Plötzlich bricht ein halblautes Gelächter das Schweigen; und des gegenseitigen Kicherns ist kein Ende. So äußert sich die Spannung ihrer jungen Seelen, die sich in dem Gedanken an das gemeinsame Abenteuer irgendwie auslösen muß: ähnlich wie die Saiten einer Harfe auch nicht nur unter der bewußt eingreifenden Menschenhand, sondern schon im Wehen des Windes leise Töne von sich geben. Und in der Tat fühlen sie sich von Möglichkeiten umwittert, die wohl eine Seele zum Klingen bringen können, und sehen sie voller Neugierde dem Lied entgegen, das das Leben auf ihnen spielen wird.
Wie doch die kleinen, zarten Mädchenfüße auf dem nicht breiten Pfad mutig federnd zwischen die Gräser hineintreten, kaum sichtbar unter dem langen Gewand, welches der um schlanke Hüften gelegte Gürtel zusammenhält! Die Blumen an den Borden, die ihnen ihre Tauperlen zuwerfen, wenn sie sich, von dem Kleidersaum gestreift, demütig verneigen, schauen jedesmal wie verwundert den sehnigen Knien nach, welche in regelmäßiger Wiederholung die vorne niederfließenden Tuchfalten durchbrechen. Menschenblüten wandeln vorbei, die Herzen von derselben holden Hoffnung und Ahnung geschwellt, die rein und süß aus allen Zweigen hervorquillt und unbekümmert den Sommer der Erfüllung herausfordert . . .
»Werden sie dort sein?« – »Sie werden es. Wenn ich zu meinem Knappen sagte: ›Raoul, wir reiten nach der Hölle!‹, er würde antworten: ›Herrin, wir reiten!‹« – »Du hast recht, Ellenor! Alle miteinander sind sie brave Bursche.«
Das vorderste der Mädchen wandelt mit leicht erhobener Stirne und mit jenem verlorenen Blicke dahin, den das leibliche Auge der vorausgeschwärmten Seele nachsendet; es bemerkt kaum, daß es mit dem Scheitel einen über den Weg hereinragenden Zweig berührte und von ihm ein paar weiße Blütenblättchen in das licht in den Nacken wallende Goldhaar eingestreut bekommen hat, andere aus dem grünen Gewand mit sich weiterträgt. Die Gespielinnen aber, auf welche der nachzitternde Baum einen holden Blütenblätterregen herniederwirbelt, knicken sich, wie an etwas erinnert, kleine Zweigstücke ab und versuchen, sie sich um die Schläfen zu legen. »Wie könnt ihr nur!« tadelt sie Ellenor, indem sie, durch ihr erneutes Gekicher aufmerksam geworden, über die Schulter zurückblickt. »Alle diese Blüten hätten Früchte getragen . . .«
»Du bist freilich auch ohne Kranz unsere Königin!« tönt von hinten eine schmeichelnde Stimme wie zur Entschuldigung. Und dieses Wort bleibt nicht nur Ellenor, sondern auch den übrigen Mädchen im Ohr haften: ja, sie soll ihre Königin sein, wenn sie nun nach dem heiligen Lande reiten! Aber immer noch wollen sie nicht recht glauben, daß das, was sie sich in einer übermütigen Stunde vorgenommen haben, mehr und mehr im Begriffe ist, atmende Wirklichkeit zu werden; und von Zeit zu Zeit erfährt ihre lüsterne Sehnsucht nach großen Erlebnissen, ob sie sich's eingestehen oder nicht, eine Dämpfung durch unbestimmte bängliche Gefühle.
Da sehen sie plötzlich, wie Ellenor, die ihnen vorauseilte, an der Waldecke stillesteht und stutzt: Die Knappen sind nicht da! Und nacheinander betreten sie den für die Zusammenkunft verabredeten Ort, schauen sich nach allen Seiten um und machen enttäuschte Gesichter – »Wir sind sicher zu früh, weil wir's kaum erwarten konnten!« tröstet Marceline die andern. Sie war es auch, die Ellenor so halb und halb zur Königin ausgerufen und damit in ihnen allen besondere Gedanken erweckt hatte.
»Ein Spiel! Ein Spiel, bis sie kommen!« kommandiert da die kleine Valerie, die sich keinen Augenblick langweilen will. »Du, Suzanne, weißt immer etwas Lustiges!«
»Nein, etwas Ernsthaftes soll es sein!« erklärt Suzanne, läßt aber dabei ihre Augen mutwillig und nicht ohne stille Bosheit in der Runde herumspazieren . . . »Freundinnen! Wo man uns immer von einem Manne spricht, so wollen wir doch erst einmal sehen, ob wir für den Mann taugen! Da sind Buchen, Birken, Föhren, Kiefern, Tannen; wähle sich jede einen Baum aus, denke sich, es sei der Herzliebste, und umarme ihn als Braut. Die es am besten kann, soll unsere Königin sein!« Alle horchen auf. Also vielleicht doch nicht Ellenor? Aber schon fährt Suzanne fort: »Fang an, Marceline!« Und sie klatschen wie Kinder in die Hände: »Ja, Marceline soll anfangen!«
Marceline lächelt blond und scheu und wählt sich eine glatte Buche. Es ist ihr nicht wohl bei der Sache; aber sie will auch keine Spielverderberin sein: sie trippelt auf den hellen, grauen Stamm zu, hält sich mit beiden Händen an seinen breit ausgestreckten Ästen und küßt ihm, vorsichtig die Lippen spitzend, die Rinde. Dann schaut sie, zurücktretend, den Baum an und sagt: »Fürs erste mußt du schon damit zufrieden sein!«
Alle lachen ihr hellstes Jugendlachen. »Du bist kühl und spröde!« urteilt Suzanne mit Richtermiene. »Sieh doch! Etwas zutunlicher darf man schon sein.« Und sie schlingt den rechten Arm um eine schlanke Birke, legt ihr Haupt rücklings über einen der biegsamen Zweige, die Wange traulich dem weißen Stamm angeschmiegt, und bringt so den Baum und sich selber in ein lustvolles Wippen und Wiegen . . . »Genug! Genug!« rufen eifersüchtig die andern. »Das kann man ja gar nicht mit ansehen!« – »Du hast keine Leidenschaft!« bemerkt verächtlich die schwarzhaarige Valerie.
»Wenn ich lieben soll, so muß ich etwas in den Händen haben!« verkündet jetzt Germaine ohne viel Umstände und schreitet auf eine mächtige Föhre zu. – »Sie ist rauh und kratzt dich!« warnt Suzanne lachend. – »Um so besser!« gibt die Entbrannte zurück, schlägt die kräftigen Arme so innig um den herben Stamm, daß sie die zerfurchte Rinde auf ihren Brüsten fühlt, und reckt zugleich die vollen Lippen schenkend in die Höhe.
»Bravo, du kannst's wahrlich!« lobt sie schnippisch Marceline. – »Das ist alles nichts!« schreit da die dralle Valerie mit den schlimmen Augen und dem roten Mündchen. »Seht, wie ich es machen würde!« Und sie wirbelt einer Tanne entgegen. – »Halt! Halt! Sie ist harzig! Du klebst!« werfen ihr die andern voll Übermut ihre Warnungen in den Weg. Aber da gibt es kein Zögern mehr.
»Was will ich denn sonst?« jauchzt Valerie und springt an der Tanne hinauf. Mit Armen und Beinen umklammert sie den in seinem Safte stehenden Stamm und reißt blitzschnell mit ihren weißen Zähnen ein Stück Rinde ab, welches sie, zurückkommend, im Triumphe zwischen ihren Lippen zeigt. – »Wie eine Kröte bist du gesprungen!« gibt Suzanne ihre Meinung ab und schießt ihr einen neidischen Blick zu . . . Da richten sich aller Augen auf Ellenor, die bisher gelassen dem Spiele beiwohnte. Fühlt sie sich etwa zu vornehm dazu?
Aber Ellenor läßt sich von niemand weder bitten noch aufmuntern. Noch eben hat sie vor sich hingeträumt, wie wenig ernst und feierlich ihre Freundinnen sich auf den Kreuzzug begeben, welcher ihr eine Herzensangelegenheit bedeutet: jetzt, wo die Reihe an ihr ist, schreitet sie ruhig, stolz erhobenen Hauptes auf eine kerzengerade, reichbetränte Kiefer zu und bleibt, mit geöffneten Armen Lippen, Brust und Leib darbietend, vor ihr stehen. »Die meinen nennen mich Königin – wenn du ein König bist, so nimm mich!« Und sie schließt, wie vor einem übermächtigen Schicksal, langsam und ergeben die Augen.
O, wie da die Freundinnen erstaunen und verstummen! Es ist, als ob wirklich alle mit Ellenor darauf warteten, was die erhabene Kiefer nun tun werde: Ob sie sich nicht am Ende in einen Königssohn verwandelt und Ellenors Worten mit stummer Tat entspricht? Wahrlich, Ellenor hat den Sieg davongetragen!
Da ertönt hoch aus den Ästen herab eine jubelnde Jünglingsstimme: »Es lebe Ellenor, unsere Königin!« Und zwei-, drei-, vier-, fünffach wiederholt sich in den benachbarten Baumwipfeln der Ruf »Ellenor, unsere Königin« und stürzt die ahnungslosen Jungfrauen in kreischende Verwirrung. Die Knappen, die vor ihnen auf dem Platze waren, hatten als erste daran gedacht, den Ernst mit Scherz zu durchwirken, und ein jeder sich einen Baum ausgesucht, aus dessen Geäst er die Enttäuschung seiner reiselustigen Herrin zu genießen hoffte – und nun noch etwas soviel Schöneres mit ansehen durfte.
»Nicht