Fragar hatte ihm gelauscht und ihm schließlich, als er sich etwas beruhigt hatte, schweigend seine erste Schwebende Lampe, die er erst vor wenigen Tagen beendet hatte, entgegengehalten und ihn gebeten, die Flügel auszumessen und ihre Tragfähigkeit auszurechnen. Deine Fähigkeiten sind nicht neu, Drúdir. Sie waren immer schon ein Teil von dir und du hast sie genutzt, ohne es zu wissen.
Die nächsten Monate waren schrecklich gewesen, aber Fragar hatte ihm zur Seite gestanden. Hatte ihn zu nichts gedrängt und ihm geholfen, nicht nur mit dem Verlust seiner Eltern umzugehen, sondern auch, eine Welt zu begreifen, die von dem seltsamen Leuchten der Magie durchdrungen war.
Drúdirs Augen brannten. Er hatte es sich nicht eingestehen wollen, aber mit Fragars Tod hatte er zum zweiten Mal seinen Vater verloren. Nun gut, einen Vater, mit dem er tagelang gestritten und den er zuletzt monatelang nicht gesehen hatte. Aber trotz allem war Fragar sein Freund und Mentor gewesen. Er hoffte nur, dass der ältere Zwerg das gewusst hatte.
Bestimmt hatte er das. Und wahrscheinlich würde er – selbst in Anbetracht der Umstände – triumphierend grinsen, wenn er Drúdir jetzt sehen könnte.
Drúdir bewegte sich durch die Werkstatt wie durch einen unheimlichen Traum. Eine feine Staubschicht hatte sich auf allem niedergelassen, seit die Stadtwache hier gewesen war, alles untersucht und offenbar auch mitgenommen hatte. Weder von Fragars fertigen Uhren, noch von angefangenen Projekten, noch von seinen Werkzeugen war eine Spur zu sehen. Nur die beiden langen, wuchtigen Arbeitstische und die vier kleinen Hocker standen noch da. Daneben registrierte Drúdir aus dem Augenwinkel eine Kreidespur – und einen dunklen Fleck, wo eigentlich schimmernde Magie sein sollte.
Er drehte sich um, trat an eine der Werkbänke – wie oft hatte er selbst hier gesessen und unter Fragars kundiger Anleitung mechanische Geräte auseinandergenommen und zusammengesetzt? – und spähte darüber hinweg. Ja, da waren vergessene Kreidestriche auf dem Boden. Drúdir hätte nicht seine magische Sicht gebraucht, in welcher gewaltsam vergossenes Blut von einem purpurnen Glühen umgeben war, um sich zusammenzureimen, dass sie einmal zum Umriss einer liegenden Gestalt gehört hatten.
Hier war Fragar gestorben.
Das leise Surren in seinem Hinterkopf hatte sich zu einem schrillen Pfeifen gesteigert. Und da war es: Ein Raum ohne Magielinien wie ein zwergengroßer, dreidimensionaler Schatten, durch den scharfkantige Scherben trieben. Bei näherem Hinsehen offenbarten sie sich als Ornamente aus feinsten, unglaublich dichten Fadenstrukturen. Allerdings begannen die Ränder des Schattens bereits leicht auszufransen und viele der Scherben zu verschwimmen. Nur einige wenige glühten noch immer hell und klar umrissen.
Trotz eines beschämenden Anflugs der Faszination für die komplexen Strukturen der komprimierten Magie hätte Drúdir sich am liebsten abgewendet. Er hatte von menschlichen Scharlatanen gehört, die entweder vorgaben oder tatsächlich glaubten, mit den Toten kommunizieren zu können. Sie führten ihre Kunden auf Friedhöfe oder an die Stätten des Todes ihrer Angehörigen und lullten sie mit Erzählungen von guten, über sie wachenden Geistern und ewigem Frieden ein. Drúdir wusste nicht, ob er darüber zornig sein oder bitter lachen sollte. Die Toten hatten den Lebenden nichts zu geben außer schmerzhaften Erinnerungen.
Er umrundete den Tisch, als drei Lichter urplötzlich neben ihm aus dem Halbdunkel ploppten, zusammen mit einer humanoiden Gestalt. Der Zwerg fuhr zusammen und wich zurück, erkannte dann jedoch, was ihn hatte zurückschrecken lassen: Ein Spiegel, den Fragar sich wohl in den letzten Monaten angeschafft hatte. Es war ein guter Spiegel, der jedes Detail glasklar wiedergab; selbst die teilweise offenliegenden Zahnräder und Drähte, die die schwebenden Lampen bewegten. Er sah auch sein eigenes bleiches, müdes Gesicht; jede regendunkle Haarsträhne, die ihm an den Wangen klebte.
Selbst für ein erleichtertes Aufatmen zu angespannt, ließ er sich auf die Knie sinken, direkt neben dem schattenhaften Umriss, den Fragars gewaltsamer Tod dem magischen Gefüge eingebrannt hatte. Es würde Monate dauern, bis er wieder schwand. Mit leichter Verzögerung folgten Drúdirs Lampen seiner Bewegung.
Beim Gedanken an das, was kommen würde, spürte Drúdir Übelkeit in sich aufsteigen. Doch so groß seine Angst und sein Ekel auch sein mochten, er zögerte keinen Moment mehr. Noch ein tiefer Atemzug, dann tauchte er seine Hände in Fragars Schatten. Sofort wurde ihm eiskalt, und das hatte nichts mit seiner klammen Kleidung zu tun. Er sog scharf die Luft ein, als sich die feuchten Fußspuren, die er auf dem Werkstattboden hinterlassen hatte, in Ovale aus schimmerndem Reif verwandelten.
Drúdir zwang sich, erneut den Blick zu senken. Er fischte nach der Scherbe, die ihm mitteilen würde, was er wissen musste, und ließ auch die letzten der mühsam errichteten Wälle um sein Bewusstsein fallen.
Die hellste und scharfkantigste der Scherben glitt auf seine Finger zu. Ihre Farbe erinnerte ihn an weißglühendes Metall, doch ihre Berührung versengte ihn nicht. Stattdessen jagte ein kribbelnder Impuls seinen Arm hinauf und ließ jeden Muskel in seinem Körper verkrampfen. Eine Woge fremder Erinnerungen und Emotionen spülte über ihn hinweg, bis er nicht mehr wusste, wer er war.
Drúdir krümmte sich keuchend. Für gewöhnlich lagen die Erinnerungen der Toten, mit denen er versehentlich in Berührung kam, wie Spiegelungen auf einer Glasscheibe über der realen Welt. Aber diesmal hatte er sich ihnen mit voller Absicht geöffnet. Die nächtliche Werkstatt, das Holz der Dielen unter seinen Knien, seine regennasse Kleidung … all das war verschwunden. Stattdessen saß er in einer der wenigen sonnigen Stunden, die Nordkrone im Frühherbst zu bieten hatte, an einer der Werkbänke. Mit einer Lupenbrille über den Augen studierte er ein Uhrwerk, während er sich mit den Fingern der freien Hand nachdenklich über den altmodischen, beinahe gürtellangen Bart strich.
Fragars Atem stockte, als sich eine Hand auf seine Schulter und eine Klinge an seine Kehle legte. Zuerst war da nur Überraschung. Dann kam erstickende Panik, die keinen klaren Gedanken mehr zuließ.
„Was hat er dir gesagt?“ Die Worte wurden von einem leichten Druck der Klinge gegen Fragars Hals begleitet. Der Uhrmacher musste den Fremden nicht fragen, wen er meinte.
Er dachte an den Ausdruck von Schuld auf Kargans glattem, gutaussehendem Gesicht, seine unnötig scharfen, ausweichenden Antworten …
„Nichts.“ Es war die Wahrheit.
„Und in seinen Briefen?“
Erst kam die Verblüffung, dann der Zorn. Und schließlich noch größere Angst.
„Auch nichts. Ich habe nicht mal eine Vermutung, woran er gearbeitet hat“, versicherte Fragar.
Kargans Fragen hatten immer nur Details der magischen oder technischen Praxis und Geschichte betroffen. Sie hatten gerade genug preisgegeben, um Fragar misstrauisch werden zu lassen, aber nicht mehr.
„Und du erwartest tatsächlich, dass ich dir glaube?“
Fragar keuchte auf, als der Fremde ihm einen flachen Schnitt zufügte.
„Frag Kargan! Er wollte mir kein Wort sagen!“
Verdammt, Kargan, du Idiot! Dein Ehrgeiz könnte mich umbringen und dabei verstehe ich noch nicht einmal, worum es eigentlich geht!
„Womöglich stimmt das …“, räumte der Fremde ein. Der Druck der Klinge ließ nach. „Hast du jemandem von Kargan erzählt?“
„Wovon denn? Alles, was ich über Kargans seltsames Projekt weiß, ist, dass ich ein ungutes Gefühl dabei habe! Ich habe niemandem ein Wort gesagt“, beteuerte er.
„Ja, du scheinst die Wahrheit zu sagen …“
Fragar erlaubte sich einen Moment der Erleichterung. Umso größer war der Schock, als seine Kehle sich in eine Explosion aus gleißendem Schmerz verwandelte. Er konnte nicht mehr atmen. Alles verschwamm vor seinen Augen