BUCH I:
TOD EINES UHRMACHERS
In jedem Winkel, dunkel, unselig,
An allen Sümpfen und Pfuhlen unzählig,
Wo die Geister hausen –
Trifft der Wandrer mit Grausen
Verhülltes Volk aus dem Totenlande,
Erinnerungen im Leichengewande,
Weiße Gestalten der Schatteninseln,
Bleiche Schemen aus toten Zeiten,
Die verzweiflungsvoll stöhnen und winseln,
Wie sie am Wandrer vorübergleiten.
Für das Herz, dessen Schmerzen Legionen,
Sind dies friedvolle, milde Regionen;
Für den umnachteten, dunklen Geist
Sind es himmlische, selige Auen.
Doch der Pilger, der es durchreist,
Darf es nicht unverhüllt erschauen.
Unergründlich bleibt es für jeden,
Dieses geheimnisvolle Eden –
Das ist des finstern Königs Willen –
Und der Wandrer, von ungefähr
Dorthin verschlagen, erblickt es daher
Nur durch verdunkelte, matte Brillen.
Auf einem Wege traurig und einsam,
Mit bösen Engelschaaren gemeinsam,
Schritt ich jüngst heim durch Sümpfe und Pfuhle
Aus diesem öden, entlegenen Thule …
Aus: Edgar Allan Poe – Traumland (Übersetzung: Hedwig Lachmann)
Kapitel 1
Drúdir
Quietschend kam die Straßenbahn zum Stehen und entließ eine kleine Traube von Passanten auf die dämmrigen Straßen. Mit hochgeschlagenen Mantelkrägen, runden Schultern und verkniffenen Gesichtern huschten sie wie mürrische Gespenster durch die Lichtkegel der Straßenlaternen, unter denen der Regen in goldenen Schnüren hing.
Knarzend und ratternd setzte sich der komplizierte Mechanismus, der die drei Wagons antrieb, wieder in Bewegung. Die Bahn nahm rasch Fahrt auf und verschwand um die Ecke eines Verwaltungsgebäudes, während die Fahrgäste in verschiedenste Richtungen davonhasteten. Gedankenverloren blickte Drúdir einem Zwerg in abgerissener Kleidung und ohne Hut nach, der gewiss ohne Fahrkarte unterwegs war. Er hielt sich eine Zeitung über den Kopf. Die fettgedruckten Runen der Schlagzeile – natürlich ging es um den rätselhaften Absturz des Luftschiffes Bergfalke – verliefen allmählich.
Bereits nach wenigen Schritten musste Drúdir seine Hutkrempe mit einem Finger herabdrücken, um das Regenwasser ablaufen zu lassen. Ein eisiger Windstoß nach dem anderen trieb ihm fingernagelgroße Tropfen ins Gesicht. Der Zwerg glaubte sogar zu spüren, wie die eine oder andere Schneeflocke auf seiner Haut schmolz. Doch obwohl die Feuchtigkeit in der Luft die Kälte selbst durch seinen gefütterten Ledermantel dringen ließ, verlieh sie jedem Atemzug einen ungewohnt sauberen Geschmack. Selbst hier im Stadtzentrum, wo die ruhelosen Fabrikschlote der weitläufigen Außenbezirke ein gutes Stück entfernt standen, war die Luft sonst rauchgeschwängert. Man hatte es nicht umsonst aufgegeben, für die Wände der Häuser hellen Putz zu verwenden. Sonst wären sie bereits nach wenigen Monaten von grauen Schlieren überzogen gewesen.
Dennoch war die heute vom Rauch gereinigte Luft nicht annähernd ausreichend, um Drúdir mit dem Rinnsal eisigen Wassers zu versöhnen, das inzwischen einen Weg in seinen Mantelkragen gefunden hatte. Er bereute, seinen Schal vergessen zu haben. Eigentlich erstaunlich … Man könnte meinen, dass der Unmut über ein Regenrinnsal in Verlust, Zorn und Verwirrung unterginge. Für eine Weile erlaubte Drúdir es sich, dieser Überlegung nachzuhängen, doch der Grund für seine Anwesenheit in Nordkrone kehrte wieder und wieder in seine Gedanken zurück. Und damit die Gewissheit, dass was auch immer am Ende seines Weges lag, alles andere als erfreulich sein würde.
Er umrundete eine Pfütze und bog, ohne nachdenken zu müssen, in eine schmale Gasse ein. Seit er das letzte Mal hier gewesen war, waren Jahre vergangen und wie so viele Zwergenstädte war auch Nordkrone seit der industriellen Revolution im stetigen Wandel begriffen. Aber Drúdir war diesen Weg früher so oft gegangen, dass seine Füße ihn auch jetzt noch beinahe ohne sein Zutun fanden.
Pfützenwasser spritzte unbeachtet um seine Stiefel auf, als er jäh zum Stehen kam. Der Anblick des kleinen Hauses – wie so viele Zwergenbauten gedrungen, mit kleinen Fenstern dicht unter dem überhängenden, gewölbten Dach – traf ihn wie ein Schlag. Es sah genauso aus wie an dem Tag, an dem er die Stadt verlassen hatte, um den Erwartungen Fragars und dem beängstigenden Erbe, mit dem dieser ihn vertraut gemacht hatte, zu entkommen.
Und nun war er wieder hier. Bereit, die Fähigkeiten einzusetzen, deren Existenz er am liebsten geleugnet hätte.
Fragar hätte hinter seinem altmodischen Bart gelächelt – wenn nur nicht ausgerechnet seine Ermordung seinen Lehrling hergeführt hätte.
Drúdir presste die Lippen aufeinander. Sein Inneres fühlte sich rau an. Jeder Schritt kostete ihn Überwindung, aber Umkehren war keine Option. Er würde