Er schrieb an Vera einen Brief. Lena durfte das nicht wissen. Er schrieb, daß er sie wohl vergessen könne, aber nicht abtun. Er schrieb von der Tragik der Verwicklungen und Verwirrungen, die leicht zu verstehen und schwer zu tragen seien. Er demütigte sich zum Schluß ein wenig, nicht weil er demütig sein wollte, sondern weil das anzieht. Er starrte ihr Bild an und flüsterte: „Komm, komm.“ Kurz: er benahm sich recht albern, berauscht und wankelmütig. Und als er den Brief eingesteckt hatte, war ihm plötzlich klar, was kommen mußte. Er sah es deutlich. Er wartete am Briefkasten, bis der Postbote Herrmann zum Leeren kam. Er wollte sich den Brief wiederholen. Aber dann grüßte er den Alten nur und ging nach Hause. Der Brief aber fuhr nach Holland und holte Vera.
7
Sie kam an einem Montagabend in P. an. Sie steuerte den kleinen Wagen selbst, trug einen karierten Capemantel, eine Lederkappe und hellgelbe Stulpenstiefel. Wetzel war nicht zu Hause. Sie stellte sich der Wirtschafterin als seine Frau vor, saß oben im Zimmer, lief rings um den Tiroler Balkon und rauchte. Endlich kam der Mann. Sie nahm die Kappe herunter, strich das Haar zurück, zog die Mundwinkel, lächelte ein wenig.
Der Arzt stand starr in der Tür. Da war sie also. Sie hatte sich wohl ein wenig verändert. Die Stirnfalte war bestimmt nicht gewesen. Die häßliche Rundung am Kinn auch nicht. Die Fingernägel trug sie spitzer und sehr rot lackiert. Aber das war es nicht, was ihn entsetzte. Es war vielmehr, daß diese lebende Vera gar nicht die wahre Vera war, gar nichts mit der Vera zu tun hatte: die wahre Vera, das ist alle Süße des Vergangenen, alle Schwere des Unabänderlichen und alle Verantwortungslosigkeit, die sich aus dem Unabänderlichen ergibt.
Aber dieser falschen, dieser lebendigen Vera konnte er das Kinn zurückbiegen, durch die Haare fahren. Wenn er mit ihr sprach, antwortete sie. Wenn er sie küßte, küßte sie wieder. Ja, sie fragte ihn allerlei, was er nicht erwartet hatte. Musterte sein Zimmer, lobte die Aussicht, den Hühnerhof, das Abendrot und war entschlossen, über Nacht zu bleiben.
Während sie aßen, war schon Lena Wagenfeld unterwegs. Sie hatte wieder eine Auseinandersetzung mit ihrem Vater gehabt. Der Bauer schrie sie an, sie sollte von dem Arzt lassen und den Lehrer heiraten. Aber sie antwortete nicht. Sie lief nach dem Abendessen hinaus, hintenherum über die Felder. Sie wollte keinen Rat von Wetzel und keine Hilfe. Ihr war nur bange nach ihm. Er sollte „gute Augen“ machen. Sie kletterte über den Zaun, wie schon oft, unten durchs Wartezimmerfenster, das immer offenstand, und die Treppe hinauf. Sie klopfte.
Drinnen fuhren sie auseinander, standen mit hochroten Köpfen. Lena sah von einem zum andern. Wandte sich und wollte weglaufen. Aber das ließ Wetzel natürlich nicht zu. Er machte die Frauen miteinander bekannt. Sprach offen und ehrlich mit ihnen, verheimlichte nichts. Vera war sehr herzlich. Sie hatte Lena höchstens zu danken. Sie wollte auch nicht in Bestehendes eingreifen. Für diese Nacht war Platz genug im Hause. Lena lächelte verlegen. Sie konnte doch der herzlichen Dame nicht sagen, daß alles gelogen war, und dem Freunde nicht, daß er sie betrogen hatte. Er hatte also doch jemanden geliebt. Wenn auch das Gespenst eines Menschen, das Bild, das Zurechtgemachte ... Nun, wie er es eben fähig war und alle fähig waren. Sie konnte das nicht sagen. Sie war starr über so viel Lüge und Unglück. Darum erzählte sie schnell, was zu Hause passiert war. Weinte heftig, lief plötzlich ohne Abschied weg. Wetzel hinterdrein.
Sie standen in der nachtfeuchten Wiese. Sie konnten sich nicht erkennen. „Es ist nicht auszuhalten“, weinte Lena.
Sie beschloß, sich umzubringen, aber sie sagte es nicht. Sie lehnte ihre Stirn gegen seine. Vielleicht konnte sie seine Augen erkennen? Nichts! So trennten sie sich, sie lag die halbe Nacht wach. Vergiften? Aufhängen? Ertränken? Sie konnte sich nicht entschließen. Gegen halb vier Uhr morgens packte sie ein paar Sachen. Schrieb einen Zettel: „Ich gehe für immer. Nicht nachforschen. Lena.“ Marschierte am Hause Wetzels vorbei in die Morgendämmerung.
8
Der alte Wagenfeld war um fünf bei Wetzel. Käsebleich. Zitternd. Der Doktor sollte helfen. Alles würde vergeben und vergessen sein. Sie fuhren mit dem Motorrad zum Teufelsteich, in dem sich die Mädchen sonst ertränkten, zum Wald, an dessen ersten Bäumen sich der Bauer Meisterweg aufgehängt hatte. Die Gendarmen wurden benachrichtigt. Streifen veranstaltet. Man konnte sie nicht finden. Wetzel schwor, daß er sie jetzt heiraten würde. Er schickte Vera kurzerhand fort. Es ging nicht mit ihr. Er war das städtisch Verquere, das Listige und Durchtriebene der Mondänen nicht mehr gewöhnt. Er kannte Besseres: Lena Wagenfeld. Er wartete. Sie würde schon wiederkommen. Oder wußte er schon, daß sie vergangen war und er sie darum leicht lieben konnte?
Nach vier Wochen endlich kam der Brief. Sie war in Leuna als Handlangerin. Ein Höllenleben. Aber da sie den Mut zum Sterben nicht hatte, besser dieses Höllenleben als das Leben mit Wetzel. Er war betroffen. Er fuhr sofort hin. Sie wohnte mit einer achtköpfigen Familie in einem Zimmer, hatte nicht einmal ein Bett für sich. Sie ging mit ihm über die kahlen Felder rings um das Werk. Sie erzählte von ihrer Arbeit: Stumpfsinn. Von ihrem Leben: Not, Stumpfsinn, Haß. Er sagte: „Das ist gar nicht dein Leben.“ „Eben darum“, antwortete sie. „Und ich wollte ja auslöschen.“
Sonst sagte sie nichts. Sie machte keine Vorwürfe, keine Szenen, sie erwähnte nichts von früher. „Ja, ich bin nun eingeordnet,“ schloß sie, „mein Leben schiebt sich von selbst.“
Er begleitete sie zu dem finsteren Haus zurück. Es war Lärm, Geschrei, Gelächter, Kinderweinen drin. „Warum denn?“ versuchte er. Sie aber schüttelte den Kopf. Er hatte nicht den Pakt gehalten. Er konnte doch lieben. Er hatte geliebt, wenn auch nur sich und das Vergangene. Wie aber sollte sie das sagen?
Wetzel wußte es ja auch so.
Er war eine ganze Zeit nahe an der Wahrheit. Er schalt sich feige. Und traf damit das Richtige. Er begriff, daß Vera damals so wenig schuldig gegen ihn gewesen war wie etwa jetzt Lena.
Dann aber gelang es ihm wieder, der Wahrheit Herr zu werden. Er überredete sich, daß er nicht für die Frauen taugte. Vielleicht überhaupt nicht für das lustige, erfolgreiche und schöne Leben der anderen. Er war auf der Schattenseite des Schicksals geboren, und wenn man die Wahrheit liebte, wenn man nicht in übertriebenen Gefühlen schwelgte und in der Verlogenheit der Liebe, so mußte man eben ein Sonderling werden und bleiben.
Dabei verblieb es dann. Dazu zog er die Stirn zusammen, die Mundwinkel herunter. Die Haare entfärbten sich früh und fielen aus. Er machte sich viel zu tun, war immer in Hetze. Ein gesuchter, beliebter Arzt. Kreisarzt später, Vertrauensmann politischer Parteien, Organisator der Landkrankenkassen. Das ist er heute und in zehn, zwanzig Jahren. Daran kann sich nichts ändern. Denn er glaubt, daß er zweimal harte Erfahrungen gemacht hat und das Leben und die Frauen kennt.
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.