Worte des Laotse: Was ihr redet, betrifft Menschen, die mitsamt ihren Knochen längst vermodert sind. Nichts ist von ihnen geblieben außer Worten. Ein edler Mensch fährt im Wagen, wenn die rechte Zeit gekommen ist, und kommt sie nicht, packt er sein Bündel und geht. Wie ich gehört habe, weiß ein guter Händler seinen Besitz zu verbergen, als besäße er nichts; der edle Mensch gleicht äußerlich einem törichten Taugenichts. Tut ab euren Hochmut, eure Gier, Euer Gehabe und unziemliches Streben! Nichts davon wird euch nützen! Das ist es, was ich euch zu sagen habe, und sonst nichts!
Laotse über sich selbst: Ich bin wie gelähmt und kann kein Zeichen geben, wie ein Milchkind, das noch nicht lächeln kann, wie ein schlapper Wanderer ohne Zuhaus. Alle leben im Überfluß; ich allein lebe so, als hätt ich alles verloren. Ich hab das Herz eines Taugenichts! Alle leuchten, ich allein dumpfe vor mich hin. Alle sind so scharfsinnig, ich allein bin beschränkt, ruhelos wie das Meer.
Andere über Laotse: Vom Drachen weiß ich nicht zu sagen, wie er sich erhebt auf Wind und Wolken und in den Himmel steigt. Heute hab ich Laozi gesehn – ob er wohl dem Drachen gleicht? (Konfuzi) – Er ist für mich seit vielen Jahren das Weiseste und Tröstlichste, was ich kenne, das Wort Tao bedeutet für mich den Inbegriff jeder Weisheit. (Hermann Hesse an Romain Rolland, 8.11.1921) – In Kung-Futses Gesprächen ist man noch auf festem Boden; doch später löst sich alles immer mehr und mehr in der Dunkelheit auf, Laotses Sprüche sind steinharte Nüsse. (Franz Kafka zu Gustav Janouch) – Er muß in jeder Beziehung ein Eigenbrötler gewesen sein, in dem China der Vorzeit ein Verächter staatlicher Ehren, staatlichen Herkommens, staatlicher Zwecke; heute würde man sagen: ein Edelanarchist. (Fritz Mauthner, 1923) – Der maßvolle Lehrer wurde sichtbar als einer, der zurücktrat. Aber der eigentliche, der mystische Lehrer des Tao erschien dadurch, daß er verschwand. (Ernst Bloch, 1936) – Hoch oben zog der Adler seine einsamen Kreise. Hier stand er, Lao-Tse, begrenzten Leibes, doch unbegrenzter Seele; wissend um die Einheit alles Lebendigen, auch wenn es in zahllos voneinander verschiedenen Erscheinungsformen sich kundtat. Waren unvertraut auch die Leiden und Freuden in unvertrauten Körpern, so pulsten sie alle doch in dem Herzschlag, den Tao vorantrieb, den Tao beflügelte, dem Tao die Lust der Weltglut eingab. (Charles Waldemar, 1958) – Buddha ist monoton. Er ist eine einheitliche Sache, sauber, logisch, geradeausgehend, linear. Aber Laotse springt im Zickzack, er läuft wie ein Verrückter. Deshalb erreichen ihn nur sehr seltene Sucher; deshalb gibt es keine organisierte Religion für Laotse. (Osho, alias: Bhagwan Rajneesh) – Der Alte Meister steht bis heute in dem für einen Weisen ziemlich unpassenden Ruf, ein Anarchist gewesen zu sein. Aber Lao-Tse wollte den Staat nicht abschaffen, schon gar nicht mit Hilfe von Terrorakten, sondern ihn so weit wie möglich reduzieren. (Gisela Gottschalk, 1982)
Es ging eine Seele auf Reisen
Hermotimos aus Klazomenai – Ehetrottel, Wackelkandidat, Astralwanderer (um 650 v.Chr.)
Er kam von der Westküste Kleinasiens, aus der Keramikmetropole Klazomenai. Oft antwortete er seiner Ehefrau nicht, hörte fast nie zu, hockte teilnahmslos in einer Ecke, kümmerte sich um den Nachwuchs nicht und unternahm fast nie etwas, um solchen in die Welt zu setzen. Ob er zeitweise einem Beruf nachging, wurde nicht überliefert. Hatte er einen Apfel zu Ende gegessen, konnte er noch stundenlang mit dem Apfelgriebs in der Hand herumsitzen und Stubenfliegen beobachten. Anfangs war ihr das gar nicht so aufgefallen. Anfangs tat er noch so, als höre er zu. Über seine interessiert guckenden Augen legte sich ein glasiger Schleier, und schon ging alles zum anderen Ohr raus. Er schlief sogar gelegentlich mitten im Beischlaf ein. Sobald sie ihm Wichtiges erzählte, hörte er genauso wenig hin. Körperlich fehlte ihm nichts, aber beim Essen sank ihm einmal das Gesicht in die Suppe. Oft blieb er mitten auf der Straße versunken stehn und merkte nicht, daß alle ihn überholten, komisch anguckten oder anrempelten. Oft lag er mit weggedrehten Augen und offnem Mund im Weg herum, mit Speichelfaden, unansprechbar, unerweckbar, aber nicht aus Dummheit oder Faulheit, sondern geradezu scheintot. Man rüttelte ihn, doch seine fortgedrehten Augen kamen nicht zurückgerollt. Mystische Abwesenheitszustände flogen ihn an und rafften ihn hinweg, manchmal nur sekundenlang, später sogar stundenlang. Zunehmend genervt und vergrätzt stieg sein Weib im Haushalt über ihn hinweg. Kam er dann wieder zu sich, wie aus einer anderen Welt – was man aber auch hätte schauspielern können –, berichtete er stockend von Geschehnissen