Stalingrad - Die stillen Helden. Reinhold Busch. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Reinhold Busch
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Документальная литература
Год издания: 0
isbn: 9783990810422
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rasch zu entleeren und die Verwundeten in die Armeefeldlazarette zu bringen; nur das Notwendigste wurde operiert, und am Abend des 19.11 war alles aufgearbeitet. Alle Verwundeten waren abtransportiert; Hauptmann Mues, einen unserer tapfersten Offiziere, der einen schweren Kopfschuß erhalten hatte, ließ ich mit dem Fieseler Storch ins nächste Feldlazarett bringen. Das Sanitätspersonal der 94. I.D. war zur Übernahme eingetroffen. Mit gutem Gewissen konnte ich Stabsarzt Dr. Weber den Befehl zum sofortigen Abrücken in die Winterquartiere geben; er rollte noch in der Nacht mit seiner OP-Gruppe ab. Nach all den schweren Wochen und Monaten, die uns in den harten Kämpfen den Verlust so vieler guter Kameraden gebracht hatte, waren wir aber doch in ruhiger Vorfreude auf unsere Ruhequartiere, aber am Morgen des 20. November war schlagartig alles anders!“

      Dr. Weber: „Je länger wir in dieser Schlucht bleiben mussten, desto mehr wurde getan, um unsere Fahrzeuge und den Operationswagen in die Erde einzubauen. Wir gruben für den Op-Wagen einen Riesenschacht, bedeckten ihn mit Eisenbahn- und Schienenschwellen und packten darauf wieder eine Erdschicht, so daß eine provisorische Unterkunft und ein Bunker für den Op-Wagen vorhanden waren. Auch die Mannschaft hatte ihre Unterkunftsräume in der Balka verbessert. Für die Verwundeten war reichlich Platz geschaffen worden. Man hatte die Bunker mit Brettern etwas komfortabel hergerichtet, so daß sie wie kleine Stuben innerhalb der Balka wirkten. In dieser Stellung hätten wir den Winter gut überstehen können, mit Heizung, Öfen usw.

      Da kam der Befehl, daß die 16. Panzerdivision abgelöst und die 94. Infanteriedivision diese Stellung übernehmen sollte; wir sollten hinter den Don verlegt werden, um hier als Auffangstation, und unsere Panzer als Feuerwehr für eventuelle Durchbrüche oder Angriffe der Russen in Aktion zu treten. Ich bekam am 20. November den Befehl, mich zum Don hin abzusetzen und mich bei meiner Kompanie zu melden.“

      Auch Dr. Paal rückte ab: „Ich bekam den Auftrag, eine Winterstellung westlich des Don vorzubereiten und einen Hauptverbandplatz dort zu errichten, außerhalb des späteren Kessels, denn unsere Division sollte herausgezogen werden. So zog ich zwischen Don und Wolga hin und her; im letzten Moment blieb ich daher außerhalb des Kessels, und Dr. Weber blieb drin.“

       Zusammen mit der 16. Panzer-Division: Dr. Hans Hofmann 57

      „Eines Tages wurde ich über Funk in eine solche Geschützstellung gerufen, um Verwundete zu behandeln und zu holen. Trotz der angreifenden russischen Panzer mußten wir über einen Hügel mit dem Sanitätskraftwagen in eine Schlucht fahren. Die Russen beschossen uns trotz des Roten Kreuzes heftig, und unmittelbar hinter dem Fahrersitz ging eine MG-Garbe durch. Wir versorgten einige Verwundete und nahmen noch zwei Leute für den Heimtransport mit.

      Meinen eigenen Verbandplatz hatte ich auch in einer Schlucht in einem großen Zelt für etwa 30 Leute aufgeschlagen. In der Mitte des Zeltes befand sich der Operationstisch. Eines Tages schlugen mehrere Granaten neben dem Zelt ein und durchsiebten es mit tausend Löchern. Dadurch gab es auch frische Verletzungen bei den Verwundeten, aber auch bei der Operationsmannschaft; fast alle wurden noch zusätzlich durch Splitter getroffen. Trotz der Verwundung – ich selbst hatte drei Splitter in meiner Rückseite – mußte ich natürlich weiter operieren. Die Verletzungen waren nicht so schwer, daß wir nicht hätten zu Ende operieren können, und dann ließen wir uns die Splitter entfernen.

      Die Angriffe in der Nordriegelstellung zogen sich über Wochen hin, und wir erlitten starke Verluste an Menschen und Material, bis wir von dieser Stellung abgezogen wurden und Ersatz kam. Aber, wie schon das Sprichwort sagt, wir gerieten vom Regen in die Traufe. Wir kamen direkt nach Stalingrad. Das Stabsquartier befand sich in Jeschowka, und die Batterien waren rundherum in verschiedenen Einsätzen, vor allem auch im Straßenkampf. Die Einnahme einiger wichtiger Punkte war nur mit Hilfe der Flakabteilungen möglich, so zum Beispiel die Einnahme der Höhe 10258, die von der 100. Jägerdivision gestürmt wurde; dort lag auch ein kroatisches Bataillon, und unsere 2 cm-Geschütze halfen wieder sehr wirksam mit, ebenso auf der Höhe 107. Auch bei der Einnahme verschiedener Industrieanlagen rund um diese Hügel waren wir erfolgreich eingesetzt. Mein Kommandeur, Major Trötsch, war in die Heimat abgegangen und durch Major Jansen, einen ehemaligen Adjutanten von Marschall Göring ersetzt worden. Bei einer Fahrt zu diesen Stellungen begleitete ich unseren Kommandeur – da wurde ihm von einer russischen Panzerabwehrgranate der komplette Unterkiefer weggeschossen, eine schreckliche Verletzung! Ich konnte nur mit den Händen eine sofortige Blutstillung vornehmen und befahl dem Fahrer, zum nächsten Hauptverbandplatz zu fahren. Dort wurde eine erste Notversorgung vorgenommen. Um einen Fieseler Storch für den Transport zum Flugplatz Pitomnik zu bekommen, telefonierte ich mit dem Kommandeur der 9. Flakdivision, General Pickert59.

      Der lehnte es ab, den Storch zu schicken. Daraufhin rief ich Generaloberst von Richthofen60 an, den Kommandierenden des IV. Fliegerkorps, der sofort einverstanden war. Dann sagte er: ‚Ich kenne Sie doch! Sie sind bei der Ju 87-Staffel mitgeflogen und haben bei einem Testflug das Flugzeug und zwei Menschenleben gerettet. Sie haben in 5000 Metern die Maschine abgefangen, und der Pilot kam wieder zu sich und konnte landen!‘ Hans Hofmann: ‚Das stimmt, Herr General, aber daß Sie sich daran noch erinnern!‘ General Richthofen: ‚Mein Lieber, das war keine Kleinigkeit, und ich werde das nicht vergessen. Ich freue mich, von Ihnen zu hören, und wünsche Ihnen alles Gute für Stalingrad!‘ Ich darauf: ‚Danke, Herr General!‘ Der Fieseler Storch kam bald, und ich konnte den noch immer bewußtlosen Major nach Pitomnik fliegen, von wo er mit einem Arzt in einer He 111 nach Lemberg geflogen wurde. Er hat alles in einem Speziallazarett überstanden, und auch den Krieg.

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       Generaloberst Wolfram v. Richthofen

      Natürlich kam es auch zu sehr vielen anderen dramatischen Verletzungen, an denen ich nicht unmittelbar beteiligt war. Die Versorgung und der Abtransport funktionierten noch. Noch waren wir nicht eingeschlossen.“

       Die 1. und 2. Sanitäts-Kompanie der 60. Infanterie-Division

      Divisionsarzt der 60. Infanterie-Division (mot.) war bis August 1942 Oberstarzt Dr. August Schlegel61; sein Adjutant Dr. Rudolf Hein62 berichtet: „Ich wurde vom Divisionsarzt als Adjutant angefordert. In dieser Verwendung blieb ich dann praktisch bis zu meiner Gefangennahme in Stalingrad.

      Ich bekam einen neuen Divisionsarzt, einen Oberfeldarzt Dr. Dr. Sack63, der seinem Namen alle Ehre machte: Wir nannten ihn nur den Doppelsack. Er kam von der Heeres-Gasschule Berlin, hatte von Tuten und Blasen keine Ahnung und mußte von mir erst einmal eingearbeitet werden. Zusammen mit mir geriet er in Stalingrad in Gefangenschaft. In Gefangenschaft trug er dann auf einmal eine Rotkreuzbinde. Wir Sanitätsoffiziere trugen im Krieg ja nie Rotkreuzbinden, aber Herr Sack schmückte sich mit einer!“64

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      Dr. August Schlegel, Divisionsarzt der 60. I.D.

      Die Division führte auch ein Feldlazarett mit, zu dem wenig bekannt ist. Chef war Dr. Hilmar Haag65; Internist des Lazaretts war Stabsarzt Dr. Ernst Kluger66, Zahnarzt Dr. Werner Rockmann67. Bis September war noch Oberarzt Dr. Georg Selbach68 beim Feldlazarett, bevor er zur Schweren Artillerie-Abtlg. 616 versetzt wurde. Leider waren keine Berichte über den Einsatz des Lazaretts auffindbar.

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       Dr. Ernst Kluger, Internist des Feldlazaretts 100

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       Dr. Bosch (rechts), 2. San.Kp. 160, vor seinem Zelt

      Chef der 1. Sanitäts-Kompanie war Oberstabsarzt Dr. Gemeinhardt; weitere Ärzte waren Oberarzt Dr. Helmut Brasch69