Die erste Unterrichtsstunde lief etwas chaotisch ab, da sie keinen genauen Ansatzpunkt hatten. Doch bereits am zweiten Tag machten sie einige Fortschritte, indem sie vorgingen, wie sie es sonst im Unterricht auch taten, und mit einzelnen Angriffen oder Verteidigungen begannen. Neolyt hatte dafür den Dolch gewählt, da dieser sich am leichtesten mit den wölfischen Taktiken verbinden ließ.
„Würdest du es schaffen, dich im Sprung zu verwandeln?“, fragte Wadne am Vormittag des dritten Tages.
„Ich kann es versuchen“, meinte Neolyt. Sie ging etwas in die Knie und machte sich zum Sprung bereit. Dann schnellte sie hoch und nahm im gleichen Moment ihre Wolfsgestalt an. Doch die Verwandlung vollendete sich erst, als sie bereits wieder mit allen Pfoten auf dem Boden stand.
„Schon nicht schlecht, aber das musst du schneller hinbekommen.“
Neolyt sprang. Es war anstrengend und mühselig und am Abend brannten ihre Beinmuskeln höllisch, doch am Ende des Tages schaffte sie einen perfekten Sprung mit darin enthaltener Verwandlung. Außerdem gelang es ihr bereits ansatzweise, damit Wadnes Deckung zu durchbrechen, auch wenn sie vermutete, dass ihre Lehrerin das absichtlich zugelassen hatte.
Am Nachmittag des nächsten Tages ließ Wadne Neolyt für kurze Zeit allein trainieren, da sie die Kampfstöcke in der Halle vergessen hatte. Das Licht unter der Eiche war beruhigend grün-golden und Neolyt genoss die von Gezwitscher und Laubrauschen erfüllte Stille. Wadne war noch nicht wieder da und sie hatte sich erlaubt, eine Pause einzulegen, da es sie noch immer anstrengte, sich so schnell zu verwandeln, ganz abgesehen davon, dass auch das Kampftraining sie stark beanspruchte. Sie hatten begonnen, mit teilweiser Verwandlung zu arbeiten, wovon sie vorher nicht einmal gewusst hatte, dass sie so etwas überhaupt konnte.
Als sie mehrere Äste knacken hörte, setzte sie sich abrupt auf. Wadne hatte keine Pause erlaubt und sie wollte das Risiko nicht eingehen, von ihr erwischt zu werden.
Das Rascheln verstummte. War das wirklich Wadne gewesen?
Auf einmal überfiel Neolyt die Angst. Deor hatte doch gesagt, sie solle sich nicht allein außerhalb des Baus aufhalten. Was geschah, wenn jetzt jemand von denen kam, die sie töten wollten? Sie tastete nach dem Dolch an ihrem Gürtel und stellte sich mit dem Rücken zur Eiche. Ein nützlicher Zauberspruch wollte ihr nicht einfallen, ihr Kopf war wie leergefegt. Vor ihr bewegten sich laut raschelnd die Äste eines Busches und ihre Finger schlossen sich krampfhaft um das Heft des Dolches. Dann war es wieder eine ganze Weile lang still. Vielleicht hatte sie sich ja geirrt und überreagiert. Es war wahrscheinlich nur der Wind oder ein Reh gewesen. Sicherheitshalber hielt sie ihre Wolfsnase in die Luft, auch wenn sie inzwischen wusste, dass man den Geruch abschirmen konnte. Sie roch nichts Auffälliges, keine Menschen, keine Drachen und auch keine Einhörner. Aber auch kein Reh oder ein anderes Tier, was groß genug gewesen wäre, solch einen Lärm zu veranstalten.
„Sei gegrüßt, Lunornaila“, hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich und fuhr zusammen. Ganz langsam spähte sie hinter dem Stamm hervor, den Dolch fest umklammert, auf alles gefasst, auch wenn die Angst ihr fast den Atem nahm.
Sie hätte alles erwartet, nur nicht das, was sie sah. Es war ein Pferd. Ein silbergraues Pferd mit dunkelblauen Augen, mit denen es sie aufmerksam ansah.
„Hast du geredet?“, fragte Neolyt schließlich verblüfft, nachdem sie sich einigermaßen gefasst hatte.
„Natürlich.“
„Wer bist du?“
„Das ist eine schwierige Frage. Möchtest du lieber meinen Namen wissen?“, entgegnete das Pferd.
„Ja“, sagte Neolyt, denn das hatte sie gemeint.
„Mondschatten werde ich von den meisten genannt, aber das ist nur einer von vielen Namen. Du hingegen hast nur einen. Neolyt Lunornaila.“
„Was bedeutet das? Warum nennst du mich Luno…“
„Lunornaila? Das heißt in deiner Sprache Wolfstochter. Und das bist du doch, nicht wahr?“, fragte Mondschatten und trat einen Schritt näher.
Neolyt nickte.
Eine Weile lang schwiegen sie und musterten sich gegenseitig.
„Was machst du hier?“, fragte Neolyt schließlich.
„Ich habe dich gefunden.“
„Warum wolltest du mich finden?“
„Manches ist schlecht, wenn es zur falschen Zeit ausgesprochen wird“, antwortete Mondschatten geheimnisvoll. „Aber was hast du so ganz allein im Wald zu suchen?“
„Eigentlich bin ich gar nicht allein, aber Wadne ist in den Bau gegangen, weil wir die Kampfstöcke vergessen haben.“
„Sie ist schon wieder da“, meinte Mondschatten, den Blick auf etwas hinter ihr gerichtet. Doch als sie sich umdrehte, war da niemand.
„Da ist doch gar …“ Aber das graue Pferd war verschwunden.
„Was machst du da, Neolyt?“, fragte Wadne hinter ihr.
„Da war ein Pferd. Es hat gesagt, es heißt Mondschatten.“
Einen Moment lang sah Wadne sie ungläubig an, doch dann nickte sie.
„Gut, machen wir weiter.“
Am Abend tat Neolyt alles weh, weil sie noch nie vorher mit einem Stock gekämpft hatte und viele Treffer hatte einstecken müssen. Kaum, dass sie sich gewaschen und hingelegt hatte, fiel sie in einen tiefen, aber unruhigen Schlaf.
Sie ist wieder an der Eiche, es ist Nacht, silberweißes Mondlicht sickert durch das Laubdach und malt verschlungene Muster auf den Waldboden. Wie am Tag auch raschelt es in den nun dunklen Büschen neben dem Baum und das graue Pferd tritt hervor. Mondschattens Fell schimmert im Licht wie Silberfäden.
„Sei gegrüßt, Mondschatten“, sagt Neolyt, doch kaum ein Wispern dringt über ihre Lippen.
Das Pferd antwortet nicht und trottet vorbei, als habe er sie nicht bemerkt. Mondschatten sieht älter aus und müder als am Tag zuvor, beinahe etwas traurig. Schweigend folgt sie seinem langsamen Schritt, während die Eiche und auch die ihr vertraut gewordenen Büsche und anderen Bäume verschwimmen. Nur noch ein Gemisch aus blauschwarz und silberweiß umgibt sie. Doch es stört sie nicht, sie folgt einfach dem matt schimmernden Fell, und als sich die Umgebung wieder verfestigt hat, weiß sie nicht mehr, wo sie ist.
„Wohin gehen wir?“, wagt sie, ein zweites Mal ihre Stimme zu erheben, doch abermals dringt kaum ein Laut aus ihrem Mund heraus.
Sie erreichen eine große Lichtung. Die langen, dünnen Halme, die im Mondlicht glänzen, reichen ihr bis über die Hüften. Kein Lüftchen regt sich, eine gespannte, drückende Stille liegt über allem. Wie Wasser teilt sich das Gras vor ihnen und hier und da flattern kleine Wesen auf, in denen sie Elfenfalter erkennt. Sie lassen sich auf Mondschattens Rücken nieder, der stehen geblieben ist und zum Himmel hinaufsieht. Sie folgt seinem Blick, kann aber nichts Ungewöhnliches entdecken, nur Sterne funkeln vom Himmel herab, Sterne, die sie nicht kennt. Ein fremder Himmel.
Worauf warten sie nur?
Es ist so ruhig, dass sie am liebsten schreien würde, um diese erdrückende, gespenstige Stille zu zerbrechen, aber sie schweigt. Etwas wird gleich passieren. Das weiß sie.
Und dann ist es so weit.
Grelles Licht überflutet den Himmel. Weit entfernt ist eine Säule aus diesem Licht zu sehen, die eine Kuppel auszusenden scheint. Doch bald muss sie den Blick abwenden, weil das weiße Strahlen in ihre Augen sticht. Aber Mondschatten sieht noch immer hinauf und ist so gebannt, dass sie nicht an sich halten kann und ebenfalls wieder nach oben blickt. Einzelne weiße Punkte rasen zu der Lichtsäule. Sie sehen aus wie Sternschnuppen. Auch Mondschatten beginnt zu leuchten. Oder spiegelt sein Fell das weiße Licht? Unmöglich, denn es wird immer heller und mit einem Mal löst es sich von ihm und steigt auf zu den anderen Lichtern, weit hinauf.
Staunend