"Gemeinsam wachsen" - der Elternratgeber ADHS. Armin Born. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Armin Born
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Документальная литература
Год издания: 0
isbn: 9783170371248
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wie Ärger oder Gereiztheit mitschwingen, muss eine solche emotional geladene Ermahnung – ob berechtigt oder nicht, spielt für unser Erfassen keine Rolle – als ein negatives Zuwenden gewertet werden.

      • Es gilt aber nicht nur verbale Äußerungen zu erfassen. Häufig drücken wir uns auch nur nonverbal aus – ein böser oder ein freundlicher Blick, ein Wegstoßen oder ein Über-den-Kopf-streichen. Auch solche Verhaltensweisen sind mitzuzählen.

      Zusammengefasst ist unter negativem Zuwenden und Rückmelden also Schimpfen, Drohen, böse Blicke, Wegstoßen, Strafen aussprechen etc. zu verstehen und damit ein unfreundliches, ärgerliches, gereiztes und ablehnendes Verhalten dem Kind gegenüber. Positives Zuwenden auf der anderen Seite kann Zulächeln, Loben, liebevoll Berühren, interessiert Zuhören und sich Zeit Nehmen etc. beinhalten und spiegelt Wertschätzung und ein freundliches Verhalten dem Kind gegenüber wider.

      Bei dieser Selbstbeobachtungsaufgabe ist es nicht notwendig, jede einzelne Äußerung und Verhaltensweise, die Sie gegenüber Ihrem Kind zeigen, präzise festzuhalten. Es genügt schon, wenn Sie sich hierzu vielleicht einen kleinen Bleistift und einen kleinen Block einstecken. Immer dann, wenn sie Ihrem Kind eine positive oder negative Rückmeldung geben, machen sie einen Strich. Am Abend zählen sie Ihre Striche zusammen und tragen die Anzahl in die Protokollliste ein. Es ist günstig, positive und negative Zuwendung mit verschiedenen Farben einzutragen. Versuchen Sie dies zwei Wochen lang zu notieren. Am Ende erhalten Sie dann zwei verschiedenfarbige Kurven.

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      Arbeitsblatt 1.3: Die »Strichliste« – Meine negativen und positiven Rückmeldungen an mein Kind

      Wenn Sie diese Beobachtungsaufgabe ein paar Tage durchgeführt haben und sie Ihnen vertraut und geläufig geworden ist, beginnen Sie bitte den nächsten Abschnitt zu lesen.

      Normale Reaktionen auf chronische Belastungen

      Stehen wir unter dauerhafter Belastung und chronischem Stress, laufen in uns häufig bestimmte innere Verarbeitungsmechanismen ab.

      Je mehr man selbst unter Stress steht, desto mehr verengt sich der eigene Blickwinkel. Man beschränkt sich immer mehr auf die eigene Perspektive. Das Erleben und die Gefühle des anderen werden zunehmend ausgeblendet. Wie es dem anderen zumute ist, wie er die Situation erlebt, was er fühlt, gerät aus dem eigenen Bewusstsein. Dieser Mechanismus ist umso mächtiger, je mehr negative Gefühle wie Ärger, Wut und Trauer mit den nicht endenden Belastungen verbunden sind.

      Je mehr Ärger, Wut, Enttäuschung oder Trauer mit einem Menschen bzw. mit einer Situation verknüpft sind, desto mehr bleiben wir gedanklich auf das Negative fixiert. Hinzu kommt, dass es nicht nur bei der Ausrichtung dieser einseitigen Aufmerksamkeit bleibt. Das Negative – gekoppelt mit diesen Gefühlen – bleibt meist auch leichter im Gedächtnis haften und wird damit auch entsprechend besser wieder erinnert. Im Gegensatz dazu fällt es deutlich schwerer, das Positive wahrzunehmen. Das Positive bleibt dann auch schlechter im Gedächtnis.

      Unter großen Belastungen entsteht also oft eine einseitige Fixierung auf negative Wahrnehmungen und damit bleibt dann auch nur überwiegend Negatives in der Erinnerung zurück.

      2.2 Die Phantasiereise: Ein Wechsel der Erlebensperspektive

      Wenn Sie einmal eine Viertelstunde ungestört Zeit für sich haben und gleichzeitig auch in sich die Bereitschaft zu einem Experiment spüren, können Sie sich vielleicht auf folgende Vorstellungsübung »Eine Phantasiereise« einlassen:

      Lesen Sie bitte zunächst die auf der gegenüberliegenden Seite 13 abgedruckte Anleitung genau durch und folgen Sie ihr nach Ihrer Erinnerung. Sie können sich die Anleitung auch vorlesen lassen oder sie auf Cassette aufsprechen. Legen Sie dabei zwischen den einzelnen Abschnitten immer wieder kürzere Pausen ein, damit sich die Vorstellungen in Ihnen entwickeln können.

      Vorstellungsübung – Eine Phantasiereise

      Mit der Vorstellungsübung soll erreicht werden, dass Sie sich ganz bewusst in Ihr Kind hineinversetzen können. Ziel dabei ist es, eine besondere Form von vertiefter innerer Besinnung zu erreichen.

      Die Übung setzt sich aus einer kleinen Einstimmung und der eigentlichen Vorstellungsübung zusammen.

      Versuchen Sie einfach, sich soweit darauf einzulassen, wie es Ihnen möglich ist.

      Setzen Sie sich möglichst bequem auf Ihren Stuhl. Wenn Sie bequem sitzen, schließen Sie dann langsam die Augen.

      Richten Sie die Aufmerksamkeit zunehmend nach Innen und spüren Sie, wo Sie entspannt sind und wo Sie vielleicht noch nicht so entspannt sind.

      Versuchen Sie vielleicht eine noch bequemere Körperhaltung zu finden. Achten Sie jetzt auf Ihren Atem. Spüren Sie, wie die Luft durch die Nase oder den Mund einströmt. Fühlen Sie, wie die Luft durch den Hals in die Brust und in den Bauch geht.

      Stellen Sie sich jetzt vor, Sie sind das Kind, dessentwegen Sie dieses Buch lesen und durcharbeiten.

      Versetzen Sie sich langsam immer mehr in Ihr Kind hinein.

      Sie erleben als Ihr Kind, Sie werden immer mehr Ihr Kind.

      Wenn Ihnen das immer mehr gelingt, weißt du als Kind und kannst du es vielleicht auch hören, wie du von deinen Eltern gerufen wirst.

      Du kennst dein Alter. Du weißt, wie du aussiehst. Du weißt, ob du Geschwister hast oder nicht.

      Beginne dich, an die Tage in der letzten Woche zu erinnern.

      Versuche dir, einen Morgen in dieser Zeit vorzustellen. Du wirst geweckt oder wachst vielleicht selbst auf.

      Du erlebst, was alles passiert, bis du in die Schule (oder in den Kindergarten) gehst.

      Du hörst, was die Mutter und vielleicht auch der Vater häufig zu dir sagen.

      Du nimmst auch den Tonfall und vielleicht auch die Lautstärke dabei wahr.

      Du siehst, wie die Mutter und vielleicht auch der Vater dabei aussehen.

      Vielleicht gehen dir auch bestimmte Gedanken durch den Kopf. Vielleicht löst dies auch Gefühle in dir aus.

      Wenn du das morgendliche Geschehen durchlebt hast, mache einen kleinen Zeitsprung und versetze dich in den Unterricht (oder in den Kindergarten). Du erlebst, wie es dir im Unterricht (oder im Kindergarten) geht. Du erlebst, wie du dich im Unterricht (oder im Kindergarten) verhältst. Du hörst, was die anderen Kinder zu dir sagen. Und du hörst auch, was die Lehrer (oder die Erzieherin) häufig zu dir sagen und wie sie dabei aussehen. Wie sich ihr Tonfall und ihre Lautstärke dabei anhören.

      Vielleicht gehen dir auch bestimmte Gedanken durch den Kopf.

      Vielleicht löst dies alles in dir ein bestimmtes Gefühl aus oder vielleicht sogar mehrere.

      Wenn du dies alles wieder durchlebt hast, mache wieder einen kleinen Zeitsprung und versetze dich in die Zeit am Nachmittag. Du musst vielleicht Hausaufgaben machen oder hast vielleicht auch Freizeit.

      Du erlebst, was dir gefällt und auch, was dir schwer fällt.

      Du erlebst, was dir immer wieder passiert.

      Du erlebst noch einmal, wie du dich häufig verhältst.

      Und immer wieder gibt es auch bestimmte wiederkehrende Situationen für dich.

      Du hörst, was deine Mutter oder dein Vater in solchen Situationen häufig zu dir sagen und wie sie dabei aussehen.

      Und du nimmst ihren Tonfall und ihre Lautstärke dabei wahr.

      Vielleicht gehen dir auch wieder bestimmte Gedanken durch den Kopf.

      Vielleicht löst dies alles in dir wieder bestimmte Gefühle aus.

      Wenn Sie dies alles an der Stelle Ihres Kindes durchlebt haben, kehren Sie langsam wieder zurück in Ihre eigene Person.

      Öffnen Sie langsam die Augen und dehnen und strecken Sie