Und er tat einen langen Zug aus seinem Glase.
»Darum sage ich euch, fuhr er, den Deckel zuklappend, fort, »es wird aus alledem nichts, was sie da jetzt treiben, sie werden immer zwei Pferde vor den Wagen und zwei dahinter spannen, und zanken werden sie sich untereinander und die ganze Geschichte wird ein böses Ende nehmen. – Warum sitzt der König in Wien,« rief er, »bei diesen Österreichern, die ihn so schmählich im Stich gelassen und die in ihrem Leben nicht wieder auf die Beine kommen, warum geht er nicht nach England, wo er seinen rechtmäßigen Platz hat? Na,« sagte er mit einem resignierten Seufzer, »mir kann's gleichgültig sein, mein Sarg steht schon offen, ich werde bald hingehen und der neuen Welt den Rücken kehren – und das ist gut. Guten Abend!«
Er stand auf, nahm seinen Hut und ging schweigend hinaus.
»Er weiß ja gar nicht, wie die Sachen stehen,« sagte der Musikdirektor Lohse, nachdem der Alte sich entfernt, »das kann man ja auch hier gar nicht beurteilen, dazu muß man die Fäden kennen,« fügte er mit geheimnisvoller Miene hinzu, »und die kennt eben nicht jeder! – Der König nicht zurückkommen?« rief er nach einigen Augenblicken, »und Seine Majestät hat mir doch selbst gesagt, daß er ganz bestimmt zurückkommen werde.«
»Hat das der König selbst ganz bestimmt gesagt?« fragte der Mann mit dem hohen Rockkragen, während die anderen Bürger näher zusammenrückten und gespannt in das Gesicht des Musiklehrers blickten.
»Ganz bestimmt,« erwiderte dieser mit wichtigem Tone, »ganz bestimmt! – »Lohse,« sagte Seine Majestät zu mir, »harren Sie ruhig aus, ich werde nicht ruhen und rasten, nicht Nacht, nicht Winter kennen, bis ich wieder in Hannover und bei meinem beispiellos treuen Volk bin, und ich werde wiederkommen!«
»Beispiellos treuen Volk hat er gesagt?« fragte der kleine Mann aus seiner Tabakswolke heraus.
»Ja, ja, er hat Recht,« riefen mehrere Bürger, »die Hannoveraner sind beispiellos treu, wenn sonstwo heutzutage ein König entthront wird, dann ist es ein allgemeiner Jubel und die Untertanen können nicht schnell genug zu dem neuen Herrn laufen. – Nein, wir wollen zeigen, daß wir anders sind.«
»Wie kamen Sie denn nach Hietzing, Herr Lohse?« fragte man dann, und rasch setzte sich der Musikdirektor Lohse gerade auf seinen Stuhl zurecht – froh, eine Gelegenheit zu seiner Erzählung zu haben, und sprach unter allgemeiner Aufmerksamkeit:
»Sie wissen Alle, daß ich Präsident des Georgs-Marienvereins bin, der hier auch sein Lokal hat, und da hatten wir ein neues Statut gemacht und mich hatten sie deputiert, um Seine Majestät zu bitten, daß er das Protektorat übernehmen möchte.«
»Und hat das der König getan?« fragten mehrere Stimmen.
»Gewiß,« sagte Herr Lohse stolz, »sogleich hat ers getan, und wie ich aufgenommen bin! Der König hat mich sofort zur Tafel dabehalten.«
»Zur Tafel – zur königlichen Tafel?« riefen alle.
»Gewiß, ich habe mit dem König und der Prinzeß und dem Kronprinzen und allen Herren gegessen, ich hatte eine große weißgelbe Schärpe um, und alle fremden Herren – österreichische Generale, der Herr von Reischach, der des Königs österreichischer Adjutant ist, und andere, alle fragten, wer ich wäre, und da sagten Seine Majestät: ›Das ist der Musikdirektor Lohse, der Präsident des Georgs-Marienvereins in Hannover!‹«
Alle sahen ihn mit einem gewissen Respekt an, ein leises Flüstern ging um den Tisch.
»Und die Herren vom Gefolge des Königs,« erzählte der Musikdirektor weiter, »das sind wirklich ganz vortreffliche, liebenswürdige Leute, den Grafen Wedel, der jetzt da ist, den kennt ihr ja, und dann ist da der Regierungsrat Meding und der Graf Platen, nicht der Minister, sein Neffe, der Graf Georg, das sind zwei ausgezeichnete Herren, die sind mit mir nach Wien ins Theater gefahren, ins Karltheater, ich habe vorn in der Loge gesessen und die Herren haben mir alles erklärt, da war die berühmte Gallmeier, die spielte reizend die gebildete Köchin, es ist eine ausgezeichnete Person und sehr gut ›hannoveranisch‹, wie sie dort sagen, und die Musik war auch vortrefflich, namentlich im Zwischenakt, besonders eine Violine, ich muß das kennen, ich hörte sie gleich heraus, ich applaudierte den Violinisten aber auch nicht wenig, das ganz Theater sah zu mir herauf. – ›Was Teufel‹, fragte mich bei Graf Platen,« fuhr Herr Lohse, sich in seine Erzählung immer mehr vertiefend, fort »›was Teufel applaudieren Sie hier im Zwischenakt?‹ – ›Herr Graf‹, sagte ich, ›das muß ich verstehen, da ist ein Violinist, der spielt vortrefflich, der verdient's!‹ – und der Regierungsrat Meding sah mich ganz erstaunt an und sagte: ›Lohse, Sie sind ein herrlicher Kerl, ich muß Ihre Photographie haben.‹ Und die hab' ich ihm auch gegeben,« sagte er, sein Glas ergreifend, »und die Herrn haben sich alle für mich auch photographieren lassen.«
Er tat einen langen Zug.
»Na – und am andern Tag, da ließ mich Seine Majestät ganz allein rufen,« fuhr er, sein Glas wieder auf den Tisch stellend, fort, »ich bin fast zwei Stunden bei Seiner Majestät geblieben, was da gesprochen wurde,« sagte er mit großer Würde, »das darf ich natürlich nicht erzählen, aber da war es, daß Seine Majestät mir sagte, daß er wiederkommen würde – und ich sage euch allen, Er kommt wieder, so wahr ich Lohse heiße!«
Stolz blickte er umher, leise tauschten die Übrigen einzelne Bemerkungen aus, mehrere baten ihn um Aufnahme in den Georgs-Marienverein, eine gesellige Verbindung der kleineren Bürger, welche aber eine höhere Bedeutung gewonnen, seit der König ihr Protektor geworden und ihr Präsident in Hietzing an der Tafel des Königs gesessen. Wenn der König wiederkam – und daran glaubten sie alle fest, diese guten Bürger, so mußte ja Herr Lohse eine bedeutende und einflußreiche Person werden und es konnte nur nützlich sein, sich als Mitglied in den Verein aufnehmen zu lassen.
Rasch trat der kleine Kaufmann Sonntag, ein Mann mit blassem Gesicht und lebhaft beweglichen schwarzen Augen, in das Lokal, er sprach hie und da mit einigen Bürgern, winkte