Einem jungen Mann, dessen Schnurrbart nicht wachsen will, empfiehlt die Volksmedizin, auf die innere Seite der Lippe Hüennerdräck und aussen Honig einzureiben, denn der Hühnermist stösst und der Honig zieht. Der «Grosse Helden-Schatz» von 1730 rät gegen «Schwulst an Schenckeln»: «Mache ein Bad von Hüner-Mist und Weitzen-Kleyen, also dass du heiss Wasser darauf giessest, und wohl umrührest, bade die Schenckel darinnen, das macht sie auch bald niederfallend.» Hühnermist verabreichte man auch oral: In seinem «Artzneybuch» von 1595 rät Oswald Gabelkover als Mittel für die Gebärmutter: «Nim das weiss von Hünermist / als gross als ein Gartenerbis (Gartenerbse): Zerreibs in einem Löffel vol Weins / und gibs eyn. Es ist gewiss (es hilft sicher).»
Heute, da die Hühnerhöfe selten geworden sind, ist «huehnerhof.net» eine der grössten deutschsprachigen Geflügelseiten für Hühnerfreunde im Internet. Und seinen festen Platz hat der Hühnerhof in der Managementliteratur. Im Buch «Kollegen sind die Pest» (2013) von Jochen Leffers lesen wir, das Huhn werde in der modernen Managementliteratur unterschätzt. «Dabei sind die Hühner viel näher dran an den Problemen, mit denen wir es täglich im Büro zu tun haben. Vor allem, wenn es sich um ein Grossraumbüro handelt, das einer Legebatterie gleicht.» Es komme darauf an, meint der Autor, «einen passablen Platz in der Hackordnung zu ergattern und gegen alle Anfeindungen zu verteidigen». Das ist hirnlose, flotte Schreibe über unmenschliche oder leider allzu menschliche Zustände in einer von der kapitalistischen Ökonomie beherrschten Welt, in der die meisten Hühner als Batteriehühner in Legebatterien oder als Masthühner dahinvegetieren, weil für sie gewissenlos prekäre Lebensräume geschaffen werden.
Ei oder Huhn
Bereits in der Antike wälzten grosse Geister das Henne-Ei-Problem: Wer war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Der griechische Gelehrte Aristoteles (384–322 v. Chr.) stellte die Frage in seinen zoologischen Schriften und entschied sich für die Henne. Das Ziel der Entwicklung eines Lebewesens, erklärt er, sei das voll entwickelte Exemplar, das in seiner ganzen Erscheinung die Art repräsentiere. Und das sei die Henne, nicht das Ei. Ebenfalls für die Henne entschied sich mit vergleichbaren Argumenten ein anderer Grieche. In einer Übersetzung aus dem Jahr 1766 der «Moralischen Abhandlungen» von Plutarch (ca. 45–125) lese ich, etwas könne doch unmöglich «ein Theil eines Dinges seyn, das noch gar nicht da gewesen ist. Daher pflegt auch Niemand zu sagen, der Mensch des Saamens oder die Henne des Eyes, sondern der Saame des Menschen, das Ey der Henne, weil der Saame und das Ey erst nach dem Menschen und der Henne kommen, in diesen ist ihre Entstehung erhalten.»
Georg Philipp Harsdörffer entscheidet sich in seinem «Des Teutschen Secretarii» von 1659 auch für das Huhn, bezieht sich jedoch, wie die meisten Theologen, die dieses Problem diskutieren, auf den Schöpfungsbericht der Bibel und die Macht Gottes:
«Ob nemlich die Henne oder das Ey älter seye? Antwort / die Henne / welche mit allem Geflügel am fünfften Tag der Schöpffung durch Gottes Machtwort erschaffen worden / die Welt benebens (neben) andern zu zieren / und den Menschen zu nutzen.»
In seiner «Logik» von 1829 entscheidet sich der Philosoph und Arzt Ignaz Paul Vitalis Troxler weder für das Huhn noch für das Ei, denn für ihn ist das Henne-Ei-Problem ein reines Sprachproblem, und zwar ein Sophisma Polyzeteseos, d. h. ein Scheinproblem des trügerischen Fragens. Er schreibt:
«Es gibt unendlich viel dergleichen Aufgaben, nämlich bei allen unbestimmten oder unbestimmbaren Verhältnissen, bei welchen eine Bestimmung gefordert wird, z. B. bei einer Kugel, die nicht durch ein Loch geht, die Frage: ob das Loch zu klein, oder die Kugel zu gross? – ob das Huhn vor dem Ei, oder das Ei vor dem Huhn da gewesen? Eben so liesse sich beweisen, man könne gar nicht sterben, denn man könne nicht sterben, wenn man schon todt sey, und man könne nicht sterben, so lange man noch lebe, folglich sey Sterben rein unmöglich.»
Damit hat Troxler jedoch nicht das letzte Wort gesprochen, denn die Frage geht immer noch um. «Bild» titelt am 15. Juli 2010 «Henne-Ei-Problem nach Jahrhunderten gelöst. Forscher sicher: Das Huhn war vor dem Ei da!» Wissenschaftler der englischen Universität Warwick, erklärt der Artikel, hätten herausgefunden, dass für die Schalenbildung des Eis das Protein Ovocledidin-17 (OC-17) notwendig sei. Dieses Protein werde in den Eierstöcken des Huhns produziert. Darum seien die Wissenschaftler überzeugt, zieht «Bild» das Fazit: «Es muss zuerst das Huhn gegeben haben, denn ohne Henne kein OC-17, damit auch keine Schale, also kein Ei.»
Obwohl diese wissenschaftliche Erklärung das Problem nicht wirklich löst, lassen wir es dabei bewenden und wenden uns dem Ei des Kolumbus zu. Die Geschichte zeigt am Beispiel eines Eis, das durch leichtes Eindrücken der Spitze zum Stehen gebracht wird, wie einfach sich schwierige Probleme manchmal lösen lassen. Eine der frühen Fassungen der auf Kolumbus übertragenen Anekdote lesen wir in Johannes P. de Memels (Johannes Prätorius) «Neuaussgebutztem, kurtzweiligen Zeitvertreiber» von 1685:
«Columbus nahm einsmals bey einem grossen Banquet ein Ey / wie es von der Hennen kommen / liess sich einen wol polierten Spiegel geben / und fragte / ob jemand das Ey könte auff den Spiegel stellen / dass es mit einer Spitz den Spiegel berührte / und mit der andern nach dem Bley strack gegen Himmel stünde? Die Sach wurde zwar versucht / aber gantz vergeblich. Da nahm Columbus das Ey / stiess es am spitzesten End auff den Teller / dass es breit und stumpff wurde / und stellte es abgeredter Massen auff den Spiegel. Oho / sagte jederman / das hätten wir auch thun können. Warumb hats aber euer keiner gedacht / noch werckstellig gemacht / sagte Columbus. Ist demnach nichts leichter / als andere tadeln.»
Wir brauchen den Ausdruck das Ei des Kolumbus für eine «überraschend einfache Lösung». «Das Ei des Kolumbus ist unerwünscht», schreibt die «Neue Zürcher Zeitung» vom 23. August 2014, «die Gastrosuisse-Initiative ist nur die jüngste Episode in der jahrealten Debatte um die Mehrwertsteuer».
Älter als die Geschichte vom Ei des Kolumbus ist der Brauch, an Ostern Eier zu färben. Im 12. Jahrhundert führt die Kirche die benedictio ovorum, d. h. die Eiersegnung an Ostern ein und um 1200 erzählt der alemannische Dichter Freidank von gefärbten Eiern: «Ein kint naem ein gemâlet ei / für ander driu oder zwei.» Georg Henisch erwähnt in seiner «Teutschen Sprach und Weissheit» von 1616 «die geferbte ayr / so umb Osteren gessen werden», und Maurus von Griesskirchen, ein Prediger des 17. Jahrhunderts, berichtet: «Wir begehen an heut das hochheilige Osterfest, pflegen einander gefärbte Ayr zu verehren und wollen hierdurch andeuten, das Ayr seye ein Abbildung unsers glorwürdigen von dem Todt aufferstandnen Heiland Jesu.» Eine Legende erzählt: Simon von Kyrene, ein Eierhändler, war mit seinem Eierkorb unterwegs, als er Christus auf dem Weg zur Richtstätte begegnete. Die Soldaten hielten ihn an und zwangen ihn, für Jesus das Kreuz zu tragen. Er stellte seinen Korb ab und tat, wie ihm geheissen war. Als er zu seinem Korb zurückkam, waren alle Eier farbig.
Das Ei machte sich in unserer Sprache noch auf andere Art breit als mit dem Henne-Ei-Problem, dem Ei des Kolumbus und dem Osterei. Es hat es bis in die Sprache der Geometrie geschafft: Ein Oval, benannt nach einem von lateinisch ōvum «Ei» abgeleiteten spätlateinischen Fremdwort, ist eine geschlossene Kurve zwischen Kreis und Ellipse. Die heute kaum mehr benutzte deutsche Bezeichnung dafür war Eirund. Eiform und eiförmig werden hingegen heute noch oft gebraucht. Die eierförmig gepressten Briketts nennen wir Eierbriketts. Die Eihandgranate Modell 17 wurde im Ersten Weltkrieg, Modell 39 im Zweiten Weltkrieg von den deutschen Soldaten verwendet. Mit ihr konnte man dem Feind ein Ei legen «schaden». Die Redensart öpperem es Ei lege «jemandem zu schaden versuchen» kommt aber nicht von der Handgranate her, sondern vom Kuckuck, der seine Eier in fremde Nester legt. Sie ist in Schweizer Mundarten seit dem 19. Jahrhundert belegt; im ersten Band des «Idiotikons» von 1881 lesen wir: eim es Ei legge «zu schaden suchen».
Unter dem Titel «Ein dickes Ei» berichtet der «Blick» am 4. August 2017 in einem Artikel, dass FDP-Parteipräsidentin Gössi die Renten für Senioren im Ausland infrage stellt. Der Artikel schliesst mit der Bemerkung, Gössi habe «damit ihren möglichen Bundesräten ein nicht minder dickes Ei gelegt». Du