Als die spanische Streitmacht von den Pecos-Indianern aufbrach, ritt der »Türke« neben Coronado. Wenn dieser müde wurde und nicht so schnell weiter wollte, ließ sich der »Türke« besonders prächtige Einzelheiten einfallen. Sein Erfindungsgeist kannte keine Grenzen. Er erklärte Coronado, dass in Gran Quiviria an Gold ein solcher Überfluss herrsche, dass selbst die Ärmsten von goldenen Tellern äßen. Er erzählte, jeder der weiter nichts als Goldschmuck trage, werde verächtlich angesehen. Der einzige Gegenstand aus Gold, den der König in seinem Palast dulde, sei ein goldener Spucknapf.
So wuchs Coronados Neugierde von Tag zu Tag auf der langen Reise, während der »Türke« hin und wieder einen Seitenblick auf Coronados Rüstung warf und fand, es gäbe nichts Prächtigeres auf Erden.
Aber die Hoffnungen und Pläne des »Türken« wurden Zuñichte. Statt zu verhungern, stießen die Spanier in den Ebenen auf große Büffelherden. Es war ein regenreicher Sommer gewesen, und die Tiere waren deswegen weit nach Süden gekommen.
Coronado marschierte nach Norden, bis er den heutigen Arkansas-River erreicht hatte. Er überquerte den Fluss und folgte seinem Lauf ein ganzes Stück nach Osten. Unterwegs befragte er immer wieder Indianer.
Endlich nach fünf Monaten einer anstrengenden Reise, tauchte Gran Quiviria vor den Spaniern auf. Gran Quiviria, wo alle Häuser aus Stein waren und wo es soviel Gold geben sollte, dass die vornehmen Leute über Gold nur verächtlich die Nase rümpften.
Was Coronado tatsächlich fand, war ein kleiner schmutziger Ort an einem sumpfigen Fluss. Die Häuser waren mit Bündeln des blauen Präriegrases gedeckt. Die Bewohner entpuppten sich als halbnackte Indianer, die Mais züchteten, von dem sie sich ausschließlich ernährten, wenn es kein Büffelfleisch gab. Coronado zog seine Abteilung zusammen. Er und seine Männer hatten 1500 Meilen im Sattel zurückgelegt. Mindestens während der Hälfte des Weges hatten sie von halbgarem Büffelfleisch gelebt, und nun stellte sich heraus, dass dieses Gran Quiviria dem schäbigsten Dorf in Neu-Mexico glich.
Coronado war ein Mann, der es gewohnt war, behutsam vorzugehen. Er ließ den Indianerkönig holen und ihn durch andere Dolmetscher als den »Türken« fragen, ob er irgendeinen größeren Schatz besitze. Der König antwortete, ihm gehöre der größte Schatz im ganzen Land. Coronado horchte auf. Vielleicht hatte der »Türke« doch die Wahrheit gesagt. Seine Stimmung verbesserte sich erheblich. Nach einer schier endlos dauernden Zeremonie, bei der die Friedenspfeife geraucht wurde, gab der König endlich einen Befehl an einen seiner Diener. Dieser schritt zu der einen Ecke des Raumes und holte von der Decke herab einen Kasten aus einem Stück Schwarzpappelholz. Er war dort oben mit Stricken befestigt. Der König löste umständlich die Verschnürung, schob den Deckel zurück. Coronado und seine Unterführer beugten sich neugierig vor, um einen Blick in den Kasten zu werden. Der König griff in den Kasten. Der erste Gegenstand, den er hochhielt, war eine schwarze Haarlocke an einem Stück vertrockneter Haut. Dies, so verkündete er, betrachte er als seinen größten Schatz. Es war die Skalplocke und der Skalp seines größten Feindes, des Häuptlings der Leyas.
»Und dies hier«, fuhr der König fort, »ist auch ein Schatz, der mir sehr wert und teuer ist.« Und bei diesen Worten hielt er eine Krähenklaue hoch.
»Der Medizinmann hat sie von einem Zaubervogel abgeschnitten, und sie ist eine sehr gute Medizin gegen bösen Zauber!« Dann holte er aus dem Kasten noch ein Stück Kupfer hervor, erklärte, dies sei ein Zaubermitte! gegen Blitzschlag, und bot es großzügig Coronado als Geschenk an.
Die Spanier hörten sprachlos zu und der König zog immer mehr seltsam geformte Steine, Knochenstücke, Muschelschalen und kleine Beutel mit farbiger Erde aus dem Kasten und gab langwierige Erklärungen dazu. Als er zu Ende war, stand Coronado auf, bedankte sich bei dem König und verließ das Haus.
Er ging zu seinem Zelt und schickte nach dem »Türken«. Die spanischen Soldaten fanden ihn dabei, die Bevölkerung gegen die Fremden aufzuwiegeln.
»Schlagt sie tot«, rief er gerade, »ich will euch dann auch jedem ein Stück von dem vergoldeten Haus schenken, in dem der Häuptling der Fremden herumläuft.«
Die spanischen Soldaten rissen ihn mit sich fort. Kaum hatte der »Türke« Coronados Zelt betreten, da warf man ihm eine Schlinge aus Leder über den Hals, die zwei starke mexikanische Indianer langsam zuzogen. Der »Türke« starb einen qualvollen Tod.
Madoc oder die weißen Indianer
Prinz Madoc war der Sohn des letzten unabhängigen Fürsten von Wales, Owen Gwynned. Als Owen starb, begann zwischen seinen beiden Söhnen Hywell und Davyz eine blutige Fehde um die Thronfolge. Es gab aber noch einen dritten Sohn, und ihn ekelte es vor dem blutigen Streit unter Verwandten. Also entschloss er sich, Wales zu verlassen und irgendwo anders zu siedeln. Mit drei Schiffen voller Gefährten segelte er nach Westen und landete schließlich in der Neuen Welt. Amerika gefiel Madoc so gut, dass er eine Gruppe Kolonisten dort zurückließ, noch einmal nach Wales zurückkehrte und ein zweites Mal mit 3000 Auswanderern aufbrach. Diesmal befehligte er eine Flotte von zehn Schiffen.
Madocs Kolonie gedieh. Die Menschen waren rege, aber auch kriegerisch gesinnt. Bald breiteten sie sich aus und hielten nach neuem Land Ausschau. Voller Wild sollte es sein. Sie durchquerten den Kontinent. Sie gelangten bis nach Mexiko. Sie suchten Trails, bauten Befestigungen, befuhren den Mississippi und andere große Flüsse mit ihren kleinen Booten. Sie gaben ihre Sprache und ihre Religion an die Indianerstämme weiter, denen sie begegneten. Nicht alle Indianer waren den Fremden wohlgesinnt. Endlich schlossen sich mehrere Stämme zusammen und zogen gegen die weißen Männer ins Feld. Eine blutige Schlacht fand im Mittelwesten statt. Madocs Truppen wurden aufgerieben. Er selbst fand den Tod. Ohne Anführer verwilderten die Auswanderer in ihren Sitten mehr und mehr. Endlich war ihnen überhaupt nicht mehr bewusst, dass ihre Vorfahren aus Europa herübergekommen waren. Sie hatten sich in ihren Lebensgewohnheiten ganz und gar denen der Indianer angeglichen. Aber sie hatten weiße Haut, und sie sprachen immer noch ihre Muttersprache.
Jahrhunderte später reiste Pfarrer Morgan Jones von Virginia nach South Carolina und fiel unterwegs Indianern in die Hände. Sie gaben ihm zu verstehen, er möge sich zum Sterben bereit machen. Jones in seiner Todesfurcht verfiel in seine Muttersprache. Auf Walisisch beklagte er sein Schicksal und begann in dieser Sprache seine Gebete zu sprechen. Zu seinem Erstaunen antwortete einer der Indianer in seiner Muttersprache, und im Augenblick waren sich alle Krieger darin einig, dass man den Pfarrer am Leben lassen wolle. Jones blieb mehrere Monate bei diesem Stamm und versuchte, die Indianer durch Predigten, die er in Walisisch hielt, zum Christentum zu bekehren.
Ein Schöpfungslied der Navajos
Ihr sagt, da waren keine Menschen.
Rauch breitete sich über der Erde aus.
Ihr sagt, da waren keine Menschen,
nur Rauch.
Der erste Mensch, so sagen sie, trat aus dem Rauch hervor.
Er brachte mit sich verschiedene Kleider und kostbare Dinge.
So sagen sie.
Rauch hing ausgebreitet über der Erde.
Er brachte mit sich weißen Mais und gelben Mais.
So sagen sie.
Rauch hing überall.
Er brachte mit sich die verschiedenen Tiere und die Dinge, die wachsen.
So sagen sie.
Rauch war da, ausgebreitet.
Die erste Frau war die erste, die hervortrat.