter den Palmen ein, und seine sieben Begleiter folgten ihm rasch, um den Anschluß nicht zu verlieren.

      Ben Brighton, der Erste Offizier und Bootsmann der „Isabella“, und die anderen Männer, die an Bord der Galeone zurückgeblieben waren, sahen ihren Kameraden mit gemischten Gefühlen nach. War der Friede dieser Insel nicht trügerisch und unheilverkündend?

      Keiner von ihnen vermochte sich auch nur auszumalen, was sich zu dieser Zeit vor dem Ostufer von Martinique bei den Korallenriffen abspielte.

      Einen genauen Überblick über die Geschehnisse zu beiden Seiten der Insel hatte in diesem Moment praktisch nur ein Mann.

      Dieser Mann hieß Regis La Menthe.

      Weder der Seewolf noch sonst jemand von der „Isabella“ war diesem La Menthe je zuvor begegnet, und auch umgekehrt hatte La Menthe nicht die geringste Ahnung, wer die Männer sein mochten, die vom Strand der Westbucht her ins Innere der Insel vordrangen.

      Dennoch sollte es zwischen ihnen zu einer Begegnung kommen, zu einem sehr unerfreulichen Treffen allerdings.

      2.

      Regis La Menthe saß hoch oben auf einem kleinen Plateau in den Bergen, an deren Hängen Sam Roskill und Luke Morgan sich ein Kastell hätten vorstellen können. Oder, besser gesagt, er thronte auf einem hölzernen Gestühl, das einer seiner schwarzen Diener ihm hatte nachtragen müssen, als sie zusammen hier heraufgestiegen waren.

      Einer der Neger hielt jetzt einen aus Schilfmatten geflochtenen Sonnenschirm über La Menthes kahles Haupt, während der andere seinem Gebieter mit einem großen Federbusch Kühlung zufächelte.

      Der vierte Mann in der seltsamen Versammlung war wiederum ein Weißer, und zwar ein gedrungener, bullig wirkender Mann mit groben Zügen und einem verkniffenen Gesichtsausdruck. Er stand nicht weit abseits und hielt eine geladene Muskete in den Fäusten, mit der er sofort auf die Sklaven schießen würde, falls diese auch nur ansatzweise etwas wie einen Fluchtversuch oder eine Rebellion wagten. Zusätzlich hatte er zwei Pistolen und ein Entermesser in seinem breiten Leibgurt stecken.

      La Menthe, der aus der französischen Hafenstadt Dieppe stammte, beobachtete interessiert durch sein mit Messing und Perlmutt besetztes und mit Gravuren verziertes Spektiv, was draußen auf See und am Strand der Westbucht geschah.

      Als an Bord der „Novara“ die Schreie ertönten und mit dem Nordost-Passat bis zu den Inselbergen getragen wurden, hob auch der vierte Mann wie witternd seinen wuchtigen Kopf.

      „Ja, Duplessis“, sagte La Menthe. „Es sind Menschen, die da um Hilfe rufen und sich womöglich gegenseitig über den Haufen rennen, denn sie sind in Gefahr. Sie treiben geradewegs auf den Strudel zu, der sich wieder einmal vor dem großen Riff gebildet hat. Ich sage dir, es sind Narren. Aber sie sind auch Störenfriede, mit denen wir nichts zu tun haben wollen, und daher ist es gut, wenn sie wie die Ratten ertrinken.“

      „Gut“, wiederholte Duplessis und nickte dazu. „Ein großes Schiff?“

      „Zwei Schiffe, mein Freund“, erwiderte La Menthe. Er lächelte ein wenig. „Zwei Galeonen, jede mit drei Masten, und beide fast gleich groß – und doch scheint das eine