Er hätte Lieschen alles für ihren Jungen geschenkt, einen sechsjährigen Nachkömmling, der trotz guter Ernährung kein Fett ansetzen wollte, aber Meta erlaubte das nicht. Sicher war der Moorhof ein kümmerlicher Besitz, kaum größer als die Kate zu Hause, und der Eigentümer Anton verlor viel von seiner Gloriole. Aber wegschenken konnte man immer noch. Zu gelegener Zeit ließ sich vielleicht eine Abfindung herausholen.
Vater und Sohn tranken die ganze Hochzeitsnacht durch. Von den Gästen hielt keiner mit. Nur die beiden Frauen blieben sitzen, nickten bisweilen ein und fuhren auf, wenn die Männer zu sprechen anfingen.
So blieb alles in der Schwebe, und das einzige, was Anton Kuball mitnahm, war das Bild seiner Mutter, das über dem Ehebett hing. Der Alte gab es ihm gern. Denn der Streit darum wollte nicht aufhören, und er selber wußte nicht einmal mehr, ob Anna Kuball wirklioh so ausgesehen hatte. In seiner Erinnerung wenigstens ähnelte sie eher dem Peerd als der verblassenden Photographie.
Am 1. April 1908 zogen Anton und Meta Kuball in das Inspektorhaus des Ritterguts Brückenau im Kreise Schlawe. Es war ein freundliches Sechszimmerhaus, auf einer Landzunge im See gebaut. Nach drei Seiten sah man über Wasser weg in den Tannenwald. Vorn war man duroh den Obstund Gemüsegarten mit dem Lande verbunden, die Äcker lagen jenseits des Schlosses, das wie eine Burg dunkel und vieltürmig die Ebene beherrschte und im Winter den Inspektorsleuten die Sonne wegnahm. Zum Schloß führte ein vielfach gewundener Saumpfad, zur Chaussee kam man auf einem Sandweg, der den Berg in Sichelkrümmung umgriff und im Herbst und Winter kaum passierbar war. Man mußte dann zum Schloß hinaufsteigen und dort den Wagen nehmen oder über den See rudern und bis zur Station laufen.
Im zweiten Jahr schon begann Kuball das dreißigtausend Morgen große Gut selbständig zu verwalten. Der rückenmarkleidende Herr von Maltrup saß immer schlechter zu Pferd, ließ sich ein Jahr lang täglich im Rollstuhl durch den Park fahren, hockte, wenn die Sonne schien, auf der Terrasse, geierköpfig, die Zigarette zwischen den dicken, fleischigen Lippen, die schließlich allein lebendig blieben, und starb, nachdem er seiner Frau empfohlen hatte, Kuball als Inspektor zu halten, bis der fünfjährige Erbe mündig war.
Frau von Maltrup verdoppelte Kuballs Gehalt, lud die Inspektorsleute wöchentlich einen Abend zum Skat und kam zwei, dreimal die Woche tagsüber hinunter, um mit Meta Muhn über Weibersachen zu reden. Sie warb geradezu um die Inspektorsfrau. Sie wollte nach und nach eine gehorsame Freundin aus ihr machen. Aber es gelang nicht. Meta blieb zurückhaltend und mißtrauisch. Sie lernte, was sie lernen konnte: Messer und Gabel halten, eine Unterhaltung führen, ein bißchen modisch sein und auch ein bißchen kalt und kokett. Ja das letzte brauchte sie sicher am notwendigsten. Denn sie wußte sehr bald, daß sie ihren Anton nicht nur gegen die gewöhnlichen Mägde und Tagelöhnerinnen würde verteidigen müssen, sondern sogar gegen die hochmütige Gutsherrin. Und es schien ihr sicher, daß daher das Unglück kommen werde.
Sie hatte viel Zeit zum Nachdenken. Denn der Leute wegen mußte man ein Dienstmädchen halten, obwohl die Inspektorin dadurch nichts mehr zu tun hatte. Wochenlang war sie tagsüber allein, ritt Kuball in der Dämmerung weg und kam in der Dunkelheit wieder. Dreißigtausend Morgen! Er mußte überall sein. Die Leute fürchteten ihn. An der äußersten Grenze mußte man so arbeiten wie nahe beim Gut. Tief drinnen im Wald genau so wie auf den Wiesen. Hitze hielt den Inspektor nicht auf, und bei zwanzig Grad Kälte war er plötzlich da und holte die Tagelöhner aus den warmen Betten.
1912 hatte Anton Kuball die Einnahmen des Gutes verdoppelt. Frau von Maltrup beteiligte ihn mit zehn Prozent am Gewinn. Sein Eifer war dadurch nicht zu steigern. Aber damals fing es an, daß er ganz gern länger ausblieb, daß er auf dem Rückweg eine halbe Stunde lang noch unnütz durch die Wälder tappte, daß er müde und stumpfsinnig am Wasser saß oder auch noch im Wirtshaus abstieg. Und wenn er dann, den Bart zurechtstreichend, ein wenig betrunken sein Haus betrat, dann konnte es immer wieder kommen, daß er die Klagen Metas brutal abschnitt mit der gleichen Frage: „Warum hast du keine Kinder?“
„Warum hast du keine Kinder?“ Es war nicht auszudenken. Die Tagelöhner, deren Stuben von Kindern barsten, lachten über den Inspektor. Die Herrin erkundigte sich erstaunt. Meta fuhr heimlich in die Stadt — eine wahre Hetzjagd machte sie in ihrer Angst, daß der Mann vor ihr nach Hause kam —, aber der Arzt konnte nichts feststellen. Sie sei gesund für zehn Kinder.
Ein Jahr vor dem Krieg nahm sich Kuball die Magd. Er wollte schon zeigen, an wem es lag. Meta konnte sich nicht wehren. Sie zog nur in den oberen Stock und war nun auch nachts allein. Mit Klagen verliert man den Mann erst recht.
Sie wartete gespannt. Sie bewachte die Magd. Kein anderer Mann durfte in ihre Nähe. Im Frühjahr 1914 warf sie das Frauenzimmer hinaus. Anton Kuball bekam einen Zornanfall. Wer war hier Herr im Haus? Es zeigte sich, daß Meta Muhn, die Kätnerstochter, die Herrschaft in der Ehe angetreten hatte.
Der Krieg brach aus. Ein Jahr lang war Kuball unabkömmlich. Dann holten sie ihn doch zur Landwehr. Er tat sich bald so hervor, daß man ihm die Kokarde wiedergab. Einmal saß er drei Tage auf einem Baum im Rücken der Franzosen und schoß zwölf Mann ab. Dafür bekam er das E. K. I. Als Patrouillengänger wurde er eine Berühmtheit. Er holte die Feinde aus dem Graben, wie man sie brauchte. Tot oder lebendig. Einen Leutnant der Alpenjäger trug er wie ein kleines Kind im Galopp über die Drahtverhaue. Er wurde im Armeebefehl erwähnt und zum Feldwebel befördert. Frau von Maltrup schrieb ihm, daß sie stolz auf ihn sei. Nur bei seiner Frau galt er deshalb nicht mehr. Auf seinem letzten Urlaub, als sie auch mal ein bißchen viel getrunken hatte, sagte sie ihm ihre Meinung. „Du kannst die Menschen in Schrecken versetzen,“ sagte sie und hängte sich an seinen Hals, „aber mich nicht. Du kannst Menschen totmachen, aber ein Kind kriegst du nicht fertig.“
Danach weinte sie erbärmlich und ließ mit sich geschehen, was er wollte. Zum erstenmal wieder.
Das letzte Kriegsjahr war Anton wieder zu Haus. Die Revolution begann in Brückenau erst am 15. November 1918. Die Kätner und Tagelöhner zogen zum Hause Kuballs. Aber Meta, die allein zu Haus war, konnte nichts sagen. Auch Frau von Maltrup wußte nichts zu antworten. Revolution? Gegen Mittag kam Kuball. Er ließ die Leute nicht zu Wort kommen. Nein, in Brückenau fand keine Revolution statt. Die Kätner murrten. Ein paar Weiber schrien. Ein Tagelöhner schoß auf Kuball und durchlöcherte sein grünes Hütchen. Dafür bekam er eine Ohrfeige. Und dann war wieder alles beim alten. Später baute Kuball ein paar neue Häuser, erhöhte die Deputate und warf die Widerspenstigen hinaus. Sonst änderte sich nichts.
Jede Woche gab es den Skat. Man spielte um Hunderte, um Tausende und Millionen. Das einzige, was wuchs, waren Zahlen. Oder nein: Kurt von Maltrup wuchs auch. 1922 war er fünfzehn, seine Mutter achtundvierzig Jahre. Kuball fünfundvierzig. Die Gutsherrin hatte graues Haar. Sie war völlig vereinsamt. Manchmal, wenn Kuball bis spät in den Abend blieb, weil viel zu besprechen war, ließ sie alten Burgunder kommen. Zwei bis vier Flaschen.
„Warum haben Sie keine Kinder?“ fragte sie immer wieder ihren Inspektor. Und als er den Sinn ihrer Frage immer noch nicht verstand, fügte sie endlich hinzu: „Wenigstens kann mein Junge verlangen, daß er keinen Bruder kriegt.“
Da erst begriff Kuball. Aber er war schon so blind geworden, daß er nicht mehr erkennen mußte, wie er um seiner Unfruchtbarkeit willen genommen wurde, daß er nicht merkte, wie die Frauen nach knapp einem Jahr stillen und zähen Kampfes sich einigten, ohne Aussprache, ohne Wort. Jeden Dienstag und Freitag hatte der Inspektor die Besprechungen. Donnerstag war Skatabend, und am Sonntag fuhr man gemeinsam im kleinen Auto nach Schlawe, um ein Kino zu besuchen.
Das Trinken mußte Kuball einstellen, oder er durfte wenigstens nicht betrunken sein. Schreien, Fluchen und mit gewaltigen Stiefeln auftreten konnte er im Freien. Er mußte nun beiden gehorchen: Frau von Maltrup, weil sie die Herrin blieb, die Frau aus der anderen Welt mit Bad, Seife, Parfüms und einer Menge erstaunlicher Bücher, die das Blut zur Siedehitze trieben, Meta, weil er sie belog und betrog, und beiden, weil er nach einem unerforschlichen Gesetz kein ganzer Mann war, trotzdem er breit war für zwei, Kraft hatte für zwei und nun auch lebte wie zwei Männer.
So blieb ihm nichts, als sich immer mehr in die Arbeit zu verrennen. Die Försterstelle besetzte er nicht