Deine Mutter wusste, dass ihr Bruder mit dir über die Schule des Lebens sprach, und sie wusste, dass dein Vater mit dir über das Sich-selber-sein sprach. Deine Mutter hat einmal gesagt, «ich hasse die Frauen», und diese Worte deiner Mutter haben inmitten der Worte deines Vaters und derjenigen deines Onkels einen Platz eingenommen. Du hattest Worte, die von deiner Mutter stammten, du hattest Worte, die von deinem Vater stammten und von deinem Onkel, und du hast all diese Worte zusammengetragen, und manchmal hast du dir gesagt, dass es Worte nicht geben dürfte.
Ich weiß nicht, welche Worte du bei mir aufgeschnappt hast. Ich kenne die Worte, welche du von anderen aufgeschnappt hast, ich weiß, dass du alle Worte hörst, und du hast mir mehrmals von deiner Art, wie du dir Worte aneignest, erzählt. Du hast eine eigene Art, dir Worte anzueignen. Du bist ein Herr der Worte, und ich habe dich gesehen, wie du die Blumen in meinem Garten gegossen hast, ich habe dich die Blumen und die Autogarage anschauen sehen, die Blumenerde, den Gartenschlauch und den Wasserstrahl, und du hast an ein Wort gedacht, an ein einziges Wort, das die Blumen, ihre Erde, die Autogarage, den Gartenschlauch und den Wasserstrahl, der aus dem Plastikschlauch kam, miteinander zu verbinden vermag: Und als ich dich damals so sah, warst du zehn Jahre alt, und du masturbiertest.
Einige der Arbeiter deines Vaters masturbieren noch immer, und sie sind gekommen, um sich von deinem Vater zu verabschieden. Du wusstest, dass einige der Arbeiter deines Vaters masturbierten, und du hast einige Arbeiter deines Vaters in dunklen Ecken der Baustelle beim Masturbieren gesehen. Sie masturbierten in Räumen, die sich im Bau befanden, sie masturbierten bei der Arbeit, und sie setzten ihre Tätigkeit nach dem Masturbieren wieder fort. Du kanntest die Arbeiter, die auf der Baustelle arbeiteten, gut, und du konntest an ihren Gesichtern ablesen, ob sie in die Kantine oder in eine der dunklen Ecken der Baustelle masturbieren gingen. Einer der Arbeiter hat dir einmal gesagt, «du bist noch klein und hast keine Ahnung», und du hast geantwortet, «ich weiß, dass du masturbierst und dass du stöhnst, wenn du hinter dem Stoß Dachpappenrollen masturbierst!», und dieser Mann hat nach diesem kurzen Wortwechsel nicht mehr auf der Baustelle masturbiert. Das Wort «Masturbation» dürfte es nicht geben.
Angesichts der sterblichen Überreste deines Vaters sagen dir die Wörter wenig. Du bist bei deinem toten Vater, und ihr seid jetzt zusammen und ohne Wörter. Bei allen Leuten siehst du ihr «ohne Wörter», und du fragst dich, ob «ohne Wörter» in der Schule des Lebens mit eingeschlossen ist, oder ob die Schule des Lebens in «ohne Wörter» mit eingeschlossen ist. Du stellst dir diese Frage mit vierzehn Jahren, und du stehst vor deinem toten Vater, und ich schaue dich mit meinen achtundneunzig Jahren an, und mir wird bewusst, dass du dabei bist, Gott in die anderen Wörter mit einzuschließen, und auch das Gegenteil machst du, du schließt jedes Wort in Gott mit ein, dann vermischst du die Bedeutungen irgendwie miteinander und suchst das Wort, das sämtliche Wörter enthalten wird, du kannst das Wort noch nicht finden, und du weißt nicht, ob es überhaupt ein Wort ist, das du finden wirst, und ich schaue dich an und weiß, dass ich sterben und nicht wissen werde, wie weit du gegangen bist in deiner Wahrnehmung der Welt und der Wörter.
Schau deinen Vater an und durchsuche das Bild, das du von ihm im Sarg hast, so wie du meine Kisten voller Werkzeuge und Nägel durchsucht hast. Du hast diese Kisten mit einem Blick und mit Handgriffen durchsucht, wie ich sie nie zuvor bei jemandem gesehen habe. Mit deinem auf die Werkzeuge und Nägel fixierten Blick hast du den Rest der Welt in meine Kisten gebracht, und meine Nägel und meine Werkzeuge waren Frauen und Männer, waren Lebensgeschichten, meine Nägel waren Soldaten im Schützengraben und Leute, die auf einer Terrasse ein Bier tranken. Meine Werkzeuge waren Blumen und Kochtöpfe, sie waren Kinder in einem Schulhof, du hattest einen Blick wie einen Faden, an dem die Welt hing, und du hast mit diesem Faden meine Werkzeugkisten durchsucht.
Du bleibst alleine bei deinem toten Vater zurück, sie lassen dich alleine mit ihm. Niemand kommt jetzt mehr in das Zimmer des Hauses deiner Stiefmutter zurück, in dem du dich alleine mit deinem toten Vater, in seinen Sarg aus Holz gebettet, befindest. Alle sind draußen, Männer und Frauen, sie reden über die Schuld des Fahrers. Das Wort «Schuld» dürfte es nicht geben. Sie sagen, «der Fahrer ist schuld!», sie sagen, dass der Fahrer nicht in den Leerlauf hätte schalten dürfen, sie sagen, dass er zu spät reagiert habe, sie sagen, er hätte früher bremsen sollen.
Der Fahrer ist hier, draußen, er sitzt auf einem Stuhl neben dem Brunnen, und er denkt an seine Frau und an seine vier Kinder. Er denkt an seinen Prozess, er denkt an den Richter, der über sein Verhalten beim Unfall urteilen wird. Der Fahrer und dein Vater waren mehrere Male zusammen mit diesem Laster unterwegs, der die Backsteine für deine zwei Zimmer transportierte. Der Lastwagenfahrer sagte zu deinem Vater, dass er gerne einen neuen Laster hätte, der Laster, der mit deinem Vater die Schlucht hinuntergestürzt ist, war fünfzehn Jahre alt, dein Vater sagte dem Fahrer, dass die Einheitspartei schon längst nicht mehr daran denke, alte Lastwagen zu ersetzen. Dein Vater sagte dem Fahrer, «die Welt ist aus dem Lot, mit denen da», der Lastwagenfahrer rauchte beim Fahren, dein Vater und der Lastwagenfahrer rauchten während der Fahrt, und der Lastwagenfahrer wiederholte, «ich hätte gerne einen neuen Lastwagen».
Um einen neuen Lastwagen zu bekommen, müsste der Fahrer dem Chef der Transportkolonne der Baustelle ein stattliches Trinkgeld geben. Die Lastwagenfahrer mussten ihren Chefs Trinkgelder geben, um einen neuen Lastwagen zu bekommen, die Lastwagenfahrer warteten jahrelang auf ein neues Fahrzeug. Die Chefs der Lastwagenfahrer sagten, «es gibt eine Warteliste», die Lastwagenfahrer arbeiteten schwarz, um ihren Lohn zu erhöhen und um den Chefs Trinkgelder zu bezahlen, sie transportierten schwarz Zement und Holz, Kies und Möbel, Asphalt und Schotter. Jeder Lastwagenfahrer träumte von einem neuen Lastwagen, während die Einheitspartei Wartelisten für neue Lastwagen erstellte. Zur gleichen Zeit, wie die neuen Lastwagen hergestellt wurden, wurden die Wartelisten für neue Lastwagen erstellt, der Lastwagenfahrer, mit dem dein Vater verunfallt ist, ist hier, draußen, er denkt an seine Frau und an seine vier Kinder, er denkt nicht mehr an einen neuen Lastwagen.
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Ich nehme meiner Frau die mit Kaffee gefüllte Tasse aus der Hand, schaue mich um, auf dem Schreibtisch, auf dem Zeitungsstapel, auf den Unterlagen in einer offen stehenden Schublade, auf den Regalen neben der Bibliothek, ich sehe keinen einzigen freien Platz, an dem ich meine Tasse abstellen könnte, ich schaue auf den Boden, bücke mich und stelle die Tasse neben meinen Füßen hin. Die Große kommt mit einer Zeichnung in der Hand auf mich zu, die Zeichnung ist voller Farben, und ihr Blatt zeigt die ganze Familie. Von links nach rechts: meine Frau, die Kleine, die Große, der Hund und ich, wir stehen alle auf einem Bein, und wir tanzen und spielen ein Spiel, bei dem man so lange wie möglich auf einem Bein tanzen muss, unter dem Himmel der Zeichnung und unter dem runden und gelben und vollen Mond; sie zeigt mir die Zeichnung und hält mir das Blatt unter die Nase, sie sagt, dass die Zeichnung von ihr sei, sie sagt, dass sie von mir ein beschriebenes Papier aus einem der Plastikfächer haben wolle, um auf diesem Blatt den Buchstaben «Q» zu suchen und einzukreisen, ich lege meine rechte Hand auf ihre linke Schulter, ich ziehe sie zu mir, ich küsse sie auf die Stirn, ich sage ihr, dass ihre Zeichnung schön sei, ich küsse sie noch einmal auf die Stirn und drücke sie an mich, sie schielt auf meine offene Schublade, in dem sich bedrucktes Papier befindet, sie denkt an ihr Papier, ich nehme mit der linken Hand eines der Blätter und gebe es ihr, der Regen ist eine gehäkelte Spitze an unseren Fensterrahmen wir lieben es hindurchzuschauen durch ihre Maschen und durch ihre gehäkelte Durchsichtigkeit an unseren Fensterrahmen der Regen ist eine gehäkelte Spitze draußen wir lieben es ihre Durchsichtigkeit anzuschauen durch ihre Maschen hindurch ihre Durchsichtigkeit wir lieben es an unseren Fensterrahmen den Regen anzuschauen seine Maschen seine Durchsichtigkeit wir betrachten wie sie zu einer Spitze gehäkelt sind draußen vorbeigehende stumme Passanten eingetaucht in das Fieber der Straße der stummen Straßenpassanten der stummen Straßen Stumme kratzen mit ihren Schritten an den Worten die ich rede ich sage ich trinke mit dir ich trinke diese von den schweigenden Passanten angekratzten Worte durch die Fenster hindurch an dessen Rahmen der Regen gehäkelt ist wie eine Spitze die wir durch ihre Maschen hindurch anschauen, ich lese ihr ein bisschen aus dem Text vor und sage, «setze die Kommas, wohin du willst, schieb den Stuhl in deinem Zimmer ein bisschen zurück und nimm Platz, rück mit deinem Stuhl vor, zur Tischkante hin, schau die geschriebenen Wörter auf dem Blatt an