Was ist Geschichte überhaupt? Ich meine, wenn der Glaube an einen immanenten Sinn der Geschichte, an Fortschritt und an ein Geschichtsziel verlorengeht, dann hat das Auswirkungen auf jede Geschichte, die wir jetzt erzählten wollen. Die narrativen Zusammenhänge etwa, die wir herstellen, können ja nicht unbeeindruckt bleiben von der Zerstörung der Zusammenhänge, die wir gewohnt waren und die wir vorausgesetzt haben.21
Menasse skizziert hier sehr pointiert einen Spannungsbogen, der die Produktion und die Rezeption historisch-fiktionaler Texte seit 1989 maßgeblich steuert und die Herausforderung dieser Literatur sichtbar macht, die Historie nämlich als literarisches Sujet tatsächlich ernst zu nehmen und zugleich deren einschneidende (dabei nicht allein postmodernistisch geprägte) Neuausrichtung auf inhaltlicher wie formal-stilistischer Ebene sichtbar zu machen.
Das Ende der Nachkriegszeit: Ein Generationswechsel und seine Folgen
Die Jahre nach 1989 bedeuten nicht nur mit Blick auf das politisch wiedervereinte Deutschland eine Zäsur, sondern zugleich auch angesichts der veränderten Rolle, die dem Thema der ›Vergangenheitsbewältigung‹ zukommt. Der Historiker Michael Wildt beschreibt in seiner Auseinandersetzung mit der »Epochenzäsur 1989/90« das Ausmaß der Horizonterweiterung, den diese Jahre allem voran für die Geschichtswissenschaft bedeuten:
Durch den Zusammenbruch des Kommunismus fiel nicht allein die ständige Zumutung fort, sich legitimatorisch von der marxistischen Geschichtsschreibung abgrenzen zu müssen. Vor allem wurde mit dem Fall des Eisernen Vorhangs der Blick auf Osteuropa frei, wo die Massenverbrechen des NS-Regimes überwiegend stattgefunden hatten. […] Insgesamt aber war die deutsche Historiographie zum Nationalsozialismus 1989/90 noch stark nationalgeschichtlich ausgerichtet gewesen. Nun nahm Osteuropa nicht nur seinen Platz in Gesamteuropa wieder ein, sondern auch die Geschichtsschreibung erkannte, dass das NS-Regime seine Vernichtungspläne mit besonderer massenmörderischer Vehemenz außerhalb der ehemaligen deutschen Reichsgrenzen verwirklicht hatte – nämlich in den besetzten Ostgebieten.22
Unmittelbare Folge dieser Ausweitung der nun nicht mehr allein nationalgeschichtlich bestimmten Historiografie ist mit Wildt die Europäisierung und Globalisierung des Holocaust-Diskurses, die sich in neuen Formen der Erinnerungspolitik bemerkbar machen.23 Aleida Assmann geht diesem Wandel der Erinnerungs- und Geschichtspolitik nach 1989 nach und unterstreicht ebenfalls, dass sich hier »die Gedächtnisrahmen noch einmal deutlich verschoben« haben.24 Mit Assmann ist es eben jene auch von Wildt konstatierte neue, weltöffentliche Aufmerksamkeit, die nun spezifisch nationale Gedächtniskonstruktionen verabschiede und für neue kollektive Erinnerungsformen sorge,
die nicht mehr in die Muster einer nachträglichen Heroisierung und Sinnstiftung fallen, sondern auf universale Anerkennung von Leiden und therapeutische Überwindung lähmender Nachwirkungen angelegt sind.25
Voraussetzung für diese Sensibilisierung, die Schuldabwehr durch Schuldannahme ersetzt, ist der in den 1980er und 1990er Jahren sichtbar werdende Generationswechsel, der unmittelbaren Einfluss auf die Dynamik des kollektiven Gedächtnisses nimmt. Eine gewichtige Folge dieses Generationswechsels ist die schwindende Stimme der Zeitzeugen – jener Generation der Überlebenden wie der Täter. Das Bewahren dieses Zeitzeugengedächtnisses vergegenwärtigt in den 1990er Jahren einen fundamentalen Aufgabenbereich der NS-Historiografie, ablesbar an dem Bemühen um ein möglichst umfangreiches Archiv an Dokumentationsmaterial, das dem Verstummen der ›erlebten Geschichte‹ Einhalt gebieten soll.26
Für Deutschland bedeutet der beschriebene Generationswechsel im Besonderen den Wandel vom Erfahrungs-, nicht zuletzt vom Tätergedächtnis, das sich der Vergangenheitsbewältigung und damit der Annahme eines auch negativen Gedächtnisses bis dato häufig in den Weg stellte, zu Formen einer kollektiven Erinnerung der Nachgeborenen, die – mit Assmann –
die dunklen Kapitel ihrer Geschichte nicht mehr mit Vergessen übergehen können, sondern für diese Verantwortung übernehmen, indem sie sie im kollektiven Gedächtnis stabilisieren und ins kollektive Selbstbild integrieren.27
Der Wechsel vom Erfahrungs- zum kollektiven Gedächtnis markiert den Übergang von der Zeitgeschichte zur Historie, mit unmittelbaren Konsequenzen nicht nur für das historiografische, sondern auch das literarische Erzählen nach 1989: Holocaust und Nationalsozialismus sowie die dazugehörigen literarisch sichtbar gemachten individuellen wie kollektiven Erinnerungsprozesse lassen sich fortan dem Themenfeld des historischen, nicht mehr des zeitgeschichtlichen oder Gegenwartsromans zuweisen – ein Umstand, der Aussehen und Form der Gattung in der Gegenwart maßgeblich bestimmt. Die literarische Reflexion über deutsche Geschichte erfolgt dabei aus einer zweifach veränderten historischen Perspektive, die sich durch den beschriebenen Generationswechsel ebenso beeinflusst zeigt wie durch die Umbruchsjahre nach der politischen Wende von 1989. Die in den literarischen Texten vorangetriebene ›Arbeit an der Geschichte‹, allen voran die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, wird dabei oft in ihrer Teilhabe am Prozess einer kollektiven Vergangenheitsbewältigung verstanden. Dass dieser Begriff nicht ganz unproblematisch ist, hat zu Recht Clemens Kammler angemerkt: »[…] unglücklich deshalb, weil er die Abschließbarkeit eines Reflexionsprozesses suggeriert, den wach zu halten diese Literatur gerade intendiert.«28
Insgesamt versteht sich die Epochenzäsur 1989 als Initial einer als »Vergangenheitsbewältigung« gekennzeichneten Geschichtsarbeit, die den Prozeduren des Vergessens und Verdrängens der Nachkriegsjahrzehnte eine neue Form der Erinnerungspolitik entgegensetzt – das, nach Tony Judt, »öffentliche Erinnern als zentrales Fundament der kollektiven Identität«.29 Diese institutionalisierte und zugleich kollektiv verstandene Form der Gedächtnispolitik geht mit einem gesteigerten Bewusstsein für die Konstruktion der Erinnerung, des kollektiven Gedächtnisses, schließlich der Geschichte und ihrer Medien einher. Diese erfahren nun, Aleida Assmann hat darauf hingewiesen, eine neue Bewertung:
An die Stelle der kritischen Rationalität, die Bilder vorwiegend als Mittel der Manipulation einstuft, ist die Überzeugung einer irreduziblen Angewiesenheit des Menschen auf Bilder und kollektive Symbole getreten. […] Natürlich sind nicht nur Bilder daran beteiligt, sondern auch Erzählungen, Orte, Denkmäler und rituelle Praktiken.30
Assmanns Thesen decken sich hier mit den Einsichten Wildts, der das Entscheidende der Wende von 1989 ebenfalls darin sieht, dass sie den Übergang vom Vergessen zum Erinnern markiert und damit die Medien des Erinnerns in den Blick nehmen muss. In diesem Zusammenhang spricht Wildt von der »Medialisierung der Geschichte«, die neben der bereits angesprochenen Europäisierung und Globalisierung insbesondere die NS-Historiografie entscheidend verändert und vor neue Herausforderungen gestellt habe.31 Im Medium des Textes und des Bildes kommt es zu einer Neudefinition der Erinnerungen, die einerseits als Ergänzung und Korrektiv der Geschichtsschreibung etabliert werden, zugleich aber in ihrer sinnstiftenden Funktion auch kritisch reflektiert werden müssen. Diese sich nach 1989 immer dominanter durchsetzende Perspektive auf die medial nicht erst vermittelte, sondern mitunter erst erzeugte Geschichte sowie die damit verbundenen Konstruktionsmechanismen eines kollektiven Gedächtnisses zeigt ihre Relevanz gerade im Hinblick auf die zeitgleich entstehende historisch-fiktionale Literatur. Diese steht eben nicht allein im Zeichen einer therapeutisch wie aufklärerisch verstandenen Vergangenheitsbewältigung, sondern zeichnet sich, so zumindest lautet die Prämisse der vorliegenden Studie, durch eine außerordentlich reflektierte Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten, aber auch Grenzen eines Geschichtsbegriffes aus. Dieser zeigt sich von individuellen und kollektiven Erinnerungsprozessen ebenso abhängig wie von jenen medialen Vermittlungsformen, die ihn erst sichtbar machen.
1.3 Historisch-fiktionales Erzählen nach 1989: Terminologische Prämissen
Entscheidend für die vorliegende Untersuchung ist die Ausrichtung an der von Geppert eingeführten Kategorie des ›anderen‹ historischen Romans, der die gattungstheoretische Perspektive auf das metafiktionale und selbstreflexive Potenzial der Gattung richtet. Dieses avanciert im Rahmen der sich hier anschließenden Auseinandersetzung mit der historisch-fiktionalen Literatur der Gegenwart zum entscheidenden Verbindungsglied der behandelten Texte. Der andere historische Roman, das ist dem einleitenden Forschungsüberblick zu entnehmen, sorgt für den entscheidenden Einschnitt innerhalb der Gattungstheorie: