So oder so ist es Mord. Anja Gust. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Anja Gust
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9783753188300
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Die Mutter war schwach und wagte nicht, dagegen zu opponieren, da sie seinen Zorn fürchtete. Folglich hatte er in diesen Dingen freie Hand.

      Wenn er Kathi lobte, küsste er sie zärtlich und strich ihr über das rotbraune Haar. Bei Bestrafungen hingegen legte er sie übers Knie, wo er dann mit einem feinen Lederriemen auf ihren nackten Hintern klatschte, den er zuvor sorgsam eingecremt hatte. Danach begutachtete er akribisch die Wirkung, indem er die entstandenen Schwellungen betastete.

      Dabei biss sie sich vor Abscheu in die Hand, vor allem, wenn sein warmer Atem ihren Nacken streifte. Noch heute stieg bei jeder Erinnerung daran ein Gefühl von Scham und Ekel in ihr auf, gefolgt von Hitzewallungen und Atemnot.

      Das alles konnte Alex freilich nicht wissen und musste es auch nicht, wie sie überhaupt dieses Geheimnis tief im Dunkel ihres Herzens verbarg. Umso mehr verwunderte sie die unerwartete Bemerkung des Professors.

      Dabei war es weniger der Inhalt als die Form, die sie irritierte. Es geschah mit demselben Unterton und bewirkte somit das gleiche Brennen auf ihrer Haut.

      „Es tut mir leid“, gestand sie schließlich mit tränenschwerer Stimme, den Kopf lethargisch gegen die Scheibe gelehnt. „Es wird nicht wieder vorkommen. Ich verspreche es.“

      „Da gibt es nichts zu versprechen“, wehrte Alex ab. „Du hast mein Vertrauen missbraucht und mich in eine schwierige Situation gebracht. Wir können von Glück reden, dass es zu keinem Übergriff gekommen ist.“

      „Gibt es denn dort keine Sicherheitskameras“, fragte sie kleinlaut. „Oder Pfleger, die über Monitore …“

      „Schon mal was von Menschenwürde gehört? Wir leben doch in keinem Überwachungsstaat!“

      Ihr war nach Heulen zumute. Verbittert betrachtete sie die vorüberfliegende Landschaft, ohne davon etwas zu erfassen. An der Scheibe bildeten sich Tröpfchen und perlten langsam herab. Das sonore Brummen des Motors und das Schweigen ihres Partners potenzierten die beklemmende Szenerie.

      Natürlich würde Alex die Sache sofort melden und von allen Seiten kollegiales Verständnis ernten. Ihr hingegen wäre eine allgemeine Ächtung sicher.

      Für einen Moment dachte sie daran, ihm alles zu eröffnen, was sie zu ihrem Handeln bewogen hatte, verwarf es aber wieder. Es würde nichts nützen. Außerdem ging ihn das nichts an. Jedes weitere Wort in dieser Sache wäre zu viel. Es war ohnehin frustrierend genug, erledigt zu sein, bevor man begonnen hatte und das alles nur wegen eines Moments der Unbeherrschtheit. Das musste sie erst mal verdauen.

      Schweigend durchfuhren sie ein Industriegebiet. Beim Halt an einer roten Ampel registrierte Kathi eine Ansammlung von Demonstranten mit Plakaten in ver.di - Warnwesten vor dem Eingang der Völker + Sohn GmbH & Co. KG. Einige hatten ein Megafon in der Hand und skandierten lauthals ihre Forderungen.

      Auf einmal kam sie ins Grübeln. War ein Leben als Staatsbeamter wirklich besser als eines in der freien Marktwirtschaft? Angesichts der hier erlebten Praxis kamen ihr plötzlich Bedenken. „Was wirst du tun? Ich meine, gleich zum Chef gehen, oder es erst morgen melden?“, fragte sie unsinnigerweise.

      „Nun werde mal nicht noch albern!“, schnauzte Alex sie an. „Ist das vielleicht meine Schuld? Soll ich dir mal was verraten? Du bist nichts weiter als eine dumme, exzentrische Rotzgöre! Das hätte man dir schon längst mal in aller Deutlichkeit sagen sollen! Disziplin und Selbstbeherrschung sind bei uns oberstes Gebot! Ein guter Vernehmer hat die Situation jederzeit im Griff! Er legt bereits im Vorgespräch die Linie fest und zerstört sie nicht! Vor allem aber bestimmt er, wo es langgeht und nicht der Vernommene! Sonst wäre das ja eine Farce!“

      „Verstehe.“

      „Das bezweifle ich! Merke dir eines – ich bin nicht der Typ, der Versager fördert, nur weil sie ein schönes Gesicht haben! Ich werde dafür bezahlt, Wissen zu vermitteln! Man muss dieses Wissen aber auch annehmen und nicht besser wissen! … Ja, guck du nur! Das hat dir wohl noch keiner gesagt! Aber da bin ich unerbittlich! Bei mir zählt nur Leistung! Gewiss gebe ich Hinweise und Anleitungen, korrigiere mich auch mal! Doch niemand nimmt mir das Heft aus der Hand! Niemand, verstehst du! Und wenn dieser verdammte Irre versucht, mich zu provozieren, ist es deine Pflicht, mir beizustehen und nicht ihm! Ist das klar?“

      „Das wollte ich doch gar nicht! Es hat sich so ergeben!“

      „Blödsinn! Nichts ergibt sich so! … Wieso, verdammt noch mal, musstest du ihn nur so reizen? Die Situation hätte eskalieren können! Wir wissen doch nie, wie der drauf ist! So etwas kann man sich in diesem Job nicht leisten! Oder willst du, dass man dir auch das Ohr abbeißt?“

      „Aber der Notfallknopf …“

      „Notfallknopf. Notfallknopf“, lärmte er. „Wie naiv bist du eigentlich!“

      „Ja, du hast recht. Dieser Wittenburg ist nichts weiter als ein mieses, kleines Schwein. Ich werde ihn in meiner Abschlussarbeit als negatives Beispiel anführen. Hat er eigentlich Kinder?“

      „Kinder?“ Alex‘ Miene verzog sich bis zur Unmöglichkeit. „Ja, eine Tochter, Solveig. Sie hat aber keinen Kontakt zu ihm. Ist ja auch verständlich. Wie kommst du darauf?“

      „Nur so.“

      „Du meinst, ob er auch mal ein normales Leben geführt hat?“, folgerte Alex weiter. „Natürlich hat er das. Er war mal eine anerkannte Kapazität seines Fachgebietes, hat Vorlesungen gehalten und wurde von der Presse und von Politikern hofiert. Sein Urteil hatte Gewicht. Er soll sogar schon mal für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen worden sein. Nun stellt sich die Frage, wie es zu diesem Bruch kommen konnte, nicht wahr? Das ist ganz einfach: Er hat ‚sich vergessen‘, ist durchgedreht oder ‚überschnappt‘. Wie man es auch nennen mag. Über die genauen Ursachen lässt sich nur spekulieren. Ob es wirklich am Tod seiner Frau oder am Zerwürfnis mit seiner Tochter lag, lässt sich nicht sagen. In jedem Fall hat er seitdem eine Meise. Das ist amtlich bestätigt. Und er ist es verdammt nicht wert, seinetwegen alles aufs Spiel zu setzen!“

      „Es tut mir leid. Ich habe mich unmöglich benommen“, erwiderte Kathi halblaut. „Du hast eine bessere Referendarin verdient. Sag dem Oberrat, dass ich die Verantwortung übernehme.“

      Alex johlte vergnügt auf, verfiel jedoch sogleich in ein sarkastisches Selbstmitleid. „Oje, wie großzügig von dir! Danke sehr! Er wird sich freuen! Vor allem, wenn er mir Unfähigkeit unterstellt, dich anzuleiten – schon mal darüber nachgedacht? Natürlich nicht, wie solltest du auch! Aber dein Bock ist leider auch meiner! Immerhin bin ich für dich verantwortlich!“

      „Dann werde ich noch einmal mit ihm reden und alles klarstellen. Dich trifft jedenfalls keine Schuld.“

      Ihr Mentor drohte zu platzen. „Du bist wohl verrückt geworden! Das wirst du gefälligst bleiben lassen! Bei dem muss man jedes Wort abwägen! Du würdest dich um Kopf und Kragen reden!“

      „Und …“, wagte sie sich kleinlaut hervor, „wenn das unser Geheimnis bleibt?“

      „Du meinst, dass wir alles unter den Teppich kehren?“

      Zögerlich nickte sie.

      „Also, das ist doch … Jetzt ist aber mal Schluss. Hier wird nichts verschleiert. Bei uns kommt alles auf den Tisch. Punkt. Ende der Diskussion. Ich regele das auf meine Weise!“

      Kathi wagte keine Widerrede. Es folgte ein längeres Schweigen, unterbrochen von einigen tiefen Seufzern ihres Partners, der darüber offenbar nicht zur Ruhe kam.

      „Nun ja, die Kiste ist zwar verfahren, aber wir werden versuchen, das Beste daraus zu machen“, grummelte er nach einer Weile. „Du bist jung und voller Idealismus, glaubst noch an die Gerechtigkeit, wie ich einst, bis nach und nach die Ernüchterung einsetzt. Das ist ganz normal und geht jedem so, der in die Praxis kommt. Das wirst du jetzt noch nicht verstehen. Aber mach das erst mal ein paar Jahre. Dann weißt du, wovon ich rede. Dann kommen dir alle Normative und Rechtsvorschriften so was von lächerlich vor, nicht, weil man sie nicht umsetzen kann, sondern weil man gar nicht will. Das wirst du jetzt noch nicht verstehen. Aber glaube mir, es kommt die Zeit, da wirst du es!“