Im Auftrag des Feindes. Günter Hein. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Günter Hein
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9783738051599
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Dank, ich werde die Grüße ausrichten. Bis morgen und schönen Feierabend«, sagte Hartmann sichtlich erleichtert. Fast wäre er auf den Spaß hereingefallen.

      Hartmann verließ das Büro und ging nach draußen, wo sein Fahrzeug stand. Der Meister grinste. Die Genehmigung für Hartmann hatte er wie in jedem Jahr von ganz oben bekommen. Hartmann war vorher von der Staatssicherheit überprüft und der geplante Urlaub als unbedenklich genehmigt worden. Dadurch dass er parteilos war, stellte er nicht gerade einen Paradebürger der DDR dar. Aber mit seinem Fleiß und seiner Kollegialität machte Hartmann alles wett.

      Hartmann trat an seine Schwalbe und löste das Schloss. Er freute sich schon darauf, Dagmar die freudige Botschaft zu überbringen. Er hatte seine Frau während eines FDJ- Zeltlagers kennen gelernt. Abends, während sie sich alle um ein Lagerfeuer sammelten und die Gruppe gemeinsam Lieder zu Gitarrenklängen sang, saß sie plötzlich neben ihm. Sie fror sichtlich, weshalb sie immer näher an Hartmann heranrückte. Irgendwann an dem Abend trafen sich ihre Augen. Und blieben aneinander kleben. Sie lächelten sich an, und Dagmar kroch wortlos in seine warmen Arme. An ihn angelehnt und gewärmt saß sie mit ihm den Rest des Abends am Feuer, und sie sangen. Als es vorüber war und die Jugendlichen in die Zelte sollten, standen sie auf und sahen sich an.

      »Danke.«

      »Bitte«, stammelte Hartmann und suchte verzweifelt nach Worten.

      Dagmar grinste ihn verschmitzt an und sagte: »Ich heiße Dagmar, nur für den Fall, dass du fragen wolltest. Wie heißt du?«

      Hartmann errötete leicht. Es war zu seinem Glück dunkel, so dass Dagmar seine Verlegenheit nicht sehen konnte. »Ich bin der Bernd«, stammelte er.

      »Ich freue mich, Bernd. Dann schlaf mal schön.« Sie sah ihn keck an und verschwand in der Dunkelheit. In dieser Nacht brachte Bernd kein Auge zu.

      Als Dagmar sich am nächsten Morgen zu ihm an den Frühstückstisch setzte, war es um ihn geschehen. Sie hatte sich die langen rötlichen Haare zu einem Seitenzopf gebunden und trug einen roten Hosenanzug mit Latz. Darunter ein weißes Shirt. Ihre Sommersprossen und ihre vollen gleichmäßigen Lippen betonten ihr süßes Lächeln. Sie platzierte das Frühstücksbrett mit Brot, Butter, Marmelade und Tee und setzte sich.

      Bernd sah sie nur wortlos an.

      Sie sortierte ihr Frühstück auf dem Tablett. Tee rechts hinten, Teller und Besteck vor sich. Links hinten die Butter und die Marmelade. Zufrieden faltete sie die Hände, schaute zu Bernd auf und lächelte. »Morgen. Bist also immer so gesprächig. Dass du sprechen kannst, weiß ich ja von gestern Abend.«

      Bernd musste lachen. Das Eis war endgültig gebrochen.

      Dagmar lachte ebenfalls.

      »Doch, doch. Ich kann sprechen. Wo kommst du her? Ich bin aus Berlin.«

      Sie zog die Augenbrauen kurz hoch. Dann legte sie den Kopf schief und lächelte verschmitzt. »Brieselang. Langweilig. Keine so süßen Jungs wie in Berlin.« Sie sah ihn herausfordernd an.

      »So was wie dich habe ich aber in Berlin auch noch nicht gesehen. Heute ist Naturkunde auf dem Programm. Wenn du Lust hast…« Hartmann war selbst erstaunt über seinen Mut.

      »Wäre ich sonst hier? Ich könnte ja auch den Tag mit den langweiligen Ziegen verplempern, mit denen ich gekommen bin.«

      So verbrachten sie schließlich die restliche Zeit im Ferienlager gemeinsam. Am letzten Abend küssten sie sich das erste Mal und versprachen, sich wieder zu sehen.

      Hartmann musste grinsen, als er sich daran erinnerte. Er startete die Schwalbe und machte sich auf den Heimweg.

      Kapitel 2

      In der Bödickerstraße im Stadtteil Friedrichshain stand Aiden Carter mit tief ins Gesicht gezogener Schiebermütze in einem Hauseingang und wartete. Unauffällig gekleidet sah er aus wie jeder andere Bürger der DDR auch. Die Sachen hatte er im Centrum Warenhaus am Alexanderplatz gekauft. Seine alte Bekleidung hatte er in eine Plastiktüte eingewickelt und in einen Müllcontainer entsorgt. Er schaute auf seine Armbanduhr. 18:15 Uhr. Bald musste sie kommen. Wieder fuhr ein Fahrzeug an ihm vorbei. Er senkte seinen Blick, um nicht erkannt zu werden. Als er wieder aufblickte, sah er sie kommen. Mit elegantem Schritt ging sie zielstrebig auf das erste Haus mit den Balkonen zu, ihr Zuhause. Carter wartete, bis sie im Haus verschwunden war, und ging dann langsam los. Den Blick gesenkt erreichte er das Haus und drückte den vierten Klingelknopf von oben, auf dem der Name Otto stand. Dann drückte er die Tür auf und ging ins Treppenhaus. Es roch muffig. In Zweierschritten nahm er die Stufen nach oben. Sie hatte die Tür angelehnt. Sie wusste, dass er heute kam. Carter schaute sich im Treppenhaus noch einmal um und betrat die kleine 2-Zimmer Wohnung. Sie stand im Türrahmen zu ihrem Schlafzimmer und trug nur ein dünnes Negligee.

      Carter nahm die Schiebermütze ab, zog seine Jacke aus und hängte beides an einen Garderobenhaken. Dann ging er grinsend auf sie zu. »Du bist einfach atemberaubend, weißt du das, mein Trautchen?« Sie legte den Arm um seinen Hals und zog ihn ganz dicht heran. Er konnte das Parfüm riechen konnte, was Sie aufgelegt hatte.

      »Gefall ich dir?«, hauchte sie in sein rechtes Ohr. Sanft streichelte er über ihren nackten Hintern.

      »Natürlich«, entgegnete er ihr, bevor er sie küsste und bestimmt ins Schlafzimmer schob.

      Nachdem sie sich geliebt hatten, saßen sie beide rauchend auf dem Bett. Sie griff in ihre Nachttischschublade und holte die kleine Kamera hervor.

      »Hier ist deine Belohnung«, strahlte sie. Carter nahm die Kamera und wog sie in der Hand.

      »So leicht und doch so gewichtig. Gab es Probleme?«

      Sie schüttelte den Kopf. »Keine. Ein Kinderspiel. In der Mittagspause gehen alle in die Kantine. Ich bin länger am Platz geblieben, um die Fotos zu machen, während alle beim Essen waren.«

      Carter nickte zufrieden. »Gut. Du musst dennoch vorsichtig sein.«

      Sie winkte ab, drückte ihre Zigarette in den Aschenbecher und legte ihren Kopf auf seine behaarte Brust. »Bin ich doch. Mach dir keine Sorgen.« Er streichelte ihren nackten Rücken.

      Urplötzlich zog er die Decke zur Seite und stand auf.

      »Ich muss los. Das Material muss so schnell wie möglich in den Westen.«

      Reintraut rollte sich auf den Bauch und sah ihm zu, wie er sich anzog.

      »Wann sehe ich dich wieder? Ich habe keine Lust, immer so lange auf dich zu warten.«

      Er sah auf und blickte ihr fest in die Augen.

      »Bald.« Dann beugte er sich hinunter und gab ihr einen sanften Kuss. »Bald.

      Carter verließ das Haus und schlenderte die Straße entlang. Er bemerkte nicht, dass er verfolgt wurde. Er folgte der Straße bis zur Stralauer Allee und bog rechts auf die Eisenbrücke Richtung Treptower Park. Ein Mann kam ihm entgegen und rempelte ihn an.

      »Entschuldigung. Keine Absicht«, sagte der Passant und ging weiter.

      Die Kamera hatte den Besitzer gewechselt.

      Der Verfolger hatte in ausreichendem Abstand die Übergabe bemerkt und gab über ein Funkgerät die Information weiter. Er nahm die Verfolgung des Remplers auf, während Carter der Eisenstraße weiter folgte.

      »Nicht festsetzen. Es ist sowieso nur falsches Material auf dem Film zu sehen. Verfolge ihn bis zu seinem Ziel.«

      »In Ordnung«, erwiderte der Verfolger. Der Mann ging bis zur Warschauer Straße und stieg dort in ein Taxi.

      »Mann ist im Taxi. Stoppe Verfolgung.«

      »Gesehen. Wir übernehmen.«

      Am Checkpoint Charlie hielt das Taxi. Der Mann stieg aus und ging durch die Kontrolle in den Westen.

      »Ist mit dem Paket im Westen. Kümmern uns nun um die Frau. Treffpunkt zur Besprechung in der Zentrale. Ende.«

      »Was