Nur die allergrössten Kälber wählen ihren Metzger selber. Christian Schmid. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Christian Schmid
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9783305005017
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Korn kann auch ein Körnle sein, ein Gersten-, Weizen- oder Haferkorn bzw. eine Erbse.

      Der griechische Fabeldichter Phaedrus, der in der Zeit um Christi Geburt lebte, schrieb eine Fabel, welche Gotthold Ephraim Lessing unter dem Titel «Die blinde Henne» ins Deutsche übersetzte: Eine blinde Henne scharrt fleissig, und sooft sie ein Korn ausscharrt, pickt es ihr eine sehende Henne weg. Ein Zusammenhang zwischen Fabel und Redensart ist nicht wahrscheinlich.

      Der Redensart vom blinden Huhn, welches ein Korn oder eine Erbse findet, begegnen wir auch im Niederländischen, Dänischen, Schwedischen und Französischen. Sie gehört zu einer Gruppe verwandter Redensarten, in denen ein blindes Lebewesen etwas findet, z. B. eine Taube: In Joachim Manzels «Spicilegium historico-philologicum» von 1701 habe ich einen ersten Beleg gefunden für «eine blinde Taube findet auch zuweilen eine gute Erbse». «Seltner werden Cardinäle, in ihrer jetzigen Lage, einen guten Papst treffen, als blinde Tauben eine Erbse finden», behauptet Schlötzers «Stats-Anzeiger» von 1786. Diese Redensart steht sogar noch im «Protokoll des ordentlichen Gewerkschaftstages der Industriegewerkschaft Bau, Steine, Erden» von 1953: «Es gibt ja auch blinde Tauben, die ebenfalls mal eine Erbse finden.»

      In vielen deutschen Mundarten belegt ist die Redensart auch eine blinde Sau findet mal eine Eichel, so z. B. im Aargauischen, es hät scho mängi blindi Suu en Eichle gfunde, und im Seealemannischen, s hot scho oft e blinde Sau e Eichel gfunde. Im Jahr 1780 predigt der legendäre Wiesenpater aus dem bayerischen Ismaning: «Wenn sich ein grosser Sünder auf’m Todtbeth bekehrt, so ist’s grad so viel, als wenn eine blinde Sau eine Eichel find’t.» In etwas anderer Form lesen wir sie in «Mahomets und Türcken Grewel (Gräuel)» von 1664: «wie eine blinde Sau ein Ruben (Rübe) erwischt». Sogar im Buch «Pennsylvania-German dialect» von 1989 finden wir «e blindi Sau find aa ebmools en Ärbs».

      Die Redensart gibt es sogar mit der blinden Kuh. In seinem Buch «Die Thiere in der indogermanischen Mythologie» von 1874 legt Angelo de Gubernatis die Redensart wie eine blinde Kuh eine Erbse findet gleich mythologisch aus:

      «Das deutsche Sprichwort ‹Wie eine blinde Kuh eine Erbse findet› wird jetzt zur Bezeichnung einer Unmöglichkeit angewendet; und doch findet in dem Mythus die blinde Kuh (oder die Nacht) wirklich die Erbse oder Bohne (den Mond), welche in jeder Hinsicht identisch ist.»

      Das ist ein gewagter Schluss, wenn man sieht, mit wie vielen Tieren diese Redensart vorkommt. Manchmal findet die blinde Kuh auch eine Eichel oder eine Erdbeere, wie in der Rottenburger Redensart da hat einmal eine blinde Kuh eine Erdbeere gefunden, die in Wanders «Sprichwörter-Lexikon» von 1870 aufgeführt ist.

      Ebenfalls verbreitet ist die Redensart vom Blinden, der ein Hufeisen findet. Belegt ist sie bereits 1541 in Sebastian Francks Sprichwörtersammlung in der Form «es findt auch ye ein blinder ein hufeisen» und in einem Faust-Buch von 1681: «Es findet bisweilen auch der Blinde ein Hufeisen / und eine blinde Henne ein Körnlein.»

      Ich habe mit dir noch ein Hühnchen zu rupfen, mit diir han i non es Hüendli z rupfe meint seit der Mitte des 19. Jahrhunderts «ich habe mit dir noch etwas zu bereinigen». Älter und seit der Mitte des 18. Jahrhunderts belegt ist mit jemandem ein Hühnchen zu pflücken haben. Der Schriftsteller und Sprachforscher Johann Christoph Gottsched führt in seiner «Deutschen Sprachkunst» von 1752 «mit einem ein Hühnchen pflücken» auf. In dieser Form nimmt Adelung die Redensart 1798 in sein Wörterbuch auf: «Wir haben noch ein Hühnchen mit einander zu pflücken, figürlich, wir haben noch eine unangenehme Sache mit einander auszumachen.» Diese Form ist bis heute vor allem im Norden Deutschlands gebräuchlich.

      Jean de la Fontaine (1621–1695) erzählt uns die Fabel «La poule aux œufs d’or – Das Huhn mit den goldenen Eiern», die auf den Griechen Phaedrus zurückgeht. Sie handelt von einem Geizhals, der eine Henne besitzt, welche ihm goldene Eier legt. Weil er in ihrem Innern einen grossen Schatz vermutet, tötet er sie und beraubt sich so der Quelle seines Reichtums. Aufgrund dieser Geschichte entstand die Redensart das Huhn, das goldene Eier legt, schlachten «sich seiner Lebensgrundlage berauben». Die deutsche Übersetzung des Berichts «Reise durch Auvergne» von 1791 erzählt, wie vulkanische Grasböden unter den Pflug genommen werden und nach einmaliger Ernte zerstört zurückbleiben: «So betrügt sich die gierige Unwissenheit. Sie öfnet das Huhn um goldene Eier und tödtet es», klagt der Erzähler. Auf «focus online» lesen wir in einem Artikel vom 7. Oktober 2017 über den Autohersteller Skoda: «Niemand schlachtet das Huhn, das goldene Eier legt.» Seit dem 20. Jahrhundert begegnet man auch der Form die Gans, die goldene Eier legt, töten oder schlachten.

       Der stolze Hahn

      Der Hahn erscheint als Wappentier, den kämpfenden Krieger symbolisierend, bereits in der griechischen Antike. Wegen seines feuerroten Kammes und weil er den Morgen verkündet, symbolisiert er zudem das Licht und als roter Hahn den flackernden Brand. Deshalb steht seine Nachbildung als Feuerwächter auf Hausdächern. Auf Kirchturmspitzen stellt der Hahn seit dem 9. Jahrhundert die Wachsamkeit dar. Im Mittelalter verkörperte er den Sieg Christi als lumen mundi «Weltlicht» über das Dunkel der Nacht und er mahnte die Gläubigen an das Morgengebet.

      Der berühmteste Hahn der christlichen Welt ist wohl derjenige im Matthäusevangelium, von dem Jesus zu Petrus sagt: «In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.»

      Einer der bekanntesten Hähne der weltlichen Literaturgeschichte ist Chanteclair. Er ist der Gegner des Fuchses im altfranzösischen «Roman de Renart», dessen älteste überlieferte Fragmente aus dem 12. Jahrhundert stammen. Ab Ende des 12. Jahrhunderts entstehen deutsche, niederländische, niederdeutsche und englische Versionen der Geschichte um Reineke Fuchs. In den ältesten deutschen Fassungen hat der Hahn den noch ganz dem französischen Vorbild nachgebildeten Namen Scantekler. Später erhält er den zu Hahn stabreimenden Namen Henning. Er klagt Reineke an und trägt als Corpus Delicti die von ihm totgebissene Henne Kratzfuss vor König Nobel. Zwei weitere Hähne treten in der niederdeutschen Fassung «Reinke de vos» von 1498 als Zeugen auf. Der eine heisst Kreiant «Kräher» und ist «de beste hane, den men vant / twischen Hollant unde Frankrîk». Der andere heisst Cantart «Sänger (aus lateinisch cantare ‹singen› gebildet)» und ist «sêr kone unde upricht – sehr kühn und rechtschaffen». Noch in Goethes «Reineke Fuchs» von 1794 heissen die drei Hähne Henning, Kreiant und Kantart. Bis ins 20. Jahrhundert bleibt der Name des Hahns im Französischen literarisch lebendig, denn 1910 veröffentlicht der Theaterautor Edmond Rostand das Stück Chantecler. Im Märchen kennen wir den Hahn in den «Bremer Stadtmusikanten» und in «Hans mein Igel», in dem der mit einer Igelhaut geborene Hans einen Hahn, der Mut und Kampfwille symbolisiert, als Reittier benutzt.

      Clemens von Brentanos «Märchen von Gockel, Hinkel und Gakeleia» klingt zwar der Namen wegen nach einer Hühnerhofgeschichte, aber es spielt ganz in der Menschenwelt und erzählt vom Raugrafen Gockel von Hanau, seiner Frau Hinkel und seiner Tochter Gakeleia.

      Der stolze und kämpferische Hahn wurde bereits in der Antike sprichwörtlich. Das bei Seneca belegte lateinische Sprichwort gallus in suo sterquilino plurimum potest bzw. multium potest hat in den europäischen Sprachen eine starke Wirkung entfaltet. Es ist im Deutschen vom 16. Jahrhundert bis heute ganz unterschiedlich übersetzt worden. In Sebastian Francks Sprichwörtersammlung von 1545 lesen wir «ein yeder […] han ist freidig (kühn, furchtlos) uff sinem mist». Ein lateinisch-deutsches Wörterbuch von 1734 übersetzt «der Hahn gilt auf seinem Mist das meiste». Und in einem Wörterbuch der lateinischen Sprache von 1844 lautet die Übersetzung «jeder ist Herr in seinem Hause».

      Dabei muss man wissen, dass der seit dem späten Mittelalter gebrauchte Ausdruck auf seinem Mist die Bedeutung «auf seinem Hof» hat, wenn von Bauern die Rede ist. Einen Tagelöhner soll man nur so lange beschäftigen, sagt eine Rechtsquelle, «das er allwegend (immer) ze naht da heime mit dem vihe uf sinem mist si». Und Heinrich Wittenwiler wundert sich in seinem «Ring» (um 1400) über einen Tölpel, der «da haim uf sinem mist / ist worden ein so guot jurist». Wir sagen heute noch das