Gesammelte Werke: Romane, Erzählungen & Aufsätze. Thomas Wolfe. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Thomas Wolfe
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9788075830562
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sein Liedchen dudelte:

      »Sitzt 'ne Mutter da im Abendwerden,

      Freut sich, daß sie weiß …«

      Eliza saß reglos, die Hände gefaltet, vorm offnen Feuer. Ihr Gesicht war totenbleich, wie aus Stein, wahnsinnsstarr.

      »Also«, sagte sie auf einmal ganz langsam, »man weiß nie. Vielleicht ist das die Krisis … Vielleicht …« Ihr Gesicht wurde wieder steinern. Sie sprach nicht weiter.

      Coker kam ins Haus und ging sofort, ohne mit jemandem zu sprechen, ins Krankenzimmer. Kurz vor neun kam Bessie Gant herunter.

      »Es wäre angebracht, jetzt raufzugehn«, sagte sie ruhig. »Das Ende kommt.«

      Eliza stand auf mit reglosem Gesicht und ging aus dem Zimmer. Helene folgte ihr, händeringend, schweratmend vor Hysterie.

      »Faß Dich, Helene!« mahnte Bessie Gant. »Laß Dich nicht gehn, es paßt sich hier nicht.«

      Eliza ging gefaßt nach oben, ganz lautlos. Im Flur aber hielt sie inne, als horchte sie auf die Laute aus dem Krankenzimmer. Matt kam Bens Lied durch die Stille. Und plötzlich, alle Vorgeblichkeit vergessend, taumelte sie, fiel gegen die Wand und schlug die Hände vors Gesicht mit einem furchtbaren, ruckhaften Aufschrei:

      »O Gott! Wenn ich gewußt hätte! Wenn ich gewußt hätte!«

      Rückhaltlos weinend, mit den Grimassen des Kummers, umarmten Mutter und Tochter sich. Nach einer Weile hatten sie sich gefaßt und traten still ins Zimmer.

      Eugen und Lukas halfen Gant auf die Beine und stützten ihn treppauf. Er hing gespreizt auf ihren Schultern und wimmerte.

      »Barmherziger Gott! Daß ich auch das noch auf meine alten Tage tragen muß, daß ich …«

      »Papa, um Gottes willen!« forderte Eugen scharf. »Reiß Dich zusammen! Der Ben liegt im Sterben, nicht wir. Laß uns einmal anständig gegen ihn sein.«

      Das genügte, um Gant für den Augenblick zum Schweigen zu bringen. Aber als er eintrat und Ben in der Agonie liegen sah, befiel ihn die Angst vor seinem eignen Tod, und er begann wieder zu stöhnen. Sie halfen ihm in den Schaukelstuhl am Fußende des Betts, er wippte auf und ab und greinte:

      »O Jesus! Ich kann es nicht ertragen! Warum hast Du mir das auferlegt? Ich bin alt und krank und weiß nicht, wo das Geld herkommen soll. Wie werde ich diesen furchtbaren, diesen grausamen Winter überstehn? Es wird mich tausend Dollar kosten, bis wir ihn begraben haben, und ich weiß nicht, wo das Geld herkommen soll.« Er weinte heuchlerisch, mit schnüffelnden Seufzern.

      »Still! Still!« fuhr Helene ihn an. In ihrer Wut packte und schüttelte sie ihn. »Du verdammter alter Kerl, ich könnte Dich umbringen. Wie wagst Du es, so zu reden, wenn Ben stirbt? Ich habe sechs Jahre meines Lebens hingegeben, um Dich zu pflegen, und Du wirst der letzte von uns sein, der stirbt.« In ihrem Zorn wandte sie sich anklägerisch an Eliza:

      »Du bist dran schuld, daß er so geworden ist, Du ganz allein. Wenn Du nicht mit jedem Pfennig geknausert hättest, war er nie so geworden. Ja, und der Ben wär auch noch am Leben.« Der Atem ging ihr aus; sie hielt inne. Eliza antwortete ihr nicht. Sie hatte sie gar nicht gehört. »Wenn das vorüber ist, werde ich mich um nichts mehr scheren. Ich dachte, Du wärst es, der sterben müsse, und nun muß der arme Ben dran glauben.« Helenes Stimme war heiser vor Erschöpfung. Sie schüttelte Gant abermals. »Nie wieder, hast Du gehört, Du selbstsüchtiger Alter! Du hast alles vom Leben gehabt und Ben nichts. Und Ben muß dran glauben. Ich hasse Dich!«

      »Helene! Helene!« mahnte Bessie Gant leise. »Bedenk doch, wo Du bist!«

      »Ja, das bedeutet bei uns was!« murmelte Eugen bitter.

      Und dann, über dem Radau ihrer Streitsucht, über dem gehässigen Gefauch ihrer Nervosität, hörten sie Bens heiser pfeifenden Atem. Der graue Papierschirm an der Lampe war gedreht worden; Ben lag wie sein eigner Schatten, lag in seiner ganzen, grimmig einsamen Schönheit da. Und als sie seinen verschwimmenden Blick, als sie das Herz an seine magere Brust schlagen sahen, da überkam sie das fremde Wunder, das dunkle, üppige Mysterium seines Lebens mit seiner ungeheuren Lieblichkeit. Sie wurden still und ruhig, sie vergaßen ihre zersplitterten und zertrümmerten Leben, sie versanken. Und sie schlossen sich aneinander in einem erhabnen Verständnis, mit einer Liebe und Tapferkeit, die stärker war als das Entsetzen, als das Wirrsal, als der Tod.

      Eugens Augen wurden blind vor Liebe und Verwunderung; eine große Orgelmusik rauschte in seinem Herzen. Er besaß seine Familie, auf einen Augenblick, er war einbezogen und ein Teil ihrer Liebeskraft, sein Leben schwang sich auf, großartig über den Schmerz und die Häßlichkeit. Das andre war nicht alles, dachte er, nein, wirklich nicht alles.

      Ruhig und gefaßt wandte sich Helene an Coker, der im Schatten beim Fenster stand und an seiner langen, unangezündeten Zigarre kaute.

      »Gibt es nichts mehr, das Sie tun könnten? Haben Sie alles versucht? Alles?«

      Ihre Stimme war, als spräche sie ein Gebet, und sehr leis. Coker wandte sich langsam ihr zu, nahm die Zigarre in die großen, fleckigen Finger. Dann, gutherzig-liebenswürdig, mit seinem trübseligen, müden Lächeln, antwortete er:

      »Alles und Jedes. Alle Ärzte auf der Welt zusammen genommen können nun nichts mehr tun.«

      »Wie lang haben Sie das gewußt?« fragte sie.

      »Seit zwei Tagen«, antwortete er. »Seit zehn Jahren«, fuhr er leidenschaftlich werdend fort. »Seit ich ihn zum erstenmal um drei Uhr morgens im ›Fettlöffel‹ sitzen sah, einen Ringkrapfen in der einen und eine Zigarette in der andern Hand.« Er wehrte mit einer zarten Bewegung ab, als sie entgegnen wollte. »Mein liebes, liebes Mädchen«, sagte er, »wir können das Zeitrad nicht zurückdrehn, wir können die vergangnen Tage nicht wieder herrufen, wir können unser Leben nicht auf jenen Stand zurückbringen, als unsre Lunge gesund, unser Blut heiß, unser Körper jung war. Wir sind ein Flackerfeuer, – ein Hirn, ein Herz, ein Geist. Und wir sind für zehn Pfennig Eisen und Kalk, das wir nicht wieder kriegen können.«

      Er nahm seinen abgegriffnen Schlapphut und stülpte ihn achtlos auf. Dann suchte er in seiner Tasche nach Zündhölzern und zündete seine angekaute Zigarre an.

      »Ist alles geschehn?« fragte sie. »Ich muß es wissen. Läßt sich nichts mehr versuchen?«

      Coker machte eine unendlich müde, ablehnende Gebärde.

      »Mein liebes Mädchen«, sagte er. »Er ertrinkt, er ertrinkt.«

      Sie stand wie angefroren vor diesem furchtbaren Bescheid.

      Coker sah einen Augenblick den armen, grauen Schatten auf dem Bett an. Ruhig, sehr zärtlich und müde-verwundert sagte er: »Alter Ben! Wann werden wir seinesgleichen wiedersehn?«

      Er ging still hinaus, die lange Zigarre zäh in die Zähne geklemmt.

      Sie schwiegen. Bessie Gant unterbrach mit einer groben, hämisch-triumphierenden Bemerkung die Stille: »Das wird 'ne Erlösung sein, wenn's vorbei ist. Ich übernehme lieber vierzig Pflegen bei fremden Leuten als eine, wo diese verdammte Verwandtschaft mit im Spiel ist. Ich bin todmüde.«

      Helene wandte sich ruhig an sie.

      »Verlaß das Zimmer!« befahl sie. »Das ist jetzt unsre Angelegenheit. Wir haben ein Recht, allein zu sein.«

      Bessie Gant stutzte. Bestürzt, mit ärgerlicher, grollender Miene starrte sie Helene einen Augenblick lang an. Dann ging sie hinaus.

      Der einzige Laut im Zimmer war Bens leise rasselnder Atem. Er röchelte und keuchte nicht mehr, er kämpfte nicht mehr, er hatte das Bewußtsein verloren. Seine Augen waren fast geschlossen; durch die Lidschlitze flackerte das dumpfe, graue Glimmen der Fühllosigkeit und des Todes. Er lag ruhig auf dem Rücken, sehr gerade ausgestreckt, ohne Anzeichen der Pein. Sein scharfes, schmales Gesicht war sonderbar hochgerissen; die Lippen waren fest geschlossen. Und abgesehen von dem schwachen Gebrumm seines Atems erschien er bereits tot; er erschien losgelöst und entglitten; er hatte nicht mehr teil an dem häßlichen Mechanismus seines Atmens, das, an die furchtbare Chemie des Fleisches erinnernd, die anderen mit Illusionen, mit dem Glauben an den seltsamen Übergang und die Fortdauer des Lebens zu täuschen