Heilige Narren. Ulrich Holbein. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Ulrich Holbein
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9783843802642
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Welt, und unverdaulichen Entertainern ist nichts heilig. Beide müssen pausenlos missionieren und karikieren. Beide bedrängen die Menschheit mit dubiösen Bibeln und suspekten Pointen und lassen sie nie in Ruhe – wie indezent! Frechheit! Macht man das? Knöpfen Sie sich zu bis zur Kragenborte! Ja nicht mitsingen und mitblödeln! Lassen Sie sich nicht dauernd kreuzigen, und lachen Sie sich nicht ständig tot! Kaufen Sie Horror-Priestern und Terror-Clowns nichts ab! Je normaler der Mensch, desto lieber want er seine Mitbrüder vor gewissen Auswüchsen. Jede der 6000 USA-Sekten kann ein noch so absurdes Weltbild austüfteln und verballhornen – 1200 zahlende Mitglieder finden sich für jeglichen Spirit-Stuß. Wehret den Indizien und Anfängen im Keim! Nicht, daß es im Gebälk plötzlich unstatthaft knistert! Nicht, daß sich was einschleicht! Sobald Narren an den Grundpfeilern sägen und nagen – seid zur Not Stützen der Gesellschaft! 4 Mill. US-Bürger nahmen Anwälte und Therapeuten, weil sie von Aliens geschädigt wurden! Deshalb fordern wir:

      Minderheitenschutz für Normale!

      Wer wollte nicht mal ein bißchen normal sein dürfen? Wonnen der Gewöhnlichkeit – wo seid ihr?

      Merke: Die Normalität des Menschen ist unantastbar!

      Lassen Sie sich nie Ihre Normalität mit Füßen treten! Zum Glück trifft man im Leben relativ viele Normalbürger. Noch bilden sie in ihren Tiefgaragen und Flachdachbungalows ein gesundes Unterfutter, ein verläßliches Gegengift gegen unverantwortlichen Nonsens! Kein Bruttosozialprodukt treibt es lang ohne beständigen Nachschub an Normalbürgern. Andererseits: Normalbürger sind oft auch keine Patentlösung. Im Gegenteil.

      Absurdistan & Narragonien total

      Narr zu sein, muß nicht jedem Betroffenen schaden – Hauptsache, am Aschermittwoch ist alles vorbei.

      Doch in Rom und Venedig ließen die Narren am Schluß ihre Larven einfach drauf und wollten zum Business nicht zurückfinden. Zu Ostern und Nikolaus verebbte manchmal das Remmidemmi immer noch nicht. Saufkumpane bevölkerten derbfröhlich humpenschwingend jedes Mittelalter plus Barock und alle folgenden Zeitläufte und kreisten mit Weinkrug und mitgrölenden Sittenwächtern um die goldensten aller Stuten, Kälber, Stiere und Ochsen, um Götze Bauch. »Stultorum infinitus est numerus!« (Eccl 1,15) Mohren, Pagen, Fußknechte schwenkten burgundisches Banner, schleppten die reichbestickten Azurmantelschleppen von Spottkönig, Narrenpapst und Narrenmutter, vornweg Herolde, berittene Garden, Vögte, Falkoniere, die dank Waffenverbot lediglich mit Holz-Imitaten fuchtelten. Rügegerichte fällten lachsalvenauslösende Urteile. Bischofsstäbe mündeten in Narrenköpfe – keine Kanzel ohne Falltür! Narren bekamen Bartverbot, und Kleriker – Maskenverbot! Schelmenzünfte verbrannten als Weihrauch – Schuhsohlen. Olle Weiblein krähten: »I’d Muetter bi vom Antichrist!« Watschenfänger bekamen im Drommetenschall Versöhnungs-Bonbonnieren gereicht. Roßärzte, Riemer, Sattler stempelten auf freigelegte Hinterbacken: »So sag mir du au, wer du bist!« Auf Schaukissen wurden – Kotwürste präsentiert. Vorzeigepaare mit Eselsohren führten einen Actus carnalis vor, kreisende Becken, wie später auf Love Parades, auf denen dann leider der Knalleffekt fehlte, daß auch moribunde Uralt-Pärchen solch Ehestandsrambazamba und Kopulierruckizucki öffentlich vorführten. Endlich Mittelalter pur, katholische Prozessionen, von Karnevalsumzügen imitiert, eine einzige jahrhundertelange,

      quietschbunt verfilmbare, karnevalistische Farbenpracht und Massenorgie.

      Dann aber kam der neutralgraue Aschermittwoch der Neuzeit und zog sich hin, und schon sahen punktuelle Mittelalterreste und Gotikzitate wie Richterrobe, Talarträger, Dalai Lamas, Saudis allesamt wie Kostümrummel aus. Vatikangestalten, wenn sie in ihren Domen und Kathedralen von Kondomen und Gott redeten und sangen, sahen hierbei aus wie todernste Narrhallesen, was wahnsinnig stilbrüchig, hülsenhaft und närrisch rüberkam, als wandelnde Selbstparodie.

      Unfreiwilliger Humor toppte immer verrückter den knapp noch freiwilligen Humor. Genauso: Karlheinz aus Wuppertal, der gern in den Jemen fuhr, pfropfte sich einen Turban auf, der aber seine banale Identität nicht ernstlich aufpeppen half. Entweder versteckt sich am Rosenmontag in jedem Vermögensberater sein wahreres Selbst, und das will grölen, rülpsen und foppen, oder andersherum: Geborene Witzereißer halten 333 Tage im Jahr die rauslaßbare Sau streng unter Verschluß. In summa: Das 20. Jahrhundert zog auf Jahrtausende humaner Farbenfreude eine technizistisch-kommunistisch neutralgraue Alufolie, kein Wunder, daß nun Milliarden Armbanduhr-Araber, PKW-Chinesen und Dosenkost-Russen verstärkt nach Kaiser, Sultan und Zar brüllen. Bevor gummibunt vergoldetes Königtum bei abschmelzenden Polkappen die zentralgeheizte freie Welt fortspült, bitte schnell noch die Relation zwischen Pigmentstörungen und Demokratie erforschen! Fragt sich nur, wie im Gegenzug bunte Diktaturen ihre Kostümfilmhaftigkeit loswerden wollen.

      Narrologie für Fortgeschrittene

      Experten unterscheiden Munaficun und Madschdubun, genauer: einerseits Nach- und Vorbeter, Mitläufer, Uneinweihbare, Hyliker, Muggels, kurz: Normalbürger, andererseits Übergeschnappte, von Dschinnen besessene Derwische, Sufi-Narren. Hinzu kommen Scheiche, Schelme und Spinner, und nicht zuletzt Oberspinner und viele andere Sorten, Typen, Leute und Menschen. Einerseits lassen sich Clowns, Chefs, Freaks, Guys, Snobs, Stars, Tramps, Wracks unterscheiden, andererseits Bettler, Boten, Bräute, Dandys, Denker, Dulder, Gurus, Gaukler, Huren, Kuppler, Lesben, Macher, Maler, Magier, Musen, Mönche, Mörder, Nonnen, Päpste, Pilger, Popfreaks, Prinzen, Scheiche, Schwuchteln, Staatschefs, Sammler, Softies, Spinner, Stifter, Stripper, Yogis und nicht zuletzt Baumnarren, Beichtväter, Bildhauer, Blutsäufer, Dorfdeppen, Einsiedel, Fischprediger, Gutmenschen, Großmäuler, Lustmolche, Knastbrüder, Kunstmaler, Mondnarren, Moonwalker, Schauspieler, Schwarzdenker, Stadtnarren, Türhüter, Tonsetzer, Totmacher, Weinfreunde, Wortführer, Ulknudeln, Umwerter und Zuchthäusler.

      Alle diese Abenteurer, Alchimisten, Blödelbarden, Busenwunder, Casanovas, Dadasophen, Dao-Dichter, Dschungelhelden, Eingeweihte, Eigenbrötler, Einzelgänger, Fetischisten, Frugivoren, Geognosten, Hilfsarbeiter, Kavaliere, Komponisten, Kupferstecher, Liebesboten und Müslifresser kamen auf diese Welt, um vom gesunden Mainstream pathologisch und theologisch abzuweichen. Religionen kämpften gegen Mystagogen, Mythologen, Okkultisten, Pädagogen, Serienkiller, Tänzerinnen, Theosophen, Pantomimen und Possenreißer und hielten ihre Anhänger zum Narren.

      Kaum kamen religiöse Mitläufer mit viel Ach und Krach in jeweiliger Evidenz an, stand nicht mal ein halbwegs greifbares Nirwana zur Verfügung. Götter foppten arme Säue und Seelen mit grausam unzumutbarer Nichtexistenz. Patriarchen, Rattenfänger, Selbstvergotter, Tagediebe, Visionäre, Wüstentöchter, Wunderkinder und Zappeltanten schossen ständig wieder aus dem Boden, in den sie ständig wieder gestampft wurden, um nicht zu sagen: zurückgebombt. Ketzer wichen vom Dogma oft verblüffend geringfügig ab. Dissidenten kommen also genauso vom Fließband. Banale Gestalten funktionieren genauso wie die berühmtesten Heiligen, die mit Stigmatum, Gotteskuß und Qualitätsstempel auf frommer Stirn: »Echt!« Kein Wunder, daß im ABC Tiervater Brehm neben Buddha landet, und Turnvater Jahn neben Jesus. Was unterscheidet falsche Fuffziger und echtes Katzensilber?

      Frühe Obergurus und göttliche Greise (à la Pythagoras, Petrus, Dionysius Areopagita, Melchisedek, Jesus von Panthera) sahen im Rückblick, kraft Patina & Exotik, unsagbar gültig aus, heilig, unerreichbar groß, jeder Kontrolle entzogen – vor Ort aber geizten sie mit Wunderheilungen und rechtzeitigen Originalzitaten sehr, oft auch mit spirituellem Format.

      Und vice versa: Ausbrüter dubiöser Privatreligionen stiegen zu Weltreligionsstiftern auf. Narren, die man postum weihevoll hochschaukelte, trumpften als Jahrtausendgestalten auf, aber Narren, die man zufällig zu pushen vergaß, hatten sich zu begnügen, bloß als Sektenchefs zu hausieren.

      Päpste sprachen zentnerweise frömmelnde Schwundköpfe – darunter auch Mörder – selig und heilig, und andersrum: Päpste ließen vernunftbegabte Vordenker jahrhundertelang umsonst auf Rehabilitierung warten.

      Am Schluß nippeln Karrieristen so tragisch und kläglich ab wie Narren, schrumpfen weg und gehn von uns – wozu eine künstliche Zweiteilung derselben vertrackten Chose? Viele Narren sind so humorlos gebaut wie Ezechiel, Savonarola, Franz von Assisi oder Osama bin Laden, der genau wie ein Hofnarr die Welt mit makabren Scherzen aufrüttelte. Komische Mystiker übertrumpften