Es ging ihnen gut damals, dieses Paar und ihre drei Kinder waren auch am Fest. Er war vergnügt, und sie redete über ihre wöchentliche Wäsche, die zum größten Teil aus den Fußballkleidern ihrer Kinder und ihres Mannes bestand. Ich habe später erfahren, dass sie sich haben scheiden lassen, die Buben sind bei der Mutter geblieben, er hat angefangen zu trinken, und sie haben ihn aus der Firma geschmissen. Er bringt keine Plakate mehr an in der Stadt, er klebt keine Werbeplakate mehr mit mir. Er hat nicht einmal mehr einen Führerschein. Ich sehe ihn von Zeit zu Zeit in der Stadt, er läuft mit geröteten, tränenden Augen durch die Straßen, man könnte meinen, er weine unablässig. Er riecht nach Wein und zittert, seine Hände und die Finger seiner Hände zittern, er bleibt einen kurzen Moment stehen und sagt, «es geht gut!, es geht sehr gut!»
Manche sagen, er sei selber schuld, sie sagen, er habe seine Frau mehrmals betrogen, und sie habe es satt gehabt, die Liebschaften ihres Mannes hinzunehmen. Die Arbeitskollegen sagen, dass er sogar einmal eine seiner Geliebten mit zu sich nach Hause genommen habe, vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder sei er mit dieser Frau dahergekommen und habe gelacht.
Er wohnt ganz alleine in einem Studio, er zahlt seiner Frau und seinen Kindern Unterhaltsgeld, er muss jetzt arbeitslos sein, er will keine Entziehungskur machen.
Manche prophezeien, dass er sich umbringen wird.
Ich behalte diese Karte neben all den anderen auf, die wir zur Geburt der Kleinen bekommen haben, das Kleidchen, dem sie beigelegt war, ist dem Mädchen zu klein geworden, wir haben es einem anderen Kind geschenkt, das es nun trägt, irgendwo in der Stadt. Es liegen viele Geheimnisse der Welt in dieser gelben Ente mit dem orangen Schnabel, und hinter den Worten, die auf der Karte geschrieben stehen, gibt es diese Frau und ihren Mann und ihre drei Kinder.
* * *
Ich nehme dich an der Schulter, so wie ich deinen Vater an der Schulter genommen habe, wenn ich ihm etwas habe sagen wollen, und ich habe ihn jedes Mal so an der Schulter genommen, wenn ich ihm habe ankündigen wollen, dass ich ihn am nächsten Tag mit zur Jagd nehmen wollte. Als er klein war, ging er gern mit mir auf die Jagd. Er hatte ein eigenes Gewehr, maßangefertigt, und er hatte gelernt, Hasen, Füchse, Wildschweine und Hirschkühe zu schießen. Er war ein guter Jäger, er putzte seine Waffe ganz alleine, und er wollte dir beibringen, was ich ihm über die Jagd beigebracht hatte. Ich erzähle dir, wie ich alle meine Jagdwaffen bei der Polizei der Einheitspartei habe abgeben müssen, du warst damals eineinhalb Jahre alt. Dein Vater wird noch einen Tag unter uns sein, da liegt er und sagt nichts mehr, er lässt uns über unsere nahen und fernen Erinnerungen sprechen. Schau, als ich meine Jagdwaffen bei der Polizei der Einheitspartei habe abgeben müssen, weil ich nicht der Einheitspartei angehörte und nur ein kleiner Teil der Mitglieder dieser Partei Jagdwaffen haben durfte, wollte dein Vater, der nun hier in seinem Sarg liegt, sein Kinderschießgewehr nicht hergeben. Die Einheitspartei hatte Angst vor den Jägern, die nicht der Einheitspartei angehörten. Sie beschlossen, alle Jagdwaffen einzuziehen, sie hatten Angst vor Anschlägen, sie fürchteten um ihr Leben. Er hatte mir gesagt, dass seine Kinderwaffe dir zustehe, und dass er dich auf der Jagd mit seiner Waffe schießen sehen wolle. Er hat dieses Gewehr im Garten hinter dem Haus vergraben, er hat es in zwei Metern Tiefe vergraben. Er hat das Loch in der Nacht ausgehoben, hat das Jagdgewehr in ein Schafsleder eingepackt und darum herum eine große dicke Plastikfolie gewickelt, er hat eine Art Paket geschnürt, das das Gewehr vor Regenwasser schützen sollte, und hat das Paket in das Loch gelegt und dann einen Apfelbaum eingepflanzt. Der Apfelbaum ist nun dreizehn Jahre alt, er trägt schöne Früchte, und das Jagdgewehr deines Vaters befindet sich unter diesem Baum. Du wirst es eines Tages ausgraben können, das Gewehr. Es gehört dir, und du kannst es ausgraben, wann immer du willst. Es muss noch viele Jagdgewehre geben, die vergraben liegen in den Gärten und Feldern und Wäldern des Landes. Die Leute der Einheitspartei wollten nicht, dass man die alten Jagdgewehre wieder ausgräbt. Ich nehme dich an der Schulter, und ich sage dir: Wir sind nicht das, was in den Büchern geschrieben steht, und wir sind keine Bilder; wir sind die Passagiere der Toten, verstehst du?! Geh, schau dir die Welt an, und fang damit an, dass du dir noch einmal deinen toten Vater anschaust in seinem Sarg, der hier in diesem Haus steht, das nicht meines ist und auch nicht deines. Schau dir die Leute an, fühle, rieche den Geruch der Toten und der Lebenden, koste Erde und Nahrung und Plastik und Eisen, höre, hör hin bis zum Moment, in dem dir bewusst wird, dass alles aus Fleisch und Knochen ist, mein Enkel. Aus Fleisch und aus Knochen deines Körpers. Und du wirst wachsen. Geh und schau dir deinen Vater an, lass dich von ihm durchdringen als dem Vater, der weit, sehr weit von uns weggeht. Lass dich von ihm durchdringen, so wie du es mit dem Wasser des Flusses deiner Kindheit gemacht hast und noch immer machst, lass dich von deinem Vater durchdringen, als würdest du zwischen Leben und Tod schwimmen wollen, auf dieser Grenzlinie, an der wir alle zu Passagieren der Toten werden. Geh!
* * *
Wir haben die runde Plastikabdeckung der Spezialsteckdose für das Fernsehgerät behalten. Wir haben sie entfernt, als wir in diese Wohnung gezogen sind, in der wir seit mehr als vier Jahren wohnen, wir bewahren sie in einer Schublade auf, und manchmal sprechen wir über sie. Wir vier verweilen eine ganze Weile über dieser Abdeckung, die mit einem bedruckten Papier beklebt ist, wir reden über die Plombe und über den gedruckten Text, und von der Schnur, die die Plombe mit der Plastikabdeckung verbindet, wir reden über das Fernsehen. Derselbe Text ist in drei Sprachen auf dem runden Papier abgedruckt, wir verstehen nur den französischen, wir lesen und kommentieren den deutschen Text und die anderen Texte, wir lachen: «Die Plombierung darf nur nach Rücksprache mit den Städtischen Werken entfernt werden. Zuwiderhandlungen werden strafrechtlich verfolgt.»
Wir haben sie wie eine Medaille aufbewahrt, diese Abdeckung. Wir nehmen sie öfters aus ihrer Schublade, sitzen um sie herum und reden über Filme und andere Fernsehsendungen. Wir haben der Großen und der Kleinen gesagt, dass wir weder deutsch noch italienisch sprechen, und wir haben ihnen erklärt, dass sie diese beiden Fremdsprachen mit Sicherheit in der Schule lernen werden. Und die Mädchen, sie lachen: «Senza il consenso delle aziende industriali non si può togliere la piombatura. Chi trasgredisce si rende colpevole e verrà punito a norme di legge.» Wir haben ein Fernsehgerät, das wir von einem unserer Freunde geschenkt bekommen haben, er hatte zwei Fernsehgeräte, und er hat uns eines davon gegeben. Die Mädchen lieben es, sich in diesem Fernseher, den wir umsonst bekommen haben, Trickfilme anzusehen. Wir bezahlen keine Gebühren für diesen Fernseher, wir haben an die Städtischen Werke geschrieben, «Sehr geehrte Damen und Herren, wir besitzen keinen Fernseher, und wir bitten Sie, keine Fernsehempfangsgebühren zu erheben».
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