Für die italienischsprachige Alto Adige:
extracomunitar*, migra*, stranier*, lavorator* stagional*, profugh* (rifugiat*, fuggiasc*, fuggitiv*, asilo politico, richiedenti asilo).
Das Resultat der Stichwortsuche ist ein individuell zusammengestelltes Korpus mit individuell gewählten Stichworten. Die Keywords wurden speziell für die Beantwortung der Forschungsfragen gewählt. Bewusst wurde dabei auch auf Begriffe wie Illegale oder clandestini verzichtet, da sie stets in Zusammenhang mit den bereits oben aufgeführten Begriffen vorkamen. Grafik 1 zeigt die absolute Frequenz der entnommenen Zeitungsartikel beider Tageszeitungen zwischen 1990 und 2014.
Nicht jeder Artikel, der die oben genannte Stichworte enthielt, wurde in das Subkorpus aufgenommen. Kamen Stichworte ohne weitere Thematisierung und Kontextualisierung vor, hat dies zum Ausschluss jener Artikel geführt. Es handelt sich hierbei um durchschnittlich 20 Prozent der vorgefundenen Artikel, die für die Beantwortung der Forschungsfragen als nicht relevant angesehen wurden. Fraglos hätte die Wahl anderer Stichworte zu unterschiedlichen Ergebnissen geführt. So wurde beispielsweise bewusst nicht nach Nationalitäten oder Herkunftsländern gefragt. Eine möglichst vollständige Suche wäre nur unter extrem hohem Zeitaufwand möglich gewesen und die Konzentration auf einige wenige Nationalitäten oder Länder hätte zu einer selektiven Auswahl und somit Verzerrung der Ergebnisse geführt.
2.2 Die Begründung der Wahl der Zeitungen, des Zeitraums und der Konzentration auf regionale Berichterstattung
Bewusst wurde für diese Arbeit auf die auflagenstärksten Tageszeitungen in Südtirol, die deutschsprachige Dolomiten und die italienischsprachige Alto Adige, zurückgegriffen. Diese Wahl liegt nicht nur in der Tatsache begründet, dass beide Tageszeitungen das politische und soziale System in Südtirol widerspiegeln, sondern auch darin, dass beide Tagblätter die wesentlichen Meinungsträger in Südtirol sind und das gespannte Verhältnis zwischen den Sprachgruppen reflektieren.212 Für die Analyse der Wahrnehmung und Darstellung von Migration in einer ethnisch gespalteten Gesellschaft bieten sich deshalb in besonderer Weise die ethnisch getrennten Tageszeitungen des Landes an.
Soziale Medien wie Facebook, Twitter etc., die mittlerweile fraglos eine wesentliche Rolle in der Meinungsbildung spielen, konnten hingegen in dieser Arbeit keine Berücksichtigung finden. Die immense Anzahl an Zeitungsartikeln der Dolomiten und Alto Adige hatte eine Eingrenzung des Themas auf die beiden großen Tageszeitungen notwendig gemacht. Außerdem bietet Eva Pfanzelter in ihrem Aufsatz Menschenhass 2016? „Soziale“ Medien und Migration213 einen kleinen Einblick in dieses Thema. Ebenfalls überregionale Medien, wie etwa die Bild-Zeitung oder Die Zeit, die ebenfalls – wenn auch in weitaus geringerem Ausmaß – zur Meinungsbildung in Südtirol beitragen, wurden in dieser Arbeit nicht berücksichtigt. Sie hätten wenig zur Beantwortung der Forschungsfragen beitragen können und den Rahmen dieser Arbeit gesprengt. Die Fragestellungen dieser Forschungsarbeit sind an lokale Ereignisse gekoppelt, für dessen Beantwortung sich die Lokalpresse nun einmal am besten eignet. Auch ist es die Lokalberichterstattung, die in Südtirol die breite Masse erreicht und somit wesentlich zur Meinungsbildung im Land beiträgt. Dies kann ebenfalls statistisch belegt werden. Eine ASTAT-Studie hatte 2006 ergeben, dass in Südtirol 89 Prozent der Frauen und 83 Prozent der Männer täglich zu einer der lokalen Tageszeitungen greift und das Hauptinteresse der Rezipient*innen an der lokalen Berichterstattung liegt.214
Im Allgemeinen betrachtet wird von Tageszeitungen verlangt, dass sie Öffentlichkeit herstellen, zur Meinungsbildung beitragen sowie das Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge fördern. Sie sollen zudem eine Kritik- und Kontrollfunktion einnehmen und zur Sozialisation und Integration der Bevölkerung beitragen. Eine ihre Hauptaufgaben ist es, der Leserschaft eine uneingeschränkte Möglichkeit der politischen, sozialen und kulturellen Partizipation zu bieten.215 In einer durch ethnische Minderheiten geprägten Gesellschaft, wie es jene in Südtirol ist, bilden Tageszeitungen einen wesentlichen Beitrag zur Friedenstiftung. Mit ethnischen Minderheiten wird einerseits auf die autochthonen Minderheiten verwiesen, aber auch auf neue Minderheiten im Sinne von Migrant*innen und Flüchtlingen. Den Tageszeitungen in Südtirol kommt die Aufgabe zu, ein öffentliches Klima zu schaffen bzw. aufrechtzuerhalten, das ethnische Konflikte dekonstruiert, Vorurteile abbaut und dadurch Spannungen minimiert.216 Wesentlich bei der Lokalberichterstattung ist außerdem der Einfluss des Raums auf die Inhalte der Zeitung. Die Strukturen der lokalen Lebenswelt dienen als Prinzipien, nach denen Wirklichkeit in der lokalen Berichterstattung konstruiert wird.217 Es wird davon ausgegangen, dass sowohl der Raum und als auch die Zeitung in einer ständigen Wechselwirkung zueinanderstehen. Aus diesem Grund bildet für die vorliegende Forschungsarbeit die Rekonstruktion des politischen und historischen Kontexts eine wesentliche Grundlage.
Der für die Analyse der Wahrnehmung von Migration in den Südtiroler Tageszeitungen gewählte Zeitraum (1990–2014/15) stand nicht von Anfang an fest, sondern wurde mittels stichprobenartiger Voruntersuchungen ermittelt. Diese haben ergeben, dass Migrant*innen in den späten 1970er-Jahren sowie in den 1980er-Jahren medial kaum präsent waren. Dies lag daran, dass Südtirol zu dieser Zeit mehr Auswanderungs- als Einwanderungsland war, eine Tatsache, die sich Ende der 1980er-Jahre umkehrte. 1990 stieg die Anzahl zugewanderter Menschen in die Provinz Bozen erheblich an und damit auch die Migrationsberichterstattung. Aus diesem Grund wurde das Jahr 1990 als Ausgangsjahr für die Analyse gewählt. Beendet wurden die Auswertungen 2014, womit das Korpus einen Zeitraum von 25 Jahren umfasst. Lediglich der Flüchtlingsdiskurs wurde auf 2015 – den Höhepunkt der weltweiten Massenflucht – ausgedehnt.
2.3 Begründung des Miteinbezugs von Leserbriefen
Neben Berichten, Meldungen, Kommentaren, Interviews, Reportagen, Portraits und Umfragen wurden auch Leserbriefe in das Untersuchungskorpus aufgenommen. Leserbriefe sind – im Unterschied zu den restlichen Textsorten – zumeist von Privatpersonen verfasst, die mit wertenden Äußerungen an die Medienöffentlichkeit treten.218 Trotzdem können sie nicht als Form der direkten Meinungsäußerung verstanden werden, sondern stellen einen bedeutenden Teil der Printöffentlichkeit dar.219 Die Briefe werden redaktionell ausgewählt, wodurch eine selektive Vorauswahl stattfindet. Diese kann mitunter stark vom Interesse der jeweiligen Zeitung gelenkt sein. Publizierte Leserbriefe reflektieren also die Anliegen der Redakteure bzw. der Zeitung, die wiederum bestimmten ideologischen oder politischen Grundsätzen folgt.220
Veröffentlichte Leserbriefe sind typischerweise redaktionell bearbeitet, sprich gekürzt und in einigen Fällen auch stilistisch bearbeitet. Leserbriefschreiber*innen – und das hat sich auch in den beiden Südtiroler Tageszeitungen gezeigt – greifen zudem auf Ausdrücke und Argumentationsstränge zurück, die ihnen aus vorangegangen Nachrichtenmeldungen bekannt sind. Sie kreieren deshalb keine neuen Inhalte, sondern stärken zumeist bereits vorhandene Diskurse. Leserbriefe sind also durch intertextuelle Bezüge gekennzeichnet und nehmen Bezug auf bereits existierende Aussagen.221 All diese Faktoren machen es legitim, Leserbriefe als einen Teil der Medienrealität zu begreifen und in das Korpus aufzunehmen. Werden Zitate aus Leserbriefen in dieser Arbeit wiedergegeben, sind diese stets als