YOLO. Paul Sanker. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Paul Sanker
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9783957658548
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weitere Gespräch ist wohl eher eine Familienangelegenheit. Wenn du Hilfe brauchst, weißt du, dass du mich jederzeit anrufen kannst, Schnuck.« Betty küsste die Freundin flüchtig auf den Mund und tätschelte ihr mit der manikürten, solitärgeschmückten Hand die Wange.

      ›Schnuck?‹, dachte Henrik erstaunt, vergaß aber den Kosenamen seiner Mutter in Anbetracht der äußerst peinlichen Gesamtsituation schnell wieder.

      Die anderen verabschiedeten sich ebenfalls.

      Mai-Lin Kim schob sich an Henrik vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Nachdem sie Sarah Wanker und den Grauhaarigen umarmt hatte, meinte sie: »Wenn es Probleme gibt, kann ich euch die Adresse eines guten Anwalts geben – oder eines Therapeuten«, ergänzte sie, nun mit einem angewiderten Seitenblick auf Henrik.

      »Eines Körpertherapeuten vielleicht?«, giftete Henrik anzüglich. »Ich kenne da auch eine gewisse Adresse in der Maxstraße.«

      Doch die Frauen reagierten nicht auf Henriks Anspielung. Sie schoben sich plappernd in Richtung Haustür. Sarah Wanker begleitete sie, immer wieder für die peinliche Situation um Entschuldigung bittend, in der sie ihr nichtsnutziger Sohn gebracht habe. Frau Stadler versicherte für alle, dass sie als Mutter ja keine Schuld trage. Wahrscheinlich stamme diese »Veranlagung« vom Vater. Dann schloss sich die Tür hinter dem Kleeblatt und es herrschte Stille.

      Henrik stopfte sich gierig Putenbrust in den Mund und versuchte, so vorsichtig wie möglich zu kauen. Doch der Schmerz bewog ihn schnell, das Stück lieber komplett hinunterzuschlingen.

      Sarah Wanker kehrte wortlos ins Wohnzimmer zurück und zündete sich die nächste Zigarette an. Als sie den Sohn am Büfett schlingen sah, schüttelte sie angewidert den Kopf.

      Der Grauhaarige stand immer noch mit verschränkten Armen an der gleichen Stelle und grinste belustigt.

      »Wer ist dieser Ladykiller überhaupt?«, fragte Henrik mit einer Kopfbewegung in Richtung des Mannes, leckte sich die fettigen Finger ab und pulte sich mit dem Zahnstocher ein Stück Pute aus den Zähnen.

      »Das ist Herr Müller, ein alter Freund und Geschäftspartner«, antwortete seine Mutter, trat neben den Grauhaarigen und hakte sich demonstrativ bei ihm unter.

      Henrik nickte. Ja, so konnte man das auch nennen. Mühsam schob er sich ein Löffelchen Kaviar zwischen die Zähne. »Alt isch schon richschisch«, nuschelte er und schluckte das Zeug hinunter. »Gab’s den bei der Frühjahrstombola im Altenheim als Trostpreis?« Es gluckste belustigt über seinen Witz. Die Zahnlücke im Oberkiefer kam zum Vorschein, während die übrigen Frontzähne mit Kaviarkörnern bedeckt waren.

      Die Augen des Grauhaarigen verengten sich zu Schlitzen. Hasserfüllt starrte er Henrik an. Die aufgesetzte Fröhlichkeit war plötzlich wie weggewischt.

      Das reizte Henrik noch mehr zum Lachen, er verschluckte sich, würgte und hustete einen Teil des Kaviars aufs Büffet. »Sorry«, murmelte er mit hochrotem Kopf, goss sich schnell aus einer Karaffe ein Glas Wasser ein und trank, trotz Schmerzen, in möglichst großen Schlucken. »Ah …«, seufzte er dann erleichtert und wischte sich mit der Hand den Mund ab. »Jetzt geht’s mir gleich besser.«

      Seine Mutter begann zu schluchzen und schmiegte ihr Gesicht an Herrn Müllers Schulter. »Wie konnte er … schluchz … mich nur so … schluchz … vor meinen Freundinnen … schluchz, schluchz … blamieren?«, jammerte sie.

      Der Grauhaarige strich ihr tröstend übers Haar.

      »Wer hat hier wen blamiert?« Henrik war stinksauer über das Schmierentheater, das seine Mutter aufführte. »Wer hat diesen vier Schlampen denn weisgemacht, dass der Sohn angeblich ein Perverser ist?«

      »Angeblich?«, meldete sich Herr Müller ironisch.

      »Ach, er kann sprechen?« Henrik tat, als sei er von dieser Tatsache überwältigt. »Ich dachte schon, dass man Häuptling ›Grauer Star‹ aus 'nem Stummfilm gecuttet hätte. Wirklich faszinierend!« Er nickte anerkennend. »Doch mal davon abgesehen frage ich mich: Was mischt sich dieser Kerl in unsere Angelegenheiten ein?«

      Sarah Wanker vergaß das Schluchzen. »Herr Müller genießt mein vollstes Vertrauen.« Sie blickte mit einem zärtlichen Augenaufschlag zu dem Grauhaarigen auf und spitzte dabei den Mund. »In allen Dingen«, ergänzte sie schelmisch.

      Henrik wurde beinahe übel von diesem Getue.

      »Du solltest etwas rücksichtsvoller mit deiner Mutter umgehen, mein junger Freund«, sprach Müller in lehrerhaftem Ton und strich der nun wieder Tiefbetrübten erneut übers Haar.

      Henrik bekam eine Gänsehaut.

      »Ich kenne Sarah jetzt schon mehr als zwanzig Jahre und uns verbinden viele gemeinsame geschäftliche, aber auch persönliche Aktivitäten.« Diesmal folgte der Augenaufschlag von der Seite des Grauhaarigen, ehe er hinzusetzte: »Und ich weiß, wie sensibel und zerbrechlich meine Rose ist.«

      Dann fixierte er Henrik böse. Sein linker Mundwinkel begann nervös zu zucken. Seine Lippen wurden schmal und es klang bedrohlich, als er sagte: »Ich werde nicht zulassen, dass ein Taugenichts von Sohn Sarah das Leben zur Hölle macht.«

      Die Mutter gab die Schauspielerei nun endgültig auf. »Konrad ist mein Lebensgefährte. Gewöhn dich gefälligst daran!«, zischte sie.

      Die beiden starrten Henrik herausfordernd an.

      »Na, meinen Segen habt ihr!« Henrik winkte gelassen ab. »Ich steh’ eurem Glück sicher nicht im Weg, ihr Turteltäubchen.« Er wandte sich an seine Mutter. »Aber dann nerv’ mich auch nicht ständig mit deinen Anrufen. Hör endlich auf, Interesse für mein Leben zu heucheln.«

      Schon seit geraumer Zeit hatte Henrik das vage Gefühl, dass die Mutter ihn lediglich anrief, um ihn zu kontrollieren, beinahe so, als überwache ein Privatdetektiv den des Ehebruchs verdächtigen Mann einer Klientin. Warum begnügte die Alte sich nicht mit ihrem Stecher? Doch bevor er weiter gedanklich abschweifte – er musste endlich zum eigentlichen Anliegen seines Besuches kommen.

      »Ich will euch ja nicht länger stören, denn auch meine Zeit ist knapp.« Henrik unternahm den kläglichen Versuch eines Zwinkerns seines in allen Regenbogenfarben leuchtenden, geschwollenen linken Auges. »Ihr wisst schon … Termin mit meinem Broker. Heute entscheidet sich, ob ich in Badeprodukte oder Rinderhälften investiere.«

      »Rinderhälften?«, echote der Grauhaarige verblüfft.

      Sarah Wanker blieb unbeeindruckt. »Was willst du von mir, du Clown?«, skandierte sie ungeduldig und streute dabei die Asche ihrer Zigarette auf den Teppich.

      Müller ging eilfertig in die Knie und versuchte, das graue Würstchen mit der befeuchteten Fingerspitze seiner Rechten in die linke Handfläche zu befördern.

      Henrik verfolgte die Aktion verächtlich grinsend. Doch dann konzentrierte er sich auf die Mutter. »Nun, du weißt doch von meinem Studium an der Fern-Uni Motherwell. Ich brauch’ nur noch vier Semester, dann habe ich meinen Abschluss. Aber die Studiengebühren sind teuer, und ich wollte dich eigentlich nicht mit den Kosten belasten.«

      Das Gesicht der Mutter zeigte keine Regung.

      »Fern-Uni?« Wieder das Echo von Konrad Müller, der nun ratlos mit der aufgelesenen Asche in der Gegend herumstand.

      »Glaub diesem Schwätzer kein Wort, Konrad. Der lügt, dass einem Leprakranken eine neue Nase wächst«, knurrte Sarah Wanker. »Ich weiß von keinem Fernstudium.«

      Ihre Nasenflügel bebten leicht. Ein untrügliches Zeichen, dass sie dabei war, die Geduld zu verlieren. Schon als kleiner Junge wusste Henrik, dass es dann Zeit war, das Weite zu suchen, weil es sonst unweigerlich Prügel setzte.

      »Aber, Mutti …« Henrik zögerte. Wie lange hatte er dieses Wort nicht mehr gebraucht? Denn mehr als ein Wort war es nicht. »Aber, Mutti«, wiederholte er, »wahrscheinlich hast du vergessen, dass ich dir vor zwei Jahren von meinem Entschluss erzählt habe, Kernphysik zu studieren. Du hast ja so viel um die Ohren – deine Geschäfte und deine Reisen. Jedenfalls musste