Eines Tages greift ein betrunkener alter Herr sie tätlich an. Käthe zertrümmert in einem Zornanfall mit ihrem Laden den steifen Hut des Alten und bearbeitet seinen kahlen Schädel mit einem aufgerafften Pflasterstein. Es entsteht ein Riesenauflauf. Käthe und ihr Angreifer müssen auf die Polizeiwache. Etliche Passanten drängen nach. Bezeugen die Berechtigung der Abwehr. Am heftigsten gestikuliert zu ihren Gunsten Professor Dr. Selbiger aus Dresden, ein spitzbärtiger Menschenfreund, durch Paßkarte als Oberrealschuldirektor ausgewiesen.
Acht Tage später reist Käthe, durch Selbiger mittels einer bedeutenden Summe vom Mutterherzen losgerissen, nach Dresden, wo sie in einer Villa halbwegs Hellerau von der runden, freundlichen Frau Selbiger und ihrem eckigen Sohn Thomas in Empfang genommen wird.
5
Käthe bewohnt ein Zimmer im zweiten Stockwerk mit Blick über den großen Garten ins Elbtal. Sie führt das Leben einer höheren Tochter, verschärft durch das allseitige Ringen um ihre Bildung, gemildert durch die Liberalität des Ehepaares Selbiger und durch den soliden Reichtum des Haushaltes.
Die Dresdner Kulturbestrebungen haben für Käthe kein Interesse. Die sozialen Bemühungen Selbigers sind ihr schleierhaft. Sprachen und Naturwissenschaften lernt sie leicht. Sport macht ihr Spaß. Im Tennis wird sie Meisterin von Dresden. Sie ist kurzberockt und überschlank, bevor die Mode das wünscht.
Der Krieg geht an der Villa fast unbemerkt vorüber. 1917 stirbt Elli Besser, die Mutter. Käthe nimmt es zur Kenntnis.
Beim Ausbruch der Revolution ist der achtzehnjährige Thomas auf seiten der Aufrührer, während Käthe dafür ist, den Besitz zu verteidigen. Sie streitet mit Thomas nächtelang. Entdeckt, daß er ein hübscher Bursche geworden ist. An seiner Menschenliebe entzündet sich eine heftige Leidenschaft. Als die Eltern im Sommer verreisen, bleiben die beiden allein im großen Haus, finden sich, führen vier Wochen eine verliebte, spielerische Kinderehe. Sie verbergen den rückkehrenden Eltern nichts. Es ist ihnen klar, daß sie heiraten werden.
Selbigers rasen, als sei die schlimmste Blutschande geschehen. Käthe wird mit drei Koffern, einem Billett Zweiter und hundert Mark bar nach Berlin entlassen. Thomas Selbiger bindet sich einen Stein um den Hals und versucht sich in der Elbe zu ertränken. Man zieht ihn rechtzeitig heraus. Er fiebert wochenlang, schreit nach Käthe. Liegt dann einen Monat, ohne zu sprechen, still im Bett. Hat schließlich heraus, daß es wirklich gut ist, wenn er Käthe nicht heiratet, trotzdem er nie wieder eine Geliebte von so natürlicher Süßigkeit finden wird. Weiß aber auch, daß man so nicht liberal sein kann, so nicht menschenfreundlich wie Professor Dr. Selbiger, sein Vater. Thomas reist nach Hamburg, kommt durch Empfehlung auf einem Dampfer unter, reist anderthalb Jahr zur See und stirbt in Java an der Malaria, ein Jahr bevor Käthe dorthin kommt.
6
Käthe geht als Zimmermädchen in ein Hotel. Das schlimmste ist, daß sie mit zwei andern Mädchen zusammen schlafen muß, zwei unsauberen, dummen Dingern, die nur von Männern und von Trinkgeld sprechen und nicht dulden, daß man nachts ein Fenster aufmacht.
Manchmal wird Käthe wach, weil sie sich nach ihrem Dresdener Zimmer sehnt, nach dem Geruch des Gartens und dem Blick ins Elbtal. An Selbigers denkt sie weder im Guten noch im Bösen.
Ein Jahr geht herum. Ein zweites. Der Winter 1922/23 beginnt. Die Inflationswelle schwemmt immer mehr Ausländer nach Berlin. Sie sind gewöhnt, daß sie für ihr gutes Geld alles kaufen können. Käthe Besser ist so schön geworden, daß nur die Plumpsten ihr Dollars und Gulden anbieten. Aber schöne Kleider könnte sie bekommen, ein Auto, Schmuck, ein Landhaus bei Friedrichshagen, wenn sie es nur acht Tage mit Mister Veryman bewohnen würde.
Sie will das alles nicht. Sie will auch nicht die Freundin des Chefs werden. Aber er ist schließlich bereit, sie zu heiraten. Sie soll nur beschwören, daß sie nie jemand anderen geliebt hat. Sie denkt ernsthaft nach. Das mit Thomas war doch etwas, was man nicht mit einer so ernsten Heirat vergleichen kann. Sie geht in die Wohnung hinunter, um ja zu sagen, steht im Dunkeln, riecht Samtmöbel, kalten Zigarrenrauch, Leder, staubige Strohblumen. — Nein — da kriegt sie auch keine Luft. Es hat keinen Zweck.
„Ich will nichts beschwören,“ sagt sie am andern Tag dem Chef, „weder meine Liebe, noch meine Unschuld, noch sonstwas. Ich weiß nichts.“
Sie wird zum nächsten Ersten gekündigt. Acht Tage bevor sie gehen muß, bezieht Herr Frans van Stejn, ein vierzigjähriger holländischer Kaffeehändler, das schönste Zimmer in Käthes Etage.
Gleich am ersten Morgen läßt er seine Brieftasche liegen. Käthe hebt sie auf. Das Bild einer fetten, unfreundlichen Dame fällt heraus. Käthe schiebt es zurück. Sie sieht die Scheine dicht an dicht liegen. Sie möchte gern einen herausziehen und einstecken. Es ist fast unmöglich, daß der Fremde einen Verlust merkt. Sie zupft den Schein ein klein wenig hervor, klappt dann eilig die Tasche zu und streckt sie erschreckt dem Holländer entgegen, der atemlos in der Tür steht.
Herr van Stejn verbeugt sich blaß und aufgeregt. Er hat ganz gut gesehen, daß sie stehlen wollte. Aber er lügt es eiligst weg. Wie schön ist diese Frau! Endlich nach all den blassen Gesichtern ein bronzebraunes wie auf Java!
Stejn ist so groß, daß er sich ein wenig auf die Knie niederlassen muß, um den Glanz der dunkelgelben Augen zu bewundern, die zarten schwarzen Brauen und das helle Rot der Lippen.
„Ich liebe Sie“, sagt er leise und trocken, hebt sie auf und trägt sie wie ein Kind im Zimmer hin und her. Käthe Besser sagt nichts. Ihr ist aber, als könne sie nach Jahren der Schlaflosigkeit endlich einschlafen.
7
Die nächsten zweieinhalb Jahre lebte Käthe Besser ganz einsam in Surubaja auf Java. Frans van Stejn hat fünf Minuten von seinem Haus, beschattet von Palmen und Bananenbäumen, versteckt in einem dornigen Unterholz, eine kleine Sommervilla. Dort wohnt Käthe, bedient von drei Boys und zwei eingeborenen Mädchen.
Tagsüber vervollkommnet sie sich im Englischen, Französischen und Spanischen, liest bald in allen Sprachen die Zeitung, streicht an, was für den Kaffeehandel wichtig ist. Manchmal geht sie unter Mittag ans Meer, wenn nur Eingeborene am Wasser sind, und sieht den Schwammtauchern zu, den Korallenfängern und den Fischern. Von einem der Boys lernt sie klettern. Mit einem Strick und bloßen Füßen stemmt man sich die glatten Palmenstämme hinauf. Es gibt nichts Schöneres, als sich mit der Palme vom Mittagswind wiegen lassen. Der Freund darf von diesen Kunststücken nichts wissen. Er würde ihr klarmachen, daß die Europäerwürde in den Tropen etwas Besonderes ist.
Frans van Stejn kommt abends oder spätestens nachts um eins. Er ist immer weiß gekleidet, manchmal trägt er den Tropenanzug mit den weißen Leinengamaschen und dem Korkhelm, manchmal den weißen Smoking, weiße Perlmutterlackschuhe und einen hellen Strohhut. Er ist immer freundlich, höflich und ziemlich schweigsam. Manchmal packt er zu, als wolle er wehtun. Aber wenn Käthe aufschreit, ist er beschämt und zärtlich. Sie leben still und nett miteinander. Langsam kommt heraus, daß Stejn zum erstenmal liebt und nicht weiß, wie er sich dazu stellen soll. Im Herbst 1926 rücken die Entscheidungen an ihn heran, die er so lange hat von sich weghalten können.
Sein Gesicht, das sonst immer jungenhaft freundlich und rosig war, wird gelb und überanstrengt. Seine Frau ist unterwegs. Er muß es eines Tages doch Käthe sagen. Denn sie wird in wenigen Wochen eintreffen. Er zieht ihr Bild aus der Brieftasche und zeigt es. Käthe hat es schon im Hotel gesehen. Aber sie betrachtet es mit neuer Anteilnahme.
Der Kaffeehändler schwört, daß er sich scheiden lassen will. Frau van Stejn ist geldgierig, also wird es gehen. Stejn kann nicht mehr ohne Käthe leben. Er will sie nur noch eines fragen, bevor sie ganz einig sein werden. Er wird es ihr sehr bald sagen. Noch kann er es nicht. Immer wieder träumt er davon, wie er sie zuerst sah. Mit zwei Fingern einen Schein zupfend. Wollte sie ihn bestehlen? Er wagt doch nicht, zu fragen. Wenn sie nun ja sagt? Er kann doch nicht eine Diebin heiraten und kann auch nicht von ihr lassen,