Schicksale gebündelt. Walther von Hollander. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Walther von Hollander
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9788711474686
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bekommt er das Sumpffieber. Er schreit und schlägt um sich. „Hast du mich im Hotel bestehlen wollen?“ ruft er und küßt die Finger, die den Schein gezupft haben. Käthe nickt. Er will etwas aufschreiben. Er vergißt es nur immer wieder. „Teufelchen soll alles erben“, kritzelt er dann, bevor er stirbt.

      Als Frau van Stejn ankommt, ist ihr Mann schon begraben. Sie findet beim Ordnen des Nachlasses eine Seite des Tagebuchs in Schönschrift vollbeschrieben: „Käthe ist eine Diebin. Käthe ist eine Diebin.“

      Das scheint ihr Handhabe genug, gegen die Geliebte des Mannes vorzugehen. Sie läßt durch die Polizei Käthes gesamten Besitz sicherstellen. In der Sommervilla bleiben nur ein paar Kleider, ein Koffer, die französische, die englische und die spanische Grammatik.

      Ein Anwalt bietet Käthe seine Hilfe an. Sie ist ganz erstaunt. Sie will sich nicht wehren. Wenn Frans nicht besser vorgesorgt hat, soll es ihr nicht besser gehen. Was sie machen will? Sie will nach Berlin zurück. Frans vergessen. Vergeblich sucht der Anwalt ihr klarzumachen, daß sie doch ohne Mittel niemals nach Berlin kommen kann.

      8

      Im Mai 1927 läuft der Dampfer „Güteborg“, Kapitän Fredrichsen, Surubaja an. Er hat die Route Ceylon, Aden, Port Said, Neapel, Hamburg, Kopenhagen.

      Eine Stunde vor der Abfahrt betritt Käthe Besser das Schiff in einem crêmegelben Spitzenkostüm, tief verschleiert. Der Boy, der sie auf die Palme klettern lehrte, trägt den bescheidenen Handkoffer.

      Sie läßt sich beim Kapitän melden, steht schmal und klein in der Kajüte. Sie will ohne Geld nach Deutschland. Fredrichsen zuckt die Achseln. Käthe schlägt den Schleier zurück. Der Kapitän errötet. Welche Augen! Er liebt sie schon. Er ist zu allem bereit, wenn sie ihn nur wiederlieben will.

      Käthe sieht sich kummervoll den alten Seemann an. Das rostbraune, gefurchte Gesicht mit dem weißen Schnurrbart, die breiten Schultern, die sich schon nach innen krümmen, die behaarten Hände. Dann schließt sie die Augen müde, öffnet und schließt sie noch einmal. Mausgrau blinken die Augendeckel im bronzenen Gesicht. Dann entblößen sich langsam die Zähne. Wahrhaftig: da es sein muß, lächelt sie.

      Käthe lebt in der engen Kajüte. Man hört tags Menschen laufen, Musik, Geschrei. Wasser sieht sie vorbeigehen und ab und zu ein anderes Schiff. Spätabends darf sie eine Stunde neben dem Kapitän oben im Steuerhaus sitzen. Fredrichsen ist rasend vor Liebe und Eifersucht. Wenn er nachts zu ihr kommt, schwankt er in seiner Erregung wie ein Betrunkener.

      Wochen gehen hin. Man kommt nach Aden. Das Schiff stolpert langsam durchs Rote Meer. Draußen, drinnen, tags, nachts ist es bleiern heiß. Käthe liegt auf nassen Laken in der Kajüte. Nie, denkt sie, wird das vorübergehen. Es wird bleiben, wenn es auch vorbei ist.

      Als das Schiff eines Nachts für zwei Stunden in Suakin anlegt, geht sie in einem Anfall von Verrücktheit von Bord. Läuft sinnlos wie im Traum durch die elenden Hafengassen, wird von Fredrichsen eingeholt, zurückgetragen. Er schlägt sie, nimmt ihr die Kleider weg. Weint. Gut, denkt sie, gut, gut. Jetzt heißt es wirklich: Sterben oder Leben. Und sie wählt Leben, indem sie dem Peiniger stöhnend die Arme um den Nacken legt.

      9

      In Port Said endlich gelingt ihr die Flucht. Sie hat ihr blaues Reisekostüm an, ein weißes Hütchen unter dem Arm und ein Damentäschchen mit Kamm, Zahnbürste und wenigen Gulden. Hinter einer alten Dame betritt sie den Dampfer „Menno“, der mit Kaffee, Bananen und wenigen Passagieren nach Hamburg abgeht. Es gelingt ihr, unten im Verladeraum, sich hinter Kaffeesäcken ein Lager zurechtzumachen. Das Knirschen der Bohnen, der grünfeuchte Geruch erinnern sie an Frans van Stejn. Sie nährt sich von unreifen Bananen. Ein bis zwei täglich genügen ihr. Vierzehn Tage vor Hamburg, auf der Höhe von Neapel, wird sie von dem Obermaat Karl Drübbecke entdeckt, der mal im stillen hinter Kaffeesäcken ausschlafen will.

      Drübbecke kämpft einen schweren Kampf. Er möchte die Hilflosigkeit nicht ausnützen, wenn nur die Person nicht so schön wäre. Käthe weiß, daß sie nichts anderes zur Bezahlung hat als sich selbst, und ist bereit, diesen Preis immer wieder zu zahlen.

      Drübbecke besorgt ihr eine Hängematte, eine Decke, ein Kerzenstümpfchen, ein Buch „Aus den dunklen Häusern Belgiens“. Er bringt ihr jeden Tag Essen. Er sitzt jede Nacht eine Stunde bei ihr und sieht zu, wie sie schläft. Woher sie kommt, wohin sie geht, fragt er nicht. Er bietet ihr die Heirat an. Ihretwegen will er gern wieder zurück nach Mecklenburg und Knecht werden. Er versteht, daß sie ablehnt.

      Als die „Menno“ in die Elbe einfährt, als sie nach soviel Wochen des Schaukelns sanft und seidig dahinstreicht, schenkt Käthe Besser dem Obermaat Karl Drübbecke dankbar und leicht das, was sie ihm von vornherein schuldig zu sein glaubte.

      Fast bis Hamburg hält Drübbecke eine leise weinende Frau in den Armen. Er ist verwirrt. War er dennoch gemein? Er kann nicht wissen, daß Käthe durch Drübbeckes Sanftheit wieder Mut hat, ihr Schicksal zu tragen.

      10

      Am 12. Oktober 1927, nachmittags halb sechs Uhr, kommt Käthe Besser an Drübbeckes Arm die St. Pauli-Landungsbrücke herauf. Es ist warm, leicht nebelig und schon etwas dämmerig. Käthe küßt den Matrosen und geht eiligst am Ufer entlang nach der Stadt zu.

      Brenkenott, ein gutangezogener Herr, der hier herumspaziert, eigentlich nur, um ein wenig die ausländische Luft der fremden Dampfer zu atmen, an der Geschäftigkeit den eigenen Müßiggang zu ermessen und natürlich auch, um nach jenem Compagnon zu suchen, den er für seine nächtlichen Arbeiten braucht, Brenkenott folgt ihr in zwei Meter Entfernung. Er ist entzückt, wie lautlos und federnd sie geht. Aber er wartet, bis man in die Gegend der Schaufenster kommt, aus deren Spiegelscheiben ihm ein junges bronzebraunes Mädchen entgegengeht, das nun doch immer unsicherer wird, hilflos Straßenschilder liest, die außer ihrem Namen nichts verraten, und in einem Augenblick der Schwäche an einem elektrischen Mast Stütze sucht.

      Brenkenott zieht höflich den Hut — es zeigt sich, daß seine Haare auch schon licht werden und an den Schläfen grau —, er reicht ihr den Arm. Sie besteigen ein Auto. Zehn Minuten später verlangt Brenkenott im Atlantic für seine weinende Verwandte ein Zimmer neben seinem.

      11

      Nachdem es einmal mit Weinen, Baden, Schlafen angefangen hat, braucht Käthe acht Tage, um wieder in Ordnung zu kommen. Brenkenott läßt ihr Zeit. Das Notwendigste kauft er allein und zeigt eine Neigung zu extravaganter Unauffälligkeit in der Kleidung. Er kennt ihre Maße, ohne zu fragen. Kein Stück, das nicht sitzt. Nachher begleitet Käthe ihn. Er ist aufmerksam, sachlich, etwas zu kühl. Sieht er nicht, wie sie immer schöner wird, wie sie mit jedem neuen Kleid aufblüht, wie sie sich den Kopf zerbricht, warum sie sich bei ihm so wohlfühlt. Einmal streichelt sie sein Windhundsgesicht und den kleinen Schnurrbart. Langsam muß sie ihn zu sich hinunterziehen, und die Angst bleibt, daß er immer nur lächeln wird. Hat er keine Gefühle? Wo steckt sein Ernst? Was ist sein Beruf? Eines Abends unten im Speisesaal verrät er es: „Ich bin ein Hoteldieb,“ sagt er, „ein Einbrecher im Straßenanzug.“

      Er sieht sie gespannt an. Sie trinkt ihm zu. Sie muß rasend schnell denken. Dieb — Dieb — Dieb, denkt sie. Es tut einen Augenblick weh. In einer Ecke hatte sie also doch gehofft, es könnte ihr Schicksal sein, ruhig unter den Reichen zu wohnen. „Gut,“ sagte sie dann, „gut.“

      Noch in der gleichen Nacht steigt sie in das Nachbarzimmer. Brenkenott hat ihr einen Strick um die Hüfte gebunden. Wie auf der Palme klettert es sich an der Mauer. Warm, kalt, warm. Lautlos steht sie im fremden Zimmer. Ein alter Mann schnarcht. Die kleine zierliche Hand tastet. Die Brieftasche liegt dickbauchig auf dem Nachttisch. Der Strick strafft sich. Sie ist wieder bei Brenkenott. Es hat sich gelohnt. Sie öffnet die Brieftasche. Das Bild einer fetten, alten Dame fällt heraus. Schein steckt bei Schein. Mit einem Ruck zieht sie einen heraus, hält ihn zum Fenster hinaus. Der Wind reißt ihn weg. Das Leben scheint ihr rund und, einerlei, was noch kommen wird, schön, zu leben.

      12

      Anmerkung des Erzählers.

      Hiermit