Автор: | Ulrich Holbein |
Издательство: | Bookwire |
Серия: | |
Жанр произведения: | Языкознание |
Год издания: | 0 |
isbn: | 9783843802642 |

Einem Scherzkeks, der als Herakles herumlief, mit Löwenfell als Überwurf, rief er zu: »Hör auf, die Hülle des Mutes zu schänden!« Einem angebettelten, zögernden Geizhals sagte er: »Mann, bedenke, es gilt mich zu laben, nicht mich zu begraben.« Des Schulhaupts Eukleides’ Halle nannte er »Galle«, Platons Belehrung »Verkehrung«, Lorbeerkränze »Ruhmgeschwüre« und »Schmuckhüllen der Verworfenheit«, dionysische Wettkämpfe »Wunderwerke für Narren«. Unter bestimmten Steuermännern, Ärzten und Philosophen kam ihm der Mensch verständig vor; unter Propheten, Traumdeutern, Nachbetern und Neureichen kam ihm der Mensch erbärmlich vor. Zwar hob er die unselige antike Zweiteilung in Griechen und Barbaren auf, teilte allesamt aber in Weise und Narren ein, trommelte Menschen zusammen, aber als sie herbeieilten, knüppelte er auf sie los: »Menschen hab ich gerufen, nicht Unflat!« Mit einer Funzel suchte er, den viele als Abschaum verachteten, im Sonnenlicht Menschen und fand nur Geldprotze, die er »Schafe in Goldwolle« nannte, Redner, die er »dreifach Elende«, und Demagogen, die er »Knechte des Abschaums« nannte. Sophistische Beweisführungen, daß es keine Bewegung gäbe, widerlegte er eifrig hin- und herspazierend und hatte durch sowas stets die Lachsalven auf seiner Seite. Als einer vom Himmel schwadronierte, fragte Diogenes, seit wann er von dort zurück sei. Als ein überlanger Gelehrtenvortrag endlich zu Ende zu gehen schien, rief Diogenes: »Mut, ihr Männer, Land in Sicht!« Als ein betfreudiges Weib sich vor ihren Göttern in den Staub warf und hierbei in a-tergo-Stellung ihr aufgewölbtes Gesäß freilegte, erinnerte Diogenes sie daran, daß die Götter überall seien und nun ihr hintenrein gucken könnten. Bekam er Kuchen, warf er seine Oliven fort, Zitate murmelnd: »Entweiche, Fremdling, mach den Tyrannen Platz!« Einen miserablen Lautenschläger (à la Troubadourix) lobte er, weil dieser, statt zu stehlen, es vorzog, sich klampfend lächerlich zu machen. Einen errötenden Jüngling tröstete er: »Mut, mein Sohn, das ist die Farbe der Tugend.« Einer, der ihm drohte, den Schädel zu spalten, drohte er zurück, er werde ihn mit einem Nieser fortpusten – Gegenaggression oder Aggressionspersiflage? Als Gefangener nach der Schlacht von Charoneia ward er Philipp vorgeführt und antwortete auf dessen Frage, wer er sei: »Ein Erforscher deiner Unersättlichkeit«, was dem Machtprotz imponierte. Als Mäuse ihn plagten, rief er: »Sieh an, auch Diogenes füttert Schmarotzer.« Ein Weib in einer Sänfte kommentierte er: »Der Käfig paßt nicht zum Tier.« Als er Weiber an einem Ölbaum erhängt sah, sagte er: »Wenn doch nur alle Bäume solche Früchte trügen!« Derart genügsam lebte er, daß er sogar ganz ohne Frau auskam. Ob Asketen und Onanisten sich hundertprozentig ausschlossen, blieb unerforscht; Diogenes hingegen spielte mit offenen Karten und erläuterte seine öffentliche Onanie auf dem Markt: »Könnte man doch den Bauch ebenso reiben, um den Hunger loszuwerden.« Dem beleibten Rhetor Anaximenes sagte er ins dicke Angesicht: »Gebt uns Bettlern von deiner Wampe was ab; das wird dich erleichtern und uns nutzen.« Dickbäuchig wie Sokrates, trotzdem muskulös, sagte er von Sokrates: »Er war nicht recht bei Trost« (und wurde später selber »Sokrates mainomenos« / »rasender Sokrates« genannt). Den Platon, der ihn gern »Hund« nannte und ihm Ruhmsucht vorwarf, nannte er »Wortverschwender«, warf ihm »anmaßliche Hohlheit« vor, mokierte sich übers abstakt hochtrabende Gefasel vom Begriff der Becherheit und der Tischheit. Barfuß, struppig, schmutzig lief er quer über Platons teure Teppiche (was später Rasputin variierte, der im Prunk des Zarenhofs betont zerlumpt umging). Platon: »Hättest du dir den Dionysios warmgehalten, bräuchtest du jetzt keinen Kohl abzuspülen.« Diogenes: »Und hättest du dich zum Kohlwaschen herabgelassen, bräuchtest du jetzt nicht dem Dionysios den Bauch zu pinseln.« Angesichts von Spuckverbot in exklusivem Privathaus rotzte er dem Gastgeber ins Gesicht: »Ich suchte umsonst einen schlechteren Ort dafür.« Über ein verdrecktes Bad sagte er: »Die hier baden, wo können sie sich anschließend säubern?« »Wieso betrittst du schmutzige Orte?« »Auch die Sonne beleuchtet Aborte, ohne sich zu besudeln.« Seine Schlagfertigkeit sprach sich herum: »Warum sind die Athleten so stumpfsinnig?« »Weil sie aus Schweine- und Ochsenfleisch aufgebaut sind.« – »Warum ist das Gold so bleich?« »Aus Angst vor seinen vielen Nachstellern.« – »Die aus Sinope haben die Verbannung über dich verhängt.« »Und ich hab über sie verhängt, dort zu bleiben.« – »Was für Wein trinkst du am liebsten?« »Den der andern.« – »Wieso heißt du Hund?« »Die mir was geben, umwedle ich; die nichts rausrücken, bell’ ich an, und Schurken beiß’ ich.« – »Welcher Hunderasse gehörst du an?« »Hungrig bin ich Malteser, satt ein Molosser.« – »Wen soll man eigentlich heiraten?« »Jünglinge noch nicht, und Alte nicht mehr.« – »Wie behandelt Dionysios seine Freunde?« »Wie Beutel – volle hängt er auf, leere schmeißt er weg.« – »Was hast du vom Philosophieren?« »Eigentlich nichts, höchstens dies, daß ich gefaßt bin auf jede Schicksalswendung.« – »Dürfen weise Männer Kuchen essen?« »Just wie übrige Leut.« – »Was sieht am traurigsten aus?« »Ein hilfloser Greis.« – »Daß ich im Exil sterben muß, verkraft ich nicht.« »Quäl dich nicht, Narr! Von jedem Punkt aus ist der Weg zum Hades gleich lang!« – »Laß auch du dich in Eleusis einweihen, dann hast du im Hades besondere Vorrechte!« »Wär doch lächerlich, wenn Agesilaos und Epameinondas sich im Schlammpfuhl wälzen müßten, während irgendwelches Gesindel, nur weil es eingeweiht wurde, auf den Inseln der Seligen weilt.« – »In den Pythischen Spielen besieg ich Männer!« »Ich Männer, du nur Knechte.« – »Warum geben die Leute den Bettlern was, aber den Philosophen nichts?« »Weil sie selber mal blind oder lahm, niemals aber Philosophen werden können.« – »Jedem Bösen ist der Eintritt verwehrt«. (Hausspruch eines schuftigen Eunuchen.) »Wie soll denn dann der Hausherr selber hineingelangen?« – »Du hast doch damals Falschgeld gemacht …« »Es war einmal eine Zeit, da war ich einer, wie du es jetzt bist; aber wie ich jetzt bin, wirst du nimmermehr.« – »Arzneihändler Lysias: »Glaubst du an Götter?« Diogenes: »Ich glaub schon deshalb an sie, weil ich hoffe, daß sie dich hassen!« – Perdikkas: »Wenn du nicht kommst, werd ich dich töten.« Diogenes: »Das wär keine Heldentat; töten können auch Käfer und Spinnen.« Alpträumern sagte er: »Was ihr im Wachen tut, läßt euch kalt, aber was euch im Schlaf erschreckt, macht euch zu schaffen.« Als Rowdys sein Faß zertrümmerten (wegen Vandalismus außer Betrieb), verehrten ihm seine Athener Sympathisanten ein neues Faß. Als er mal Schulterschmerzen litt und ihm ein Spaßvogel nahelegte, er brauche doch, um sich vom Leiden zu befreien, bloß zu sterben, sagte er, es zieme sich, daß die, welche wüßten, wie man leben müsse, am Leben bleiben würden. Seine eigentliche Lehre, die leider viel weniger närrisch und geistvoll als seine spontanen Repliken klang, lief bloß darauf hinaus, daß es ohne Staatsverfassung keinen Nutzen städtischer Gemeinschaft gebe; daß das Gesetz ohne Staat nutzlos sei etc. Indem er Musik, Geometrie, Astronomie für nichtsnutzig hielt, und Tempelraub und Tierverzehr für legal erklärte, ja sogar Anthropophagie (Kannibalismus), zeigte er sich als Früh-Anarchist. Da er auch Inzest als nicht naturwidrig und sträflich ansah, sprach er Ödipus die Tragik ab. Indem er sich gegen Ehe und für Kindergemeinschaft aussprach, nahm er urkommunistische Ideen vorweg. Indem er sich seine innere Freiheit weder durch Krankheit, Exil und Tod, nicht einmal durch fehlende Begräbnisehre, verkleinern ließ, erwies er sich erneut als vorauseilender Zen-Meister bzw. als verspäteter Brahmane, obwohl er, anders als ein solcher, Kurzhaarfrisur und einen relativ kurzen Bart trug (nach späteren Quellen einen umso längeren Bart). Er ward auch mal verprügelt, weil er nur halb geschoren auf einem Gelage auftauchte. Indem er Standesschranken rüpelhaft – um nicht zu sagen: mit proletarischer Attitüde – übersprang, kämpfte er gegen Kastensysteme und lief schnurstracks jeder französisch-russischen Revolution entgegen. Seine Verachtung des Besitzdenkens machte ihn zu einem frühen alternativen Querdenker und Energiesparer, zudem zum Stammvater des Pleinairismus und des Rohköstlers (statt aus Gesundheitsgründen, weil er Koch-Aufwand nicht leisten wollte). Weil das Zuunterste bald nach oben gekehrt werden würde, wollte er mit dem Gesicht nach unten begraben werden. Er starb erst mit neunzig. Konträre Todesarten wurden tradiert: 1.) einen Ochsenfuß abnagend, bekam er Cholera, 2.) er stoppte nach Brahmanenart absichtlich seinen Atem, wurde reglos im Mantel eingehüllt im Kraneion gefunden, einem Gymnasium vor Korinth, 3.) an Fleischvergiftung (wie Buddha und andere hindustanische Essensrestewegesser) oder an Salmonellen, weil er Hekate mal wieder ungekochte Kraken und überfällige Eier wegaß. 4.) er verteilte einen Polypen an Hunde, wurde im Gezerre in die Fußsehne gebissen und starb dran (an Sepsis?), sichtlich der symbolischste, unwahrscheinlichste, konstruierteste Tod (Hund beißt Hund), aber irgendwie auch der komischste, originellste, passendste, wahrheitstriefendste. Sterbend verlangte