Sentry - Die Jack Schilt Saga. Michael Thiele. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Michael Thiele
Издательство: Bookwire
Серия: Die Jack Schilt Saga
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9783847651994
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Wieder in ihrem natürlichen Element, begnügten sich die Krebse nicht mehr damit, sich dem hinter ihnen herjagenden Schatten durch flinkes Eingraben zu entziehen. Mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit, die ich ihnen niemals zugetraut hätte, nahmen sie stattdessen auf munteren sechs Beinen Kurs offene See Reißaus. So blieb uns der ersehnte Nachschlag süßen Fleisches trotz allen guten Willens und ebensolcher Hartnäckigkeit verwehrt.

      Wir gaben es schließlich auf.

      Nicht so Luke. Er hatte sich, wie es aussah erfolgreich, nach Alternativen umgesehen. Die Hosentaschen gefüllt mit walnussgroßen Mollusken watete er an den Strand zurück. Krister beobachtete ihn skeptisch.

      „Sieht so aus, als will er uns diesmal endgültig vergiften“, mutmaßte er argwöhnisch. „Es wird wohl besser sein, die Angeln auszuwerfen, wenn wir nicht all zu hungrig schlafen gehen wollen.“

      Das Jagdglück blieb ihm dieses Mal allerdings verwehrt. Der erfolgsverwöhnte Jäger kehrte nach Einbruch der Dunkelheit mit leeren Händen zurück. Kein Fisch. Auch in den Rucksäcken fand sich nichts mehr Verwertbares. Alle Vorräte von zu Hause waren unwiderruflich aufgebraucht. Indessen schälte Luke geschäftig mit Hilfe seines Messers die in ihren Gehäusen gekochten Seeschnecken heraus.

      „Du machst das nicht das erstemal, hab ich Recht?“

      „Da liegst du ganz richtig, Jack.“ Mehr als einen Happen machte der an der Messerspitze hängende graue Klumpen nicht aus. Im nächsten Moment führte ihn Luke an den Mund und begann auch schon genüsslich zu kauen. Aus sicherer Entfernung fragte ich erkennbar angewidert: „Es gibt nicht viel, wovor du dich ekelst, stimmt’s?“

      „Da liegst du wieder richtig“, kaute Luke. Seine wachen Augen beobachteten mich genauestens. „Willst du probieren?“

      „Besser nicht“, wehrte ich ab. „Lass dich nicht bei deiner Mahlzeit stören.“ Nach kurzer Pause und einer weiteren verspeisten Molluske konnte ich mir nicht verkneifen ihn zu fragen: „Was würdest du eigentlich noch alles essen, wenn es sein müsste?“

      Luke musste zu meinem Schrecken nicht großartig nachdenken. „Raupen sind gut. In Honig gekocht. Oder geröstete Heupferde. Die würde ich auch ohne Zwang essen.“ Er lachte, als er mein ablehnendes Gesicht sah. „Mutter Natur versorgt dich mit allem nötigen. Die Krebse vorhin hast du doch auch mit Genuss verspeist.“

      „Krebse sind etwas ganz anderes!“

      „Wenn du meinst.“ Und aß Schnecke Nummer drei, ohne mich aus den Augen zu lassen. In der Tat hatte mich Luke zum Nachdenken angeregt. Bestimmt würde irgendwann der Tag kommen, an dem kein Fleisch auf unserem Feuer landete. War es nicht falsch, ja geradezu töricht, aus einem simplen Vorurteil heraus Alternativen auszuschließen? Luke sah jedenfalls ganz so aus, als genoss er sein Mahl. Und er schien Gedanken lesen zu können.

      „Interesse?“ Schon hielt er mir Schnecke Nummer vier unter die Nase. Aus der Nähe betrachtet sah sie gar nicht mehr so widerlich aus. Die üble Erfahrung mit dem gestrigen Seetang ließ mich weiterhin zögern. „Nimm schon!“

      „Gut, aber nur um dir zu zeigen, dass ich Neuem sehr wohl aufgeschlossen bin.“ Und hungrig wie ein eingesperrtes Tier. Mit Daumen und Zeigefinger nahm ich die Molluske von Lukes Messer und stopfte sie endlich zwischen die Zähne. Und siehe da! Niemals hätte ich vermutet, dass ein auf dem Meeresboden herumkriechendes Schleimtier so vortrefflich schmeckte. Zart wie Geflügel, aber längst nicht so faserig.

      „Und?“ erkundigte sich Luke, Schnecke Nummer fünf aus der Schale pulend.

      Ich zwinkerte kameradschaftlich. „Lass mir noch was übrig, okay?“

      Das Eis begann merklich zu tauen.

      Später löschte Krister das Feuer. Diese Vorsichtsmaßnahme galt der Anwesenheit möglicher Gefahren. Ich fühlte mich zwar relativ sicher, dennoch durften wir uns die Sorglosigkeit der vergangenen Nächte nicht mehr erlauben. Immerhin gehörte Zadar streng genommen bereits zum Reich der Opreju, auch wenn der Eroberer in mir dies vehement ablehnte. Unsere Augen gewöhnten sich rasch an das klare Sternenlicht. Nun stand einem Standortwechsel nichts mehr im Wege. Das Boot im knietiefen Wasser hinter uns her ziehend wanderten wir los in Richtung Osten, Entfernung zwischen uns und die verräterische Feuerstelle bringend.

      Am Rand einer kleinen Bucht ließen wir uns im tiefschwarzen Schatten einer Baumgruppe zum Schlafen nieder. Wir losten aus, wer die erste Wache zu übernehmen hatte. Diese Prozedur sollte in den kommenden Wochen zur Routine werden. Für heute Nacht traf es Krister. Luke und ich wickelten uns in die Decken und schliefen rasch ein. Ohne zu murren trat ich Stunden später meinen Teil der Wache an. Die See hatte sich wieder weit zurückgezogen, das Boot lag weit zur Seite geneigt auf dem Trockenen und schien ebenfalls tief und fest zu schlummern. Von weit her drang gedämpftes Meeresrauschen. Die Ebbe musste ihren tiefsten Stand erreicht haben. Schlaf gut, Rob, wo immer du auch sein magst. Ich werde dich finden. Verlass dich drauf!

      Das dürftige Abendessen und ein komplett ausgefallenes Frühstück sorgten anderntags für schlechte Laune. Die Reise führte uns den ganzen Vormittag entlang der Küste Zadars. Kristers Fangleinen erschienen den Fischen wohl ebenso unattraktiv wie uns die eintönig vorbeiziehende Küstenlandschaft. Das Innere Zadars bestand offensichtlich nur aus Dünen. Eine langgestreckte Wüste am Rande des Kontinents. Wir mussten bald etwas Nahrhaftes auftreiben. Schon rächte es sich, in Van Dien nicht zum Aufstocken der Vorräte gekommen zu sein. Warum nur die Fische nicht anbissen! Wenigstens Wind und Wetter spielten uns in die Hände.

      Zum x-ten Male überprüfte Krister die Angelhaken. „Schau dir das an!“ knurrte er resignierend. „Jetzt ist auch der letzte Köder bis auf die Gräten abgenagt. Mit einem blanken Haken kann ich nichts ausrichten.“

      Ich nickte teilnahmsvoll. „Das Trinkwasser geht auch bald zur Neige. Was hältst du von einem kleinen Jagdausflug?“

      „Davon halte ich ganz viel. Je eher desto besser.“

      Die zweite Landung auf der Großen Barriereinsel erfolgte bei Flut und entsprechend unkomplizierter. Luke versprach in der Nähe des Bootes zu verweilen, während Krister und ich ins Innere der Insel vorzudringen gedachten, um etwas Essbares und Wasser zu finden. Zu diesem Zweck füllte ich die Reste aus drei Wasserbeuteln in einen um, den ich Luke in die Hand drückte.

      „Bei Gefahr schnappst du dir den Kahn und bringst ihn in Sicherheit!“ sagte ich zu ihm. „Das Boot ist unser kostbarstes Gut. Wenn es verloren geht, kommen wir hier nie wieder weg.“

      „Verstanden. Und was ist mit euch?“

      „Mach dir um uns keine Sorgen!“ sagte Krister. „Natürlich kann es etwas dauern, bis wir wieder hier sind, hängt davon ab, wie hold uns das Jagdglück ist. Du kannst jedoch davon ausgehen, dass wir nicht mit leeren Händen zurückkommen werden.“

      Ich legte den Köcher mit den Pfeilen an und prüfte die Sehne des Bogens. Krister nahm den Eisenstab an sich. Dann rückten zwei hungrige Jäger in das Innere Zadars vor. Das ebene, nur spärlich mit niederer Vegetation bewachsene Gelände stellte keine Herausforderung dar. Nach einer guten halben Stunde Marschierens änderte sich die Situation jedoch. Der Boden versandete zusehends. Buschwerk zog sich zurück. Schon von weitem erblickten wir jene hohen Dünen, die mir schon vom Meer aus aufgefallen waren. Mit jedem Meter, den wir uns näherten, schienen sie noch an Größe zuzulegen. Die Existenz von Sandbergen dieser Kategorie entzog sich bisher meiner Kenntnis.

      „Nicht schlecht“, meinte ich, auf die Wand aus Sand vor uns deutend. „Und ich dachte immer, die Dünen von Aiutaia hielten den Rekord. Man lernt doch immer etwas Neues dazu.“

      Krister nickte nur. Ihm war genau so klar wie mir, diese Barriere nur mit großer Anstrengung überwinden zu können. Eine Anstrengung, die wahrscheinlich nicht lohnen würde. Enorm steil ging es nach oben, dreißig Meter, wie ich schätzte. Zu meiner Überraschung sagte Krister unvermittelt: „Ich sehe mir das mal an“, und machte sich ohne ein weiteres Wort an den Aufstieg.

      „Du willst da hoch?“ fragte ich ungläubig.

      „Ja, ich will wissen, wie es dahinter weitergeht.