Rosa nickte. Gut, das „oder“ blieb einem ja. Vorher aber wollte sie versuchen. Es war da ein Freund ihres Vaters, der Bankier Merz, und schließlich auch noch die Tante Babette von Zwink, die einige Renten gerettet hatte. Melchior sollte sich nicht zu viel Hoffnungen machen, aber versuchen konnte man es.
Sie stülpte sich den kleinen weinroten Filzhut auf. Die Fohlenjacke zog sie zum erstenmal in diesem Jahr an. Denn es war bitterkalt. Sie lief schnell noch ins Badezimmer, um sich zu pudern, schüttete sich vor Aufregung den Inhalt der ganzen Puderdose in den Hals, pustete, schüttelte sich, lachte ihren Mann an, küßte ihn, lief die Treppen fast übermütig hinunter, sprang in ein Auto und fuhr davon. Es war vier Uhr fünfzehn Minuten. Um vier Uhr fünfundzwanzig ließ sie sich beim Bankier Merz melden. Sie mußte fast eine halbe Stunde warten. Dann kam er hochrot und aufgeregt aus seinem Büro geschossen. Welch ein Großkampftag! Die Börse! Unübersehbare Verluste! In zwanzig Minuten ging außerdem sein Zug nach Paris. Konnte er der lieben kleinen schönen Frau mit irgend etwas dienen außer mit Geld? „Außer mit Geld,“ wiederholte er und lachte dröhnend, „denn davon kann ich heute keinen Pfennig entbehren.“
Rosa Lange errötete, sie hatte noch nie Geld von Merz gewollt. Woher wußte er das? Also, wenn er ihr keines geben konnte ... „Nein, nein,“ stotterte sie, „ich wollte nur mit dir plaudern, Onkel Merz.“
Merz zog sie noch eine Sekunde ins Büro. Heute ging es wirklich nicht. Aber in acht Tagen? Rosa nickte. „Gut,“ sagte sie, „wenn ich nicht noch anrufe, komme ich.“
Ihr war kalt geworden. Sie hatte nun doch Angst. Um fünf Uhr dreißig erschien sie bei Babette von Zwink draußen in Groß-Flottbeck. In den letzten zwei Jahren hatte sich nichts geändert. Im Flur roch es immer noch nach Mottenpulver. Es waren auch immer noch Fräulein von Kneiff und die Baronin Prilleken bei ihr zum Tee.
Tante Babette setzte die Nichte streng in einen Sessel. Zunächst hieß es Konversation machen, einen Tee nehmen, zwei oder drei Stück Zucker? Milch? Man fiel mit seinen Angelegenheiten nicht gleich ins Haus. Der Kuchen war von Mathilde selbst gebacken und wirklich vorzüglich geraten. Kinder hatte Rosa keine? Baronin Prilleken hatte unterdes fünf Enkel zur Welt gebracht. Endlich ließ sich Babette von Zwink von ihrer Nichte ins Nebenzimmer zerren.
„Was ist also los?“ polterte sie. „Was brennt, was liegt im Sterben?“
„Wir“, antwortete Rosa leise und begann zu weinen.
Tante Babette hörte sich die Geschichte genau an. Also unterschlagen hatte dieser Pastorenjunge. Dafür konnte sie nicht ihr letztes Geld hergeben. Da sollte Melchior sehen, wo er blieb. Gefängnis und Amerika lagen beide nicht weit von Hamburg. Rosa aber sollte hierherziehen und die Scheidung einreichen.
Rosa trocknete ihre Tränen. Daran hatte sie nicht gedacht. Ihr war eine Sekunde federleicht zumute. Sie bat noch einmal, ob die Tante nicht doch Geld hergeben würde. Fünfzig, achtzig, ja hundert Mark monatlich konnte man zurückzahlen. Aber Babette von Zwink blieb hart. Sie brachte die Nichte selbst zur Tür, küßte sie hastig und herzlich. „Schweig und komm“, flüsterte sie feierlich und schob die junge Frau in den kalten Flur.
Rosa ging langsam durch die Vorstadtstraßen. Sie hatte einen Zorn auf die Tante. Sie war aber auch böse auf Melchior. Sie wollte wirklich gern mit ihm sterben. Aber daß er es so selbstverständlich verlangte, machte sie doch traurig. Nein, wie ekelhaft war das Leben, und gut, daß man zu Ende kam.
Sie war vor einem Laden stehengeblieben. Sie musterte die Delikatessen. Sie sah in ihrem Portemonnaie nach. Melchior hatte ihr das letzte Geld anvertraut. Siebenundvierzig Mark. Kindlich lächelnd betrat sie den Laden. Sie durfte alles ausgeben. Sie brauchte kein Geld mehr. Also Gänseleberpastete, ein Viertelpfund Kaviar, Trüffeln, Gänsebrust, Hummer in Mayonnaise, eine halbe Flasche Kirschwasser für Melchior, eine halbe Flasche Portwein für sich selbst. Ja, und für eine Mark Sahnebonbons. Eines wollte sie nur gleich essen. Vergnügt kauend fuhr sie mit dem Riesenpaket nach Haus.
Lange hörte sie die Treppe heraufkommen. Er beugte sich über das Geländer. Sie schwenkte das Paket, kaute noch immer die zähen Bonbons. „Gott sei Dank“, rief er und umarmte sie heftig. Sie wurde totenblaß. Was dachte sich dieser Mann? „Nein, nein,“ flüsterte sie, ging ins Wohnzimmer, riß das Paket auseinander, „nein, nein, wenn ich Geld bekommen hätte, hätte ich doch dies nicht.“
Er verstand nur langsam. „Aus“, sagte er dann. Ging in sein Schlafzimmer, kam mit dem Revolver, zielte auf seine Stirn. „Aus“, wiederholte er gedehnt. Aber sie nahm ihm die Waffe resolut weg. Noch war es nicht so weit. Sie wünschte noch ihr Abschiedsfest. Er sollte seinen Frack anziehen, sie das Tüllkleid.
Eine halbe Stunde später aßen sie. Anfangs ohne Appetit. Dann tat der Alkohol seine Wirkung. Sie hatten ja beide eine Vorliebe für steinschwere Delikatessen. Gänseleber, so viel sie wollten! Kaviar! Nur an nichts denken! Hummern! Das konnte man eine Henkersmahlzeit nennen! Es war auch noch Käse da. Kaffee, ausreichend für einen Mokka. Dann aber gab es nichts mehr als Alkohol und Zigarren. „Prost denn, Melchior,“ sagte Rosa, „es war ja schließlich ganz schön.“
„Prost denn“, antwortete er. Daß sie keine Angst hatte! Er hatte ja schließlich hundertmal dem Tode ins Auge gesehen. Aber sie? Nein, ihr war das Sterben neu. Sie mußte es lernen. Sie setzte sich auf seinen Schoß, sie sah ihm ausdauernd in seine leeren Augen. Kein Trost! Womit konnte man das Leben verlängern? Ja, man mußte wohl einen letzten Willen hinterlassen, irgendeinen Zettel, um zu erklären, warum und wieso. Schließlich kamen noch Leute in Mordverdacht.
Melchior weigerte sich. Er wollte nicht aufschreiben, daß er unterschlagen hatte, und daß sie sich selbst erschossen hatten, ergab sich doch klar.
Rosa war damit nicht zufrieden. Sie dachte voll Reue, wie sie bei der Tante nach dem Leben geschielt hatte. Wenn nun Melchior sie niederschoß und selbst nicht den Mut fand? Wenn er auf sich schoß und wieder gesund wurde? Wenn er zum Schluß doch ins Gefängnis wollte, statt in den Tod? Zuerst bekam sie noch einen Zorn auf ihn. Er sollte auf alle Fälle mit in den Tod. Dann aber erkannte sie, daß es sie nichts mehr anging. Sie faßte endlich den Entschluß, ihre Rechnung ganz zu bezahlen, und dazu gehörte, daß sie dem Mann die Freiheit ließ, weiterzuleben, wenn der Zufall oder seine Feigheit oder sein Mut es wollten. Sie riß also ein Blatt Papier vom Block und schrieb: „Ich habe aus Zorn auf meinen Mann geschossen und mich dann getötet.“
Sie las es genau durch. Ja, so war das richtig. Sie streichelte das Papier. Kniffte es zusammen. Steckte es in den Gürtel. Nun mußte sie nur noch das Geschirr in die Küche räumen, den Gashahn zudrehen, und dann gab es keine Pflichten mehr.
Melchior hatte die Waffe mit sechs Schuß geladen. Das Schwerste also zuerst. Rosa legte sich auf den Diwan. „Jetzt schnell“, sagte sie. Aber er kam nicht. Er zitterte so sehr, daß er nicht gehen konnte. „Melchior,“ rief sie vorwurfsvoll und ging auf ihn zu, „Melchior, du Feigling!“
Sie flüsterte das fragend und entsetzt. Aber er wurde wütend, daß man ihm, dem Hauptmann, so etwas sagen durfte. Er nahm sie mit hartem Griff um die Schulter. Rosa spürte etwas wie einen Schlag, einen Steinwurf dicht hinter der Schläfe. Sie fühlte sich noch sinken. Dann war alles dunkel.
Melchior Lange sah die Liegende prüfend an. Nun erst war es entschieden. Nun mußte er schnell machen. Er zog den Zettel aus dem Gürtel. Was? Sie hatte gefürchtet, daß er nicht folgen würde? Er Angst? Das wollte er ihr schon zeigen. Hastig, ohne zu zielen, gab er einen Schuß auf sich ab, traf sich in die Brust, sank in die Knie, schoß sich schnell dreimal hintereinander in den Kopf. Der dritte Schuß erst tötete ihn. Er klappte zusammen, rollte unter den Tisch.
Zehn Tage später wachte Rosa Lange als Polizeigefangene in der Charité auf. Sie mußte ein paarmal erwachen, ehe sie sich zurechtfand. Nicht möglich! Nicht einmal schießen konnte Melchior! Sie weinte und weinte! Man hatte ihr nämlich verboten, zu weinen, weil es lebensgefährlich für sie sei. So konnte man vielleicht mit Tränen eher zu Tode kommen als mit Kugeln.
Als sie einigermaßen zu Kräften gekommen war, erschien der Untersuchungsrichter an ihrem Bett.