Der Meister nickte. Er wandte sich an den Menschen zu seiner Linken und deutete stolz auf die Kreatur. „Bist du zufrieden mit deiner Arbeit? Ich bin es.“
„Ich kann wohl kaum behaupten, dass es nur meine Arbeit ist“, entgegnete der Mann angespannt. „Und letztlich wissen wir noch nicht, was tatsächlich auf dem Luftschiff geschehen ist.“
„Ausgezeichneter Punkt. Berichte!“, forderte der Meister die Automate auf.
Mit monotoner Stimme begann die Automate, zu erzählen, was auf dem Luftschiff geschehen war und ließ nur die Veränderungen in ihrem Inneren aus. Der Gesichtsausdruck des stehenden Zwerges spiegelte widerwilligen Respekt, aber der Mensch wurde blass. Er presste die Lippen zusammen und ein Flackern trat in seinen Blick. Offenbar bereiteten die Schilderungen von messingglänzenden Klingen in weichen Zwergenkörpern ihm Unbehagen. Mit vagem Interesse registrierte die Kreatur ihre eigene Überraschung und den bitteren Spott, der ihr auf der Zunge lag. Doch so sorgfältig sie auch die Daten ihres Bewusstseins durchforstete, sie konnte keinen Grund dafür entdecken. Funktionen, die sich ihrer Betrachtung entzogen? Interessant und beunruhigend.
Natürlich war ihr keiner dieser Gedanken anzumerken, als sie in ihren Schilderungen fortfuhr. Nachdem sie geendet hatte, trat zunächst Stille ein. Selbst der Meister schien nachdenklich geworden. Aber schließlich nickte er und wiederholte an den Menschen gewandt: „Ja, ich glaube, wir können zufrieden mit uns sein.“
Der Zwerg mit der Axt nickte ruckartig in Richtung der Automate. „Bist du sicher, dass es unter Kontrolle ist?“, fragte er.
Der Meister runzelte unwillig die Stirn. Vielleicht weniger wegen des Einwandes als vielmehr wegen der Art, wie er vorgebracht worden war. Gewisse Verhaltensmuster deuteten darauf hin, dass er großen Wert auf Demonstrationen des Respektes legte.
„Denkst du, ich würde so etwas“, der Meister winkte nachlässig in Richtung des Maschinenwesens, „bauen und auf die Welt loslassen, wenn ich nicht wüsste, dass ich es beherrschen kann?“
Der Zwerg schien nicht überzeugt. „Du steckst nicht in diesem Kasten. Wer sagt, dass der verdammte Elfenhexer nicht seine eigenen Pläne hat? Er hat ein Wesen aus dem Abgrund gerufen. Für so jemanden ist Verrat eine Kleinigkeit.“
Der Mensch schaltete sich ein. „Welche Pläne er auch immer hatte, jetzt sind sie null und nichtig und alle Dreizehn voll unter unserer … deiner Kontrolle.“
Er schien den Meister besser zu kennen und schmeichelte ihm mit einem Nicken, das beinahe eine angedeutete Verbeugung war. Dennoch hielt er nach wie vor – vielleicht unbewusst – Abstand. Die Kreatur ließ ihre Linsenaugen wieder über sein Gesicht gleiten; spulte in Gedanken noch einmal seine Stimme ab. Nein, er fürchtete den Meister nicht, glaubte sich zumindest ebenbürtig. Was ihn auf Abstand hielt war schlicht und einfach Abneigung. Angesichts der engen Zusammenarbeit der beiden, von der sie mittlerweile ausging, musste er wohl gute Gründe haben, um dem Meister wieder und wieder aufrichtigen Respekt und vielleicht sogar Zuneigung vorzuheucheln.
Sowohl ihre Überlegungen, als auch das Gespräch der drei Männer wurden von aufgeregtem Klopfen an der Tür des Salons unterbrochen. Der Meister warf der Kreatur einen raschen Blick zu. „Tarne dich!“, befahl er knapp.
Die Automate nickte und erhob sich in einer fließenden Bewegung. Ihr Sichtfeld verengte sich, als sich ihre Linsenaugen bis auf das kleine Guckloch einer üblichen Pupille einfärbten. Mit vor dem Körper gefalteten Händen und leicht gesenktem Kopf stellte sie sich neben das Sofa, so dicht an dem Menschenmann, dass sie nur leicht den Oberkörper hätte zu Seite neigen müssen, um seinen Kopf mit dem Ellenbogen zu zerschmettern. Er schien sich dessen bewusst zu sein, denn sein Atem beschleunigte sich. Als die Kreatur ihre Infrarotsicht einschaltete, bemerkte sie die ungewöhnliche Wärme von Gesicht und Gliedmaßen. Hätte sie genauer hingehört, wäre ihr wohl auch ein beschleunigter Herzschlag aufgefallen. Dieser Mann mochte wissen, dass er keinen Grund hatte, mit einem Angriff zu rechnen, aber das änderte nichts daran, was er in ihrer Gegenwart fühlte.
Die Kreatur gönnte ihm seine Angst aus vollem Herzen. Der Meister wirkte im Gegensatz zu ihm vollkommen entspannt. Interessiert registrierte sie ihr leises Bedauern. Sie hätte ihn gerne angsterfüllt und ohnmächtig gesehen … der Gedanke erinnerte sie aus irgendeinem Grund an ein Konzept der Menschen und Zwerge: Gerechtigkeit.
„Herein“, rief der Meister schroff.
Die Türen schwangen auf und ein rundlicher Zwerg mit mausbraunem Haar stolperte herein. Er musste sich beeilt haben, herzukommen, denn sein Atem ging fliegend. Auch war ihm die Krawatte halb aus der Weste gerutscht und bildete eine abstehende Schlaufe vor seiner Brust. Seinen Hut hielt er in den Händen und drehte ihn unaufhörlich, die Schultern hatte er wie in Erwartung eines Schlages hochgezogen.
„Was gibt es?“, fragte der Meister.
Der Neuankömmling blickte auf. Er schien sich zu sammeln und der Blick seiner bebrillten Augen wurde ruhiger. Argwöhnisch streifte er über den Axtträger, den Menschen und das Maschinenwesen hinweg. „Kann ich offen sprechen, Sir?“
Der Meister bedeutete ihm mit einer Geste, fortzufahren.
Der Zwerg atmete tief durch. „Ich habe Ihnen von den Drohungen Grihins erzählt“, sagte er schließlich. „Wie es scheint, hat er sie wahr gemacht.“
„Was ist passiert?“
„Vor einer halben Stunde haben sie eine Leiche in der Messinggasse gefunden. Sie konnten sie nur anhand des Tascheninhaltes identifizieren. Ich bin so schnell wie möglich gekommen, um Sie zu informieren. Es tut mir leid, Sir, aber Ihr Sekretär ist tot.“
„Bist du sicher, dass es Grihins Bande war?“, fragte der Zwerg mit der Axt.
„Man hat ihm sein Geld gestohlen, aber seine Papiere wieder in die Tasche gestopft. Wer auch immer es war, wollte, dass er identifiziert wird. Und, wenn ich mir ein Urteil erlauben darf, die Verletzungen deuten darauf hin, dass die Verantwortlichen ein Zeichen setzen wollten.“
Stille stellte sich ein. Die Kreatur schielte zu ihrem Meister hinüber. Der dunkelhaarige Zwerg hatte eine Hand in einer nachdenklichen Geste ans Kinn gehoben, als der Neuankömmling zu sprechen begann, aber nun presste er die Fingerknöchel so fest an seine Lippen, dass sie fast so weiß geworden waren, wie sein versteinertes Gesicht. Man konnte seinen Gesichtsausdruck leicht für den eines ängstlichen Mannes halten, der um Kontrolle rang, aber ein Blick mit dem zweiten Gesicht verriet der Kreatur, dass er vor Zorn zitterte.
„Danke, Aisrir“, sagte er. „Das muss ein unerfreulicher Anblick gewesen sein. Hol dir etwas zu trinken.“
Verwirrt zog sich der Überbringer der schlechten Nachricht zurück und ließ die Tür dabei unbeabsichtigt laut ins Schloss fallen. Dem dumpfen Laut folgte eine spannungsvolle Stille.
Schließlich trat der Zwerg mit der Axt einen Schritt vor. „Soll ich mich um Grihin kümmern? Wir könnten unser eigenes Zeichen setzen.“
Seine kräftigen Finger strichen liebkosend über eine Ausbeulung seiner Jacke.
„Ich könnte mich der Sache … diskreter annehmen“, offerierte der Mensch, was ihm einen verächtlichen Seitenblick des Zwerges eintrug. Gerade setzte dieser zum Sprechen an, als eine scharfe Handbewegung des Meisters sie beide unterbrach.
„Wir werden ein Zeichen setzen“, sagte er. „Eines, das nicht nur Grihin klar macht, dass niemand mich bedroht. Eines, das so schnell niemand vergessen wird.“
Seine Augen wanderten zu der Kreatur hinüber, die noch immer reglos dastand.
„Ist das klug?“, fragte Kargan. „Ich meine, ohne Rücksprache mit den anderen? Hattet ihr euch nicht auf absolute Geheimhaltung geeinigt?“
„Scheiß auf die anderen!“, knurrte der Meister. „Wenn sie erst gesehen haben, wozu diese Wesen fähig sind und wie ich sie kontrolliere, werden sie sowieso nicht mehr wagen, mir irgendwie reinzureden!“
Er bedeutete der Kreatur, ihm erneut