Nur die allergrössten Kälber wählen ihren Metzger selber. Christian Schmid. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Christian Schmid
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9783305005017
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übertragener Bedeutung braucht und woher sie kommen. Dabei ist es mir sehr wichtig, dass ich mit Beispielen belege, was ich behaupte. Oft führt mich die Suche zurück bis in die Zeit der Renaissance, ins Mittelalter oder gar in die Antike, manchmal muss ich Sprachgrenzen überschreiten. Meinen Leserinnen und Lesern mute ich damit zu, dass sie Beispiele oder kleine Geschichten in älterem Deutsch lesen. Vielleicht versteht man nicht gleich alles im ersten Anlauf, aber viele dieser Zitate sind richtige Leckerbissen, pointierte, saftige, witzige, zuweilen bissige und böse Formulierungen; und die Geschichten sind manchmal, von unserem heutigen Standpunkt aus gesehen, unglaublich. Sie in die Gegenwartssprache zu übersetzen, hätte ihnen die ganze Wucht genommen, die sie in ihrer Fremdheit haben. Bei einzelnen Wörtern, die man kaum oder nicht versteht, habe ich die Übersetzung in runden Klammern direkt dahinter gesetzt. Manchmal musste ich ganze Sätze oder Texte übersetzen, vor allem auch wenn sie in einer uns fremden Sprache aufgeschrieben wurden. Für einige brauchte ich kundige Hilfe; den Helfern und Helferinnen danke ich herzlich. Für die meisten Bücher aus der frühen Neuzeit habe ich nur Kurztitel gesetzt, weil die vollständigen Titel oft unendlich lang sind, z. B. «Fleissiges Herren-Auge» statt «Fleissiges Herren-Auge, Oder Wohl-Ab- und Angeführter Haus-Halter, Das ist: Gründlich- und kurz zusammen gefasster Unterricht, von Bestell- und Führung eines nütz- und einträglichen Land-Lebens und Wirthschaft».

      In Texten, welche in älterem Deutsch geschrieben sind, kommen Vokale mit übergesetzten Zeichen vor, z. B. ā und î; sie kennzeichnen lange Vokale. Meine mittelbernische Mundart schreibe ich nach Dieth, d. h. ich schreibe sie lautnah, die kurzen Vokale einfach, z. B. Chatz, strigle, Märe, die langen doppelt, z. B. Taape, hööch, naagää. Zitierte Mundart schreibe ich so, wie ich sie der Quelle entnommen habe. Auch die zum Teil abenteuerlichen Schreibungen von Internetbeispielen habe ich nicht verändert.

      Mein wichtigstes Suchwerkzeug war das Internet. Im Internet stehen uns Tausende von Texten im Original zur Verfügung. Noch nie konnte, wer sucht, ein derart umfangreiches Textkorpus durchforsten. Man muss sich nur Zeit nehmen und mit unterschiedlichen Schreibungen und Wortformen spielen, immer und immer wieder. Ich kann mich heute nicht mehr ausschliesslich auf die in die Jahre gekommenen grossen Wörterbücher stützen, denn die Autoren dieser Wörterbücher mussten in Archiven und Bibliotheken ihre Belegstellen ausgraben. Weil sie nicht immer neu graben wollten, schrieben sie einander gerne ab, auch die Fehler.

      Dennoch wäre meine Arbeit nicht möglich gewesen ohne grosse und kleine Wörterbücher und Nachschlagewerke aller Art. Was unsere Mundarten betrifft, ist das «Schweizerische Idiotikon» (idiotikon.ch) eine unentbehrliche Hilfe und eine unversiegbare Quelle der Freude für diejenigen, die suchen. In dieses Werk wurden neben Wörtern mit ihren historischen Belegen auch Tausende von Ausdrücken und Redensarten aufgenommen. Neben dem «Idiotikon» leisteten mir viele kleine regionale Mundartwörterbücher ebenfalls wertvolle Dienste. Die wichtigste deutsche Wörterbuchplattform im Internet ist «woerterbuchnetz.de», über die jetzt auch das «Idiotikon» zugänglich ist. Daneben findet man online grosse, frei benutzbare historische Wörterbücher in vielen Sprachen, wie z. B. «Le Trésor de la Langue Française informatisé (atilf.atilf.fr)» und den «Online Etymology Dictionary (etymonline.com)».

      Ich hoffe, dass die Leserinnen und Leser dieser Geschichten viel Neues erfahren, schmunzeln, vielleicht auch lachen, und nachdenklich werden. Wenn das Buch ihr Interesse weckt und auf Fragen Antworten gibt, habe ich das Pferd nicht am Schwanz aufgezäumt und bin nicht wie die Katze um den heissen Brei herumgegangen.

      Meiner Frau Praxedis danke ich für das Mitlesen und Mitdenken, Roland Schärer vom Cosmos Verlag für die ausgezeichnet aufmerksame und freundschaftliche Zusammenarbeit. Er hat dr Märe zum Oug gluegt!

      Huhn und Hahn

       Herkunft und Benennung

      Der Geistliche, Schriftsteller und Ökonom Christoph Fischer beginnt in seinem sehr erfolgreichen Hausväterbuch «Fleissiges Herren-Auge» von 1690 das Kapitel über das Geflügel mit folgenden Worten:

      «Ich wil von der Hennen / als der rechten Eyer-Mutter / und gluckzendem Hof- und Bauren-Vogel / so nicht allein auff dem Lande / sondern auch in Städten / wegen vielfältigen Eyerlegens bekannt / und sehr angenehm / den Anfang machen.»

      Weil das Huhn der weitaus häufigste Vogel auf der Welt und der wichtigste Eier- und Fleischlieferant ist, beginne ich, wie Fischer im 17. Jahrhundert, auch mit dem Huhn.

      Das Huhn hat Flügel und Federn und zählt deshalb seit dem Mittelalter mit Enten und Gänsen zu den Hofvögeln oder Hausvögeln, zum Geflügel, Gefieder, Klein- oder Federvieh. Die «Teutsche Sprach und Weissheit» von 1616 zählt zum «Feder Viech»: «Schwanen / Pfawen / Gänse / Ente / Hüner / Tauben / etc.» Die «Deutsche Sprache in der Volksschule» von 1855 lehrt uns: «Hausvogel fasst in sich: Gans, Huhn, Hahn, Ente, Taube etc.» Kein anderes Nutztier kommt auf der Welt so häufig vor wie das Haushuhn. Man schätzt, dass es etwa 20 Milliarden gibt, d. h. auf jeden Menschen ungefähr drei, weil es, wie eine Naturgeschichte von 1833 behauptet, «eines der nützlichsten Thiere [ist], welche der Mensch sich zum Genossen erwählen konnte».

      Unser Haushuhn stammt aus Südostasien, wo man es vor 5000 bis 6000 Jahren zu domestizieren begann, vielleicht weil der Hahn am Morgen die Sonne begrüsste, die als heilig galt. Dann züchtete man es, damit man Hahnenkämpfe veranstalten konnte; bei den Griechen war der Hahn als Motiv auf Kampfschildern und Gefässen beliebt. Erst seit den Römern hält man Hühner vor allem als geschätzte Eier- und Fleischlieferanten. Nach Europa kam das Huhn aus Persien und dem östlichen Mittelmeerraum; etwa 2300 Jahre alte Funde zeugen von der Existenz des Haushuhns in der israelischen Stadt Maresha. Bereits in der Eisenzeit wurde es von Phöniziern nach Spanien gebracht, dann, sehr wahrscheinlich aus Persien, kam es um 900 nach Griechenland; Homer erwähnt es noch nicht. Aus Europa gelangte es schliesslich im 16. Jahrhundert mit den Entdeckern und Eroberern nach Amerika.

      Lange glaubte man, am Anfang seiner Zähmung stehe das wilde, von Indien bis China weit verbreitete Bankiva- oder Rote Kammhuhn. Neuere Forschungen ergaben jedoch, dass noch andere Wildhuhnrassen beteiligt gewesen sein müssen, denn seine gelben Beine hat das Haushuhn offenbar nicht vom Bankiva-, sondern vom südwestindischen Sonnerathuhn.

      In Europa gibt es ungefähr 200 Haushühnerrassen, weltweit dürften es über 500 sein. Einige sind sehr alt, wie die Krüper, die von Konrad Gessner bereits im 16. Jahrhundert als Kriechhühner beschrieben werden, weil sie kurze Beine haben. Heute gelten sie in der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e. V. in Deutschland als stark gefährdet. Auch der Bartli, das Appenzeller Barthuhn, das in der Mitte des 19. Jahrhunderts gezüchtet wurde, konnte 1985 nur dank ProSpecieRara vor dem Aussterben gerettet werden. Diese Organisation sorgte zudem dafür, dass das einst beliebte weisse Schweizerhuhn, das erst am Anfang des 20. Jahrhunderts gezüchtet wurde, aber in der industrialisierten Landwirtschaft rasch an Bedeutung verlor, noch heute existiert. Haushühner sind oft weiss; lange Zeit schätzte man weisse Hühner eher gering. Der Theologe und Geograph Anton Friedrich Büsching gibt in seinem «Nützlichen und angenehmen Lehrbuch für die Jugend» von 1772 einen Rat, den er dem römischen Autor Columella abgeschrieben hat:

      «Das zahme Federvieh muss röthliche oder braune Pflaumfedern, und schwarze Flügel haben, und wann es möglich, müssen alle von dieser, oder dieser am nächsten kommenden Farbe erwählt werden: kan es aber nicht seyn, so meide man doch die weissen, welche […] leicht ins Gesicht fallen (gut sichtbar sind), und wegen ihrer sonderbaren Weisse von Habichten und Adlern oft hinweg gerissen werden.»

      Neben den Haushühnern, die mit Pfau, Truthuhn, Goldfasan, Alpenschneehuhn, Auerhuhn und Birkhuhn in die Familie der Fasanenartigen gehören, gibt es vier andere Familien der Gattung Hühnervögel (Galliformes), nämlich die Grossfusshühner, die Hokkohühner, die Zahnwachteln und die Perlhühner.

      Das