Drúdir. Swantje Niemann. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Swantje Niemann
Издательство: Автор
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Жанр произведения:
Год издания: 0
isbn: 9783944180847
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Instruktionen, die dem Zwerg mit der Axt gelegentlich ein Stirnrunzeln, gelegentlich ein anerkennendes Nicken entlockten.

      Die Kreatur neigte den Kopf. „Ich habe verstanden“, sagte sie in ihrer angenehmen, wenngleich emotionslosen Stimme.

      Der Meister nickte knapp. „Lass es ungewöhnlich aussehen. Ungewöhnlich und abschreckend“, forderte er die Automate auf. „Und jetzt geh.“

      „Ich habe verstanden“, wiederholte sie und entfernte sich mit Schritten, die verblüffend lautlos für all das schwere Metall in ihrem Körper waren.

      Auf dem Weg hinaus passierte sie ein Hausmädchen, das sie neugierig musterte, unfähig, diesen Gast einzuordnen. Ob es wohl schreiend hinausstürmen würde, wenn es die Wahrheit erführe?

      Die Kreatur marschierte vorbei, ohne auch nur den Kopf zu wenden.

      Warum tue ich das?, fragte sie sich.

      Aber es war ein leiser Gedanke, der eher Befremden als Zögern auslöste. Der Teil ihres Selbst, der ganz dem Meister untertan war, begann bereits, Wahrscheinlichkeiten zu berechnen und Pläne auszuarbeiten.

       Kapitel 11

       Findra

      Ratternd und stampfend fraß die Dampflokomotive mit ihrem langen Schwanz aus Waggons Meile für Meile. Findra blickte versonnen aus dem Fenster. Am Morgen hatte sich dichter Nebel herabgesenkt. Er vermengte sich mit dem Rauch, der von der Lokomotive zu ihnen herantrieb. Geisterhaft zeichneten sich die Silhouetten hoher Nadelbäume vor den Fenstern ab. Hin und wieder schabten Zweige wie dürre Finger über das Glas. Dennoch war die Zwergin froh über ihren Fensterplatz. Wenn sie nach draußen blickte, konnte sie für einen Moment vergessen, wie beengt die Waggons der dritten Klasse waren.

      Ja, wegsehen half. Wenn auch nicht gegen die stickige Luft. Sie schielte zu Drúdir hinüber, um zu sehen, ob er auch unter der Enge litt, aber der dunkelhaarige Zwerg war eingeschlafen, sein Kopf gegen die Scheibe gesackt. Wahrscheinlich würde er bald mit heftigen Nackenschmerzen erwachen, aber im Moment wirkte sein Gesicht entspannt. Das diffuse, weiße Licht des nebligen Morgens verlieh ihm eine kränkliche Blässe. Zum ersten Mal fielen Findra die purpurnen Schatten unter seinen Augen auf. Als er heute Morgen aus dem schäbigen Schlafsaal der Bahnhofsherberge in Grabenstadt gestolpert war, hatte er etwas über schnarchende Mitreisende und unbequeme Betten gemurmelt, aber Findra glaubte sich zu erinnern, dass er bereits an den beiden Tagen, die es sie gekostet hatte, ihre Reise zu arrangieren, permanent müde ausgesehen hatte. Findra schielte auf das Schimmern seiner Uhrenkette. Sie wünschte, sie könnte ihn nach der Zeit fragen. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis sie zum letzten Mal umsteigen mussten. Wenn der Name Schwarzspiegel fiel, dachten die meisten Zwerge an die Stadt unter dem Berg, aber tatsächlich handelte es sich dabei nur um ihr kaum bewohntes Zentrum. Das eigentliche Schwarzspiegel erstreckte sich teils überirdisch auf dem Hang des Schwarzspiegelberges und seines Nachbarn, Kupferkrone. Im Gegensatz zu der unterirdischen Altstadt – es gab kaum einen zwergischeren Ort – war das überirdische Schwarzspiegel aufgrund seiner Lage an einem der Pässe, die zu den Menschenländern im Süden führten, ein lebendiges Handelszentrum, in dem auch Menschen, Trolle und Gnome ihre Viertel hatten. Sogar einige Elfen hatten sich dort niedergelassen, geduldet wegen ihres Reichtums und ihrer guten Handelsverbindungen. Dank seiner günstigen Lage beherbergte Schwarzspiegel den größten Bahnhof und Luftschiffflughafen der Union – beinahe zumindest. Der Boden um die Stadt herum war zu uneben, weshalb deren Gelände vielleicht eine Stunde entfernt lag. Aber von dort aus fuhren jede Stunde Züge ins Zentrum Schwarzspiegels.

      Ein Schaffner quetschte sich durch eine halb von einem gigantischen Koffer blockierte Tür in das Massenabteil. Das dunkle Rot seiner Uniform biss sich mit dem Karottenton seines Haares. Er hob eine Trillerpfeife an die Lippen. Der gellende Pfiff sicherte ihm die Aufmerksamkeit aller Fahrgäste. Drúdir wurde unsanft aus dem Schlaf gerissen und stieß einen derben Fluch aus, der in der markerschütternden Ansage „Nächster Halt: Bahnhof und Flughafen Hangstadt“, unterging.

      „Wir müssen aussteigen.“ Findra musste beinahe schreien, um sich über das Rattern des Zuges und die Aufzählung der Anschlusszüge hinweg Gehör zu verschaffen.

      „Ich weiß“, entgegnete der soeben erwachte Drúdir mürrisch und zog eine Grimasse, als er den Kopf wandte. Die Ellenbogen angezogen, um sie nicht gegen die Scheibe oder seinem Nachbarn ins Ohr zu rammen, massierte er sich den Nacken mit beiden Daumen. Dann stand er seufzend auf und griff nach oben ins Gepäcknetz. In einer Geste spöttischer Galanterie reichte er Findra ihren Koffer herab – und stieß ihn ihr versehentlich gegen die Schienbeine, als der Zug ruckartig verlangsamte. Dann zerrte er seine eigene, unförmige Reisetasche herab. Allein den Koffer mit Fragars Werkzeugen hob er sorgfältig herunter. Sie hätten bereits einen Tag früher abreisen können, aber Drúdir hatte warten wollen, bis die Nordkroner Polizei alle potenziellen Beweisstücke freigab und er die Werkzeuge seines Meisters in Empfang nehmen konnte. Angesichts seines unsteten Lebensstils konnte er nicht wissen, wann er wieder in die Stadt zurückkehren würde und obwohl die Post zuverlässig war, konnte Findra verstehen, dass er das kostbare Erbstück lieber bei sich behielt. Dennoch war es ihr schwergefallen, zu warten. Als wandernder Uhrmacher und Feinmechaniker, dessen ausgezeichnete Referenzen es ihm erlaubten, beinahe überall Arbeit zu finden, hatte Drúdir keinerlei Pflichten, die ihn an irgendeinen Ort banden, aber Findra war sich nur zu bewusst, dass ihr unerwarteter Urlaub mit jedem Tag weiter zusammenschnurrte. Und sie wollte nicht riskieren, Baidur zu verärgern. Ganz abgesehen davon, dass sie ihren Lohn brauchte.

      Schließlich kam die Bahn ganz zu stehen und in einem einzigen mürrischen, schwer bepackten Gedränge strebten die Passagiere nach draußen. Im Türbereich wurde das Drücken und Schieben so heftig, dass Findra für einen Moment nicht mehr atmen konnte – sie war froh, dass sie für die Reise darauf verzichtet hatte, ihre Röcke modisch aufzupolstern – aber endlich schafften es alle nach draußen und verteilten sich auf dem Bahnsteig, gierig nach frischer Luft und Bewegungsfreiheit.

      Der Bahnsteig roch beißend nach dem Qualm der eingefahrenen Bahn, aber war bemerkenswert großzügig angelegt. Trotzdem war er nicht annähernd so beeindruckend wie die zentrale Halle, in die sie von der Menge der Passagiere geschwemmt wurden.

      Es handelte sich um ein beeindruckendes Denkmal für den Wohlstand Südlands, des mit Abstand reichsten Staates der Union. Mosaiken schmückten die Wände, die Steinplatten des Bodens glänzten wie graue Spiegel und Gaslampen in kunstvollen Messinghalterungen tauchten die Szenerie in helles Licht. Zwerge in den dunkelblauen Uniformen der Wuthri-Linien, des größten Bahnunternehmens der Union, eilten hin und her, kurze Leitern hoch über die Köpfe gehoben. Hier und da stellten sie sie ab und kletterten daran empor, um die Schiefertafeln an den Wänden zu aktualisieren, die über ankommende und abfahrende Züge informierten. Unzählige Reisende bewegten sich zielstrebig hin und her.

      Es waren vor allem Zwerge, aber wenn man genauer hinsah, erkannte man hier und da den watschelnden Gang und die olivfarbene Haut von Gnomen oder die kleinen, flinken Gestalten und unverkennbaren Fledermausohren von Kobolden. Leichter auszumachen waren die Menschen, die die Zwerge allesamt um mindestens einen Kopf überragten. Die Vielfalt an Teints, Kleidungsstilen und Frisuren verriet, dass sie aus allen Winkeln des Kontinents kamen.

      Ein elegant gekleidetes Paar kam direkt auf Findra zu. Der dunkelhaarige Mann war selbst für einen Menschen groß und sehr schlank. Er trug einen meisterhaft geschneiderten Gehrock und einen hohen Zylinder auf dem offenen, dunklen Haar. Die meisten Zwerge und Menschen hatten es angesichts der verschmutzten Luft aufgegeben, Weiß zu tragen und bevorzugten daher Schwarz, Dunkelblau oder die intensiven Herbstfarben, die neuerdings so billig chemisch produziert werden konnten. So fiel der Mann in seinem makellos weißen Hemd umso mehr auf.

      Als er noch ein paar Schritte näherkam, erkannte Findra, dass er auch anders gekleidet Blicke auf sich gezogen hätte: Sein schmales, perfekt symmetrisches Gesicht mit den hohen Wangenknochen und fein geschwungenen, zu einem spöttischen Lächeln verzogenen Lippen machte seine elfische Herkunft so unverkennbar wie seine kaum merklich spitz zulaufenden Ohren und der säuerliche Gesichtsausdruck des Zwerges, der einen