Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland Band 13. Martina Meier. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Martina Meier
Издательство: Bookwire
Серия: Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland
Жанр произведения: Книги для детей: прочее
Год издания: 0
isbn: 9783960743699
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      Während andere Familien vermutlich gerade das Weihnachtsessen servieren oder in warmen Zimmern Geschenke auspacken, betreten wir den kühl erleuchteten Flur eines Krankenhauses. Papa hält Mamas Hand ganz fest und ich habe beinahe Angst, er zerdrückt sie, die Schneekönigin mit den hellen Locken. Eine Schwester nimmt uns in Empfang und führt uns über lange weiße Flure, die merkwürdig ausgestorben scheinen, in Richtung der Intensivstation. Wir müssen uns umziehen und Kittel anziehen und uns die Hände gründlich waschen, erstaunlich, wie gut das geht, ohne seine Bewegungen bewusst zu steuern.

      Die Schwester sieht uns mitleidig an und öffnet dann mit einem Knopfdruck die Tür. „Eine Viertelstunde hat der Arzt gesagt. Er möchte dann noch einmal mit Ihnen sprechen.“ Dann sagt sie noch was, aber ich höre nicht mehr richtig zu.

      Eine Viertelstunde. Bereits als wir den Raum betreten, kommt es mir so vor, als rinne uns die Zeit davon. Meine Oma liegt inmitten von Schläuchen und piepsenden Geräten und hat die Augen geschlossen. Meine rundliche kleine Oma mit den Lachfältchen an den Augen und der weichen dunklen Haut wirkt beinahe blass in dem OP-Schlafanzug. Ich verfolge die Herzschläge auf dem Monitor. Sie kommen mir schrecklich unregelmäßig vor. Papa kniet sich ans Bett und nimmt ihre schlaffen Hände in seine. Wie ein kleiner, hilfloser Junge.

      Der Boden unter meinen Füßen scheint wegzugleiten und ich greife nach Lias Hand. Da flattern die Lider meiner Oma und sie schlägt die Augen auf. Ein stummes Lächeln gleitet über ihr Gesicht. Sie will sprechen, aber ihre Stimme macht nicht mit. Dann bemerkt sie Papa, der ihre Hand hält. Sie hebt schwerfällig einen Arm und streichelt seine Wange. Oma schluckt angestrengt und sagt dann mit kratziger, wunder Stimme: „Kommt, setzt euch zu mir.“

      Mama lässt sich auf einen Drehstuhl sinken und Lia und ich setzen uns ans Fußende des Bettes.

      „Jetzt habe ich euer Weihnachtsfest verdorben“, sagt Oma.

      Mama lacht und schluchzt gleichzeitig auf. „Ach was“, sagt sie unter Tränen, „wir haben allen Bescheid gegeben.“

      Wie unwichtig das jetzt ist.

      „Karim“, sagt Oma zu Papa, „weißt du noch, was ich dir immer gesagt habe? Wenn ein Mensch geht, dann wird er anderswo gebraucht. Alles hat seinen Sinn.“

      „Nein!“ Papa klammert sich an die Hand seiner Mutter. „Wir brauchen dich hier.“

      Oma schließt für einen Moment die Augen. Sie ist erschöpft vom Sprechen. Dennoch rafft sie sich noch einmal auf. „Heute ist Weihnachten und ich bin eigentlich schon genug beschenkt damit, dass ihr hier seid. Aber ich habe trotzdem an jeden von euch noch einen Weihnachtswunsch.“

      „Karim.“ Sie wendet den Blick in seine Richtung und ihre Augen sehen ihn eindringlich an. „Ich wünsche mir von dir, dass du darüber nachdenkst, was ich eben gesagt habe. Trauere, solange es nötig ist, aber vergiss nie, dass wir uns irgendwann wiedersehen. Und sieh dir die alten Fotos an, bewahr sie auf, wenn du magst.“

      „Du wirst nicht ..“, will Papa unterbrechen, doch Oma lässt ihn nicht und wendet sich an Mama. „Sarah, du bist eine ganz wundervolle Frau, vergiss das nie. Vergesst beide nie, dass ihr eine Familie habt. Ich bitte dich, meinem Sohn zur Seite zu stehen, auch weiterhin. Und spendet mein Geld, spendet es an Menschen, die keine Familie haben.“ Mama nickt und versucht ein Lächeln, aber es verkümmert zu einem kläglichen Zittern ihrer Lippen.

      „Lia, mein Schatz, ich wünsch mir von dir, dass du einen ganz wunderbaren ersten Schultag erlebst und ganz viele Süßigkeiten aus deiner Schultüte isst und ..“, Omas Stimme beginnt zu brechen, „und dass du ganz viele tolle neue Freunde findest.“

      „Und von dir, Madeline, wünsche ich mir, dass du deine Geschichten weiter schreibst, dass du den Mut zusammennimmst und sie jemanden lesen lässt. Ich werde jede einzelne davon hören und sehr, sehr stolz auf dich sein.“ Sie lächelt und hat nun selbst Tränen in den Augen. Man sieht ihr an, dass sie am liebsten alle unsere Hände gleichzeitig halten würde. „Und nun singt für mich ein Weihnachtslied. Singt Oh du fröhliche“, sagt sie.

      Und das tun wir. Wir singen alle vier, vermutlich furchtbar schief und mit tränenwackliger Stimme, aber wir singen. Und während ich singe, löst sich ein Klos in meinem Hals und ich merke, wie eine Mischung aus Trauer und Geborgenheit mich wie in Watte packt. Die Melodie tropft tief hallend in mein Herz und es tut weh, aber ich weiß, dass es Liebe ist.

      Dann ist die letzte Strophe endgültig vorbei und Oma hat in seliger Ruhe die Augen geschlossen. Die Schwester kommt, prüft die Geräte und sieht noch betroffener aus. Vorsichtig stöpselt sie den Tropf und die Kabel ab. Endlich, jetzt ist meine Oma frei. Wir stehen da und gucken und weinen, streicheln und versichern uns, dass sie jetzt irgendwohin geht, wo es ihr gut geht.

      Nach einer Weile taucht Papa aus der Betrachtung dieser kleinen, mutigen, lebensfrohen Frau, Mutter, Oma auf und dreht sich zu uns um. „Frohe Weihnachten“, sagt er.

      Paula Schüßler, 17 Jahre: schreibt gern und regelmäßig über alles, was ihr an Ideen in den Kopf kommt, von Kurzgeschichten über Gedichte bis hin zu ersten längeren Projekten. Bisher hat sie allerdings noch nichts davon veröffentlicht und nutzt diesen Schreibwettbewerb als Gelegenheit, etwas Neues auszuprobieren. Ansonsten liest sie viel und ist anderweitig kreativ – zum Beispiel filmt, fotografiert und zeichnet sie gern.

      *

      Endlich wieder Weihnachten

      Es ist wieder so weit ...

      Weihnachten ist wieder da,

      aber kein Schnee!

      Schade, schade, schade!

      Weihnachten ohne Schnee ist wie

      Ostern ohne Eier ...

      Oder?

      Es steht was vor der Tür ...

      Weihnachten, das Fest der Liebe, steht schon wieder an.

      Schon wieder soll Weihnachten sein.

      Oder ist es nur ein Traum?

      Nein es ist kein Traum.

      Weihnachten ist endlich da.

      Ohne Schnee, aber es verzaubert unsere Herzen ...

      Weihnachten.

      Jürgen Heider wurde 1989 in Karaganda (Kasachstan) geboren und lebt heute mit seiner Familie in Freiburg im Breisgau. Da er von Geburt an eine Körperbehinderung hat, besuchte er die Staatliche Esther-Weber-Schule in Emmendingen-Wasser für körperbehinderte Kinder und Jugendliche, die er 2009 abschloss. Seitdem arbeitet er

      in der Werkstatt für Behinderte in Freiburg. Das Schreiben entdeckte Jürgen Heider mit 15 Jahren für sich. Seit mehreren Jahren beteiligt er sich an Anthologien und hat drei Bücher herausgegeben.

      *

      Oh du fröhliche, und weiter so!

      Wenn ich noch einmal das schiefe Geträller aus dem Nebenhaus mit der zehnten Wiederholung von Last Christmas höre, kann sich der Geist der Weihnacht für dieses Jahr von mir verabschieden. Ich bin bereit, jedes einzelne weihnachtliche Ornament mit voller Wucht aus dem Fenster zu schmeißen, wobei mir völlig egal ist, ob es dabei die Sternsinger, die seit fünf Uhr ihre Runden drehen, am Kopf trifft. Ich kann verstehen, dass es sich so anhört, als wäre ich der Grinch, aber ich kann versichern: Dem ist nicht so. Tatsächlich genieße ich den Duft frisch gebackener Lebkuchen im Wohnzimmer. Dieses Jahr kann ich mich aber einfach nicht für den Konsumterror diverser Fernsehsender begeistern. Etwas Gutes hat dieser Monat jedoch jedes Jahr aufs Neue zu bieten.

      Spätestens am ersten Adventwochenende kann ich die Nachbarn dabei beobachten, wie sie sich aus ihren Fenstern lehnen, auf wackelige Leitern steigen und einander dabei Kommentare über die Straße hinweg zurufen, die an Unhöflichkeit