Heilige Narren. Ulrich Holbein. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Ulrich Holbein
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9783843802642
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keine Fußspur.« Aber der postume Laozi stieg auf in die einstellige Kopfzahl weltberühmter Religionsstifter. Sein legendär nachgeschobenes, leider namenlos gebliebenes Symboltier Büffel ritt im überregionalen Überblick Seite an Flanke mit Kanthaka, dem Pferd Buddhas, und Dudul, dem Maultier Muhammads, und dem Esel, auf dem Jesus in Jerusalem einritt. Laozi kam nach Jesus, Muhammad und Buddha auf Platz 4. Die (vorläufige) Unaustilgbarkeit seines Namens korrespondierte mit seinen (fehlenden) Lebensdaten. Alle von Bürokratie und Pragmatismus absorbierten und traktierten Chinesen, sobald sie in überfüllten Vielvölkerstaaten und Metropolen an Mystikdefizit litten, sich auf verlorenem Posten fühlten und nach ein wenig Eremitentum sehnten, kamen auf Laozi, Liäzi und Zhuangzi zurück. Tang-Eremiten, die Laozis leidgeprüftes Outsidertum kopfnickend unterstrichen und die ihre Beamtenlaufbahn so früh wie möglich, statt erst am Schluß, in den Wind schlugen, lebten insgesamt viel naturverbundener, viel daoistischer als der Stammvater aller Daoisten, dem sie ihre eigene Freude an zurückgezogener Blumenzucht und an unendlichen Fernblicken über herbstliche Bergkulissen vordatierend-rückwirkend unterschoben und ins Wort Daoismus für immer einsickern ließen. Verrückte Volksphantasie umspielte den weißen Fleck von Laozis Ahistorizität mit knallbunten Legenden, auf dem Level von Ochs und Esel bzw. Buddhas schwangerer Mutter Maja, die von einem weißen Elefanten träumte: Laozis Mutter ging alsbald, nachdem sie auf eine Sternschnuppe geguckt hatte, 81 Jahre lang mit Laozi (auch übersetzbar als: altes Kind) schwanger, entsprechend der Kapitelzahl des Daudöging. Laozi trat als Achselhöhlengeburt hervor, vaterlos, wie das seiner Mutterfixiertheit entsprach, als frühvergreister Säugling, der sofort auf einen Li, einen Pflaumenbaum zeigte, und sagte: »Dies soll mein Name sein.« Zufällig hieß die Mutter ohnedies Li. Auch Konfuzi wuchs vaterlos auf und stand seinen Mann (genau wie Laoziübersetzer Richard Wilhelm!), ohne zeitlebens von Mutterschoß, vom Geist des Tals, vom dunklen Weib reden zu müssen. Laozis Vaterlosigkeit wurde sowenig verbürgt wie seine Existenz, Laozi aber verklärte unmännlich den ewigen Schürzenzipfel. Seine berühmteste Weisheit: »Weich besiegt Hart« mochte parallelgeschaltet werden mit Jesus’ Wangehinhalten und indisch gewaltlosem Widerstand, nachzitternd bis in deutsche Sprichwörter, daß steter Tropfen den Stein höhle. In Industriezeiten las sich Laozi dann nochmal anders: Jeder Spätromantiker, jede lonely crowd entfremdeter Gesellschaftsmitglieder, die von sich sangen »Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus«, teilte Laotses Lebensgefühl sehr, über Zeit und Raum hinweg. Im 80. Kapitelchen seiner Spruchsammlung zeigte sich der Ur-Softie (Dao besiegt Tao) als alternativer Hardliner (2500 Jahre vor der Alternativbewegung ab 1970 n.Chr!), als Energiesparer, der dafür plädierte, die Gürtel enger zu schnallen, Heizung runterzudrehn, Fahrzeuge in der Garage zu lassen, d.h. nicht einmal die damals vorhandene agrarische Gerätetechnik zu benutzen. Laozi fuhr das ganze Argumenationsarsenal späterer Ökofreaks auf: Small is beautiful! Tante-Emma-Läden statt anonyme Einkaufzentren! Biodynamische Stadtflucht statt Ballungszentren, Massentourismus und Verkehrschaos, Altbau statt Betonklotz, Fachwerk statt Mietfron, Jute statt Plastik, auf Laozis technologischer Ebene: vorsintflutliche numerische Knotenschrift statt die damals relativ neu erfundene vorchristliche Pinselschrift. Laotse trauerte nicht nur der Chimäre eines dao-gemäßen Goldenen Zeitalter nach; er sehnte sich allen Ernstes in neolithische Zeiten zurück. Statt päpstliches »Seid fruchtbar und mehret euch!« dekretierte Demograph Laozi: »Das Volk sei gering an Zahl«, plädierte also für die Ein-Kind-Ehe, Jahrtausende zu früh, und alles umsonst. So um 1920 n.Chr. kreiste verfeinerbare Sinologie um Laozi, der dadurch als historische Person fast greifbar wurde, um sich dann doch wieder ins Nebulöse zurückzuziehen. Die häufige Frage »Gab’s ihn wirklich?« formte sich um in »Wie oft gab’s ihn?« Der Lao Dan, der bei Zhuangzi vorkam, wurde von Anfang an für Laozi gehalten. Laozi stand für immer gleich weit weg von Maobibel (dem absoluten Gegengift des Daodödschöng), vom erwachenden Riesen, von Machtfaktor, Wirtschaftswachstum und Turbokapitalismus. Laozi blieb verdammt, ein namhaftes Nischendasein weiterzuführen in blasiert gurusuchenden Esoterikkreisen übertechnisierter Überdruß- und Wegwerfgesellschaften der Nordhalbkugel.

      Worte des Laotse: Was ihr redet, betrifft Menschen, die mitsamt ihren Knochen längst vermodert sind. Nichts ist von ihnen geblieben außer Worten. Ein edler Mensch fährt im Wagen, wenn die rechte Zeit gekommen ist, und kommt sie nicht, packt er sein Bündel und geht. Wie ich gehört habe, weiß ein guter Händler seinen Besitz zu verbergen, als besäße er nichts; der edle Mensch gleicht äußerlich einem törichten Taugenichts. Tut ab euren Hochmut, eure Gier, Euer Gehabe und unziemliches Streben! Nichts davon wird euch nützen! Das ist es, was ich euch zu sagen habe, und sonst nichts!

      Laotse über sich selbst: Ich bin wie gelähmt und kann kein Zeichen geben, wie ein Milchkind, das noch nicht lächeln kann, wie ein schlapper Wanderer ohne Zuhaus. Alle leben im Überfluß; ich allein lebe so, als hätt ich alles verloren. Ich hab das Herz eines Taugenichts! Alle leuchten, ich allein dumpfe vor mich hin. Alle sind so scharfsinnig, ich allein bin beschränkt, ruhelos wie das Meer.

      Andere über Laotse: Vom Drachen weiß ich nicht zu sagen, wie er sich erhebt auf Wind und Wolken und in den Himmel steigt. Heute hab ich Laozi gesehn – ob er wohl dem Drachen gleicht? (Konfuzi) – Er ist für mich seit vielen Jahren das Weiseste und Tröstlichste, was ich kenne, das Wort Tao bedeutet für mich den Inbegriff jeder Weisheit. (Hermann Hesse an Romain Rolland, 8.11.1921) – In Kung-Futses Gesprächen ist man noch auf festem Boden; doch später löst sich alles immer mehr und mehr in der Dunkelheit auf, Laotses Sprüche sind steinharte Nüsse. (Franz Kafka zu Gustav Janouch) – Er muß in jeder Beziehung ein Eigenbrötler gewesen sein, in dem China der Vorzeit ein Verächter staatlicher Ehren, staatlichen Herkommens, staatlicher Zwecke; heute würde man sagen: ein Edelanarchist. (Fritz Mauthner, 1923) – Der maßvolle Lehrer wurde sichtbar als einer, der zurücktrat. Aber der eigentliche, der mystische Lehrer des Tao erschien dadurch, daß er verschwand. (Ernst Bloch, 1936) – Hoch oben zog der Adler seine einsamen Kreise. Hier stand er, Lao-Tse, begrenzten Leibes, doch unbegrenzter Seele; wissend um die Einheit alles Lebendigen, auch wenn es in zahllos voneinander verschiedenen Erscheinungsformen sich kundtat. Waren unvertraut auch die Leiden und Freuden in unvertrauten Körpern, so pulsten sie alle doch in dem Herzschlag, den Tao vorantrieb, den Tao beflügelte, dem Tao die Lust der Weltglut eingab. (Charles Waldemar, 1958) – Buddha ist monoton. Er ist eine einheitliche Sache, sauber, logisch, geradeausgehend, linear. Aber Laotse springt im Zickzack, er läuft wie ein Verrückter. Deshalb erreichen ihn nur sehr seltene Sucher; deshalb gibt es keine organisierte Religion für Laotse. (Osho, alias: Bhagwan Rajneesh) – Der Alte Meister steht bis heute in dem für einen Weisen ziemlich unpassenden Ruf, ein Anarchist gewesen zu sein. Aber Lao-Tse wollte den Staat nicht abschaffen, schon gar nicht mit Hilfe von Terrorakten, sondern ihn so weit wie möglich reduzieren. (Gisela Gottschalk, 1982)

      Es ging eine Seele auf Reisen

      Hermotimos aus Klazomenai – Ehetrottel, Wackelkandidat, Astralwanderer (um 650 v.Chr.)

      Er kam von der Westküste Kleinasiens, aus der Keramikmetropole Klazomenai. Oft antwortete er seiner Ehefrau nicht, hörte fast nie zu, hockte teilnahmslos in einer Ecke, kümmerte sich um den Nachwuchs nicht und unternahm fast nie etwas, um solchen in die Welt zu setzen. Ob er zeitweise einem Beruf nachging, wurde nicht überliefert. Hatte er einen Apfel zu Ende gegessen, konnte er noch stundenlang mit dem Apfelgriebs in der Hand herumsitzen und Stubenfliegen beobachten. Anfangs war ihr das gar nicht so aufgefallen. Anfangs tat er noch so, als höre er zu. Über seine interessiert guckenden Augen legte sich ein glasiger Schleier, und schon ging alles zum anderen Ohr raus. Er schlief sogar gelegentlich mitten im Beischlaf ein. Sobald sie ihm Wichtiges erzählte, hörte er genauso wenig hin. Körperlich fehlte ihm nichts, aber beim Essen sank ihm einmal das Gesicht in die Suppe. Oft blieb er mitten auf der Straße versunken stehn und merkte nicht, daß alle ihn überholten, komisch anguckten oder anrempelten. Oft lag er mit weggedrehten Augen und offnem Mund im Weg herum, mit Speichelfaden, unansprechbar, unerweckbar, aber nicht aus Dummheit oder Faulheit, sondern geradezu scheintot. Man rüttelte ihn, doch seine fortgedrehten Augen kamen nicht zurückgerollt. Mystische Abwesenheitszustände flogen ihn an und rafften ihn hinweg, manchmal nur sekundenlang, später sogar stundenlang. Zunehmend genervt und vergrätzt stieg sein Weib im Haushalt über ihn hinweg. Kam er dann wieder zu sich, wie aus einer anderen Welt – was man aber auch hätte schauspielern können –, berichtete er stockend von Geschehnissen