Nur die allergrössten Kälber wählen ihren Metzger selber. Christian Schmid. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Christian Schmid
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9783305005017
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du dickes Ei›, sagte er plötzlich, ‹o du ganz dickes Ei: der Türk ist König von Phrygien›.»

      Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts meint sich um ungelegte Eier kümmern «sich um Dinge kümmern, die noch nicht spruchreif sind oder einen nichts angehen». Bereits Martin Luther nahm «sorgest für ungelegte eyer» in seine Sprichwörtersammlung auf und erklärte, das meine, «sich Sorge machen über Dinge, die kaum erst in einer entfernten Möglichkeit da sind und in ungewisser, zweifelhafter Ferne liegen». «Viel Wind um ungelegte Eier», titelt der «Weser-Kurier» vom 15. September 2015.

      Ein Eiertanz war ursprünglich, wie uns ein Nachschlagewerk aus dem Jahr 1842 erklärt, ein Tanz, «welcher zwischen mehreren Reihen von Eyern, die auf den Boden der Schaubühne hingelegt worden, so ausgeführt wird, dass der Tänzer auf den Zehenspitzen zwischen diesen Eyern hindurch tanzt, ohne ein Ey zu berühren, vielweniger es zu zertreten». In übertragenem Sinn bezeichnen wir heute mit Eiertanz ein «sehr vorsichtiges, gewundenes Verhalten». Die «Neue Zürcher Zeitung» vom 6. Dezember 2011 titelt: «Eiertanz mit Ausländern».

      Wer einen Eiertanz aufführt, eiert nicht, denn eiern meint «ungleichmässig rotieren oder wackelnd gehen». Das Wort kam im 20. Jahrhundert auf und wurde zuerst für ein Rad gebraucht, das nicht rund läuft, weil seine Felge zu einem Ei verformt ist. Neuerdings meint herumeiern auch «sich unklar äussern, sich unschlüssig zeigen, umherirren». In einem Artikel des «Tages-Anzeigers» vom 5. März 2013 sagt Politexperte Michael Hermann: «Man kann auch gemässigte Positionen vertreten, ohne herumzueiern.»

      Im Schatz der Redensarten ist das Ei seit der Antike vertreten. Wir sagen auch in der deutschen Sprache zuweilen noch ab ovo, wenn wir «ganz von Anfang an» meinen, z. B. im Satz: Rollen wir die Sache doch mal ab ovo auf. Damit zitieren wir den römischen Dichter Horaz (65–8 v. Chr.), der den Ausdruck in seiner «De arte poetica» braucht.

      Der römische Philosoph und Politiker Seneca (ca. 1–65) brauchte den Ausdruck hominem tam similem sibi quam ovo ovum; auf ihn geht unsere Redensart gleichen wie ein Ei dem andern zurück. Bereits 1513 lesen wir beim Niederdeutsch schreibenden Schulmeister Anton Tunnicius: «Eier sint eieren gelyk» und 1586 braucht Johannes Weyer die Redensart in seinem Traktat gegen Gespenster und Zauberer, wenn er schreibt, viele Geschichten seien «als gleich als ein Ey dem andern / ein milch der andern».

      Seit dem 16. Jahrhundert können wir jemanden wie ein rohes Ei behandeln bzw. anfassen «mit jemandem äusserst behutsam umgehen». Ein frühes Beispiel finden wir in Friedrich Petris «Der Teutschen Weissheit» von 1605: «Ein Kindbetterin muss man halten und schonen / wie ein roh Ey.» Im Jahr 1687 klagt Arnold Mengering, es gebe Gesellen, die man «wie ein roh Ey halten» müsse. Laut «20 Minuten» vom 17. Oktober 2008 klagte Günter Grass: «Reich-Ranicki wird wie ein rohes Ei behandelt.»

      In der «Stuttgarter-Zeitung» vom 18. September 2012 schreibt Theresa Schäfer einen Artikel unter dem Titel «Herzogin Kate: Immer wie aus dem Ei gepellt». Wie aus dem Ei geschält bzw. gepellt, in der Mundart wi us em Ei derhäärchoo «sehr sorgfältig gekleidet, tadellos aussehend» ist seit dem 18. Jahrhundert belegt. In «Der Renommist» von 1761 schreibt Friedrich Wilhelm Zachariä: «Gehst du beständig so, wie aus dem Ey gescheelet.» Und in Adelungs «Versuch eines vollständigen grammatisch-kritischen Wörterbuches» von 1774 lesen wir: «Er ist beständig, wie aus dem Ey geschälet, im gemeinen Leben sehr reinlich, zierlich, geputzt.»

      Er isch win es ugschalets Ei sagte man in gewissen Schweizer Mundarten von empfindlichen Personen, und wer zimperlich und affektiert auftritt, geit wi uf Eier. Was ganz frisch ist, isch wi us em Ei, und ein unreifer Mensch ist chuum us em Ei gschlüffe oder het no d Eierschalen am Füdle: Dä mues mer nid cho regänte, dä het ja no d Eierschalen am Füdle. Im Roman «Der letzte Gefangene» von 1964 schreibt Heinz G. Konsalik: «Unser Küken mit den Eierschalen am Hintern!»

      Selbstverständlich machen das Ei, seine Teile, die Eierprodukte und die Eierproduzenten und -verkäufer den grössten Teil des Eierwortschatzes aus, vom Bioei, Freilandei und Osterei, über Eierschale, Eiweiss bzw. Eiklar und Eigelb bzw. Eidotter, die Eierspeisen wie Eierteigwaren, Frischeierteigwaren und Eiercognac bis zum Eierhändler oder früher dem Eiermaa, der Eierfrou, dem Eierbueb oder Eiermeitschi. Im zweiten Band der Erzählung «Waldheimat» von Peter Rosegger (1843–1918) trägt ein Abschnitt den Titel «Als ich Eierbub gewesen». Eine der Geschichten, die man sich von Poppele, vom Burggeist vom Hohenkrähen, erzählt, heisst «Poppele und das Eierwiib». Sie beginnt mit den Worten «Drückende Hitze brütete über dem Hegau, als die Eierfrau von Rielasingen mit der schweren Krätze auf dem Rücken nach Engen zum Markt wanderte».

       Das Huhn als Fleischlieferant

      Wir behandeln zwar den grössten Teil der Haushühner wie den letzten Dreck, aber ihr Fleisch essen wir in Massen. Weltweit wurden 2018 über 91 Millionen Tonnen Geflügelfleisch verzehrt; in der Schweiz steht das Geflügelfleisch mit 12,5 kg pro Kopf im Jahr beim Fleischkonsum an zweiter Stelle. Schnell wachsende Hybrid-Masthühner mit viel Brustfleisch werden gezüchtet; die männlichen Küken sind unbrauchbar und werden vergast oder geschreddert, was in naher Zukunft verboten werden soll.

      In den Hausväterbüchern des 17. und 18. Jahrhunderts werden die Hühner hingegen gerühmt als Eier- und Fleischlieferanten. Die «Oeconomia ruralis» von 1645 führt sie mit folgenden Worten ein:

      «Die Hüner sind einem Hausswirte sehr nützlich und nötig / derwegen man zu sagen pflegt / wer Eyer haben will / der muss der Hüner gatzen (gackern) leiden. Drumb muss ein Wirth viel gute Hüner haben / nit allein umb des woldäwlichen (gut verdaulichen) Fleisches willen / das man bissweilen in den Mahlzeitten brauchen kan / sondern auch umb der Eyer willen.»

      Der Ausdruck wer Eier haben will, muss der Hühner Gackern leiden ist eine Redensart mit der Bedeutung «wer etwas haben will, muss auch Unangenehmes, das damit verbunden ist, ertragen», die bereits in der «Teutschen Sprach und Weissheit» von 1616 erwähnt wird. Am 9. Oktober 2016 beginnt die «Süddeutsche Zeitung» einen Artikel über Fluglärm mit den Worten: «Wer Eier haben will, muss der Henne Gackern leiden, so weiss es ein altes Sprichwort. In die moderne Zeit übertragen könnte es lauten: Wer billige Produkte aus den und Reisen in die letzten Winkel der Welt haben will, darf sich über Fluglärm nicht beschweren.»

      Wir essen heute am liebsten ganze gebratene junge Hühner, die in Nord- und Mitteldeutschland Brathähnchen heissen, im Süden Deutschlands und in Österreich (Brat)hendl, im deutschen Osten mit dem englischen Lehnwort Broiler «Bratrost, Brathühnchen» und in der deutschsprachigen Schweiz mit dem französischen Lehnwort Poulet «junges Huhn» oder Mischtchratzerli «junger Hahn». Legehennen im Alter von ungefähr 18 Monaten kommen selten als Suppenhühner in die Küche. Noch lieber essen wir nur die leckeren Teile vom Huhn, nämlich Hähnchenbrust und Hähnchenschenkel bzw. Pouletbrust und Pouletschenkel, oder wir bestellen in einem Fastfood-Restaurant einen Chickenburger mit einem ganzen Schnitzel oder einem Schnitzel aus Hähnchenhack, bzw. Chicken-Nuggets, d. h. in Würfel geschnittene Hähnchenbrust, die paniert und schwimmend im Öl gebacken wird.

      Zur Verbreitung von Hühnerfleisch als Fastfood trug Harland D. Sanders bei, der 1930 die Kentucky-Fried-Chicken-Kette gründete. Sie fasste 1960 auch in Deutschland Fuss, gehört heute Yum! Brands Incorporation und besitzt in China mehr Restaurants als in den USA. Wie Kentucky Fried Chicken den chinesischen Markt eroberte, ist eine der grossen Erfolgsgeschichten der modernen Ökonomie.

      In der alten Küche der frühen Neuzeit verwertete man die ganzen Tiere, auch die Knochen, Füsse und Innereien, die man auskochte für Suppen, Brühen, Bouillons und Sülzen. Man ass sie süss oder salzig, gebraten und gekocht, in Limonen eingemacht, als Brustknödel oder Gehacktes von der Brust, man zerstiess das gekochte Fleisch in einem Mörser zu Mus und ass es als Brotaufstrich oder eingebacken in einer Pastete oder einem Kuchen, man machte Hühnersülze.