„Normale Menschen können gute Formulierungen verstehen. Aber gut: Wenn ich mich anstrengen soll, dann gibst du mir eine Probe deines Blutes, redest mehr mit anderen Menschen und lässt dich von mir in unserer Sprache unterrichten.“
„Drei Sachen? Wozu brauchst du mein Blut? Und warum sollte ich mehr mit anderen Menschen reden? Wenn sie reden wollen, können sie doch anfangen. Außerdem rede ich schon mit mehr Menschen als Wölfe in meinem Rudel waren, das reicht doch.“
„Dann ist es also in Ordnung, dass ich dir beibringe, facettenreicher zu sprechen?“
„Das machst du mit Absicht, stimmt’s?“
„Tut mir leid, ich konnte der Versuchung nicht widerstehen.“
„Schon gut. Und nein, ich hab das nur nicht eingesehen, weil ja wohl schon zwei Sachen für eine Sache eine Sache zu viel sind und drei dann zwei zu viel wären.“
„Wenigstens rechnen kannst du“, murmelte Elnar. „Überleg doch mal. Du müsstest nur drei Bedingungen erfüllen, aber ich müsste die ganzen Übungen schaffen. Und das sind mehr als drei.“
Neolyt hatte das Gefühl, als hätte er sie gerade zu etwas überredet, was sie eigentlich nicht wollte, und das mit dem, was sie gesagt hatte. Verrückt.
„Ja, stimmt. Na schön. Aber nur, wenn du dir wirklich Mühe gibst.“
„Weiter geht’s, ihr habt jetzt genug gefaulenzt!“ Das Krafttraining wurde nicht mehr von Wadne beaufsichtigt, sondern von einem älteren Schüler, der es offensichtlich genoss, sie herumzukommandieren.
In der halben Stunde nach dem Krafttraining überredete Elnar sie, mit auf die Krankenstation zu kommen.
„Warum jetzt? Nach dem Mittagessen hätte es doch auch gegangen.“
„Wäre.“
„Was?“
„Wie bitte.“
„Ich habe Was? gesagt.“
„Das habe ich gehört, aber richtig heißt es Wie bitte. Und außerdem steht das Partizip zwei von gehen im Konjunktiv mit wäre und nicht mit hätte.“
„Was?“
Elnar blieb stehen, schloss kurz die Augen und drehte sich dann zu ihr um.
„Tu mir wenigstens den Gefallen und sag Wie bitte, wenn du etwas nicht verstanden hast.“
„Aber warum denn? Auf Was? kriegen ich und alle anderen auch immer eine Antwort.“
Elnar wandte sich wieder um und ging wortlos weiter. Neolyt war sich sicher, dass sie irgendetwas gesagt hatte, das ihn verärgert hatte.
Endlich kamen sie auf der verlassenen Krankenstation an.
„Bist du sicher, dass wir hier sein dürfen?“, flüsterte Neolyt. Ihr war der menschenleere Saal unheimlich.
„Natürlich, ich bin Aushilfspfleger, ich darf hier sein, wann immer ich will, bloß nicht nach Nachtruhe.“ Zielstrebig schritt er auf ein kleines Schränkchen zu und kramte darin herum. „Setzt dich schon mal dahin.“
Da er auf nichts gezeigt hatte, nahm Neolyt kurzerhand auf dem ihm nächsten Bett Platz.
„Gut.“ Er kam mit einer Schlaufe und einem etwas kleineren gläsernen Behälter wieder. „Leg dir das mal um den Oberarm und zieh es ein bisschen fest.“
Es war nicht besonders angenehm, aber Neolyt tat, wie ihr geheißen. Währenddessen nahm Elnar ein Glasröhrchen und eine lange Nadel, die Neolyt misstrauisch beäugte.
„Hast du vor, mir damit in den Arm zu pieken?“
„Natürlich. Oder hast du gedacht, ich schlitze dir die Hauptschlagader auf?“ Er lachte, als wäre das eine unglaublich lächerliche Vorstellung.
„Die was?“, hakte Neolyt nach.
„Die Hauptschlagader. Glaub mir, das willst du nicht erleben.“
Neolyt glaubte ihm. Aber hauptsächlich, weil sie selbst nicht die geringste Ahnung davon hatte.
Es piekte etwas, als er die Nadel in die Haut steckte, und ein dünnes, rotes Rinnsal floss in das schmale Glasröhrchen.
„Gut, das war’s schon“, erklärte Elnar, zog die Nadel heraus und drückte ein Stück Stoff auf die Armbeuge. „Ich werde dir erzählen, was ich herausgefunden habe. Aber jetzt müssen wir uns beeilen.“
Im Gehen stopfte er das Glasröhrchen, das er mit einem Korken verschlossen hatte, in seine Tasche.
Mit nur wenigen Minuten Verspätung erreichte sie Deors Klassenzimmer.
Die Magie lief ausgesprochen gut. Auch in den anderen Fächern lernte sie schnell. Elnar gab sich in den Trainingsstunden tatsächlich ausgesprochene Mühe und Neolyt wich nicht mehr jedem Gespräch aus, auch wenn sie immer noch nicht verstand, was das bringen sollte. Zu ihrem Glück war Elnar noch nicht dazu gekommen, den angedrohten Sprachunterricht zu beginnen, doch wann immer er ihr über den Weg lief und ihr eine seiner Meinung nach sprachverunstaltende Redewendung entschlüpfte, korrigierte er sie und hängte gleich noch einen Vortrag über etwas, was er Grammatik nannte, dran. Doch alles in allem war er ein netter Kerl.
Vier Wochen später eröffnete Wadne ihnen nach einer besonders guten Trainingsstunde, dass sie von nun an auch mit dem Schwertkampf anfangen würden. „Aber glaubt bloß nicht, ihr wärt den Dolch für immer los.“ Mit einem Kopfnicken verabschiedete sie sie.
„Und ich dachte schon, jede Anstrengung sei umsonst“, meinte Elnar beim Hinausgehen. „Ich habe übrigens etwas äußerst Interessantes herausgefunden. Vielleicht kommst du heute Abend nach dem Abendbrot einmal mit Deor im Krankensaal vorbei.“
„Ich sag ihm Bescheid. Was hast du herausgefunden?“, hakte sie nach, doch Elnar lächelte nur geheimnisvoll und bog in den Gang der Bibliothek ab.
Neolyt hatte nicht den blassesten Schimmer, wo Deor zu dieser Tageszeit sein könnte, und ging daher erst einmal auf ihr Zimmer, um die Hausaufgaben zu erledigen, die sich inzwischen angesammelt hatten.
Als es Zeit für das Abendessen wurde, hatte Neolyt gerade die Hälfte der Hausaufgaben erledigt. Ihre langsame Handschrift war ihr noch immer hinderlich. Sie träumte noch davon, einmal so schnell wie Elly schreiben zu können, obwohl sie gesagt hatte, es wäre besser, langsam und inhaltsreich als schnell und inhaltslos zu schreiben. Vermutlich hatte sie recht, aber es kostete auch eine Menge Nerven, jeden Buchstaben einzeln malen zu müssen.
Zu ihrem Glück war Deor zur selben Zeit im Speisesaal wie sie. So konnte sie ihm gleich von Elnar erzählen.
„Du hast jemandem dein Blut gegeben?“
„Ja. Ist das schlecht?“, fragte sie, von seiner Miene verunsichert.
„Nun, wenn er es nicht allzu vielen Leuten erzählt hat, eher nicht.“
Auf dem Weg zum Krankensaal schwiegen sie beide. Deor wirkte angespannt und Neolyt hatte das Gefühl, einen unnötigen Fehler gemacht zu haben, und hielt lieber den Mund.
„Da seid ihr ja“, begrüßte Elnar sie. Er wirkte aufgeregt. „Guten Abend, Meister Deor.“
„Wie vielen Leuten hast du schon erzählt, was du herausgefunden hast?“, fragte Deor ohne Umschweife.
„Niemandem. Ich dachte mir, dass du es zuerst erfahren willst.“
„Sehr gut, das sollte am besten auch so bleiben. Dann zeig mal her.“
Elnar ging voraus und bedeutete ihnen, ihm bis zu einem merkwürdigen, kompliziert aussehenden Gerät aus Metall und Glas zu folgen.
„Was ist das?“, fragte Neolyt und betrachtete interessiert die vielen verschlungenen Metallröhren.
„Man