So entschlossen sich damals Zehntausende von Pfälzern zur Emigration, u.a. nach Nordamerika und nach Preußen.
Auf zu neuer Blüte
Erst im 18. Jahrhundert blühte die Kurpfalz wieder auf.
1705 einigten sich die Kurpfalz und Brandenburg-Preußen auf die Kurpfälzische Religionsdeklaration24. Kernpunkte waren die Garantie der Gewissensfreiheit und die Aufhebung der Simultaneen. Die Kirchen im Land wurden mitsamt Pfarrhäusern und Schulen zwischen den Reformierten und den Katholiken im Verhältnis fünf zu zwei aufgeteilt. Sonderregelungen gab es u.a. für die Hauptstädte, wie Heidelberg und Mannheim. So blieb die Heiliggeistkirche weiterhin eine Simultankirche.
Die Stadtbevölkerung war durch die Kriege dezimiert. 1717 lebten in der Stadt am Neckar noch 4.800 Menschen.
Kurfürst Karl III. Philipp25 (1716 bis 1742) beabsichtigte, wieder im neu aufzubauenden Heidelberger Schloss zu residieren. Sein katholischer Hofstaat benötigte eine repräsentative Hofkirche. Die Wahl fiel auf die Heiliggeistkirche, die jedoch sowohl von Reformierten als auch von Katholiken genutzt wurde.
1719 kam es deshalb zum Streit um die Kirche, der bis 1720 dauerte und in ganz Deutschland Aufsehen erregte: Der Kurfürst bot der reformierten Heiliggeistgemeinde an, auf dem Marktplatz eine neue Kirche für die Reformierten zu bauen und dieser alle Pfründen der Heiliggeistkirche zu übertragen. Die Reformierten lehnten den Vorschlag ab, worauf der Kurfürst die Scheidemauer des Simultaneums in der Heiliggeistkirche niederreißen ließ.
Außerdem befahl er, den Heidelberger Katechismus wegen der Provokation in Frage 80, welche die päpstlichen Messe als „vermaledeite Abgötterei“ bezeichnete, einzuziehen und zu verbieten.
Der reformierte Kirchenrat wandte sich an die evangelischen Reichsstände und bat um Hilfe. Während es daraufhin in Preußen Repressalien gegen katholische Kirchengüter gab, drohten auch Schweden und die Niederlande mit Vergeltungsmaßnahmen. Selbst Kaiser Karl VI. forderte den Kurfürsten zum Einlenken auf.
So musste er schließlich nachgeben und den Protestanten das Kirchenschiff zurückgeben.
Der Bruch – die neue Residenz in Mannheim
Aus Verärgerung machte der Kurfürst seine Drohung wahr, die Residenz zu verlegen.1720 ließ er mit dem Bau eines neuen Schlosses in Mannheim beginnen.
Mannheim zählte vor dem Dreißigjährigen Krieg bis zu 7.000 Einwohner. Durch die andauernden Kriege, insbesondere die Erbfolgekriege, wurde es total entvölkert.
Der Vorgänger Karl Phillips, Kurfürst Johann Wilhelm26 (1690 bis 1716), regierte und residierte zuvor als Pfalzgraf und Kurfürst von der Pfalz im Schloss von Düsseldorf und nicht im zerstörten Heidelberg. Er betrieb die Wiederbesiedlung Mannheims ab 1698 und belebte die Stadt aufs Neue. 1719 war die Bevölkerung in etwa wieder auf die Zahl vor dem Krieg angewachsen.
Mit der Verlegung der kurpfälzischen Residenz nach Mannheim im Jahr 1720 setzte ein weiterer Schub ein.
In mehr als 20 Jahren Bauzeit entstand die nach Versailles zweitgrößte Schlossanlage Europas. Auch die Stadt Mannheim selbst musste, da vollständig kriegszerstört, von Grund auf neu geplant werden. Sie wurde nach Schachbrettmuster streng geometrisch in Quadraten angelegt. Unter Kurfürst Karl Theodor27 (1742-1799) nahm die Kurpfalz dann wahrlich einen Aufschwung. Die Stadtbewohner vermehrten sich in der Folge rasant und erreichten mit rund 26.000 um 1770 einen beachtlichen Höchststand.
Karl Theodors Name steht für die wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit Mannheims im 18. Jahrhundert und für den Aufstieg der Stadt zu einem der Kristallisationspunkte des europäischen Barock.
Karl Theodor war den Ideen der Aufklärung verbunden. Er war ein großer Bauherr und Förderer der Wissenschaften. Ganz Menschenfreund, schaffte er 1776 die Folter ab.
Besonderen musikalischen Glanz brachte die „Mannheimer Schule“, ein neuer Instrumentalstil als Wegbereiter der europäischen Klassik. Auch der junge Wolfgang Amadeus Mozart erhielt hier 1777/78 wesentliche Anregungen.
Daneben war das Schauspiel im Nationaltheater ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Der noch unbekannte Friedrich Schiller schaffte mit der Uraufführung von „Die Räuber“ Anfang 1782 den Durchbruch. Und auch Johann Wolfgang von Goethe weilte zu jener Zeit in der Kurpfalz-Metropole. Das barocke Mannheim war einfach schick.
Alt Heidelberg, du Feine: Nachtragend?
Und Heidelberg – war zwar weiterhin Universitätsstadt mit wachsendem Akademikeranteil, hatte aber den Status der kurfürstlichen Residenz eingebüßt.
Und ich befürchte (schmunzel), die Folgen dieser Missachtung spürt man im gegenseitigen Umgang der teils calvinistisch geprägten Heidelberger und der von je her liberalen Mannheimer noch heute.
Und noch etwas bringt mich zum Lächeln. War es damals der reformierte Kirchenrat, der dem Kurfürsten das Regieren erschwerte, ist es heute der bunte Gemeinderat, der das Stadtoberhaupt oftmals einbremst.
Während also Heidelberg die romantische Universitätsstadt am Neckar blieb und jährlich Heerscharen von Touristen anzieht, entwickelte sich Mannheim bereits 1896 zur Großstadt mit mehr als 100.000 Einwohnern. Heidelberg erreichte diesen Status erst 1946 nach dem Zweiten Weltkrieg.
Mannheim prosperierte um 1900 insbesondere durch die Industrialisierung. Viele wichtige Erfindungen, wie das erste Fahrrad von Karl Freiherr von Drais oder das Automobil von Carl Benz, stammen aus der Stadt am Zusammenfluss von Neckar und Rhein. Mannheim ist heute sowohl eine bedeutende Industrie- und Handelsstadt, als auch renommierte Universitätsstadt.
Im Boom des 18. Jahrhunderts profitierte auch Mannheim erheblich von der Zuwanderung religiös Verfolgter aus ganz Europa.
Mit der Industrialisierung und der Ansiedlung von immer mehr produzierendem Gewerbe wuchs auch die Zahl der Arbeiterschaft. Jetzt bildete sich die unverwechselbare Sozialstruktur Mannheims aus Intellektuellen, Industriellen, dem Bürgertum und dem Arbeitermilieu.
Der Dialekt und seine Melodie
Die „Kurpfälzer“ sind sowohl von der Klangfarbe und dem Dialekt der Sprache als auch ihrer Sozialisierung und Mentalität sehr stark von den unruhigen und kriegerischen Zeiten seit dem 16. Jahrhundert geprägt.
Horsch ämol – weesch – määnsch – kannsch – hosch – uffbasse: alles nasal und weich, fast gesungen ausgesprochene Worte, die sehr an das Französische erinnern. Je näher man dem Oberzentrum der Kurpfalz, den Mannheimer Quadraten kommt, desto mehr wandelt sich das „a“ wie in „kannsch“ zum „o“ wie in den Wörtern Sonne oder Wonne.
Typisch mannemerisch ist das Füllwort alla, das in kaum einem Satz fehlt. Es kommt vom französischen allez und dient hier wie dort als Aufforderung: Los! Auf!
Es kann aber auch die Bedeutung von „alsdann“ haben: allaa, machs gud! Ein alleinstehendes allaa! heißt so viel wie: Hab ich’s nicht gesagt!28
Oft wird ein Satz mit einem heer! begonnen.
Nehmen wir die folgende Konversation am Telefon:
Er: | Kannst du nicht nach Mannheim kommen? |
Sie: | Du weißt doch, dass ich nicht kann! |
Er: | Na dann. |