Nur die allergrössten Kälber wählen ihren Metzger selber. Christian Schmid. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Christian Schmid
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9783305005017
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sowohl zu- als auch abgeneigt. Das zeigt sich sehr deutlich in unserer Sprache. Selbstverständlich gibt es zahllose rührselige und sentimentale Pferde-, Hunde- und Katzengeschichten für Kinder und Erwachsene. Aber viel gängiger sind in der Alltagssprache jene sich auf Tiere beziehenden Wörter, Ausdrücke und Redensarten, mit denen wir spotten, schimpfen und beleidigen. Du Hornochse, Rindvieh, Esel, blöde Kuh und fauler Hund sagen wir, ohne auch nur im Ansatz zu überlegen, wen wir da beiziehen, um zu sagen, er oder sie sei dumm, blöd, faul oder störrisch. Wenn wir nicht mehr weiterwissen, können wir dastehen wie der Ochs vorm Berg oder die Kuh vor dem Scheunentor. Wer ausnahmsweise Erfolg hat, kriegt zu hören, dass auch ein blindes Huhn mal ein Korn findet. Wer in soziale Not gerät, kommt auf den Hund. Wer sich rüpelhaft benimmt, lässt die Sau raus.

      Der Mensch achtet das Tier weniger als sich selbst, weil er als Homo sapiens die intellektuelle Fähigkeit erworben und Waffen entwickelt hat, jedes Tier, auch das grösste, zu jagen. Einige Tiere macht er sich dienstbar, indem er sie zähmt und züchtet. Der intellektuelle Vorteil, den er dem Tier gegenüber erworben hat, führt dazu, dass er sich als Krone der Schöpfung begreift und daraus das Recht ableitet, die Welt, auch die Tierwelt, zu beherrschen. Dieses Recht wird in der Bibel deutlich sanktioniert. Gott sagt Adam und Eva nach Genesis 1, 28:

      «Seid fruchtbar, und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.»

      Noah gegenüber bestätigt Gott laut Genesis 9, 2–4 die Vormacht des Menschen in der Schöpfung; er bekräftigt damit das Ende des paradiesischen Friedens unter den Geschöpfen:

      «Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf die Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf der Erde regt, und auf alle Fische des Meeres; euch sind sie übergeben. Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen. Alles übergebe ich euch, wie die grünen Pflanzen. Nur Fleisch, in dem noch Blut ist, dürft ihr nicht essen.»

      Die Worte sind klar. Weder Vegetarismus noch Veganismus lassen sich aus der Bibel begründen, obwohl das oft behauptet wird. Wohl lebten einige monastische Gemeinschaften ursprünglich fleischlos, doch die Fleischverbote wurden mit der Zeit gelockert oder ganz aufgehoben. Viele Theologen der frühen Neuzeit behaupteten, die Menschen hätten sich vor der Sintflut ausschliesslich von Pflanzen und Früchten ernährt, so auch der katholische Geistliche Hubertus Lommessen in seiner «Postilla» von 1628: «Ja biss zur zeit dess Sündfluss ist das Fleischessen gar nicht im brauch gewesen.» Nach der Sintflut jedoch habe Gott Noah klargemacht, dass auch das Essen von Fleisch, ausser an Fastentagen und in der Fastenzeit, gottgefällig sei. Das lehren viele Schriften aus der frühen Neuzeit. Hieronymus Bock erklärt in seinem «Kreütterbuch» von 1577 mit Bezug auf die Genesis:

      «Erstmals aber / da der allmechtig Gott den Menschen Fleisch zu essen erlaubet / ward kein underschid Fleischs halben fürgeschriben. Dann also sprach Gott zu Noha unnd seinen Sönen / alles was sich regt unnd lebt / das sey ewer Speiss / wie das grün kraut hab ichs euch alles geben.»

      Während Bock schreibt, Gott habe dem Menschen erlaubt, Fleisch zu essen, behauptet das «Compendieuse und Nutzbare Hausshaltungs-Lexicon» von 1728, Gott habe das Fleischessen verordnet: «Fleisch, ist diejenige Speise, die Gott uns Menschen von denen essbaren Thieren verordnet, und giebt das Fleisch eine gesunde, starcke und nahrhaffte Speise.» Der Arzt und Philosoph Paracelsus (1493–1541) argumentiert hingegen, dass der Mensch im Schöpfungsakt als Letzter geschaffen worden sei und daraus folge, «das der Mensch die Thier haben muss zu seiner Speiss / zu seiner Notturfft (seinem notwendigen Bedarf) / zu seiner Gesundtheit / etc.» Es gebe kein Tier auf der Welt, behauptet er, das nicht für den Menschen da sei.

      Dass wir uns heute ermächtigt fühlen, vielen Tieren nur einen Gebrauchswert zuzugestehen und sie massenhaft in Tierfabriken zu halten, hat auch mit der Einschätzung des Tiers seit der frühen Neuzeit zu tun. Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Darüber wurde vom 16. bis ins 18. Jahrhundert heftig diskutiert, sowohl theologisch und wissenschaftlich als auch philosophisch, aber immer so, dass dem Menschen eine Sonderstellung zugestanden wurde. Der französische Philosoph René Descartes (1596–1650) behauptete, nur der Mensch verfüge über Geist. Tiere hatten, so seine Meinung, keine empfindende Seele, er hielt sie für eine Art komplexe Apparate. Andere, wie der Schweizer Arzt und Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733), behaupteten, das Tier habe eine Seele, aber eine ganz andere als die menschliche. Diese sei denkend, die tierische «ohne alle Vernunfft». Wieder andere behaupteten, sich auf antike Autoren berufend, Pflanzen hätten eine vegetabile, Tiere eine sinnliche und Menschen eine vernünftige Seele. Verstand und Willen kennzeichne den Menschen, behauptet ein Autor 1771, das Tier sei bloss sinnlich und unvernünftig. Wenn der Mensch seinen Verstand nicht einsetzt, handelt er wie ein unvernünftiges oder eben dummes Tier, ein animal irrationale, wie es im Lateinischen seit der Antike heisst. Im 16. Jahrhundert mahnt Martin Luther in einer Tischrede, der Mensch lebe dahin «ärger als ein Vieh». Er schätze Gottes Schöpfung nicht und missbrauche sie. Das sei «gleich als wenn eine Kuhe und unvernünftig Thier die aller schönsten und besten Blumen und Lilien mit Füssen träte».

      Das Attribut dumm wird auch von Wissenschaftlern bis ins 19. Jahrhundert verwendet, um Tiere zu beschreiben; es wird sogar als Gattungsbezeichnung benutzt. Johann Matthäus Bechstein schreibt in seiner «Gemeinnützigen Naturgeschichte Deutschlands» von 1791 über «Das dumme Täucherhuhn»: «Es ist ein dummer Vogel, der sich leicht hintergehen lässt.» Das «Brockhaus Conversations-Lexicon» von 1888 belehrt uns, der Elch sei «ein scheues, aber dummes Tier». Und in der «Kleinen Schul-Naturgeschichte» von 1891 erklärt Samuel Schilling: «Das Nashorn […] ist ein grosses, fast 4 m langes, plump gebautes dummes Tier.»

      Wir benützen noch heute dieses Vokabular, wenn wir andere beschimpfen und mit Tierbezeichnungen titulieren. Wir schätzen Tiere auf eine Weise ein, die einer frühneuzeitlichen Denkart entspricht, wenn wir sie in Massenhaltung dahinvegetieren lassen oder wenn wir sie zu Hochleistungsapparaten mit kurzer Lebensdauer hochzüchten mit Hilfe von Kraftfutter und Hormonen. Dabei ist längst erwiesen, dass zwischen Tier und Mensch, was den Aufbau des Zentralnervensystems und die kognitiven Fähigkeiten betrifft, kein absoluter, sondern nur ein gradueller Unterschied besteht. Viele Tiere können denken, sich erinnern, sich selbst in einem Spiegel erkennen, Werkzeuge brauchen, sich in arbeitsteiligen Gemeinschaften organisieren und auf unterschiedliche Weisen miteinander kommunizieren. Einige bilden sogar Staaten. Das bestreitet heute kein Wissenschaftler mehr und keinem würde es einfallen, in einer wissenschaftlichen Beschreibung ein Tier dumm zu nennen.

      Wir sind, was viele unserer alltagssprachlichen Äusserungen und unserer Alltagsreflexionen über Tiere betrifft, nicht auf der Höhe unserer Zeit. Immer noch berufen wir uns auf die längst überholte Übereinkunft, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei und dass vom Menschen zum Tier ein absoluter qualitativer Unterschied bestehe.

      Doch es tut sich etwas! Seit knapp fünfzig Jahren wird von verschiedenen Autorinnen und Autoren wie Garry Francione, Christine Koorsgaard, Lori Marino, der Gründerin des Kimmela Center for Animal Advocacy (kimmela.org), Richard Ryder, Peter Singer und anderen ein Umdenken im Tierrecht gefordert. Tierphilosophen beschäftigen sich mit Fragen, welche die Stellung, das Wesen und das Verhalten von Tieren zum Gegenstand haben. Bioethikerinnen, im speziellen Tierethikerinnen, fragen nach dem menschlichen Umgang mit Tieren und den moralischen Problemen, die sich daraus ergeben. Bücher wie Klaus Petrus’ «Tierrechtsbewegung» von 2013 und Daniel Wawrzyniaks «Tierwohl und Tierethik» von 2019 erklären einem breiten Publikum, was sich in dieser Sache tut.

      All das beeinflusst unser Sprechen über Tiere, insbesondere die Stellung des Tiers in unseren alltäglichen Sprachbräuchen, bis heute kaum. Unsere Alltagssprache schöpft aus Redeweisen und Geschichten, die während Jahrhunderten von einer Generation an die nächste überliefert worden sind. Wir sprechen in der Regel, um verstanden zu werden, und fragen uns in den wenigsten Fällen, weshalb wir sagen, was wir sagen. Dieses Buch soll zeigen, in welchen Zusammenhängen unsere Tiere, d. h. die bekanntesten Nutz- und Haustiere, und das, was wir mit ihnen tun, in unserer Alltagssprache vorkommen, was wir über sie sagen und was wir mit ihnen über uns sagen.