Nur die allergrössten Kälber wählen ihren Metzger selber. Christian Schmid. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Christian Schmid
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9783305005017
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      Dem Vorurteil, das Huhn sei dumm, widersprach der Verhaltensforscher Erich Baeumer. Er forschte fünfzig Jahre lang über die Haushühner und veröffentlichte seine Erkenntnisse 1964 in einem Buch mit dem ironisch gemeinten Titel «Das dumme Huhn – Verhalten des Haushuhns». Viele Zeitungen nahmen in den vergangenen Jahren das Thema auf, z. B. die «Aargauer Zeitung» mit «Von wegen dummes Huhn! – Hühner können zählen und führen sich für Sex hinters Licht» 2016; der «Kurier» mit «Von wegen dummes Huhn», der «Standard» mit «Wie dumm Hühner wirklich sind» und die «Welt» mit «Huhn: Von wegen dumm, das Geflügel ist ziemlich schlau» 2017; der «Blick» mit «Der Ausdruck ‹dummes Huhn› stimmt so nicht» 2018. Die Zeitungsartikel häuften sich in dieser Zeit, weil 2013 das Buch «Das Huhn», herausgegeben von Joseph Barber, erschienen war und weil 2017 die Hirn- und Verhaltensforscherin Lori Marino den viel beachteten wissenschaftlichen Artikel «Thinking Chickens: a review of cognition, emotion, and behavior in the domestic chicken» veröffentlicht hatte. Auffallen muss, dass sowohl Baeumer als auch die meisten Zeitungsartikel sich auf den Ausdruck dummes Huhn bezogen; was deutlich macht, wie oft wir ihn brauchen.

      Doch die Mär vom dummen Huhn wird bis heute weiterverbreitet. Der Trickfilm «Fine Feathered Friend» von 1942 aus der Tom-und-Jerry-Serie von Hanna und Barbera hiess in der deutschen Übersetzung «Tom und das dumme Huhn». Schobert & Black veröffentlichten 1973 mit Ulrich Roski das Lied «Dummes Huhn, was nun». Der Inder Idries Shah (1924–1996), der in England lebte, erzählte die Sufigeschichte «The Silly Chicken – das dumme Huhn», die von Jeff Jackson illustriert 2015 als sehr erfolgreiches Kinderbuch erschien. Darin versetzt ein Huhn eine ganze Stadt mit seinen erfundenen Geschichten in Aufruhr. Die Leute glauben ihm, ohne nach seiner Glaubwürdigkeit zu fragen.

      Für noch dümmer als das Huhn hielten viele ältere Autoren die erst im 17. Jahrhundert nach Europa eingeführte Pute oder das Truthuhn, welches bis ins 19. Jahrhundert auch welsches, türkisches, indianisches oder kalekutisches Huhn genannt wurde, weil man damals den aus Nordamerika stammenden Exoten in Indien beheimatete. «Die welschen Hühner [sind] so dumm», behauptet der Autor des «Magazins des Ausserordentlichen in der Natur, der Kunst und im Menschenleben» von 1816, «dass sie oft nicht sehen, wo sie hintreten». Dem widerspricht 1863 ganz zaghaft der Autor eines landwirtschaftlichen Handbuches: «Viele halten die Truthühner für sehr dumm – nach meinen Beobachtungen sind sie es jedoch nicht so sehr», schreibt er.

      Die Dummheit der Pute und des Puters könnte aus dem Französischen ins Deutsche entlehnt worden sein, denn dort heisst bête comme un dindon seit der Mitte des 18. Jahrhunderts «sehr dumm» und c’est un dindon «er ist ein Dummkopf». Auch die Bezeichnung dindonière «Putenhirtin» konnte man abwertend im Sinne von «dummer Dorftrampel» verwenden. Bereits 1790 wurde der dumme Truthahn deutsch. Im deutschsprachigen Schauspiel «Das Gallerie-Gemählde» behauptet eine Figur: «Der Mensch ist so dumm, wie ein Truthahn.» Zu Beginn des 19. Jahrhunderts finden wir dumm wie ein Puter in einem deutsch-französischen Wörterbuch und 1860 erklärt Johannes Leunis in der «Synopsis der Naturgeschichte des Tierreichs», der Puter sei sehr kampflustig, zänkisch und sehr dumm, «daher die Redensarten: dumm wie ein Puter; Puterjunker d. h. ein einfältiger, dummer Landjunker; putern, d. h. schnell und unverständlich reden». Heute sagen wir nicht mehr er ist dumm wie ein Puter, sondern sie ist eine dumme Pute bzw. dumm wie eine Pute, seltener sie ist eine dumme Trute, und verwenden damit einen Ausdruck, der seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts belegt ist. Auch von der blöden Pute liest man seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts oft. Die Bezeichnungen Pute und Trute beziehen sich übrigens lautmalend auf das Kollern der Tiere.

      Auch die dumme Gans läuft dem dummen Huhn noch den Rang ab. Sie ist seit dem 18. Jahrhundert sehr verbreitet: «Lucretia war eine dumme Gans» (1746), «[sie] stellete sich nicht anders als eine dumme Gans an» (1748), «weil dieses Thier sehr dumm ist, so nennet man im gemeinen Leben einen dummen einfältigen Menschen eine dumme Gans» (1777).

      Doch zurück zum Huhn. In Andreas Corvinus’ «Fons Latinitatis» von 1633 wird lateinisches Ambulatrix mit «Gassenhun» übersetzt, das in Denzlers Überarbeitung von 1715 erweitert wird zu «Gassenhun / weib so stäts auff der gassen / ein ausfrau / nicht hausfrau». Eine neugierige Frau ist nach einer Quelle von 1863 hingegen ein Gwunderhuen.

      In den Mundarten der deutschsprachigen Schweiz unterstellt man mit dem Wort hüennere «unbedacht, kopflos gehen oder herumrennen» dem Huhn noch eine weitere negative Eigenschaft, die man auf den Menschen überträgt. Was hüennerisch eso uf d Straass use, kann ich ein Kind, das ohne zu schauen auf die Strasse tritt, vorwurfsvoll fragen. Ein Mensch kann desumehüennere oder umehüenere «ziellos herumgehen». Er kann Termine, Abmachungen bzw. Sachen verhüennere «durcheinanderbringen bzw. so verlegen, dass man sie nicht mehr findet». Eine Frau, die etwas verhüenneret, kann von sich behaupten, i bin es Huen oder i bin es stuurms Huen. Muss jemand mit einer neuen Situation zu Rande kommen, kann ich sagen: Er isch no chli verhüenneret «durcheinander», aber das besseret de scho. Ein Durcheinander ist ein Ghüenner oder eine Hüennerete.

      Die Hühner, die auf der Suche nach Futter scheinbar ziellos durch die Gegend hüennere, lassen überall ihren Kot fallen. Diese Eigenart kommt in der Redewendung la lige wi d Hüenner dr Dräck «überall herumliegen lassen, unordentlich sein» und in der Ostschweizer Wendung all Henneschiss «immer wieder» zum Ausdruck.

       Mit den Hühnern zu Bett

      Wer Hühner hält, muss sie am Abend eintreiben und im Stall einschliessen, um sie vor Füchsen, Mardern und Nachtraubvögeln zu schützen; d Hüenner itue, heisst das in der Mundart. «Hüener iitue u Chüngle mischte», schreibt Stef Stauffer im Roman «Hingerhang» von 2018. Als Redensart im übertragenen Sinn gebraucht, meint öpperem d Hüenner itue, «jemanden zurechtweisen». Die Hühner suchen ihre Schlafstelle auf, sobald die Dämmerung einsetzt. Wer mit den Hühnern zu Bett geht und mit den Hühnern aufsteht, mundartlich mit de Hüenner undere geit u mit de Hüenner ufsteit, «geht früh zu Bett und steht früh auf», und zwar seit dem 16. Jahrhundert: «Wer will frühe auffstehen / der muss mit den Hünern zu beth gehen», heisst es 1602 in «Der Teutschen Weissheit». Auch im Französischen und Englischen ist se coucher avec les poules und se lever avec les poules bzw. to go to bed with the chicken seit dem 18. Jahrhundert belegt.

      In den traditionellen Hühnerhäusern setzten sich die Hühner zum Schlafen auf eine erhöhte Sitzstange, welche Sedel oder Sädel genannt wurde. Sedel «Sitz, Heimstatt» ist ein mit siedeln, Siedler, Siedlung verwandtes Erbwort. Ds Huen sädlet sech, sagt man; i ga z Sädel meint im übertragenen Sinn «ich gehe ins Bett, ich lege mich zur Ruhe», wer sech sädlet «lässt sich nieder, sitzt ab».

      Ein blindes Huhn findet auch einmal ein Korn oder auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn kann ich sagen, wenn ich meine «zufällig gelingt (selbst dem Unfähigsten) mal etwas». Der älteste mir bekannte Beleg stammt aus Rollenhagens «Froschmeuseler» von 1595: «Ein blind Hun findt auch wol ein Korn.» Dieselbe Form der Redensart ist auch in «Der Teutschen Weissheit» belegt und scheint die älteste zu sein. In der «Historia meteorologica» von 1651 lesen wir jedoch, wer Wetterphänomene voraussage, ohne sich an Regeln zu halten, lande nur zufällig einen Treffer «oder findet wie ein blind Huhn eine Erbeiss (Erbse)». Auch im Schauspiel «Der pedantische Irrthum» von 1673 sagt eine Figur: «Ein blind Huhn findet auch einmahl eine Erbse.» Zudem findet im «Hannoverischen Magazin» von 1779 «auch ein blindes Huhn ein Haberkorn» und in Sophiens von Karlitz «Heiratsmaximen» von 1786 erwischt ein Freier «ein Mädel, wie ein blindes Huhn ein Gerstenkorn».

      Statt vom blinden Huhn ist in vielen Belegen seit dem 16. Jahrhundert vom blinden Hahn die Rede: Wir lesen, dass «ein blinder Han ein Körnle gefunden» habe (1595) und «ein blinder Han find auch ein Gersten körnlin» (1630) bzw. «ein Weizenkörndl» (1929). Philipp Balthasar Sinold von Schütz behauptet in seiner